Das zweite Spiel der Rückrunde und schon zum zweiten Mal das Gefühl, dass sich bei Schalke einiges zum besseren Entwickelt. Aber was eigentlich und warum?

Die Grundformationen zu Spielbeginn.
Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Currywurst Erfunden

Die Hertha ging dieses Spiel sehr ruppig an. Schalke sollte in Zweikämpfe verwickelt und am Spielfluss gehindert werden. Dazu fingen die Berliner zunächst in einem 5-3-2 an, bei dem Duda viel als 10er unterwegs war. Nach etwa 20 Minuten stellte Pál Dárdai allerdings um, zog Lustenberger vom Zentralverteidiger zum defensiven Mittelfeldspieler und die Hauptstädter spielten fortan mit 4er Kette und Raute weiter.

Der Grund für diesen Wechsel war, dass Berlin Probleme bei der geplanten Vorwärtsverteidigung hatte. Es standen zu viele Spieler in den tiefen Zonen, wo Schalke sich erst spät reinwagte. Dadurch hatte Schalke etwas Luft konnte Fahrt aufnehmen und die Hertha konnte erst spät Druck aufbauen. Ergebnis war, dass Schalke relativ einfach in die Nähe des Strafraums kam, aber eigentlich nie hinein.

Die Umstellung, die zur zweiten Halbzeit nochmal etwas verstärkt und besser umgesetzt wurde, griff dann und das Pressing klappte besser. Schalke hatte jetzt mehr Probleme im Aufbau, kam dafür aber jetzt auch häufiger in den Strafraum.

Currywurst perfektioniert

Tedesco ließ mal wieder mit 4er Kette spielen. Das Problem, dass Schalke mit dem Toreschießen hat, soll mit Personal aufwand gelöst werden. So mag das aussehen. Interessanter Weise gab es dabei aber keinen Offensivakteur mehr, sondern eine Doppel-6 aus Sebastian Rudy und Benjamin Stambouli, bzw. später Nabil Bentaleb. Doch dazu später mehr. Davor fand sich Uth in zentraler Position, flankiert von Konoplyanka und Schöpf und direkt hinter Skrzybski. So sollte es viel Bewegung geben, was Ball und Spieler angeht. Dieses 4-2-3-1 war durch diese Bewegungen viel weniger klar, als es hier klingt. Besonders Defensiv wurde das von einem Flachen 4-4-2 in den hohen Zonen zu einem 4-3-3 und geradezu dem Tannenbaum 4-3-2-1 nahe am eigenen Strafraum.

Auffällig dabei ist, dass Tedesco von diesem Plan nie abgewichen ist. Umstellungen gab es zwar einige, aber alle nur um die Ausfälle zu kompensieren. So wurde Uth auf den Flügel gezogen, weil Serdar zentral deutlich besser ist als auf der Seite, der aber für Schöpf kommen musste. Rudy wechselte die Seiten in der Doppel-6, weil Stambouli zwar rechts stärker ist, Bentaleb aber links. Und Skrzybski wurde zwar positionsgetreu durch Kutucu ersetzt, doch die beiden Stürmer waren derartig umtriebig, dass sowieso ständig irgendwer auf einer anderen Position spielen musste um die Bewegungen auszubalancieren.

Die Halbzeiten

In der ersten Halbzeit war mächtig viel los. Zu Spielbeginn waren alle irgendwie etwas nervös. Hertha ging recht ruppig zu werke, was viel Unruhe auslöste und viele Fouls oder eigentlich Fouls oder beinahe Fouls nach sich zog. So gab es diverse Unterbrechungen. Zwischen den Verletzungen von Schöpf und Stambouli und den Auswechslungen gegen Serdar und Bentaleb vergingen jeweils einige Minuten. In dieser Zeit agierte Schalke zum Teil merklich vorsichtiger. Besonders bei Stambouli in der Zentrale fiel auf, dass Caligiuri jetzt zurückhaltender und mit Hang ins Zentrum spielte. Hertha baute die Mannschaft um, es gab noch eine Rudelbildung und Konoplyanka schoss das 0:1, obwohl Berlin eigentlich gar keine Chancen zuließ.

