Eine in vielerlei Hinsicht interessante Spielzeit liegt hinter uns. In der Halbfeldflanke Saison-Analyse blicken wir zurück auf das was war. Wir beleuchten warum Tedescos Team so erfolgreich war und was er in Zukunft ändern sollte, damit Schalke das auch weiterhin so bleibt.

Fokus auf die Defensive

Ganze 04. Saison-Analysen habe ich schon geschrieben (2013/14, 2014/15, 2015/16, 2016/17). Jedes Mal habe ich versucht zu verdeutlichen, dass Schalke sich in dem jeweiligen Jahr (weiter-)entwickelt hat. Im Vergleich mit dieser Saison verblassen all diese Änderungen aber zu unscheinbaren Auswüchsen. Oder anders ausgedrückt: Domenico Tedesco hat Schalke rasant entwickelt. Das Grundmuster bleibt allerdings auch unter dem zweiten Trainer unter Heidel: Hart und Steil.

Dabei würde dem jungen Coach sicherlich nicht gefallen auf eine stabile Defensive reduziert zu werden. Allerdings ist eben jene stabile defensive das Fundament, an dem über die gesamte Saison gefeilt wurde und das alles andere auch erst möglich gemacht hat. Es ging also nicht ‚nur‘ um eine stabile Defensive, sondern darum sich aus einer stabilen Defensive auf andere Dinge konzentrieren zu können. Das klappte mal mehr und mal weniger.

Tedesco durchlief dabei 04 verschiedene Phasen, die ich durch das Defensiv-Verhalten voneinander abgrenze, die sich aber eben nicht rein durch die Defensive definieren lassen. Die Phasen nenne ich Grundfestigung, Ballbesitz als Defensivmaßnahme, Defensive Neuausrichtung und Variable Pressinghöhe.

Grundfestigung

Die Saison fing damit an, dass Tedesco Schalke eine neue Grundordnung beibrachte, die sich in erster Linie über 3 Kern-Verteidiger und 2 Flügelspieler definiert. Zu Saisonbeginn gab es meist 3 reine Offensivakteure, das variierte aber viel und mit laufender Saison auch immer häufiger.

In dieser Phase lag der Fokus darauf die Defensive zu festigen. Die Abläufe im eigenen Spielfelddrittel und die Arbeit gegen den Ball, sowie Pressing, Rückwärtspressing und Gegenpressing hatten klare Priorität. Nach vorne wurde hauptsächlich gekontert, was ja auch zum Spielermaterial passte. Die Konter wurden dabei hauptsächlich improvisiert.

So kam es, dass Gegner es schwer hatten in Strafraumnähe zu kommen, Schalke selbst aber eben auch unter einer gewissen Abschlussschwäche litt. Ein Muster übrigen, dass die gesamte Saison über Gültigkeit behalten sollten. Naldo hat hier sicherlich einen riesigen Anteil dran. Nicht nur weil er hinten alles zusammenhält, sondern weil er auch vorn noch zusätzlich für etwas Torgefahr sorgt.

Dabei stand Schalke aber eigentlich nie wirklich tief. Es war ein engagiertes Mittelfeldpressing, dass Königsblau da aufzog, mit variierender Höhe. Bisher beschränkten sich die Variationen aber im Großen und Ganzen auf das einzelne Spiel. Mit jeder Partie saß die inzwischen ja schon historisch starke Schalker Endverteidigung sicherer im Sattel. Schon in den Vorjahren hatten Gegner es schwer am Schalker Strafraum, das sollte auch so bleiben.

Ballbesitz als Defensivmaßnahme

Und dann kam plötzlich Max Meyer ins Spiel. Trotz des unrühmlichen Abgangs für mich einer der Spieler der Saison. Mit Meyer hielt der Ballbesitz Einzug. Der blonde Mittelfeldstratege ist ein König des Zwischenlinienraums und Meister der Kurzpässe. Seit dem Spiel in Berlin im Oktober 2017 war er auch der Herrscher des defensiven Mittelfelds. Er machte Bälle fest und verteilte sie. Die beiden 8er vor ihm, gern Leon Goretzka und Armine Harit, überwandten das Mittelfeld und sorgten gemeinsam mit den beiden Spitzen dafür, dass Schalke das Spiel und vor allem den Ball in einem 5-Eck beherrschte.

In diesem Schalker Pentagon wurde der Ball laufen gelassen. Und der Gegner ebenfalls. Doch der Ballbesitz war meist relativ tief. Im Gegensatz zu den Bayern etwa, die sich in den Strafraum durchkombinieren wollen, versuchte Schalke über Ballbesitz gute Gelegenheiten für das eigene Vertikalspiel zu finden.

