Eigentlich dreht sich ja die ganze Diskussion um das Spiel nur um den Schiedsrichter. Und trotzdem soll genau das hier, wie immer, ignoriert werden. Aber dennoch ein kurzer Blick auf das, was im Spiel so passierte.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Kick’n’Rush auf beiden Seiten

Die ersten 15 Minuten waren geprägt von reinem Kick’n’Rush. Der Ball wurde weit in die gegnerische Hälfte und dort entweder behauptet oder über Gegenpressing zurückerobert. Und zwar auf beiden Seiten. Schalkes Aufbau etwa über die 3er-Kette, jeder der 3 spielte einen weiten Pass Richtung einer der beiden Stürmer. Die versuchten zu behaupten oder Schalke ging auf den 2. Ball. Schlug auch das fehl, wurde über Gegenpressing versucht den Ball zurück zu erobern.

Eine der wenig guten Nachrichten in diesem Spiel ist, dass das Gegenpressing recht gut funktionierte. Die Staffelung war breit und weit, zu jeder Zeit konnten sich zwei oder drei Spieler zum Ball orientieren, Passwege zustellen und Gegenspieler unter Druck setzen. Nicht allzu weit vom gegnerischen Strafraum. Ganz guter Plan und die Umsetzung war‘s auch noch. Bei Schalke ein ganzes Stück besser als bei Wolfsburg.

Wölfe ändern Plan

Und weil es bei Schalke besser klappte und sie sich dem Tor annäherten, es gab da diese Scheibenschießen Situation in der 15. Minute im Strafraum Wolfsburgs, änderte Bruno Labbadia den Plan. Sie hörten auf selbst weite Diagonalbälle zu spielen und zogen sich in der Verteidigung tiefer zurück.

Das hatte den Effekt, dass Schalkes Gegenpressing jetzt nicht mehr so gut griff, weil Wolfsburg mehr Spieler in Ballnähe hatte und nicht so leicht in Unterzahl geriet. Gleichzeitig wurde Schalke jetzt weniger angelaufen im Aufbau und hatte mehr Räume, mit denen die 3er Kette und McKennie als 6er relativ wenig anzufangen wusste. Wolfsburg erhöhte insgesamt die Mannorientierung, doppelte aber auch viel. Entsprechend musste Schalke die Flügelspieler stärker und vor allem schon viel früher einbinden, die dann aber weiter vorne im Gegenpressing fehlten.

Zusätzlich konnten die Wölfe im Aufbau nicht sehr hoch gepresst werden, damit Schalke weniger Wege zu gehen hatte, weil sie zum einen selbst recht tief standen und gleichzeitig einen sehr Spielstarken Torhütter haben. Überzahlsituationen in der Wolfsburger Hälfte zu erzeugen war für Schalke praktisch unmöglich, zumindest ohne die eigene Defensive komplpett zu entblößen.

Sie versuchten es trotzdem.

Wolfsburg entzerrte das Spiel also klug. Schalkes Pressing, das eigentlich sehr gut ist, lief so ein ums andere Mal ins Leere. Die Schalker hatten aber nicht schnell genug einen Plan B zur Hand und Tedesco brauchte ein bisschen mit dem Umstellen.

All das verunsicherte die Schalker sehr und es dauerte eine ganze Weile, bis alle sich auf ebenfalls tiefstehen geeinigt hatten. Da stand es dann aber auch schon 1:0 und Verunsicherung blieb in den Knochen. Besonders den Verteidigern war das anzusehen, bei denen die fehlende Eingespieltheit dadurch verstärkt wurde.

Schalkes Plan: Asymmetrisch über links

Die rechte Seite Wolfsburgs wurde als die schwächere identifiziert, vermutlich auch, weil der Außenverteidiger William schon früh gelb-verwarnt wurde. Entsprechend gingen viele Angriffe über die linke Schalker Seite. Darum war Baba auch in so viele Aktionen verwickelt. Gleichzeitig hatte Schalke nach wie vor das Problem, dass Wolfsburg Pressing wirklich stark war, wie auch die Raumaufteilung. Um die Mittellinie herum geriet Schalke immer wieder in Unterzahl.

Tedesco stellte entsprechend zur 2. Halbzeit um, Schalke spielte jetzt mit einer gewissen Asymmetrie. Die 3er Kette wurde nach links verschoben und der rechte Flügelspieler, typisch ballfernes Verhalten, stand recht rief. So sah es in etwa wie eine 4er Kette aus Nastasic, Naldo, Sané, Caligiuri aus. Davor McKennie weit links im Zentrum, die 8er und 9er ebenso, wobei Harit fast am Flügel klebte.