Das machte die ganze Halbzeit etwas zerfahren, teilweise wie in Watte gepackt und dann wieder wie ein Ameisenhaufen. Das Spiel war allerdings Unterhaltsam, wenn Schalke ins Spiel kam, dann sah das meist sehr gut aus, von den Hauptstädtern kamen nur ein paar Konter und Standards. Aber das reichte ja auch für ein 2:2.

Die zweite Halbzeit war dagegen deutlich strukturierter. Es wurde zwar immer noch viel getreten, dafür gab es dazwischen jetzt aber deutlich mehr Fußball. Die Hertha verzichtete jetzt auf Ballbesitz und versuchte nur noch zu kontern. So hat Schalke schon häufig Probleme bekommen und Hertha konnte sich auf das konzentrieren, was in der ersten Halbzeit für zwei Ausgleiche (Ausgleichs? Ausgleichi?) gereicht hat.

Die Endverteidigung

Von 3 auf 2 Verteidiger runtergedampft hat Schalke noch ein paar Probleme hintenrum. Das Offensivspiel gewinnt minütlich an Souveränität, aber die schon traditionell starke Endverteidigung geriet einige Male ins Schleudern.

Häufig lese ich dabei, dass Sané kritisiert wird. Für mich nicht ganz nachvollziehbar. Ich finde Sané macht seine Sache gut, wenn er auch gelegentlich ein bisschen ungestüm ist. In meinen Augen liegt das Problem hier nicht, bei einem einzelnen Spieler, sondern es ist ein gruppentaktisches Thema. Wann welcher Verteidiger und welcher Außenspieler und welcher 6er sich wie einbringt, scheint noch nicht abschließend geklärt. Zumindest untereinander nicht. Wenn immer von fehlenden Abläufen zu lesen ist, das hier ist ein Effekt davon.

Da durch die Verletzung Stamboulis wohl aber in den nächsten Wochen eh die 4er Kette erstmal wieder Standard sein wird, ist davon auszugehen, dass sich das mit den Abläufen hier schnell einrenkt. Kompetent in der jeweiligen Rolle sind sie alle (Caligiuri mit Abstrichen als Verteidiger) und erfahren auch (außer Nübel natürlich). Interessanter Weise hat die Verteidigung in den ersten Spielen der Hinrunde ja auch gewackelt und das ganze ging dann relativ schnell bergauf.

Die Doppel-6

Im Herbst 2017 hat Tedesco den jungen 10er Max Meyer als 6er implementiert und Schalke damit eine Art Ballbesitzspiel verpasst. Als zentraler Spieler vor der Abwehr und als Startpunkt des Schalker Pentagons hatte er nahezu alle Spieler als Anspielstation zur Verfügung (Details). Das lief prima. Eine Zeitlang. Denn schon Ende November/Anfang Dezember war das ganze entschlüsselt und entzaubert. Wenn der Gegner dem Meyer einen Spieler auf die Schuhe stellt, läuft bei Schalke plötzlich so überhaupt gar nix mehr. Darauf hat Tedesco keine Antwort gefunden und letztlich war die Wichtigkeit von Meyer für Schalke damit auch schon vor der Rückrunde eigentlich wieder vorbei.

Nun ist Rudy deutlich besser als Meyer darin sich frei zu laufen und Gegner aus dem Spiel zu ziehen. Das Grundproblem bleibt aber auch in der aktuellen Hinrunde bestehen, wurde Rudy (oder welcher 6er auch sonst spielte) eng gedeckt wurde, war von Schalkes Offensivbemühungen nicht mehr viel übrig.

Doch plötzlich gibt’s da die Idee der Doppel-6. Dabei ist das keine klassische Aufteilung eines vertikalen und eines horizontalen Spielers, sondern zwei echte defensive Mittelfeldspieler die jeweils den Ball gut verteilen können und viel Gespür für den Raum haben.

Wenn ich als Gegner jetzt also Rudy aus dem Spiel nehme, hat Schalke immer noch Stambouli frei, der ähnliches zu leisten im Stande ist. Springe ich auf Stambouli ist Rudy plötzlich frei. Blöd. Wenn ich aber zwei Spieler opfere um beide zu sperren habe ich schon zwei Spieler gebunden, die nicht mehr mit dem Kollektiv verschieben können. Und wenn ich das aber trotzdem mache, ist es recht kompliziert für mich beide Spieler zu decken und gleichzeitig die Flügel dicht zu halten.