Tatsächlich war der Ballbesitz in erster Linie eine Defensivmaßnahme. Der Gegner wurde vom Tor ferngehalten. Schalke kam also auf höhere Ballbesitzquoten, wichtiger war aber, dass sich die Zahl der gegnerischen Torschüsse reduzierte.

Der Strippenzieher war dabei Max Meyer, den immer wieder die Flügelspieler und die 8er unterstützten. Allerdings war das Spiel zu leicht ausrechenbar und schon bald nahmen Gegner Meyer in den sinnbildlichen Schwitzkasten. Nimm Meyer aus dem Spiel und Schalke kann das Spiel nicht mehr aufziehen wie es will. Zum Ende der Hinrunde wurde dies immer deutlicher und Tedesco musste die nächste Entwicklungsstufe zünden…

Defensive Neuausrichtung

Zunächst ergab sich eine Zeitlang eine Mischform. Schalke schien ein bisschen Orientierungslos zu sein. Die Neuausrichtung gestaltete sich recht holprig. Viel Bewegungsfreude sollte kompensieren, was die plötzlich fehlende Ballkontrolle missen ließ. Immer wieder wurde versucht das eigene Spiel aktiv zu gestalten, doch die Gegner spiegelten Schalke einfach, stellten den Schalker Aufbau zu und die Knappen vor Probleme.

Tatsächlich ist das spätestens seit dieser Saison in der Bundesliga salonfähig geworden. Das Gros der Teams spiegelt den Gegner, klare Mannorientierungen und schon gibt’s viele Probleme. Tedesco fand auf die Schnelle kein Mittel dagegen. Das Kombinationsspiel stockte und weil nach wie vor das Vertikale Spiel das Ziel war, hatte Schalke erhebliche Mühe. Also machte Tedesco das gleiche.

Variable Pressinghöhe

Für das letzte Saison Drittel etwa spielte Schalke wie der Rest der Liga und setzte darauf den Gegner nicht ins Spiel finden zu lassen. Unter anderem dadurch, dass deren Formation gespiegelt und die Spieler in Manndeckung genommen werden. Allerdings entwickelte sich auch hier das Spiel weiter.

Pressing und Gegenpressing verbesserten sich von Spiel zu Spiel. Inzwischen konnte Schalke aber die Pressinglinie beliebig anpassen, auch während des Spiels. Die Meisten Spiele verliefen nach ähnlichen Muster: Zunächst 20 Minuten hohes Angriffspressing, dann tiefes Defensivpressing und die letzten 20-30 Minuten je nach Spielstand hohes oder tiefes Mittelfeldpressing.

So ergaben sich viele Spiele, die wenig ansehnlich waren, weil der Ball den Mittelkreis kaum verließ, dabei aber ständig die Mannschaften wechselte. Schalke spielte jetzt auch immer stärker auf Risiko und suchte Konter, was sich recht gut an der Passerfolgsquote ablesen lässt. Während in der Ballbesitzphase Werte über 80% keine Seltenheit waren, nahmen die Werte zum Saisonende ab.

Ziel war es in dieser Phase, viel stärker noch als in den vorrangegangenen, schnell zum gegnerischen Strafraum zu gelangen. Die Flügel wurden entsprechend zur Autobahn. Die Spieler bildeten Außenverteidiger und Flügelstürmer in Personalunion. Sobald ein Ball abgefangen wurde, preschten sie nach vorne und bekamen den Ball regelmäßig kurz nach der Mittelline aufgetischt. Damit wurden sie zum Spielgestalter auf den Außen. Spätestens hier muss betont werden, was für eine herausragende Saison Daniel Caligiuri spielte, besonders die Rückrunde.

In dieser Zeit, in der die Spiele oft auf Augenhöhe waren, gewann Schalke nicht auf Grund von ausgefeilter Taktik, sondern durch überragende Mentalität. Gegner wurden zum Teil förmlich niedergerungen. Es war die Zeit in der Fußball für Schalke in erster Linie Ergebnissport war. Aber… warum war das so?

Die Suche nach dem Grund

Tedesco ist in meinen Augen ein fabelhafter Coach. Und damit beziehe ich mich in erster Linie auf einen Coaching-Ansatz (siehe Interview). Der Fußball den er spielen lässt ist einfach. Sein Ziel ist die Spieler nicht zu überfrachten, indem er das Spiel zu komplex macht. Im Gegenteil. Er fängt einfach an, und erweitert. Wenn irgendwer nicht mehr mitkommt, geht’s nochmal einen Schritt zurück.

