Ernst Kalwitzki, Berni Klodt, Ernst Kuzorra, Stan Libuda, Paul Matzkowski, Ötte Tibulski, Adolf Urban und neuerdings auch Rudi Assauer. Nach Größen des FC Schalke 04 wurden rund um die Arena Plätze und Wege benannt. Fritz Szepan ist da nicht vertreten. Der Grund ist kein Geheimnis, aber ein komplexes Thema.

Fritz Szepan, internationaler Fußball Superstar

In einer Zeit als die britischen Inseln den Weltfußball dominierten und noch 20 Jahre bevor Schottland zu Hause das ersten Mal gegen eine Auswahl vom Festland verlor, trat die deutsche Fußballnationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel an. Vor 50.000 Menschen im nur halbvollen Ibrox Park zu Glasgow gehörten auch drei Schalker zum Aufgebot. Adolf Urban und Rudolf Gellesch wurden von Kapitän Fritz Szepan angeführt. Es war eins der ersten Spiele unter Sepp Herberger als Reichstrainer.

An diesem Nachmittag gewinnt Schottland mit 2:0, die Tore fallen aber erst spät. Die Gastgeber hatten so ihre Mühe und allein das ist für Deutschland schon eine Auszeichnung. Das Publikum war sehr angetan von der Spielweise der Deutschen. Besonders von Fritz Szepan, den die schottischen Zuschauer*innen Snowball und Saucepan rufen.

Das Spiel in Dublin gegen Irland ein paar Tage später verlief ganz ähnlich. Verloren, aber überzeugend gespielt und von Inselpublikum gefeiert. Besonders Szepan avancierte zum Star auf dieser Freundschaftsspielreise.

Bei dem Bankett in Dublin, das Deutsche und Irländer nach dem Spiel vereinte, hing der Bürgermeister dem Schalker die goldene Amtskette um den Hals: “You are allright, Blondy!”…

Theodor Krein, Die blau-weißen Fußballknappen – Der Weg des FC Schalke 04, 1948, Seite 91

Szepan wurde aber nicht nur mit der Nationalmannschaft bejubelt. Auch in Gelsenkirchen oder wenn Schalke auf die Reise ging, stand er immer wieder im Mittelpunkt. Seine Ballkontrolle, sein Raumverständnis und seine Fähigkeit, andere Spieler in Szene zu setzen, suchten ihres gleichen. In einer Zeit, in der mit 5 Stürmern gespielt wurde, perfektionierte er den Aufbau aus der Tiefe. Vergleiche verbieten sich, aber hätte es damals schon Wahlen zum Weltfußballer gegeben, er wäre sicher ein Stammgast unter den Nominierten gewesen.

Tormaschine Ernst Kuzorra, mit dessen Schwester er verheiratet war, stand gern im Rampenlicht. Szepan hingegen galt als eher schüchtern und ließ lieber den Fußball für sich sprechen. Er war der Denker, Drahtzieher und Dirigent des Schalker Kreisels, beliebt und verehrt weit über die Grenzstraße hinaus. Ein Könner, wie es nur wenige gab.

Friedrich Hermann Sczepan (1907-1974) lief 34 Mal mit der deutschen Nationalmannschaft auf, davon 30 Mal als deren Kapitän. Er spielte bei zwei Weltmeisterschaften (wurde 1934 in Italien WM-Dritter) und Olympia. Er wurde mit Schalke 6 Mal deutscher Meister und gewann einmal den Pokal (als erster Double Sieger Deutschlands). Unter Szepan qualifizierte sich der Schalker Kreisel 17 Mal zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft, fast durchgängig als Westdeutscher Meister (4 Mal, sowie je einmal als 2. und 3.), bzw. westfälischer Meister (11 Mal).

