Schalke hat nun endlich seinen ersten externen Neuzugang verpflichtet und sich in der Saisonvorbereitung durch fünf Testspiele gekämpft. Am Ende der Woche steht das erste Pflichtspiel an. Was sonst noch passiert ist und wie ich das gezeigte bewertet, hab ich im Rasenfunk-Forum zusammengeschrieben. Und für Euch hier nochmal aufbereitet:

Kaderveränderungen

Außer der ablösefreien Verpflichtung von Vedad Ibisevic besteht der Kader eigentlich nur aus Kräften, die schon letzte Saison zu Verfügung gestanden hatten. Fährmann, Uth, Rudy, Bentaleb, Skrzybski und Mendyl kehrten aus ihren Leihen zurück und die Jugendspieler Bozdogan und Thiaw bekamen schon Ende der Rückrunde ihre ersten Einsatzminuten.

Auf der anderen Seite sind einige wichtige Stützen unter den Abgängen zu verbuchen. McKennie wurde zu Juventus ausgeliehen und dabei eine erfolgsabhängige Kaufpflicht vereinbart. Außerdem verließen Nübel und Caligiuri den Verein zum Vertragsende ablösefrei.

Dazu kam, dass die Leihen von Kenny, Gregoritsch, Todibo und Miranda endeten. Zumindest ersterer hatte ebenfalls zum Stammpersonal der letzten Saison gehört.

Passiert noch was?

Wagner verkündete zuletzt, dass kein weiterer Neuzugang finanzierbar sei. Zumindest solange keine nennenswerten Transfereinnahmen generiert werden. Das bisherige Transferplus – die Leihgebühr für Weston McKennie – muss wohl zur Deckung der laufenden Kosten verwendet werden.

Die Wünsche nach einem Zielspieler im Sturm und einem gestandenen Rechtsverteidiger bleiben also voraussichtlich unerfüllt. Auch war Schalke wohl lange an einem Upgrade im Tor interessiert. Aber in der momentanen finanziellen Lage, so scheint es, könnte man sich kaum auch nur das Gehalt eines Leihspielers leisten.

Keine Schwärmereien

Das Team ist gut genug für den Nichtabstieg, reicht aber natürlich nicht an das heran, was Schalker Teams der vergangener Jahre im Ligavergleich darstellten. Noch immer sind zahlreiche Talente zu finden. Diesen stehen aber eben oft noch am Anfang ihrer Entwicklung zu potentiellen Topspieler.

Vor allem ist der Kader aber unausgeglichen – auf einzelnen Positionen gleich mehrfach im Bundesligavergleich top besetzt, anderswo kaum erstligareif, mit Spielern auf ihren Zweit- bzw. Drittpositionen oder ohne gestandene Alternativen. Beispielsweise wird Rudy als Rechtsverteidiger eingeplant, also weit ab seiner angestammten Rolle und außerdem ohne nennenswerten Ersatz.

Die offensiven Flügel sind, wie schon oft in den Jahre zuvor, chronisch unterbesetzt, aber jetzt kommt dazu, dass auch in der Defensive kaum ausreichend Personal auf außen vorhanden ist. Beide Torhüter haben eine erfolg- und weitgehend einsatzlose Saison hinter sich. Und im Sturm fehlt den meisten Schalkefans noch immer der Spieler, der über zehn Ligatore garantiert.

Positive Lichtblicke

Kleinere Kaderlücken waren aber auch schon in den vergangenen Jahren immer Voraussetzung dafür, dass Jugendspieler den Sprung ins Profiteam schaffen. Sanés Durchbruch kam nicht zufällig genau dann, als Farfan und vor allem Draxler kurzfristig ohne Ersatz verkauft wurden, Kehrer bekam seinen Stammplatz erst nach Höwedes’ Abgang und McKennie hat sicherlich mehr Einsatzzeiten bekommen, als bei einem Goretzka-Verbleib denkbar gewesen wären. Die mometanen Lücken sind aber zu groß, um sie sich damit noch schönreden zu können.

Ich persönlich freue mich, dass Schalke sich endlich mal ordentlich bemühen muss, schwierige Charaktere und unlieb gewordene Spieler zu (re-)integrieren. Vor Heidel war es zu einer kostspieligen Unsitte geworden, Topverdiener Jahre vor ihrem Vertragsende wegen Undiszipliniertheiten zu suspendieren – ohne Chance auf Wiedergutmachung – und auf den Gehältern und gezahlten Ablösen sitzen zu bleiben. Albert Streit, Sidney Sam und Kevin-Prince Boateng seien hier mal als Beispiele genannt.