Ich persönlich glaube, und das ist nur so eine Theorie, dass der Fußball zum Saisonende so einfallslos war, weil die verfügbaren Spieler nicht mehr hergaben. Spieler die hätten helfen können, hatten entweder mit Verletzungen zu kämpfen oder fanden sonst irgendwie nicht richtig in Tritt (etwa Baba, Goretzka oder Pjaca). Andere waren einfach noch etwas Jung und sie brauchen noch ein bisschen (etwa Harit, Kehrer oder McKennie). Den verfügbaren Spieler dagegen mangelt es zum Teil einfach an Qualität oder Spielintelligenz für viel mehr (etwa Di Santo, Konoplyanka oder Oczipka).

Was Tedesco aber fabelhaft schaffte war, ein Team zu formen und Fußball spielen zu lassen, der mit diesem Team möglich war. Vielleicht sogar ein bisschen über den Möglichkeiten. In jedem Fall sehr erfolgreich.

Ausblick

Es ist die persönliche Meinung des Autors, dass Schalke in der Rückrunde seeehr mit dem Feuer gespielt. Ziemlich erfolgreich, davon zeugt der Vizemeistertitel am Vorletzten Spieltag. Aber eben auch zum Teil mit Glück und Zufall auf der eigenen Seite, davon zeugt ein Torverhältnis von 16. Ganze 5 Mannschaften haben mehr Tore geschossen als Schalke, aber nur zwei haben weniger eingeschenkt bekommen.

Verdient ist der zweite Platz per Definition. Die anderen haben es nicht besser gemacht. Also alles gut. Ich glaube aber, dass es grob Fahrlässig wäre sich darauf zu verlassen. Mit diesem instrumentalisierten Abstiegskampf sind solche Zwischenergebnisse sicherlich möglich. Eine eigene Spielidee zu entwickeln ist da aber deutlich nachhaltiger. Hoffenheim macht das gerade mit Julian Nagelsmann recht erfolgreich vor. Und als Nebenprodukt gibt es begeisternden Fußball.

Bremen und sogar Hamburg haben zuletzt mit Fußball auch gute Erfolge erzielt. Ich glaube, dass Schalke einen ähnlichen Weg gehen wird. Einige Spieler werden sich weiterentwickeln, einige durch passendere ersetzt. Mit der neuen Saison erwarte ich ein Schalke, dass aus gefestigter Defensive Fußball spielt, das heißt eine eigene Spielidee umsetzt und den gegnerischen Spiegelungen (die in jedem Fall kommen werden) zu entkommen weiß.

Außerdem erwarte ich auch mehr Spielwitz und weniger Kick & Rush. Das mag aber auch ein reiner Wunschtraum sein… Interessant wird in jedem Fall zu sehen, wie Tedesco mit dem Problem der vielen englischen Wochen durch die Champions League klar kommt. Da geht viel Zeit zur Regeneration und Vorbereitung flöten.

Ein paar Zahlen

Ein Professor von mir hat immer gesagt: Ich beweise Ihnen was Sie wollen, wenn Sie mir die Messmethode überlassen. Nicht mal ich bin gefeit vom Confirmation Bias und finde in Statistiken nur, was ich eh schon zu wissen glaube. So funktioniert der Mensch nun mal. Trotzdem möchte ich ein paar Zahlen herausziehen und kurz diskutieren.

Expected Points

Wenn ich behaupte, dass Schalke vielleicht sogar über Gebühr erfolgreich war, dann beziehe ich mich damit auf die zu erwartenden Punkte (xPTS) nach Auswertung der zu erwartenden Tore (xG). Das ganze ist ein statistisches Model und die Ergebnisse sind deutlich: Schalke hat 11,31 Punkte mehr erzielt als Statistisch zu erwarten gewesen wäre. Vor den Bayern (10,48), Hoffenheim (5,14) und Leipzig (4,53) der höchste Wert der Liga.

Von diesen Zahlen darfst Du, geehrter Leser/ geehrte Leserin, halten Du willst. In jedem Fall ist es ein Wert der unterstreicht, dass Schalke viele Spiele hatte (und letztlich für sich entscheiden konnte), die auf der Kippe standen.

