Mal wieder eine maue Partie, mal wieder gewonnen und mal wieder weiß niemand so genau warum. Wir gucken mal genauer hin, was da zur Zeit bei Schalke auf dem Platz so passiert, wieso das so ist und wie es wohl weiter gehen könnte. 

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Das kürzt sich alles raus!

Wolfsburg spielte mit 4er Kette und einem 6er davor. Weil die beiden Außenverteidiger aufrücken, bleiben die beiden Innenverteidiger übrig, die wurden von Burgstaller und Harit in Schach gehalten, der 6er von Goretzka. Alles aber ein bisschen versetzt, so dass die beiden Wolfsburger Innenverteidiger eigentlich Platz haben aber dirket angelaufen würden und somit auch den Weg zu den Außenverteidigern auf den Flügeln versperrten. Der Wolfsburger 6er stand zwischen den beiden ersten Schalkern und nicht weit vor Goretzka.

Schalke spielte mit 3er Kette und zwei 6ern davor. Die 3 Verteidiger wurden direkt von der ersten Reihe der Wölfe angelaufen. Der Weg zu den 6ern ist damit zu. Gleichzeitig kümmern sich die beiden 8er der Wölfe um sie. Und die Schalker Flügelspieler und die Wolfsburger Außenverteidiger betreuten sich gegenseitig. Klar.

Zynismus des Fußballgotts

Insgesamt war also für alle gesorgt. Das Mittelfeld war zu, jeder war ständig in Manndeckung, also hüben wie drüben, und jeweils wurde versucht den Umschaltmoment für Konter zu nutzen. Gleichzeitig hatten natürlich beide Teams auch mächtig Muffensausen, dass der Gegner das tun würde und ließen sich so immer tiefer hinten rein drängen.

Wenn du aber tief stehst, um gegnerische Konter zu vermeiden musst du weite Wege gehen um Konter zu spielen. Das macht’s also schwerer und langsamer. Es kommen ja also weniger Spieler mit. Gleichzeitig steht der Gegner ja tief um Konter zu vermeiden. Das heißt, du bist weniger als du eigentlich sein möchtest und die sind mehr als du eigentlich möchtest. Doppelt schlecht.

Und so erstickten sich die Teams gegenseitig selbst. Früh war klar, dass eine Entscheidung nur durch einen Standard, eine Einzelaktion oder ein Eigentor fallen könnte. Dass es dann alles drei auf einmal war, nenne ich Zynismus. Das es zu Gunsten Schalkes war, nenne ich Glück.

Unterschiedliche Torhüterverhalten

In den Statistiken gibt’s ein interessantes Fundstück. Der Wolfsburger mit der höchsten Passerfolgsquote bei mehr als 5 Pässen ist der bockstarke Keeper Koen Casteels mit 89,5%, bei 38 gespielten Pässen. Sowas hab ich noch nie gesehen. Zum Vergleich die drei stärksten Schalker nach Passerfolg sind Harit (91,3% von 23 Pässen), Meyer (88,7% von 53) und Naldo (88,5% von 61).

Fährmann hat (55,6% von 18), was für einen Torhüter nicht ungewöhnlich ist, weil die Abschläge nicht selten beim Gegner landen, das wichtigere ist anschließend den zweiten Ball zu erobern. Das war vor ein paar Wochen ein dicker Schmerzpunkt bei Schalke. Daran wurde gearbeitet und das ganze stark verbessert. Inzwischen werden zweite Bälle recht gut gewonnen. Davor und vor dem engen Pressing Schalkes hatten die Wölfe wohl Respekt, Casteels schlug nur einmal ab. Und das ging in die Hose.

Fährmann dagegen schlägt relativ häufig ab, um den Ball ins Mittelfeld zu bringen und die erste Pressingreihe direkt zu überspielen. Casteels auf der anderen Seite konnte gar nicht ins Mittelfeld spielen, weil das erste Pressing die Innenverteidiger frei ließ, dafür im Mittelfeld starke Überzahl hatte.