Schalke im Nationalsozialismus

Der FC Schalke 04 feierte seine größten Erfolge in der Zeit des Nationalsozialismus. Die erwähnten 11 Titel des westfälischen Meisters waren die in der Gauliga Westfalen, von den Nazis nach der Machtergreifung und Gleichschaltung gegründet. 11 Jahre bestand diese Liga, immer mit dem gleichen Meister: Schalke 04.

Mit dem Erfolg Schalkes hatten die Nazis aber allen Untersuchungen nach wenig zu tun. Den deutlichsten Einfluss auf ein Spiel von Schalke 04 hatten sie wohl im Meisterschaftsfinale 1941, als aus einer 3:0 Führung gegen Rapid Wien durch dubiose Schiedsrichterentscheidungen noch eine 3:4 Niederlage wurde.

Auch wenn Nazis und Schalke nicht eng verbunden waren, so sonnten sie sich doch gern im gegenseitigen Scheinwerferlicht und sahen zu, kein schlechtes Wort über die anderen fallen zu lassen. Opportunismus wird häufig als Motiv genannt, dass Schalke sich instrumentalisieren ließ.

All das ist recht genau dokumentiert. Der FC Schalke 04 war der erste Fußballverein in Deutschland, der die eigene Geschichte im Nationalsozialismus von objektiver Stelle öffentlich aufarbeiten ließ. Das Ergebnis ist das Buch „Zwischen Blau und Weiß liegt Grau – Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Stefan Goch, Norbert Silberbach. Unbedingte Leseempfehlung.

Fritz Szepan, Nazi Profiteur

In einer Zeit, in der Sportler*innen Amateure sein mussten, hatte Szepan eigentlich durchgehend Probleme Arbeit zu finden. Seine beruflich längste Zeit verbrachte er Mitte der 1930er bei der Stadt Gelsenkirchen. In der Stadtverwaltung wurde trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage eine Stelle extra für ihn geschaffen, mit Hinweis auf seine Leistungen als Spieler auch mit der Nationalmannschaft.

Nach etwa 3½ Jahren kündigte er aber bei der Stadt und übernahm kurz später ein Textilgeschäft. Seine Frau Elise Szepan, geborene Kuzorra, trat offiziell als Eigentümerin auf, geführt wurde das Geschäft aber von Fußballstar Fritz. Die 7.000 Reichsmark zum Kauf konnte Familie Szepan nur mit Hilfe aus dem Schalker Umfeld stemmen. Besonders die Eigentümer des Ladenlokals, sowie der Büros und Wohnräume darüber, die Thiemeyer Erben, spielten hier eine große Rolle.

Der Kaufbetrag deckte lediglich den Einkaufswert der Waren ab, das Einkommen der Familie Szepan verzehnfachte sich in der Folge. Sie führten das Kaufhaus Szepan am Schalker Markt auch nach dem Wiederaufbau bis 1972 weiter. Nach der Befreiung endete ein Rückerstattungsverfahren mit einem Vergleich. Eingestanden, vom Nationalsozialismus profitiert zu haben, hat Szepan nie.

Fritz Szepan unterschied sich von der großen Mehrheit der übrigen Schalker Fußballspieler seiner Zeit dadurch, dass er sich mehrfach in unterschiedlicher Weise in seinem Lebensbereich zum Nationalsozialismus bekannte. […] Ob sich Fritz Szepan aus politischer Überzeugung oder aus Opportunismus so verhielt, kann nicht abschließend beurteilt werden.

Stefan Goch, Norbert Silberbach, Zwischen Blau und Weiß liegt Grau – Der FC Schalke 04 im Nationalsozialismus, 2005, Seite 210

Am 5. November 1938 übernahm Fritz Szepan offiziell das Kaufhaus Julius Rode und Co., bis dahin geführt von Sally Meyer und Julie Lichtmann, beide jüdischen Glaubens. „Arisierung“ nannten die Nazis die Enteignung von jüdischen Geschäften damals. Menschen der jüdischen Gemeinschaft  wurden von vielen Seiten systematisch unter Druck gesetzt und zur Aufgabe ihrer Geschäfte genötigt. Das war Szepan auch damals schon bekannt.