Schüsse

Schalke schießt relativ selten aufs Tor. Bei der Anzahl der Torschüsse liegt Schalke nur auf Platz 11, während die Bayern drei Mal aufs Tor schießen, macht Schalke das nur zwei Mal. Dabei fallen aber relativ viele Tore raus. Schalke hat die 5. Beste Quote der Verwertung dieser Schüsse, nämlich 7,64 Torschüsse pro Tor. Die Bayern brauchen nur 6,51. Hoffenheim (7,33), Berlin (7,47) und Dortmund (7,59) haben zwar bessere Werte, liegen aber im ähnlichen Bereich wie Schalke.

Die hier oft beschworene starke Endverteidigung lässt sich auch in Zahlen bestätigen. Ganze 41% der gegnerischen Abschlüsse fanden von außerhalb des Strafraums statt, nur Augsburg (41%), Hannover (42%) und München (44%) haben leicht bessere Werte. Abschlüsse aus dem Strafraum lassen sogar nur die Bayern weniger zu. Wenn die Verteidigung aber mal geschlagen ist, dann auch gleich richtig. Kein Team der Bundesliga lässt mehr Abschlüsse aus dem 5er zu (8%).

Pässe

Interessanter Weise spielt Schalke trotz des Konterstils nur sehr wenige lange Pässe. 57 pro Spiel um genau zu sein. Der Ballbesitzkönig aus München spielt dagegen 73. Weniger lange Pässe spielte nur Leipzig (56). Diese Werte interpretiere ich als Indiz dafür, dass Schalke zwar, besonders in der Rückrunde, häufig tief verteidigt hat und schnell kontern wollte, aber eben keinen Kick & Rush spielte, sondern klare Wege zur Ballverteilung hatte. Der Verteidiger bolzte selten direkt in die Spitze, meist ging der Ball ein paar Stationen übers Zentrum oder den Flügel. Das verlangsamt das Spiel zwar etwas, aber erhöht die Präzision und damit eingehende Verwertbarkeit dagegen deutlich.

Insgesamt kam Schalke auf 79% Passerfolg (Platz 8 im Ligavergleich) und 47,9% Ballbesitz (Platz 12). Einen Ballbesitz von unter 50% habe ich bei Schalke noch nicht gesehen. Bei beidem ist Luft nach oben, wenn man will, Grundsätzlich ist die Qualität da.

Fazit

Diese Saison war ein heißer Ritt. Selten war ich so sicher, dass Schalke in jeder Situation noch ein Ass im Ärmel hat und nachlegen kann. Und so viel Bewegung im Schalker Spiel, also auf taktischer Ebene jetzt, habe ich sowieso noch nie gesehen. Ein tolles Jahr. Und das nächste wird noch besser, auch wenn Schalke vielleicht nicht Vizemeister wird, so wird die Entwicklung auf jeden Fall weiter gehen. Und im Vergleich zu den vielen direkten Konkurrenten hat Schalke ja jetzt ein Jahr Vorsprung.

Ich für meinen Teil bin sehr gespannt. Und ihr so? Wie fällt Euer Saison-Fazit aus?

Sommerpause?

Wie immer lässt sich Halbfeldflanke von so etwas lapidarem wie einer Sommerpause nicht irritieren. Klickt gelegentlich mal rein, wir haben ein paar Überraschungen im Ärmel.

Kategorien: Spiel & Spieler

Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

15 Kommentare

ES · 24. Mai 2018 um 16:44

Danke für die sehr schöne Saisonanalyse. Wenn wir mal wirklich ein paar Punkte abziehen, die am Ende mit Glück oder wie auch immer oberhalb der Performance erzielt wurden, so hätte Schalke doch bis zum Ende der Saison um die Champions-League-Plätze mitgespielt und damit insgesamt eine erfolgreiche Saison absolviert. Du schiebst, wie so Viele, unter anderem die Spieler selbst, den Erfolg über der abgelieferte spielerische Leistung hinaus, auf die Mentalität der Mannschaft. Ich finde Mentalitätsargumente nie so besonders überzeugend. Erstens würde das heißen, dass die anderen Mannschaften weniger Mentalität mitbringen würden, was ich auf dem Bundesliganiveau bezweifle. Und zweitens wächst die Mentalität mit dem Erfolg. Wenn man einmal gemeinsam das Unmögliche fertig gebracht hat, dann steigt die Überzeugung. Zunächst müssen aber die Erfolge, Mentalität hin oder her, erspielt oder erarbeitet werden. Ich hätte zwei Erklärungen anzubieten, warum Schalke in der Saison mehr Körner gepickt hat in immer engen Spielen als die anderen Mannschaften. Zum einen die handwerklich unglaublich exzellente Vorbereitung und das In-Game Coaching des Trainerteams. Beispiele sind das Abluchsen des Balls von Embolo gegen Voigt, der Eingriff des Trainers in beiden Derbies etc. Vielleicht ist das auf hohem allgemeinen BL-Niveau doch noch mal ein Tick besser als bei anderen Mannschaften. Der zweite Faktor ist die unglaubliche Konsequenz, mit der Tedesco grundsätzlich die fittesten und trainingseifrigsten Spieler aufgestellt hat (bei wahrscheinlich mittlerweile hochmodernster Trainingskontrolle), und nicht die, die spielerisch vielleicht besser gewesen wären. Was wir als Mentalität wahrnehmen, das war am Ende der mentale und körperliche Fitnesszustand.