Der schlechteste Zweite

Schalke hat noch 7 Spiele vor der Brust. Plus zwei Pokalspiele. Drei Mal dabei gegen Teams die Stand heute im unteren Tabellen Drittel stehen: Freiburg, Hamburg und Köln. Das sind Mannschaften die sich gegen den Abstieg stemmen, Schalke ist also mitten drin im Abstiegskampf. Zwei der Mannschaften stehen im Mittelfeld der Tabelle, Gladbach und Augsburg. Wobei gefühlt eine davon weiter nach oben gehört und eine eher weiter unten. Dann ist da noch die Frankfurter Eintracht. Und das Derby natürlich.

Überall liest man gerade davon Schalke sei der schlechteste Tabellen zweite ever. Zahlen hab ich dazu noch nicht gesehen, darum glaube ich das erstmal nicht. Wie dem auch sei, eigentlich machen sich alle darüber Lustig. Schalker und solche die’s noch werden können. Gleichzeitig wird aber ebenso aus allen Seiten immer geschimpft, was das für ein Grottenkick sei, den der Tabellen zweite da hin legt. Beides gleichzeitig ist natürlich Kappes.

Letztlich haben beide Aspekte aber natürlich den gleichen Hintergrund: die Liga ist unfassbar Eng beieinander. Die ganze Liga will nur noch gegen den Ball arbeiten und kann das inzwischen in der Breite sehr gut. Nur die Bayern wollen richtig Fußball spielen in Deutschland, Dortmund spätestens seit Stöger auch nicht mehr. Schön abzusehen ist das an der Ballbesitz-Tabelle. Nehmen wir München (61,9% Ballbesitz im Schnitt nach 27 Ligaspielen) und Dortmund (58%) mal als Ausreißer raus, der Rest der Liga ist keine 10 Prozentpunkte voneinander entfernt. Leipzig hat den dritthöchsten Wert (54%) und Freiburg den niedrigsten (45,2%).

Ein Großteil aller Spiele endet mit Ballbesitz-Verteilung von 45%-55% oder knapper. Wenn beide Mannschaften eigentlich am liebsten dem Ball hinterherjagen wollen, gibt es solche Probleme. Irgendwer muss ihn ja haben. Und so battelt sich die Liga darin, wer des Gegners Spiel besser neutralisieren kann. Diese Partie ist ein Symbolbild dafür.

Gegen den Tabellenkeller darf nichts anderes erwartet werden. Wer nicht Fußball kämpft hat in Deutschland einen schweren Stand. Augsburg und Frankfurt haben eine solche Spielweise auch gerade nahezu perfektioniert. Lassen wir die beiden Borussias mal außen vor, scheint die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass der Rest der Saison so aussieht wie die vergangenen Spiele. Wenn von 17 Teams keiner wirklich Fußballspielen will, weil der Gegner einfach zu gut ist das auszunutzen, dann muss trotzdem irgendeiner der Beste darin sein.

Tedesco definiert Schalke sehr über das Pressing. Die Anfänge des Kombinationsspiel wurden zurückgefahren, als die Umschaltspielgegner das zarte Pflänzchen noch ende der Hinrunde kaputt traten. Ich gehe davon aus, dass Schalke keinen Fußball mehr zeigt, bei dem die Zuschauer mit der Zunge schnalzen. Ich lass mich aber gern überraschen, denn wenn eins unter Tedesco gewiss ist, dann, dass sich irgendwas ändern wird.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

7 Kommentare

kevin · 19. März 2018 um 17:19

Glück auf!!
Erstmal vielen Dank für diesen überaus gelungen Taktik Blog!
Ich verfolge ihn schon eine ganze Weile und bin stets begeistert und erfreut wenn ihr eine neue Analyse erstellt. Ich schaue mir jedes Spiel von schalke an und sehe oft gute Ansätze für ein offensiv Spiel, doch leider versandet der Angriff meist. Entweder läuft der Stürmer in die falsche Richtung oder ein anderer Spieler denkt nicht mit.
Nach meiner persönlichen Einschätzung, hat der Trainer ein Plan für ein funktionierendes offensiv Spiel. Da Angriffe oft nach dem selben Muster vorgetragen werden.