Berlin hat letzteres Probiert. Mit dem Ergebnis, dass Oczipka die Person mit den meisten Ballkontakten auf dem Platz war, deutlich vor den 6ern (Ozcipka 96, Rudy 65, Bentaleb 43, Stambouli 24). Das gleiche gilt natürlich für Pässe (Ozcipka 58 davon 79,3% erfolgreich, Rudy 49/85,7%, Bentaleb 35/74,3%, Stambouli 15/73,3%).

Auffällig ist, dass sich die 6er zum Teil sehr eng aneinander orientieren. Und als Tandem auch wiederrum nah an Mitspielern aufhalten. Die Räume wurden klein gehalten, so dass Schalke sich entweder in Überzahl durch die Gegner durchkombinieren konnte oder aber den Flügel wechseln und kontern. Typisch Fußball, eine alte Idee (Doppel-6) im neuen Kontext wird zum Wundermittel.

Gelegentlich zog einer der 6er mal mit nach vorne oder wich auf den Flügel aus. Das folgte aber keinem großem Plan, sondern sah sehr Situativ aus. So konnten Angriffe überladen und für mehr Druck vorne gesorgt werden. Das klappt schon ziemlich gut. Leider gab es bei der Arbeit nach hinten noch ein paar Abstimmungsprobleme, wie bereits oben beschrieben.

Was passiert da gerade auf Schalke?

Schalke macht Fortschritte im Spiel mit dem Ball. Der Versuch das ganze auf eine sichere Defensive aufzubauen hat allerdings nur so halbgut geklappt. Die Defensive war sicher, schlingert jetzt allerdings gelegentlich. Das Spiel nach vorne wirkt dabei aber viel souveräner. Räume werden enger gemacht, Angriffe schlauer vorgetragen und es gibt viel Bewegungen in den ersten Reihen. Serdar kam von der Bank und hat eine starke Vorstellung abgeliefert, Uth ist überall fabelhaft und Skryzbski war irgendwie auch überall. Tedesco implementiert ein Kombinationsspiel.

Was da gerade passiert spiegelt ein bisschen das wieder, was Halbfeldflanke schon die komplette Hinserie als Plan vermutet hat. Ob das eine Illusion war oder warum es jetzt erst passiert, ist müßig zu erörtern. Wichtig ist, dass es passiert. Schalke orientiert sich nach wie vor am Gegner, das Pressing ist noch immer elementarer Teil des Spiels, aber Schalke hat jetzt einen echten Plan Chancen zu kreieren. Die Entwicklung steht natürlich noch am Anfang, geht aber in die richtige Richtung.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

5 Kommentare

Andres · 27. Januar 2019 um 17:28

Alternativ: was zwei mal zum Ausgleich gereicht hat

Christian Weisz · 28. Januar 2019 um 09:56

Irgendwie lustig, dass Uth die Rolle spielt, von der wir in den letzten Jahren immer dachten, es gäbe sie taktisch nicht. Ball-, passsicherer, kreativer und beweglicher Offensivspieler mit Zug zum Tor. Nicht auszudenken, was alles möglich wäre, wären MM7 und Uth wären jetzt gemeinsam auf dem Platz.

RJonathan · 29. Januar 2019 um 09:48

Einen Hinweis darauf, warum das jetzt klappt, könnte die Aussage von Uth geben: man habe im Winter gut an offensiven Abläufen arbeiten können. Wenn man das umgesetzt bekommt, wird es eine starke Rückrunde.

Ich denke Tedesco und Mannschaft waren in der Hinrunde mit Umbau der Defensive, Aufbau des Offensivspieler und Dreifachbelastung einfach überfordert.

RJonathan · 29. Januar 2019 um 09:50

(es soll Offensivspiels heißen, Autokorrektur…)

Gute Ansätze gegen einen besseren Gegner. FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach, 0:2 - Halbfeldflanke · 3. Februar 2019 um 18:07

[…] Lösungen, offensiv stabile Varianten – die verbesserten Leistungen gegen Wolfsburg und Hertha konnten in Gladbach bestätigt werden. Um aber noch die Europe oder gar […]

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