Ein Wort zur neuen Saison: Mit Uth bekommen wir einen Spieler mit der körperlichen Fitness und Robustheit di Santos, der aber wesentlich kombinationssicherer ist, bessere Laufwege hinbekommt und wahlweise den letzten Pass oder den Torschuss kann. Das alles bei hohen Tempo. Das muss unser Kombinationsspiel Vorne verbessern. Meyer und Goretzka sind schwer zu ersetzen, aber eine Gala-Saison von Bentaleb wird einiges kompensieren können. Und einer fürs Mittelfeld soll ja noch kommen.

    Karsten

    Karsten · 24. Mai 2018 um 22:24

    Hallo ES,
    Als langjähriger Leser glaubst du mir hoffentlich, dass mir das Mentalität-Argument nicht besonders locker sitzt. Tatsächlich freue ich mich sehr über deinen Kommentar (also noch mehr als sonst sowieso schon), weil sich mir so eine Gelegenheit bietet das Ganze zu erklären…
    Mentalität wird im Boulevard oft als Ausrede genutzt, weil sich nicht genauer mit der Materie auseinandergesetzt wird oder werden kann. Ich glaube dieser Blog macht deutlich, dass ich mich recht intensiv mit der Materie auseinandersetze. Ich habe in den letzten Jahren von Tedesco und ein paar Sportpsychologen aber gelernt, dass Mentalität eine wichtige Rolle im Fußball spielt, die von taktikverliebten Menschen wie mir gern übersehen/ignoriert wird.
    Wenn wir davon auszugehen, dass alle Bundesligisten eine hohe Mentalität haben, machen wir es uns zu einfach. Genauso könnte ich behaupten, dass alle Bundesligisten taktisch auf höchstem Niveau agieren. Dem ist einfach nicht so. Dortmund führt 4:0 und knickt beim ersten Gegentor komplett ein. Selbstverständlich ist da taktisch einiges richtig gelaufen bei Schalke, gleichzeitig spielt der Kopf aber eben auch eine entscheidende Rolle. Ganz besonders auf dem Niveau, wo Details ausschlaggebend sind.
    Und genau das meine ich mit der Mentalität. Selbstverständlich muss sich sowas erarbeitet werden, durch Siege und Glück und technischem Können und alles. Letztlich hatten wir in der kompletten Saison einen Haufen Spiele die irgendwie sehr eng und auf Augenhöhe waren und von denen Schalke ein Großteil für sich entschieden hat. Einflussfaktoren gibt es unzählig viele bei sowas. Gleichzeitig hat Schalke besonders in der Rückrunde ja eher Fußball gekämpft als gespielt. Die Mannschaft hat die überragende Form, körperlich, ganz besonders aber auch Mental, nach der Saison noch durch die gemeinsame „Klassenfahrt“ demonstriert.
    Was Tedesco in der Saison geleistet hat, kann kaum hoch genug gehängt werden. Besonders in einer Zeit, in der es Spielerisch schwierig war, hat die Mannschaft durch seine Arbeit einen Kampfeswillen entwickelt, der in der Liga ihres gleichen suchte. Das war kein Zufall. Ich behaupte darüber hinaus, mit einer ähnlichen Mentalität wäre München Pokalsieger und Champions League Finalist, Dortmund Vizemeister und Hamburg nicht abgestiegen. Ich glaube, dass zu den modernen Kenntnissen über den Fußball auch der psychologische Aspekt an Bedeutung gewinnt, bereits gewonnen hat (siehe Deutschland bei der WM 2014) und weiter gewinnen wird.
    Vergessen wir nicht, den größten Einfluss beim ersten Derby hatte er dadurch, dass er in der Pause alle in seinen Bann zog indem er sagte: Vergesst, was bisher geschah, wir wollen jetzt die zweite Halbzeit gewinnen!
    Einen so ganzheitlichen Coach sieht man selten. Er achtet auf sehr viel gleichzeitig und das ziemlich gut. Die Trainingssteuerung, die taktische Umsetzung, aber eben auch den Teamgeist. Um so mehr bin ich gespannt, wie das ganze umgesetzt wird, wenn jetzt die Champions League dazu kommt und somit deutlich weniger Zeit für alles bleibt.