Die interessante Rolle dabei hatte Baba. Der war so eine Art freier Radikaler auf dem Flügel. Oft genug schob er ins Zentrum und bildete eine Doppel 6 mit McKennie und war immer wieder auf dem ganzen Flügel präsent um Überzahlspiel zu erzeugen. Das bedeutete aber auch, dass Caligiuri gegenüber oft in deutlicher Unterzahl war. Es gab diverse 1 gegen 4 Situationen. Serdar kam zwar zur Hilfe wann möglich, orientierte sich aber sonst eher ins Zentrum.

Insgesamt konnte sich Schalke so deutlich zurück ins Spiel kämpfen, brach immer wieder ins Wolfsburger Drittel ein und marschierte einige Male gefährlich Richtung und zum Teil in den Strafraum. Auch wenn alles noch etwas wackelig wirkte, und Wolfsburg ebenso seine guten Angriffe hatte, Schalke war wieder im Spiel und dieses war wieder offen. Wäre da nicht…

Die Schiedsrichtereskapaden

Plötzlich setzte der VAR zu seinen großen Farbwechselspielchen an. Jedenfalls fehlte Nastasic plötzlich und Tedesco stellte wieder zurück auf eine echte 3er Kette und nur noch 3 Offensivkräfte. Ein 3-3-3, bzw. 5-3-1, je nach Sichtweise. Interessanter Weise mit McKennie als rechter Halbverteidiger und Serdar zentral auf der 6 um Angriffe einzuleiten.

Schalke zeigte sich mal wieder als Mentalitätsmonster und konnte weiterhin Druck erzeugen. Strafraumsituationen gab es auch in Unterzahl und schließlich den Ausgleich. Das sogenannte Momentum war auf Schalker Seite und Tedesco ließ weiter attackieren.

Weiter Angreifen oder Sichern?

An solchen Situationen scheiden sich die Geister. Solltest du dich lieber mit dem einen Punkt zufriedengeben oder nutzen, dass du gerade die Oberhand hast und versuchen den Sieg einzufahren? Tedesco entschied sich gegen die Sicherung und attackierte weiter hoch. In meinen Augen die genau richtige Entscheidung, weil Wolfsburg es über das gesamte Spiel schaffte sich durch die Schalker Verteidigung zu manövrieren. Je höher diese stand, desto schwieriger wurde es ihnen gemacht. Gleichzeitig ergaben sich so auch im Anschluss noch Möglichkeiten für Schalke.

Darüber hinaus warf Schalke nicht einfach blind alles nach vorne und stand hinten offen. Tatsächlich versuchte Tedesco das Mittelfeld zu festigen. Die Flügelspieler wurden vorsichtiger, McKennie ging dafür in die Doppel-6 mit Bentaleb. Uth und Embolo wurden Flügelspieler/8er/Stürmer in Personalunion. Schalke jetzt also im 4-2-3.

So sollten zum einen die ständigen Flügelangriffe gesichert, das Zentrum sicherer gemacht, aber eben auch die eigenen Angriffe zentral verstärkt werden. McKennie machte in dieser Phase viele Meter.

Letztlich gab es das Gegentor trotzdem. Nach Abstimmungsproblemen im Pressing, die Fährmann aber ausbügelte, jedoch konnte ein Abpraller ausgenutzt werden.

Problem: Verteidigung

Das Hauptproblem des Spiels war die Verteidigung, oder genauer das Pressing. Immer wieder gerieten die Knappen in Unterzahl oder Wolfsburg ließ das Pressing ins leere laufen. Das wirkte so drastisch, dass die Mannschaft dermaßen von der Rolle war und das Pressing zum teil lächerlich stümperhaft vorgetragen wurde. Da lief einer an und alle anderen blieben stehen oder umgekehrt. Zwar wurde es im zweiten Durchgang besser, aber auch da gab es diverse Aussetzer. So schlechtes Pressing habe ich zuletzt unter Keller gesehen.

Zum Glück hielt die Endverteidigung oder eben Fährmann, wenn auch manchmal in letzter Not. Jedenfalls kamen die Wölfe nicht zu vielen Torchancen. Aber Verteidigung fängt nun mal ganz vorne an und hier gab es zum Teil mehr Lücken als Netz. So darf Schalke nicht auftreten.