Die innenverteidiger schieben den Ball langsam hin und her. Sobald der Ball zu einem aussenverteidiger kommt, spielt dieser den Ball schnell mit einem Kontakt weiter. Entweder Richtung Mitte oder die Linie lang.
Genauso läuft das ab, wenn sich ein Stürmer oder die 8 er fallen lassen.
Damit gewinnt das schalke Spiel an Tempo und im besten Fall auch Raum.
Doch leider fehlt es dann oft an Präzision und Abstimmung. Deswegen lahmt unser offensiv Spiel.

Zeitspieler · 21. März 2018 um 14:51

Hallo Karsten, vielen Dank für Deine Analyse. Liest sich sehr flüssig, viel besser als das Spiel anzuschauen war.

ES · 21. März 2018 um 15:32

Offensichtlich ist es so, dass jetzt, wo die Chance auf CL-Teilnahme greifbar ist, die Priorität auf dem Ergebnis ist zum Nachteil weiterer (insbesondere offensiver) Entwicklungsschritte. Das Ganze übrigens bei einem kleinen Kader angesichts mittlerweile hoher körperlicher Belastung (Intensität des Tedesco-Stils). Nehmen wir es deshalb zum Beispiel mal als ganz großen Erfolg des Trainerteams, dass typische Überlastungs-Muskelverletzungen derzeit ausbleiben (und sehen wir uns mal das Beispiel Gladbach an, was mit der Tabellensituation passiert, wo man Letzteres offensichtlich nicht in den Griff bekommt).

Gegen verunsicherte Abstiegskandidaten, die 3 Punkte fast noch nötiger haben als Schalke, ist es deshalb gar kein schlechtes Rezept, den Gegner machen zu lassen, sich auf die stets solide Verteidigung und Absicherung zu verlassen und zuzuschlagen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Wolfsburg mag auf Platz 16 stehen, aber von der Kaderqualität (Dein Beispiel Casteels) sind die nicht viel schlechter aufgestellt als die Blauen (hatten da auch ein paar Jahre länger Zeit als Heidel, und in der Zeit auch entspannt einen dreistelligen Betrag mehr).

Im übrigen ist es nicht das erste mal in dieser Saison, dass Schalke Probleme mit spiegelnden und manndeckenden Mannschaften hatte (prominent gegen Hannover gleich am zweiten Spieltag). Was da hilft, ist eigentlich individuelle Klasse (besonders im Mittelfeld). Durch ein kleines Solo oder eine kleine Kombination kann das ganze Kartenhaus Manndeckung ausgehebelt werden und der Gegner steht plötzlich vor der nicht einfachen Aufgabe, sich entscheiden zu müssen, ob die Restmanndeckung aufgegeben wird oder nicht und wie mit dem ballführendem Spieler umgegangen wird, der seinem Manndecker entwischt ist (hat man mal gesehen, wenn sich sowohl für Naldo als auch für Stambouli die Gelegenheit ergeben hat). Da gibt es bei Schalke drei Spieler im zentralen Mittelfeld, die das können.

Fangen wir bei Meyer an: Der spielt locker 3 Leute auf engstem Raum aus, hat dann aber die strikte Aufgabe, den Ball einzufangen und zu sichern und macht fast immer anschließend den Rückpass. Das ist an sich grandios, weil es enorm viel Stabilität reinbringt. Manchmal wäre es aber auch schön, wenn Meyer dann den Ball als langen Pass auf den ballfernen Außen spielen würde (mit Blickfeld zum eigenen Tor). Aber dann wäre Meyer auch schon Weltklasse (und nicht nur internationale Klasse), wenn er das auch noch relativ stabil sicher könnte.

Der Zweite ist Goretzka: Der hat offenbar (noch) nicht die Spritzigkeit, die er für solche Soli und Läufe braucht.

Der Dritte, Bentaleb, scheint noch immer etwas verunsichert und scheut ebenfalls den Risikopass oder den entscheidenden Schritt nach Vorne.

Aber offensichtlich haben alle Drei die Order, im zentralen Mittelfeld extrem wenig Risiko zu gehen. Deshalb kommt den Außen die Aufgabe zu, mit Kombinationen zu starten und Risiken nach vorne einzugehen. Das Resultat dieser Spielweise sind die vielen Tore und Vorlagen von Caligiuri, Standardtore und ein Oczipka, der schon in der Hinrunde der Mann bei Schalke mit den meisten Dribblings war. Wenn aber der Gegner selbst mit bockstarken Außen aufwartet (wie Wolfsburg), sowie Schalke bei den Standards ausgeguckt hat, wird es auch hierüber eine zähe Angelegenheit.

