Selbstverständlich lief nicht alles rund beim ersten Pflichtspiel der Saison. Aber die frühen Pokalrunden sind ja genau dafür auch ein guter Puffer von der harten Liga Realität. Gleichzeitig lassen sie aber schon eine Reihe an Rückschlüssen auf die neue Saison zu. Und genau darauf werfen wir einen Blick.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die erste Runde im DFB Pokal kommt eigentlich immer einem Testspiel unter Realbedingungen gleich. Das ist gar nicht despektierlich gemeint. Ich war zwischendurch richtig begeistert, wie der Regionalligist sich da schlägt. Aber auch, wenn Schweinfurt eine starke Partie abgeliefert hat, in der Saison wird es dickere Bretter zu bohren geben. Entsprechend versteht sich dieser Text weniger als eine Analyse des Spiels, sondern viel mehr als Untersuchung auf Hinweise, was uns in der kommenden Saison erwartet. Zum warm werden sozusagen.

Der Vollständigkeit halber Blicken wir trotzdem zunächst auf den Gastgeber…

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Die Erwartungshaltung war klar: Als Regionalligist wird sich Schweinfurt am eigenen Strafraum verbarrikadieren. Doch weit gefehlt. Mutig attackierten sie hoch und ließen den Ball laufen. Zumindest wann immer sich ihnen die Möglichkeit gab und das von Anfang an.

Im 4-3-3 mit einer Doppel-6 und Krautschneider als 8er/10er im Zentrum der versuchte Bälle zu binden und Angriffe zu verteilen, umzingelt von Spielern die nach vorne eilten. Dabei wurde aber nicht blind in die Spitze gepöhlt, sondern gern im Zickzack. Im Vollsprint wurde der Ball mehrfach zwischen Flügel und Halbraum hin und her gespielt. So sollten die Schalker Flügelspieler ausgetrickst werden. Die Flügel sind bekanntlich die Achillesverse in 3er Ketten Formationen. Und besonders in der Anfangsphase klappte das ziemlich gut. Doch auch später konnten immer mal wieder Angriffe so vorgetragen werden, blieben allerdings meist noch vor dem Strafraum hängen. Richtige Chancen hatte Schweinfurt eigentlich nicht.

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Prinzipiell hat dieses Spiel keine entscheidende neue Evolutionsstufe gezündet, im Vergleich zu dem was zum Ende der Rückrunde geschah. Schalke spielte im 3-5-2 mit dem Fünfeck im Zentrum an dessen Ende Bentaleb als 6er die Bälle quer über den Platz verteilte. Dabei stand er aber recht tief, so ergab sich auch eine Raute mit der Abwehr.

Die Flügelspieler rückten eher vorsichtig auf und wahrten die Verbindung zur 3er Kette. Das war auch nötig, denn genau die Schnittstelle versuchte Schweinfurt immer wieder zu beackern und nicht selten fanden sie Räume. Einer der Gründe dafür ist, dass Sané noch nicht ganz angekommen ist in der 3er Kette. Vermutlich auch, weil er eher kurzfristig die Kehrer-Position übernehmen durfte. Jedenfalls passten die Abstände zu Beginn der Partie so überhaupt nicht. Sané und Naldo standen sich förmlich auf den Füßen. Das wurde im Laufe des Spiels aber besser.

Doppelspitze

In den letzten Jahren haben wir viele Ansätze einer Doppelspitze auf Schalke gesehen. Funktioniert hat es eigentlich nie so wirklich. Das haben Burgstaller – Uth jetzt abgeschafft. Stark wie die beiden sich bewegt haben, besonders im Verhältnis zueinander. Typischerweise rückte der ballnahe Stürmer ein und der ballferne zog etwas höher und zentral. Doch dabei waren sie sehr variabel. Gefühlt balancierte Uth viele Bewegungen von Burgstaller sauber aus und konnte seine Spielstärke so anbringen.

Die beiden zeigten auch viele gute Bewegungen, wenn es darum ging einander Räume freizuspielen oder anspielbar zu machen. Mit vielen gegenläufigen Bewegungen hatte die gegnerische Defensive mächtig viel zu tun.

Etwas holprig war dagegen noch die Verbindung zu den 8ern. In der Verteidigung banden sich die Stürmer oft nicht ein, so entstand schon eine Lücke. Der Anschlusspunkt gestaltete sich darüber hinaus auch noch sehr schwierig. Besonders die Kommunikation zwischen Harit und Uth hat noch deutlich Luft nach oben.

Die 6er Rolle

Nominell ja etwas interessant, weil ja viel von einem Rudy-Wechsel gesprochen wird, ist die Rolle des 6ers. Da haben wir zwei verschiedene Implementierungen gesehen. Zunächst Bentaleb. Sehr tief, mit Verbindung zur 3er Kette und mit Pässen in alle Richtungen. Insgesamt aber eben auch recht tief und mit eher wenig Druck nach vorne. Was für einen Spieler wie Bentaleb allein schon erwähnenswert ist.

In der zweiten Halbzeit kam rückte dann McKennie auf die 6, weil Bentaleb ausgewechselt wurde. Übrigens interessant, dass es immer noch Menschen gibt, die sich über einen Tedesco-Wechsel in der 47. Spielminute wundern. Schöpf kam auf die 8 und sollte mehr Druck nach vorne machen, schaltete sich viel intensiver in die erste Angriffsreihe ein. McKennie rückte zentraler, aber kaum tiefer als er vorher meist war. Dafür rückte Naldo auf ungefähr die Höhe auf der sich Bentaleb vorher befand. Spielstark ist die 3er Kette allemal, ein tiefer 6er hilft im Aufbau wenig und in der Verteidigung kamen die Schweinfurter meist gar nicht so weit und waren wenn eh in deutlicher Unterzahl.