Ausblick

Tedescos Fokus liegt auf dem Pressing. Entsprechend gehe ich davon aus, dass wir schon im nächsten Spiel eine deutliche Änderung sehen werden. Ein großes Problem war die plötzliche Verunsicherung, die auch einige Spieler anschließend zu Protokoll gaben. Die war natürlich völlig unnötig, richtige Probleme hatte Schalke wenige. Es fehlte aber einfach an Souveränität und die muss man sich erspielen. Ich bin guter Dinge, dass Schalke es schafft das Spiel simpel zu halten und so die Souveränität zurück zu bringen.

Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass sich Schalke, trotz des Trends zur Mannorientierung, stark am Raum orientiert. Mit Rudy im Zentrum demnächst, der ja eher ein Ballbesitzfußballer ist. Könnte Schalke zu einem Lichtblick der Liga werden. Aber warten wir’s mal ab, vielleicht ist das auch nur Wunschtraum.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

7 Kommentare

Christian Weisz · 28. August 2018 um 09:04

Vielen Dank! Ich fand es übrigens total nachvollziehbar, dass wir am Ende auf Sieg spielten, denn ich bin davon ausgegangen, dass wir 10-10 spielen: Der Schiri hatte ja die rote Karte in der Hand (!), aber Brooks dann doch nur Gelb gegeben. Das hatte ich erst gar nicht kapiert. Das Pressing der Wölfe, das Du beschreibst, wurde übrigens noch von dem der Leipziger übertroffen, die in den ersten 15 Minuten gegen Lüdenscheid Mann gegen Mann im gegnerischen Drittel spielten-zuerst mit Erfolg. So gut kann deine Pressingresistenz nicht sein, und deine IV auch nicht, dass du da rausspielen kannst. Wir sind also wieder beim KicknRush. Interessant. Wo ist René Eijkelkamp, wenn man ihn braucht? Der konnte jeden langgeschlagenen Ball annehmen, abschirmen, weiterverteilen (Oder versenken). Im Ernst: Wo geht die Taktikreise hin unter diesen Umständen? Das die Mannschaft intakt ist, hat man übrigens gesehen. Soviele Nackenschläge und doch noch kurz vor dem Punktgewinn….Respekt, trotz großer spielerischer Defizite.

DevonMiles · 28. August 2018 um 17:10

Ich muss jetzt doch noch mal was zum VAR sagen. Bisher war ich unbedingt für den Video“Beweis“. Bisher habe ich allerdings alle schlimm-strittigen Entscheidungen am Bildschirm verfolgt. Dort bekommt man direkt von diesen Szenen Wiederholungen gezeigt. Klar kann man sich da auch aufregen und diskutieren. Aber man hat etwas „Anschauungsmaterial“ an dem man sich abarbeiten kann.
In Wolfsburg war ich im Stadion. Was soll ich sagen. Katastrophe. Diese Ohnmacht, dieses nichts Verstehen macht einen echt fertig. Diese Texteinblendungen auf den Videowänden der Stadien kann sich der DFB/DFL auch sparen. Ich sehe ja um welche Situation geht und was die Entscheidung ist. Aber diese Unnachvollziehbarkeit lässt mich schier verrückt werden. Ich war ab dann glühender VAR Gegner. So wie es jetzt ist, kann und darf es nicht bleiben.

Tobias · 28. August 2018 um 19:11

Es ist unglaublich, wie du es immer wieder schaffst, deinen Optimismus in deinen Analysen so loszuwerden, dass ich am Ende denke: War ja doch gar nicht so schlimm, das Spiel. Von allen taktischen Belangen abgesehen, habe ich nämlich ein unheimlich zerfahrenes Offensivspiel gesehen, mit irre vielen Abspielfehlern und verlorenen Offensivzweikämpfen. Kaum ein Angriff lief sauber durch, kaum ein Ball kam gefährlich in die Box und schon gar nicht aufs Tor. Das ist mit Taktik und aus der Spielentwicklung heraus also zu erklären.

Aber müsste eine Spitzenmannschaft sich dem nicht einfach widersetzen und ihr Spiel durchbringen können?

Glückauf, Tobias

    Karsten · 28. August 2018 um 20:15

    Oh, ich hoffe ich habe keinen falschen Eindruck erweckt. Selbstverständlich war es ein sehr zerfahrenes Spiel. Und es gab eine ganze Menge Abspielfehler. Und Schalke hatte so seine Probleme in den Strafraum einzudringen. Wie immer.

    Dass das Pressing so schlecht funktionierte empfinde ich allerdings schon als sehr drastisch. Besonders unter Tedesco.

    Bin gespannt wie das ganze nächste Woche aussieht.