Sally Meyer und seine Schwägerin Julie Lichtmann wohnten mit ihren Familien im gleichen Haus am Schalker Markt 9, wo sich auch besagtes Textilgeschäft befand. Im Herbst 1939 wurden sie in ein sogenanntes „Judenhaus“ eingewiesen und im Januar 1942 deportiert. Sie wurden nach Riga gebracht und kamen nie wieder zurück.

Die Stolpersteine von Sally Meyer und seiner Ehefrau, Julie Lichtmann und ihrer Tochter liegen da, wo deren Geschäft mal war. Das Bild ist von der Schalker Fan Ini, welche die Steine regelmäßig putzt. Vielen Dank.

Zwei Seiten

Auf der einen Seite war Fritz Szepan ein herausragender Könner seines Fachs, anerkannt und gefeiert wie kaum ein anderer seiner Zeit. Auf der anderen Seite hat er sich menschenverachtender Gräueltaten mitschuldig gemacht, indem er sie zumindest toleriert und von ihnen profitiert hat. Wie sollen wir damit umgehen?

Wenn wir den Fokus jeweils nur auf eine der beiden Seiten legen, haben wir zwei Alternativen, die beide zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen. Ein Dilemma. Oft wird dann der Weg gewählt, der etwas weniger weh tut. Mir persönlich ist das aber zu einfach. Und das hier wäre nicht Halbfeldflanke, wenn wir nicht auch über Theorien und Lösungsansätze diskutieren würden.

Gucken wir also mal genauer hin und fangen beim Dilemma an, also der Wahl aus zwei Möglichkeiten, die beide nicht sonderlich verlockend scheinen.

Moralisches Dilemma

Das Trolley-Problem der britischen Philosophin Philippa Ruth Foot ist hier vermutlich das berühmteste Gedankenexperiment. Es geht so: Eine Straßenbahn fährt ungebremst auf eine Menschengruppe zu. Du stehst an der Weiche und kannst die Bahn umlenken, allerdings steht auf dem Ausweichgleis auch eine Person. Was tust du?

Von diesem sogenannten Weichenstellerfall gibt es verschiedene Versionen. Letztlich kommt es immer aufs Gleiche raus: Nicht handeln und eine große Anzahl an Menschen sterben lassen oder handeln und eine kleinere Anzahl an Menschen sterben lassen? Beides schlecht. Ein moralisches Dilemma.

Moralisch kann das Individuum da nicht gewinnen. Darum wird oft die Ethik bemüht, damit Einzelpersonen Handlungsschranken definiert haben, die Orientierungshilfen bieten. Es geht also um das eigene Handeln. Moral wird meist auf einzelne bezogen und Ethik auf eine Gruppe oder Gesellschaft.

Ethik

In der Ethik wird seit je her versucht, bei der Einordnung von richtig und falsch zu helfen. Immanuel Kant hat sich als erster Philosoph seit der Antike von der Kirche losgesagt, das Individuum in die Pflicht genommen und damit die moderne Ethik begründet. Es geht ihm um die Beurteilung des Handelns und den Einfluss dessen auf die Gemeinschaft. Das Grundlegende Prinzip ist hier der kategorische Imperativ:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Der kategorische Imperativ in seiner Grundform

Als Kritik darauf gründeten sich verschiedene andere Ansätze der modernen Ethik, die im Kern noch oft auf Kants Überlegungen beruhen, sich aber in bestimmten Ansichten davon abgrenzen. Ganz explizit geht es in der Ethik meist um die Maxime (also den Leitsatz) des Handelns und eben nicht nur um das Handeln selbst. Spätestens hier wird deutlich, dass Opportunismus ethisch verwerflich ist. Eine Benachteiligung anderer zu billigen, mit eigenem Profit im Sinn, steht im ethischen Verständnis der aktiven Benachteiligung in nichts nach.