Zwischenzeitlich schien sich das Ganze gebessert zu haben, Yevhen Konoplyanka und Nabil Bentaleb bekamen beispielsweise eine zweite Chance gewährt. Zuletzt schlug Schneider aber wieder in die alte Kerbe und verbannte Hamza Mendyl und Nabil Bentaleb in die U23. (Der neue Trainer Wagner bekam diese Spieler letzten Sommer angeblich nicht mal zu Gesicht um eine eigene Entscheidung treffen zu können.) Aber auch Sebastian Rudy schien chancenlos, ehe alle Drei verliehen wurden.

Der Spielstil in der Vorbereitung

Zu Beginn der Vorbereitung gab es nur altbekanntes zu sehen, ein 4-4-2 mit Raute. Karsten vermutete dahinter den Plan, möglichst großen Erkenntnisgewinn über die Spieler zu erlangen, indem möglichst viele einflussgebende Variablen im Spiel konstant gehalten werden. Und tatsächlich zeigte sich Schalke zum Ende der Vorbereitung deutlich anders.

Allerdings lief die Vorbereitung im Ganzen alles andere als optimal. Wegen eines positiven Corona-Tests im Trainingslager mussten ganze drei Testspiele abgesagt werden (Würzburg, Viktoria Köln, sowie der zweite Gegner neben Aris Saloniki beim geplanten Doppeltest). Zu den nach Verletzung im Aufbau befindlichen Spielern Sané und Mascarell kam der zwischenzeitliche Ausfall der “Kontaktgruppe 1” – Schubert, Langer, Schöpf, Raman und Burgstaller. Die Trainerentscheidung um die Torwartposition wurde Wagner dadurch wohl abgenommen.

Die Erkenntnisse für Außenstehende sind daher ziemlich schmal. Gegen den Ballbesitz fand Schalke zuletzt gegen Bochum und in geringerem Maße gegen Aris Saloniki zu alter Pressingstärke zurück, störte früh und stand hoch in einem 4-4-2. Das Spiel scheint noch immer primär auf Umschaltmomente ausgelegt, auf Gegenpressing nach Ballverlusten und direkte Konter nach Ballgewinnen.

Im Ballbesitz rückten die Außenverteidiger wieder weit auf und die offensiven Flügelspieler mit in Richtung Zentrum ein. Einer der beiden Sechser ließ sich zum Aufbau zwischen die Innenverteidiger fallen, in vorderster Linie stürmte eine Doppelspitze. Insgesamt wurde deutlich Wert darauf gelegt, das Pressing des Gegners in dieser Dreieraufbaureihe und unter stärkerer Einbeziehung des Torhüters zu umspielen. Die Offensive zeichnete sich durch große Fluidität aus und konnte so der Zuordnung des Gegners immer wieder entgehen.

Warum sich das aber auch alles noch ändern kann

Der gezeigte Spielstil richtete sich aber sicherlich auch stark am vorhandenen Personal aus: Stambouli, Kabak und Thiaw bringen die nötige Pressingresistenz und das starke Passspiel mit, um diesen Aufbau betreiben zu können. Uth stach durch starke Leistungen heraus und befindet sich als Stürmer bekanntermaßen häufiger im Kombinationsspiel in tieferen Räumen. Harit auf links Außen zog schon immer eher im Dribbling Richtung Strafraum, als im Sprint dem Ball hinterher zur Grundlinie. Und überhaupt bot sich ein Flankenfokus wenig an, wo in der Mitte doch Raman, Skrzybski und Uth, statt etwa Ibisevic, McKennie und Burgstaller zu finden waren.

Der Plan scheint erneut zu sein, das beste Pressingteam der Liga zu werden. Die Schwächen bleiben also auch die gleichen. Wie man gegen tiefstehende Gegner bei Rückstand oder nach dem Ausfall mehrerer Schlüsselspieler agiert, wird sich zeigen. Letztlich spiegeln Kader und Spielweise aber nur die gesund geschrumpften Ansprüche wieder. Für finanzielle Konsolidierung und gesichertes Bundesligamittelfeld sind keine Weltstar-Verpflichtungen und herausragender Ballbesitzfußball notwendig.

Hier noch eine persönliche Bitte: Bitte bringt nicht zum x-ten Mal die alte Leier, dass das ja wohl nicht der Anspruch von Schalke sein darf. Nein, genau dieses maßlose Anspruchdenken zuwider jeder fußballerischen und finanziellen Realität über Jahre, das kann ich einfach nicht mehr hören. Viele Schalkefans haben das meines Erachtens längst kapiert, aber eben bei weitem noch nicht Alle.