ES · 1. September 2018 um 12:44

Leider scheine ich da wieder ein ganz anderes Fußballspiel gesehen zu haben. Ich fand das gar nicht so schlecht, auch das Pressing nicht (“schlechtestes Pressing seit Keller” – Ich glaube wir sollten mal die alten Keller-Horrorvideos aus dem Keller (schlechter Wortwitz, sorry) holen, entstauben und uns daran freuen, wie viel so wohltuend anders geworden ist)). Die Unordnung und das Unrhythmische kam vor allen Dingen dadurch, 1) dass sich Sané in seiner Rolle als rechtes Glied der Dreierkette noch nicht gefunden hat (wir sehnen uns bereits nach der Stabilität, die ein Stambouli mit nahezu perfekten Bewegungen und Stellungsspiel der Mannschaft im letzten Jahr gegeben hat), 2) mit McKennie ein Sechser am Start war, der das Spiel nicht ordnen kann und sollte, sondern seine übliche wuselige und unangenehme Präsenz auf jedem Grashalm im Wolfsburger Stadion an den Tag legen sollte, was er gut gemacht hat 3) Harit als Schlüsselspieler und offensiver Dosenöffner noch überhaupt nichts Gescheites hinkriegt. Es war das erste Spiel, in dem man Goretzka ersetzen musste, der am Ende der letzten Saison auch nicht alles richtig gemacht hat, aber offenbar für Tedesco-Taktik ganz entscheidend war. Darüber hinaus hätte man wie üblich über Standards oder Fehler des Gegners, nachdem man ihn müde genervt hat, das Spiel entschieden (oder über die pure Moral), so der Plan (mit einem solchen Plan mit etwas mehr Spielerqualität ist mal kürzlich jemand Weltmeister geworden). Leider wurde das Spiel in der Tat durch einen Standard entschieden, wobei die Defensive in einer Weise organisiert war, wie ich es tatsächlich seit (Moment,…sagen wir Fred Rutten) nicht mehr gesehen habe (der kleine und im eigenen Strafraum fremde Sane besetzt den Raum vor dem kurzen Pfosten, während der im eigenen Strafraum enorm umsichtige, erfahrene und zu keiner Hektik neigende Riese McKennie den zentralen Raum 7 Meter vor dem Tor bewacht. Genial!). Trotzdem hätte man in jedem Fall gegen zwar stabile, aber nicht ernsthaft gefährliche Wolfsburger 1-3 Punkte locker geholt, hätte nicht wirklich der Videoschiedsrichter einen sehr wenig starken (Sorry, wieder schlechter Namenswitz!) Tag erwischt.

Ich werde es nie begreifen, warum alles schlecht ist, wenn Schalke verliert und wenn sie in einem knappen Spiel gewinnen, alles supergut ist. Ich weiß, Karsten, so platt geht es bei Dir nicht zu, aber die Unken, einer befürchtet bevorstehenden schlechten Saison sammeln sich schon wieder in großer Anzahl meiner Ansicht nach mit wenig Grund.

Sportwetten-Blogging · 17. September 2018 um 17:01

Hallo Karsten,

schöner Blog, den Du hier hast. Sehr umfangreicher Artikel.

Ich verfolge die Bundesliga weil ich 96 Fan bin, andere Mannschaften nur sporadisch. Je nach Spieltag und Partie. Auffallend finde ich aber die Tatsache, dass S04 2 Spieltage in Folge mit 10 Mann spielen musste. Mag vielleicht auch etwas Pech gewesen sein, aber alles in Allem darf das eigentlich im Profi Bereich nicht 2 Mal hintereinander passieren.

Die Spieler sollten wohl Profi genug sein, um sich dann anders zu verhalten. Im dritten Spiel gegen Gladbach nun auch eine Niederlage. Das wird schon schwierig im Traineramt zu bleiben. Eigentlich macht er einen guten Job. Aber auf Schalke steht der Trainer schnell in der Kritik, das hat die Vergangenheit ja gezeigt. Ich glaube dass jetzt bald mal etwas zählbares rumkommen muss. Die Tatsache, dass es nun gegen den FCB geht, macht es nicht einfacher.

Schwere Aufgabe für die Mannschaft und Trainer, den verpassten Saisonstart wieder zu retten.

LG

Pressingprobleme und eine Rot-Gelb-Schwäche. VfL Wolfsburg – FC Schalke 04, 2:1 – Ploggo · 15. September 2018 um 10:15

[…] 30. August 2018PloggoHalbfeldflankeNo Comments […]

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