Faktor Kontext

Unwissenheit spielt bei der Bewertung immer eine entscheidende Rolle. Und Kulturen, bzw. deren Ethiken, verändern sich mit der Zeit. Darum ist bei der Beurteilung historischer Figuren, bzw. deren Handlungen, der zeitgeschichtliche Zusammenhang ein wichtiger Faktor.

Vor 200 Jahren, war es etwa gesellschaftlich anerkannt, dass Frauen Männern intellektuell unterlegen seien. Heute wissen wir, dass das natürlich kompletter Unsinn ist. Entsprechend wirken selbst Aussagen weltoffener Menschen von damals heute stark sexistisch. Context matters. Beispiele gefällig?

Astrid Lindgren erzählt von Pippi Langstrumpf, Mark Twain von Huckleberry Finn. In beiden Geschichten geht es um junge Menschen, die ihre Umwelt in Zweifel stellen. In beiden werden Begriffe verwand, die aus heutiger Sicht rassistisch sind, damals aber zum normalen Sprachgebrauch gehörten. Sind diese Werke, bzw. deren Autorin und Autor, deshalb rassistisch? Oder sind sie lediglich von der gesellschaftlichen Entwicklung eingeholt worden?

Schlagen wir die Brücke zurück zu Szepan. In Deutschland unter der Führung der Nazis, war offener Antisemitismus Normalität. Allerdings war auch allen klar, wenn die Gestapo nachts die Nachbarn abgeholt hat, dass nichts Gutes mit ihnen passiert.  Es war den Menschen durchaus bewusst, sich moralisch falsch zu verhalten. Schließlich war es ein Werkzeug der Nazis, alle zu Mittätern zu machen.

Als Fritz Szepan das Textilgeschäft für kleines Geld kaufte, war ihm bewusst, dass andere benachteiligt werden. Er hat es trotzdem getan.

Aber die anderen…

Fritz Szepan ist ein sehr extremes Beispiel für ein Phänomen, dass praktisch alltäglich ist. Ohne ihn dadurch irgendwie relativieren zu wollen, ist es gut sich auch andere Fälle bewusst zu machen. Also gucken wir uns mal um. Ghandi hat die Rassentrennung in Südafrika während der Apartheid unterstützt. Picasso hat Frauen unter den Augen der Öffentlichkeit belästigt. Einstein die Atombombe ermöglicht und deren Bau vorangetrieben.

Aber bleiben wir ruhig beim Fußball. Die Vergewaltigungsvorwürfe  gegen Cristiano Ronaldo wurden öffentlich kaum diskutiert. Ebenso wie die Football Leaks Veröffentlichungen  oder das Thema Doping im Allgemeinen meist zu Randthemen verkommen. Ethische Verfehlungen von praktisch allen Fußballverbänden finden kaum Gehör und werden praktisch nie abschließend geklärt. Ein Musterbeispiel dafür ist die Vergabe der WM 2006 in Deutschland. Oder sowohl der Champions League Bann gegen Manchster City, als auch dessen Rücknahme.

Die Menschen sind gewillt lieber wegzusehen, als sich mit den tatsächlichen Problemen zu beschäftigen. Sie wollen einfach nur Fußball sehen, heißt es oft. Der Fußball soll nicht politisch sein, kommt dann auch gern. Natürlich völliger Quatsch, die Idee vom ‚nicht politisch sein‘ an sich ist bereits ein Zeichen von Überprivilegiertheit und ein klares politisches Statement.

Letztlich hängen wir da wieder in einem Dilemma. Einerseits gibt es viele Probleme, andererseits erfreue ich mich aber am Spiel. Und wieder nehmen wir den Weg des geringsten Widerstands, also das, was weniger weh tut. Besonders denen mit Macht. Schön zu sehen etwa in der Corona Krise im Frühjahr 2020, als die Fortführung der Bundesliga plötzlich mit höherer Priorität und Geschwindigkeit behandelt wurde, als jede andere Industrie (etwa Tourismus) oder sogar Familien (etwa Kinderbetreuung).