Das Auftaktprogramm

Schweinfurt (Pokal), FCB, SVW, RaBa, FCU, BVB, VfB, M05, VfL, BMG, LEV

Die Top drei der letzten Saison an den ersten fünf Spieltagen und allesamt auswärts. Sechs von sieben der internationalen Vertreter in den ersten zehn Ligaspielen. Uff. Ein schwereres Auftaktprogramm ist kaum denkbar. Und dann diese undankbare Auslosung im DFB-Pokal, bei der der Gegner erst seit Samstag Abend feststeht, wodurch also nur eine Woche Vorbereitungszeit bleibt. Zumindest hat Schweinfurt das Heimrecht an uns abgetreten.

Selbst wenn Wagner nicht schon in Teilen der Fansszene der Rauswurf gewünscht werden würde, wäre es schwer für einen jeden Trainer überhaupt bis Dezember im Amt zu bleiben. Obwohl ein Coach mit Erfahrung in England eigentlich ein absoluter Glücksfall für diese Saison ohne Winterpause ist.

So könnte jetzt jedes glückliche Tor oder jede unglückliche Schiedsrichterentscheidung die komplette Saison vorherbestimmen, wie es die letzten Jahre ja mehrfach geschehen. Die fünf Niederlagen zum Auftakt unter Weinzierl und zwei Jahre später nochmals unter Tedesco. Wagners überraschend starker Start und dabei aber das mehrmalige Verpassen der Tabellenspitze. Die noch immer laufende Serie von 16 Spielen ohne Sieg. Solche Narrative verfangen und manifestieren sich zunehmend, werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Und was gab’s sonst noch?

Wo soll man hier eigentlich anfangen? Finanzvorstand Peters und Aufsichtsratsvorsitzender Tönnies sind zurückgetreten, Ersterer ist noch ohne Nachfolger. Schalkes jahrzehntelanges Leben über den Verhältnissen rächt sich. Die Coronakrise wirkt dabei nur als Verstärker für die schon lange vorhandenen Probleme.

Als finanzielle Gegenmaßnahme wurde eine Gehaltsobergrenze beschlossen. Diese gilt wohl nur für Neuzugänge und auch nur für das Grundgehalt, erfolgsabhängig Boni kommen also obendrauf. Diese Maßnahme scheint vor allem dazu gedacht, den finanziellen Schaden bei Transfer-Missverständnissen zu minimieren, aber immer noch genügend Verhandlungsspielraum zu behalten, um auch Toptalente verpflichten zu können.

Dazu passend wurde aggressiv ein Fokus auf talentierte Jugendspieler, Vereinsidentifikation und finanzielle Nachhaltigkeit propagiert. Nur logisch also, dass eine Verpflichtung von Schwolow zulasten von Vereinsikone Fährmann und U21 Nationaltorwart Schubert ohne vorherige Transfereinnahmen nicht zu Stande kam. Ibisevics Verpflichtung ist hingegen zumindest aus finanziellen Gesichtspunkten unanfechtbar und bringt dringend benötigte Erfahrung, für das jüngste Team der Vorsaison.

Am Trainer wird – für Viele überrschend – festgehalten. Inwieweit aus Überzeugung und in welchem Maße die finanzielle Not beigetragen hat, wird sich zeigen. Die Reintegration der zuletzt aussortierten Leihspieler war genauso finanzielle Notwendigkeit und birgt ebenso enormes Konfliktpotenzial.

Im Betreuerstab wurde erneut massiv Personal erneuert, um einer Verletzungsmisere, wie mehrfach gesehen in den letzten Jahren, vorzubeugen. Dr. Andreas Schlumberger wurde Leiter Fitness und Prävention, eine neu geschaffene Position. Mit Werner Leuthard und Quirin Löppert wurde ein neues Athletiktrainerteam verpflichtet. Außerdem kam Dr. Wiebke-Maria Schlusemann als neue Ernährungsberaterin.

Veränderungen im Verein

Schalke kommt endlich im aktuellen Jahrtausend an und hat diesen Sommer die längst überfällige Fußballfrauenabteilung gegründet. Schön, dass dabei in der untersten Liga angefangen wird und nicht ein Club aus der Region assimiliert wurde. Allerdings sucht man auf der Vereinshomepage bisher vergeblich nach der neuen Abteilung. Dringender Verbesserungsbedarf!