Fazit: Machen wir das Glas nicht halbleer. An Entwicklung haben wir in dieser Saison schon viel erlebt. Spektakuläres auch (Gab es da nicht ein Derby für die Ewigkeit?). Wenn wir jetzt nur noch humorlos die Ernte einfahren, unverdient Dritter werden und im Pokalendspiel landen: Dann bin zumindest ich hellauf zufrieden.

ES · 21. März 2018 um 15:46

P.S.: Lieber verachteter Zweiter als irren Fußball spielen und dann CL-Teilnehmer der Herzen werden.

Noch eins: Die Ausgeglichenheit war jahrzehntelang ein Gütesiegel der Bundesliga. Jetzt soll das eine Schwäche sein. Das will ich nicht ganz verstehen.

Noch eins: Schalke war übrigens mal jahrzehntelang bester Tabellzweiter ever (72er Mannschaft). Das ist erst geknackt worden als Anfang der 10er-Jahre Bayern und der BVB die Liga dominiert haben. Wenn „bester Zweiter“ kein Titel ist, dann kann „schlechtester Zweiter“ auch kein Makel sein.

Benjamin · 22. März 2018 um 12:19

Ach, das größte Problem des hochgradig technischen und taktischen Fußballs ist der ursprüngliche Ruf als einfacher Arbeiter- und Proletensport. Der große Teil der Zuschauer (für die ja auch der meiste TV-Mist gemacht wird) sucht in der ganzen Komplexität nach den einfachen Erklärungen mit den einfachsten Grundlagen:
Die aktuelle Tabelle zählt als Maßstab für tatsächliches und generelles Können, was der ungefähr größte Bullshit aller Zeiten ist. Es kommt nicht jeder Nichtskönner in die Bundesliga und nicht jeder Club in der unteren Hälfte spielt schlechten oder unintelligenten Fußball. Warum spielt dann nicht jeder dieser schlauen Kritiker zumindest in einem Club der unteren Tabellenhälfte selbst Bundesligafußball? Oder trainiert die Profivereine?
Dazu enttäuscht das eigenartige, überromantische Bild vom idealen, tollen Fußball des FC Schalke 04 bei jedem Kritiker das innere, trotzige Kind. Freud würde viel Spaß am durchschnittlichen Fußballfan haben.

Statt sich an den aktuellen Entwicklungen und vielen tollen Kleinigkeiten einfach mal aufzugeilen, statt zu sehen, gegen was für fiese Gegner man da jetzt stabil bleibt und ab und an sogar gewinnt, vermiest man sich die Stimmung durch Befindlichkeiten, die von diesen dummen Gorilla-Grundsätzen herrühren. Kranke Fußballanhängerschaft, egal in welchem Club oder auf welchem Sender.

swe · 26. März 2018 um 15:37

Schöner Artikel und fasst das Ganze recht treffend zusammen.

Lediglich zwei Kritikpunkte habe ich:
(1) Der Artikel (insbesondere die zweite Hälfte) ist gespickt mit Rechtschreibfehlern.
(2) Die Verallgemeinerungen bezüglich der Spielweise in der Bundesliga sind mir etwas zu allgemein. Mag sein, dass viele Bundesligisten lieber gegen den Ball spielen, aber eine ausgeglichene Ballbesitzverteilung ist dafür keine hinreichende Begründung. Es können ja auch zwei ballbesitzorientierte Mannschaften gegeneinander spielen und dann auf 50:50 kommen.

    Karsten

    Karsten · 27. März 2018 um 07:45

    Selbstverständlich sind das Verallgemeinerungen. Ich schere da 15-17 Teams und etwa 200 Spiele über einen Kamm. Daher ist offensichtlich, dass die Ballbesitzverteilung nur ein Indiz ist. Die Liga könnte auch voll von Ballbesitzteams sein. Frage an Dich, ist sie das denn?

    Die Zahlen wären vermutlich tatsächlich ähnlich. Aber der Fußball wäre ein ganz anderer…

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