Heldenepos neu denken

Besonders auffällig bei diesen Beispielen ist die Glorifizierung, häufig von Einzelpersonen. Jemand oder etwas wird derartig überhöht, dass sich Zweifel praktisch verbieten. Die Nazis nutzten solche Überhöhungen von Beginn an zur propagandistischen Verbreitung Ihrer Ideologie. So ließen sich auch Kuzorra und Szepan in den Mittelpunkt stellen. Und das, obwohl gerade der Schalker Kreisel für Mannschaftsleistung stand wie kaum ein anderes Team seiner Zeit.

Aber das ist natürlich damals schon nicht neu und geschichtlich erst recht keine Ausnahme gewesen. Alle wissen, dass Neil Armstrong der erste Mann auf dem Mond war. Dass das aber natürlich keine Einzelleistung ist, interessiert eigentlich niemanden so recht. Gefeiert wird der Held, die Heldin; freundlich applaudiert, wenn sie in der Dankesrede aufs Team verweisen.

Unsere Städte wimmeln nur so von Denkmälern von irgendwelchen Persönlichkeiten. Die meisten nehmen wir gar nicht wahr. In vielen deutschen Städten gibt es etwa ein Jahnstadion, oft ein kleiner alter Sportplatz. Friedrich Ludwig Jahn (ich trage übrigens den gleichen Nachnamen) hat schließlich das Turnen erfunden. Allerdings wollte der „Turnvater“ Jahn damit ein starkes Militär aufbauen, um den gehassten Feind zu bekämpfen. Er war Antisemit und Nationalist. Eigentlich verkörpert er also das Gegenteil dessen, wofür Sport in unserer Gesellschaft heute steht.

Grund genug das ganze mal zu überdenken. Nur ist der Mensch ja ein Gewohnheitstier. Also bleibt alles erstmal wie es ist. Bis plötzlich, zum Erstaunen vieler, im Rahmen der Black Lives Matter Proteste Statuen abgerissen wurden.

Oft wird dabei übersehen, dass das eigentliche Problem schon lange besteht und eigentlich bekannt ist, nur eben von vielen gern ignoriert wird. Als das NFL Team aus Washington sich im Sommer 2020 vom Namen „Redskins“ trennte war ich überrascht, endlich. Seit Mitte der 1990er verfolge ich American Football und gefühlt ebenso lang kenne ich die Diskussion um den Namen. Es wird trotzdem für viele plötzlich sein.

Personenkult vs Leistungsbewertung

Heldenverehrung oder Personenkult ist dabei immer auch ein Problem für uns selbst. Wir erfinden implizit eine Kunstfigur, die keiner Realität gerecht werden kann. Daran orientieren wir uns aber als Zielbild. Da sind Probleme vorprogrammiert. Kleinere Eigenschaften bei uns selbst oder bei anderen stoßen dann um so schneller auf Ablehnung, wenn sie nicht in das Idealbild passen.

Was fehlt ist die Anerkennung, dass alle unterschiedlich sind und niemand perfekt. Wir flüchten uns in Ausreden, statt uns mit uns selbst und unseren eigenen Entwicklung beschäftigen zu wollen. Dafür müssten wir aber auch mal hinter die Kulissen gucken und ertragen, uns auch mal geirrt zu haben. Und lernen unsere Ansichten regelmäßig zu überprüfen und zu revidieren. Die Person, die wirklich anbetungswürdig ist, gibt nämlich nicht. Moralisch einwandfrei ist weder realistisch, noch kann es wirklich das Ziel sein.

Wachstum durch Diskussion

Menschen wollen wachsen und besser werden, schlauer. Das gilt für alle, individuell, aber auch für uns als Gesellschaft. Und die entwickelt sich nun mal. Moralisch einwandfrei vor 100 Jahren ist heute moralisch höchst zweifelhaft. Darauf sollten wir stolz sein. Und wir sollten daran arbeiten, dass die Menschen in 100 Jahren das gleiche behaupten können.