      ES · 25. Mai 2018 um 20:03

      Leser seit den düsteren Keller-Jahren -:)…Zur Mentalität: Dann bist Du offenbar (mindestens) einen Schritt weiter als ich. Ich gewöhne mich gerade an Taktik-Grundbegriffe, Du bist schon über die Taktik hinaus. Du hast womöglich recht, dass Mentalität am Ende doch eine sehr große Rolle spielt (und womöglich ist das auch ganz gut sportwissenschaftlich untersucht, da kenne ich mich mit dem Stand der Forschung nicht aus und werde es sicher niemals). Das Problem bei unserem kleinen Thesenaustausch: Wir haben keine Belege, für welche Seite auch immer (mal der Einfachheit halber so getan als hätten wir tatsächlich zwei sich widersprechende Grundaussagen/Seiten, was so schon nicht stimmt). Wir haben nur a) die Aussage, dass Schalke mehr Punkte geholt hat als sie von der gemessenen Performance her hätten holen „sollen“ b) die gefühlte und tatsächliche Enge vieler Spiele. Da kann nun jeder von uns eine Hypothese nach der anderen draufschlagen, warum sie aus den engen Spielen mehr Punkte geholt haben, am Ende wissen wir es nicht und spekulieren Beide nur (kurz zu den Ostruhrgebietlern im Derby: Die sind nach dem ersten Tor eingeknickt, weil sie ohnehin in einer dicken Krise waren (spielerisch und ergebnistechnisch, der Trainer war schwer angezählt) und die erste Halbzeit gegen Schalke eigentlich zu dem Zeitpunkt die spielerische Ausnahme von der Regel war. Nach dem ersten Gegentor haben sie gedacht: Jetzt fangen wir wieder an so Sch… zu spielen wie sonst. Also auch hier: Erst Krise, dann Mentalitätsproblem). Mal anders gefragt: Wie würde man denn so etwas wie Mentalität definieren oder messen? Wie wird es bei „einfacheren“ Sportarten (z.B. Laufen, weil ohne die Komplexität einer Ball-Mannschaftssportart) gemessen?

      Noch einmal auf das strategisch-taktische zurückzukommen: Was ganz offensichtlich in fast allen Partien der Plan Tedescos war, auch in denen, bei denen der Ballbesitzanteil und die Ballkontrolle höher war, bei Führung den Ball erst einmal konsequent abzugeben und gnadenlos zu kontern. Der Teil ist leider nur sehr selten gelungen, die Konter wurden oft zu schlecht und fahrig ausgespielt (waren vielleicht auch nicht gut genug eingeübt, waren vielleicht nicht konsequent genug von mehr Spielern unterstützt). Ich hätte mal gerne gesehen, wenn diese Saat öfter aufgegangen wäre. Dann hätten wir in spielerisch ähnlich engen Spielen trotzdem Kantersiege zu verzeichnen gehabt. Das hätte wiederum Folgen für die nächsten Partien gehabt, weil die nächsten Gegner sich nicht gerne von Schalke hätten auskontern lassen, wären also trotz Rückstand weniger weit aufgerückt etc.. Das hätte wiederum zu kontrollierten 1:0-Siegen geführt etc. Aus diesen „Hättes“ folgt meine Prognose für die nächste Saison: Tedesco wird offensiv eher und zunächst das Konterspiel verbessern, so viel mehr Ballbesitz wird es gar nicht geben. Die Gegner werden sich verwundert die Augen reiben, warum sie trotz 55% Ballbesitz mit 4:1 vom Platz geschickt wurden.

      Karsten

      Karsten · 27. Mai 2018 um 14:09

      Oje, dunkelste Keller Zeiten… Unfassbar weit weg. Ich freue mich aber sehr, dass Du mich auf dieser Reise begleitest und mit wertvollen Beiträgen ordentlich was dazu beisteuerst. Vielen Dank an dieser Stelle!

      Mentalität zu messen ist durch reine Beobachtung vermutlich sehr schwer bis unmöglich. Und natürlich ist das nichts weiter als ein leerer Oberbegriff, da gehört so viel rein und das wird von so vielen Faktoren beeinflusst… Daher ist es ja so schwer damit/dagegen zu argumentieren.