Noch immer wird eine Ausgliederung thematisiert, allerdings ist seit Neuestem von der Gesellschaftsform der eingetragenen Genossenschaft die Rede. Die Vereinsmitglieder könnten sich damit wohl eher arrangieren. Eine Investitionsmöglichkeit wäre damit gegeben, aber auch die finanzstärksten Investoren hätten als Genossenschaftsmitglieder nur eine Stimme, ihr Einfluss wäre also zumindest etwas reduziert.

In der Coronakrise soll dies aber nicht geschehen. Momentan hat man ja sowieso erstmal das Problem zu bearbeiten, wie die jährliche Mitgliederversammlung überhaupt stattfinden soll. Der Ehrenrat umfasst noch immer nur vier Mitglieder und nächste Woche jährt sich bereits der Rücktritt von Kornelia Toporzysek wegen der rassistischen Äußerung Tönnies’ und des vereinsseitigen Umgangs damit.

Steine und Beine abseits der Profis

Die Umbauarbeiten am Trainingsgelände laufen indes weiter voran. Einen Abbruch des Projektes “Berger Feld 2” durch die Coronakrise gab es also nicht. Mittlerweile ist das alte Parkstadion nach Rückbau zur Spielstätte der U23 geworden.

Zuletzt soll nicht unerwähnt bleiben, dass es im Nachwuchs einiges an Transfers gab. Das Scouting im Profibereich wurde scharf kritisiert, weil Ibisevic und die gerüchtelten Schwolow, Kolasinac und Kenny als offensichtliche und wenig inspririerte Ziele für Transfers galten, von denen zu allem Überfluss bisher nur Einer realisiert wurde.

In den Jugendmannschaften hingegen gab es einige Verpflichtungen aus verschiedensten Teilen der Welt. Unsere Nachwuchsarbeit genießt noch immer ihren guten Ruf und stopft die ein oder andere Lücke im Profikader. Und darauf wird Schalke beim aktuellen Kurs wohl noch länger angewiesen sein.

Kategorien: Spiel & SpielerVorbericht

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Philip

Da er im kleinstädtischen Thüringen aufwuchs, gab es für Philip ab der Grundschulzeit eigentlich nur die Entscheidung zwischen FCB und BVB - er tendierte zu letzteren, denn die Bayernanhänger waren schon damals unerträglich charakterlose Erfolgsfans. Doch glücklicherweise nahmen die Verwandten aus dem Sauerland noch rechtzeitig Einfluss und so wurde er doch Schalker. Intensiv mit seinem Verein beschäftigt er sich seit 2014, über Rasenfunk und Königsblog stolperte er schließlich immer wieder über diese komische Halbfeldflanke und begann Gefallen an der analytischen Zerlegerei zu finden. 2019 durfte er sich schließlich selbst mal ausprobieren.

2 Kommentare

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Lukas · 8. September 2020 um 12:21

Keine Verpflichtung eines RV´s und die Tatsache, dass Rudy diese Position nun übernimmt, finde ich symbolisch für die aktuelle Situation des Vereins und ein Spiel mit dem Feuer.

Das Problem – und das seit einigen Jahren, ist doch, dass wir einfach mit dem Ball nichts anfangen können. Man hofft Tore aus Standards erzielen zukönnen oder irgendwie anders zu einem erfolgreichen Torabschluss zukommen. Jeder Gegner hat sich mittlerweile auf uns eingestellt und weiß, dass wir mit dem Ball überfordert sind. Und dann passiert das, was meistens passiert: Wir laufen einem Rückstand hinterher. Es fehlen einfach Spieler, die das Spiel machen wollen und natürlich auch ein Trainer, der die Marschroute auf dem Feld vorgeben möchte. Das ständige Gespresse führt in den wenigsten Situationen zu etwas. Jeder Stürmer, Sogar Ronaldo oder Messi, würden im gegenerischen 16er einfach verhungern – sich aber parallel durch das ständige Anrennen tot laufen und wie immer, wer hätte das gedacht, schnell im Schalker Lazarett wiederfinden.

Wir müssen, soweit möglich, das Spiel machen. Zumindest gegen Gegner, die mit uns auf Augenhöhe spielen.

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    Julius · 14. September 2020 um 20:17

    Naja,
    die Aussage “Das ständige Gespresse führt in den wenigsten Situationen zu etwas.” stimmt nicht. Pressing bringt das ganze Spiel lang mehr als man denkt. Zum Beispiel Schalke Hinrunde im Vergleich mit der Rückrunde. Pressing Hinrunde überragend, Rückrunde sehr Schlecht. Oder die Bayern, die haben dank des vielleicht besten Pressings Weltweit auch einige Titel geholt.

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