Dafür müssen wir aber auch diskutieren lernen. Wir müssen anerkennen, dass manche Menschen in der Lage sind etwas zu tun, dem wir nacheifern oder das wir feiern. Gleichzeitig haben viele solcher Menschen aber auch Dinge getan, die verabscheuungswürdig sind. Das sind eben keine zwei verschiedenen Themen, die immer nur isoliert voneinander betrachtet werden sollten, sondern zwei Facetten ein und derselben Person. Wenn wir aber eins von beidem ständig ausblenden, machen wir uns selbst zu Opportunisten, weil wir der Einfachheit halber nur die halbe Geschichte erzählen.

Hannah Arendt war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der politischen Philosophie im 20. Jahrhundert und selbst als Jüdin vor den Nazis geflüchtet. Sie setzte sich intensiv mit Macht und dem Bösen auseinander. Und immer wieder kam sie zu dem Schluss, dass der offene und gut informierte Diskurs entscheidend ist. Dafür müssen wir aktiv handeln, statt nur passiv zu folgen.

Als Bürger müssen wir schlechte Taten verhindern, weil es um die Welt geht, in der wir alle leben, der Übeltäter, das Opfer und die Zuschauer.

Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, 1998, Seite 181.

Was tun?

Also lasst uns doch aktiv hinter die Kulissen schauen. Ich fände es gut, wenn wir uns jede einzelne Statue, jede Straße, jeden Sportplatz, alles was nach irgendwem benannt wurde, mal genau ansehen. Und im Zweifel: Weg damit. Keine Angst, das sind nur Steine. Und die Umbenennung von Straßen o.ä. tut auch gar nicht so weh. Solche Namen sind von uns verliehen worden, wir können sie auch wieder wegnehmen.

Vorbilder nach aktuellen moralischen Standards gibt es genug, an Namensgeber*innen und Motiven mangelt es ganz sicher nicht. Gleichzeitig sollten wir uns mehr mit dem auseinandersetzen, wer die Leute so waren deren Namen unser Umfeld prägt. Aufklärung ist das Stichwort. Lernen und Diskutieren.

Womit wir wieder bei Fritz Szepan sind. Ich sage: Baut ihm ein Monument. Eins, das uns und alle anderen grübeln lässt. Eins, das uns erkennen hilft, dass das was wir feiern und das, wofür wir uns schämen, oft ganz nah beieinander liegt. Eins, das uns dazu auffordert, die Dinge differenzierter zu sehen.

Ein Schalke Mahnmal, das alle immer daran erinnert: Wir haben auch Dreck am Stecken. Eins, das uns deutlich macht, dass der vielleicht herausragendste Fußballspieler, der je ein Schalker Trikot überstreifte, der, mit dem wir so viele Erfolge feierten und immer noch feiern, auch ein Nazi-Profiteur war und sich schrecklicher Verbrechen gegen die Menschheit mitschuldig gemacht hat. Und immer, wenn wir den Namen Fritz Szepan hören, sollten wir auch an Julie Lichtmann, Sally Meyer und deren Familien denken.

Es soll allen klar sein, dass einer von uns eben auch mal einer von denen war. Und sowas soll sich niemals wiederholen. Dafür müssen wir es diskutieren. Immer wieder neu.


An diesem Text grübele ich seit über 5 Jahren. Er liegt mir sehr am Herzen. Allein hätte ich ihn aber niemals stemmen können. Allen, die mit mir mal über dieses Thema oder über die Personalie Fritz Szepan gesprochen haben, gebührt Dank. Ihr alle habt dabei geholfen meine Ansichten zu überdenken und zu schärfen. Immer wieder neu.

Besonders herausheben möchte ich dabei Sarita Fae Jarmack, die nicht müde wurde immer wieder einzelne Facetten mit mir auszudiskutieren.