      Bezüglich Ballbesitz hast Du vermutlich recht. Tedesco hat null Interesse daran als solches. Ihm geht es darum den Gegner zu übertölpen. Vielleicht ist das nur mein eigener Wunschtraum oder so… 😉

      DevonMiles · 1. Juni 2018 um 22:04

      „Die Gegner werden sich verwundert die Augen reiben, warum sie trotz 55% Ballbesitz mit 4:1 vom Platz geschickt wurden.“

      Fettes Grinsen und frohe Hoffnung hier.

Seb · 25. Mai 2018 um 00:14

Moin,

Sehr geile und tiefe Analyse der Saison. Gefällt und Danke!
Aaaber:
Mir fehlt eine ergebnisbezogene Analyse. Im Gegensatz zu Dir bin ich nämlich der Meinung, dass Schalke eine ganze Reihe Punke liegengelassen hat.
In den Heimspielen gegen Leverkusen, Wolfsburg, Köln, Bremen, Hannover haben wir geführt und am Ende doch nur vier statt fünfzehn Punkte geholt. Letztlich alles Mannschaften, die am Ende doch deutlich hinter S04 landeten.
Gleiches gilt für die Auswärtsspiele in der Saisonendphase bei den beiden Absteigern. In beiden Spielen geführt und mit einem mageren Pünktchen nach Hause gefahren.

Das soll Zufall sein? Ich vermag das nicht zu glauben. Siehst Du Ursachen?

Das sind zusammen leichtfertig verspielte 16 Punkte.

Unter Berücksichtigung dieser Tatsache sieht der 21-Pkte-Abstand zu den Bayern schon wieder weniger furchterregend aus. Wenn man dann noch bedenkt, dass beide Partien gegen den Meister durchaus auf Augenhöhe stattfanden (ja, auch das 0:3 daheim, auch wenn das Ergebnis anderes zu sagen scheint), dann könnte man mit etwas blau-weissem Brillenblick hoffen, dass Schalke in der nächsten Saison bei etwas mehr Konsequenz im Zuendespielen der Partien jedenfalls länger um den Titel mitspielen kann als dieses Jahr.
Gibt es Analyseergebnisse in der Betrachtung der fraglichen 7 Spiele, die einen Ansatz aufzeigen könnten, wo der Fehler liegt, dass man die Dinger nicht nach Hause bringt? Sinkt die Laufbereitschaft im letzten Viertel des Spiels? Signifikante Taktik- oder Spielerwechsel?

Los, mach mir Hoffnung!

    Karsten

    Karsten · 25. Mai 2018 um 08:15

    Hi Seb,

    Analysen der einzelnen Spiele findest Du hier im Blog. Zumindest teilweise. Ansonsten fußt deine Rechnung darauf, dass alle Punkte die Schalke geholt hat auch völlig verdient geholt wurden. Da kann ich nicht ganz zustimmen. Ich glaube Schalke hat einige Spiele für sich entscheiden können, die auch locker in die andere Richtung ausgehen hätten können. Frankfurt am letzten Spieltag etwa stand meiner Meinung nach die letzte Halbestunde seeehr nahe am Ausgleich.

    Aber all sowas kannst Du ja in den einzelnen Spielanalysen nachlesen. Hoffnung gibt’s aber in jedem Fall, Schalke wird ja durchgängig besser. 😀

Lukas · 27. Mai 2018 um 13:28

Grüß dich Karsten 😀

Fußballerisch bestimmt alles zutreffend…zu den Statistiken will ich aber auch nich meinen Senf ablassen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass du mal expected Goals und Punkte noch (zu Recht) als wenig aussagekräftig beschrieben hast, da Halbchancen ohne Abschluss gar nicht gewertet werden 🙂
Ich glaube Tedesco hatte auch auf irgendeiner PK noch gesagt, dass Schalke im letzten Drittel die meißten Ballgewinne hat und er für die nächste Saison noch mehr Vertikalität und Ballsicherheit im letzten Drittel möchte. Klingt für mich weniger nach dem gewünschten Ballbesitz, aber schauen wir mal…
Grundsätzlich fänd ich stark strukturierte, defensiv kämpfende Mentalitätsmonster mit einer Standardstärke und einem aktivem
Coach an der Linie ebenso attraktiv (Klingt irgendwie stark nach Atletico).
Denn (um den Bogen mal wieder zur Statistik zu bekommen) ein verhinderter Tor bringt statistisch gesehen 2,3 Punkte – ein erzieltes nur 1,1.
Wie du und jeder andere Schalker aber ebenfalls mit richtig Bock auf die neue Saison…lass die Sommerpause mit euren Überraschungen möglichst kurz werden.