Die erste Halbzeit war also die etwas vorsichtigere, die zweite die etwas angriffslustigere mit den deutlich besseren Chancen. Wie so oft gibt es hier kein absolutes richtig oder falsch, sondern es geht darum für spezielle Situationen die passendste Lösung zu finden. Alternativen sind da nie verkehrt.

Sebastian Rudy ist als 6er wandlungsfähiger und agiert auf höherem Niveau als Bentaleb oder McKennie, wenn es darum geht Räume auszubalancieren und Spieler mit klugen Pässen zu dirigieren. Wäre also der nächste Schritt von dem was wir von Max Meyer letztes Jahr gesehen haben. Bentaleb ist ein Laserpass-Gott und McKennie eine Kampfsauallzweckwaffe, beide sind deutlich vielseitiger einsetzbar.

Das Spiel insgesamt

Insgesamt wurde über die gesamte Spieldauer konsequent gepresst und gegengepresst. Das ist gut. Die nächsten Gegner können kommen, die Verteidigung steht.

Offensiv fehlt es da noch an ein bisschen Feinabstimmung. Es gibt viele gegenläufige Bewegungen überall auf dem Platz. Gleichzeitig wird ständig versucht den Ball durch enge Räume zu stecken und so vertikal in die Spitze zu bringen. Viele dieser Bälle bleiben hängen, werden dann aber mit dem Gegenpressing teilweise wiedergeholt. Und die Bälle die ankommen, sind direkt arg gefährlich.

Darüber hinaus gab es viele Spielzüge zu sehen der Marke: Ein Spieler läufts dahin und spielt den Ball da hin wo dann schon ein anderer Spieler hingelaufen kommt. So sollen Verteidigungen geknackt werden. Das funktionierte in Ansätzen sogar schon recht gut, allerdings war das Timing teilweise noch etwas unsauber.

Ganz besonders auffällig war das bei ruhenden Bällen. Bei der WM haben wir gesehen, wie wichtig Standards heute genommen werden können und Schalke hat ja auch in der letzten Saison schon viele Tore so erzielt. Für diese Saison vermute ich noch mehr. Jede Ecke, jeder Freistoß wirkte klar einstudiert und einige davon waren nur knapp nicht erfolgreich.

Es kann losgehen…

Schalke scheint gewappnet. Wer ein Torfestival erwartet, sollte sich einen anderen Club suchen. Ich persönlich glaube, dass sich Schalke in dieser Saison zum Pressingmonster entwickeln wird. Ballbesitz wird es geben, aber sicher nur in Ausnahmefällen jenseits der 60%. Der große Unterschied zum Vorjahr wird ein deutliches Plus an Bewegungsfreude sein. Das ist meine Vorhersage.

Wenn Tedesco sich trotzdem in ein paar Wochen überlegt Ballbesitzfußball zu etablieren, würde mich das wenig wundern. Der Faktor Zeit/Ruhe am Ball während der Zirkulation kann ein ein starkes Element bei Tempowechseln und ähnlichem werden.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

5 Kommentare

Tobias · 19. August 2018 um 20:43

Wenn du den Wechsel von Bentaleb von der 57. auf die 47. Minute korrigierst (Tippfehler), dann ergibt auch der Hinweis auf die allgemeine Verwunderung Sinn. 🙂

Ansonsten: Danke für die gute Analyse. Dass Schalke 04 jemals (wieder) Zauberfußball wie in so manchem spiel der Saison 2000/01 spielen wird, werden wir alle wohl nicht mehr erleben. Darum sollten wir den Focus einfach auf Erfolgsorientierung legen – dann gibt es hoffentlich wieder Grund zur Freude wie in der vergangenen Spielzeit.

    Karsten · 19. August 2018 um 22:02

    Ui, danke für den Hinweis. Direkt korrigiert. 🙂

DevonMiles · 19. August 2018 um 22:55

Yeah!
Endlich wieder Fussi und endlich wieder anspruchsvolle Texte mit Erkenntnisgewinn!
Vielen Dank und uns allen viel Spaß in der neuen Saison!

Christian Weisz · 20. August 2018 um 09:00

Danke, für die (fehlerfreie!) Aufarbeitung des Spiels. Ich denke, dass sich taktisch noch einiges tun wird. Denken wir an die mehrfachen Wendungen, die das spielerische Selbstverständnis in der letzten Saison genommen hat. Personenbezogen geht mir etwas unter, dass Bentaleb keine Alternative für die tiefe 6 ist: Er ist unter Sicherheitsaspekten schlichtweg eine Gefahr für das eigene Tor, ich befürchte, sein Selbstbild weicht von der Realität etwas ab. Eine Konsequenz des Meyer-Abgangs ist momentan fehlende Pressingresistenz vor der Kette.

Der Saison-Teaser-Trailer. 1. FC Schweinfurt 05 – FC Schalke 04, 0:2 – Ploggo · 17. September 2018 um 07:29

[…] 17. September 2018PloggoHalbfeldflankeNo Comments […]

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