Vielen Dank auch an Annika Becker, Alex Feuerherdt und Mark Hann für wertvollen Input und Feedback zu Vorversionen.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

7 Kommentare

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Jakob · 4. August 2020 um 15:06

Cooler und wichtiger Artikel, danke!

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Maddo · 6. August 2020 um 11:52

Bei Wikipedia steht’s andersherum, (Elise Kuzorra, geborene Szepan): “Kuzorra heiratete zudem Szepans Schwester Elise.”
https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Szepan

    Karsten

    Karsten · 6. August 2020 um 12:30

    Oh, tatsächlich. Interessant. Im Buch “Zwischen Blau und Weiß liegt Grau” wird unter anderem aus den Protokollen des Entnazifizierungsverfahrens zitiert (S. 176): “Elisabeth Szepan geb. Kuzorra”
    Aber danke für den Hinweis, werde das direkt mal bei Wikipedia berichtigen.

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Markus Tecza · 11. August 2020 um 08:08

Hallo Karsten,

ich finde diesen Beitrag wunderbar. Bei all diesem Hype um Fussball heutzutage kommen Gedanken, die über mehr als einen Tag reflektieren, leider zu kurz. Und dieses Thema ist auch nicht kurzfristig lösbar sondern man muss sich länger damit auseinandersetzen für eine Schlussfoltwie die deine. Ich finde deinen Lösungsvorschlag sehr gut, Aufklärunh schafft Diskussionsraum, und den sollten alle Fans wie auch das Fussball-Establishment gefälligst nutzen … und wenns nur der Weiterbildung dient.

Ich freue mich auf weitere Posts dieser Art!

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Juwie · 21. August 2020 um 12:03

Hätte nicht erwartet, dass ich hier einen so philosophischen Text zu einem so schwierigen Thema lesen würde. Super! Vielen Dank dafür und meine ehrliche Anerkennung dazu. Man merkt, dass Du Dir lange und tiefgehende Gedanken dazu gemacht hast. Ich hab’ das Gefühl, Du könntest Bücher dazu füllen. Und toll, dass Du beweist, dass man neben einer Leidenschaft für Fußball auch ganz andere Gedanken im Kopf haben kann.

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    ES · 18. September 2020 um 12:52

    Schöner Beitrag. Szepan gäbe sicher eine erstklassige Romanfigur (oder Netflix-Serie) ab mit dieser Widersprüchlichkeit. Dass sich da noch niemand rangemacht hat!

    Szepan und seine Familie waren als ostpreußische Einwanderer („Polacken“) sicher selbst zahlreichen Diskriminierungen von Kindheit an ausgesetzt. Wie in anderen Bereichen auch, haben die Nationalsozialisten noch einmal massiv nachgesetzt und ostpreußisches Kultur- und Vereinsleben massiv und gewaltsam unterdrückt. Was dann zu der Nachkriegsmär geführt hat, die polnischen Einwanderer hätten sich viel leichter integriert als zum Beispiel die späteren Gastarbeiter. Der Reflex, sich bei anderen unterdrückten Minderheiten „nach unten hin“ abzugrenzen, um damit selbst zugehöriger zu werden, ist dann ja auch nicht originell von Szepan erfunden, und auch heute zu beobachten.

    So wenig in der Tat die Schalker von irgendeiner Unterstützung durch die Nationalsozialisten profitiert haben, so wenig kann bezweifelt werden, dass einem möglichen Konkurrenten der Dreißigerjahre, dem Meister von 1932 FC Bayern München, wegen dessen jüdischer Führung massiv geschadet wurde.

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Malaoshi.04 · 25. August 2020 um 19:47

Vielen Dank, Karsten, für diesen überragenden Text. So wichtig und überaus anregend, aktuell wie eh und je. Ich mag den Facettenreichtum und diese Tiefgründigkeit. Gedanken dazu geistern mir schon lange durch den Kopf… Du bringst es toll auf den Punkt. Was tun – ich bin dabei! Glückauf

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