    Karsten

    Karsten · 27. Mai 2018 um 13:58

    Hi Lukas,

    Da hast’e mich. Dem xG stehe ich nach wie vor etwas kritisch gegenüber. Darum ja extra mein Disclaimer im Text, Statistiken zu finden die meinen Aussagen widersprechen ist nicht schwer. In welchem Drittel wer die meisten Ballgewinne hat, kann ich nicht einschätzen. Dass Schalke da besonders hoch steht, besonders mit Blick auf die Rückrunde, ist für mich schwer vorstellbar.

    Allerdings hat Schalke natürlich schon ein sehr starkes Gegenpressing, vielleicht kommt das dann ja zu einer solchen Zahl. Vielleicht war die PK, oder der Datenstand auf den hier Bezug genommen wurde, aber auch einfach aus der Hinrunde.

    Defensiv kämpfend und tief sitzend abwartend sind zwei Paar Schuhe. Ich bin gespannt, was sich unser Head-Coach da ausdenkt.

Peer · 28. Mai 2018 um 00:20

Hallo zusammen!

Schöner Artikel über eine für mich überraschend konstante Schalke-Saison!
In der Mentalitätsfrage sehe ich die Wahrheit irgendwo in eurer Mitte – es ist tatsächlich eine vage Angelegenheit, aussagekräftige Parameter finden zu wollen, andererseits war aber der Wille der Mannschaft und des Coaches Taktik-toolbox gefühlt präsenter als in vergangenen Jahren und als bei anderen Bundesligateams in diesem Jahr. (Vielleicht färbt die Derbybrille gehörig die Perspektive…)

Nebst zwei, drei unglücklicheren Spielen repräsentierte dieses, ich sach ma, „Glück auf(!) des Messers Schneide“ Ralf Fährmann wie sonst nur Naldo. Und mit Kehrer, Stambouli, Nastasic haben mindestens 2/3 der Jungs neben diesem unfassbar coolen Brasilianer Leistungen gezeigt, die ich vor der Saison so stabil nicht erwartet hätte.

Tatsächlich wünschenswert fände ich ebenfalls eine konstante kommende Saison von Bentaleb und Konoployanka (Den find ich irgendwie klasse und möchte daher an dieser Stelle den Autoren fragen, ob Spielintelligenz oder Qualität als im Artikel genannte Mängel bei ihm überwiegt. Spontan schätze ich Spielintelligenz, aufgrund seiner wenigen Scorerpunkte beschleicht mich aber fast das traurige Gefühl, dass er ein situativer Ergänzungsspieler sein könnte).

Möge die Sommerpause mit guten Artikeln (vielen Dank, ich bin hier auch immer wieder sehr gern, leider aber erst n halbes Jahr oder so) – und möglicherweise einer Fußball-WM?! 🙂 – entschädigt werden!

Glück auf!

Manfred · 30. Mai 2018 um 18:59

Moin 🙂
Mir kam, nachdem ich die Analyse las und die Kommentare dazu auch keine wirkliche Erklärung boten, was nun genau zu dieser ganz passablen Saisonleistung führte, eine Statistik in den Sinn, die afaik mal wer im Königsblog verlinkt hatte:
https://bstat.de/doku.php/1718/sd_karten
Das Fazit spricht Bände.

    Karsten

    Karsten · 30. Mai 2018 um 21:48

    Oh, spannende Seite. Kannte ich gar nicht. Thank you for sharing!

      Manfred · 1. Juni 2018 um 10:09

      np
      Stünden da nicht die erklärenden Texte hätten mich die Infos doch sehr überfordert.
      Es wird spannend zu beobachten, ob sich ein solches Fazit in der kommenden Saison wiederholen läßt.
      Frage an den Experten/in die Runde: welche Kadergröße erscheint sinnvoll für die nächste Saison?

Zeitspieler · 15. Juni 2018 um 10:08

Mehr als eine Steigerung um einen Platz traue ich unserem Trainer nicht zu!

Die Mourinho-fizierung des Weltfußballs - Halbfeldflanke · 28. Juni 2018 um 01:19

[…] der ersten Schwächephase wird dann aber oft zurück geschwenkt. Domenico Tedescos Schalke 04 der Saison 2017/2018 ist hier vielleicht ein ganz gutes Beispiel, das im laufe der Hinrunde mal dabei war […]

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