So eine krass hohe Niederlage tut weh. Und so richtig viel gibt’s da auch nicht zu analysieren. Dennoch ein kurzer Blick auf den Einsatz, den Matchplan und die Taktik.

Einsatz zeigen

Spätestens seit Heidel ist es deutlich einer der Eckfeiler im Spiel von Schalke geworden Einsatz deutlich zu zeigen. Nur ist dieses „kämpfen sehen“ halt per Definition immer auch Resultat der eigenen Wahrnehmung. Zu diesem Spiel habe ich etwa von Leuten gehört, dass Schalke sich ergeben hätte. Das hat mich irritiert.

Der Trick bei der Wahrnehmung ist ja immer ein bisschen, dass wir das sehen, was unsere Gefühle bestätigt. Darum nutze ich gern Daten um etwas Objektivität zu gewinnen. Und die Zahlen sagen eigentlich, dass Schalke sich ziemlich reingehängt hat. Schalke hat 55% der Zweikämpfe gewonnen. Wenn es um Einsatz geht, gucke ich meist auf die Laufdaten…

Im Schnitt haben die Bayern in der letzten Saison 251 Sprints pro Spiel hingelegt, die meisten der Liga. Beim Saisonauftakt Gestern waren es 270. Schalke hat im Schnitt letzte Saison 239 Sprints pro Spiel auf den Rasen gebracht, die zweit meisten der Liga. In diesem Spiel waren es auch genau 239.

Schalke hat dabei mit 705 intensiven Läufen einen leicht höheren Wert als die Bayern (696). Beide lagen damit unter den Werten des letzten Jahres (Schalke 711 intensive Läufe pro Spiel, Top 5). Die Laufleistung der beiden Teams war fast identisch (112,8 zu 112,5), die Bayern sind nur 300m mehr gelaufen. Für beide liegt das jeweils knapp unter dem Schnitt der Vorsaison (Schalke: 114,6km pro Spiel, Platz 14).

Vergleich der Spieler in der jeweiligen Startelf. Durchschnittswerte.

Matchplan

Schalke hat also mächtig Meter gemacht und sich ordentlich reingehängt. Die meiste Zeit allerdings wurde den Bayern hinterhergelaufen. Das eigene Pressing lief ständig ins leere und Schalke bekam genau Null Zugriff. Eigene Angriffe blieben dagegen ständig im Geflecht der Bayern hängen. Auf das intensive Pressing fand Schalke keine Antworten und wirkte überfordert. Mit 5 Schüssen kam der S04 auf einen xG von 0,4.

Die einen sagen, dass ein schlaues Team irgendwann anfängt das Ergebnis zu verwalten. Die anderen haben eine Angsthasenfußball-Allergie. Es wurde deutlich, dass Wagner am eigentlichen Plan festhielt. Mir persönlich schien er in der zweiten Halbzeit sogar noch verstärkt. Es ist ja eine Stärke von Wagners Schalke, dass das Team den Weg des Trainers geht und zwar mit allem was es hat.

Selbstverständlich hingen die Köpfe jeweils zum Ende der beiden Halbzeiten etwas, Aber über weite Strecken des Spiels wirkte das Team nicht wie eins, das gerade abgeschossen wird. Die Laufzahlen bestätigen diesen Eindruck. Schalke versuchte durchgehend ein Tor zu erzielen. Lief dabei aber natürlich in einige Konter.

Geschwindigkeit

Ein Kern Problem ist in meinen Augen dabei immer wieder die Geschwindigkeit. Wirklich schnelle Spieler hat Schalke nur wenige. Die Bayern dagegen so einige. Dazu lassen die Bayern durch ihr Positionsspiel den Ball laufen. Für Schalke war da kein Land in Sicht. Gegen das Team mit herausragendem gruppentaktischen Verhalten, liefen die Spieler reihenweise und das Pressing als Gesamtkonstrukt ständig ins Leere.

Besonders auffällig bei diesem Thema war Benjamin Stambouli. Der 6er, der seit einiger Zeit in der Innenverteidigung aushilft. Und das zum Teil recht gut. Seine große Stärke ist sein Raumverständnis. Dadurch hat er ein gutes Stellungsspiel und kann Mitspieler gut einsetzen. An Geschwindigkeit hapert es etwas, aber durch seine Abgeklärtheit und schnelle Partner, wird das meist gut abgefangen.

Gegen die Bayern war da aber nichts abzufangen. Im Dauerfeuer von allen Seiten wurden sämtliche Schwachstellen eiskalt entblößt. Ganz ähnliches ließe sich über Sebastian Rudy schreiben. Beide können das Spiel eigentlich gut gestalten, kamen aber nicht dazu, weil sie nur damit beschäftigt waren hinterher zu laufen.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Schalkes Taktik

Wagners grundsätzliche Spielidee ist und bleibt intensives Pressing und Gegenpressing und den Ball nach Umschaltmoment so schnell wie möglich Richtung Tor zu bringen. Dafür wurde er geholt, das wird sich auch unter den nächsten Trainern nicht grundlegend ändern. Das ist der Schalke Fußball auf absehbare Zeit.

Dabei sollte der Weg in der Vorsaison meist direkt durchs Zentrum gehen. Die meisten Teams sind eher Flügelorientiert und entsprechend ist das Zentrum gern eine gewisse Lücke. Das letzte Spiel gegen die Bayern hat dann aber aufgezeigt, dass Schalke leicht über die Flügel zu schlagen ist. Schalke wurde etwas besser im verschieben, spielte aber auch enger und enger, im letzten saisonviertel meist in einer Raute, damit das mit dem Toreschießen endlich wieder klappt.
Klappte aber nicht.

Neue Saison, abgewandeltes System. Zwar sind die Flügel immer noch ohne Flitz-Stürmer, aber das Spiel ist breiter geworden. Es geht jetzt vermehrt um die Halbräume in einer Art 4-2-2-2. Nach wie vor pendeln die Außenverteidiger, rücken auf und all sowas. Das muss ich mir in richtigen Spielen aber erst mal gescheit ansehen. Allerdings war hier schon zu sehen, dass es recht viel Bewegung im Zentrum gibt. Besonders Neustürmer Gonçalo Paciência fiel mit seiner Ballbehandlung und Verarbeitung immer wieder auf.

Ein Spiel, dass auch Spielern wie Harit und Uth sehr entgegenkommen sollte. Außerdem vermute ich, dass Rudy ein entscheidender Faktor im Spielaufbau sein wird. Aber das muss sich erst noch zeigen. Viel davon war hier nicht zu sehen, weil sämtliche Bemühungen von den Bayern totgepresst wurden.

Defensiv stand Schalke sehr kompakt. Es war offensichtlich die Idee den Bayern das durchtanken so schwer wie möglich zu gestalten. Und es gab auch Momente wo das ganz gut gelang. Die Bayern liefen an, sich fest, drehten um und verlagerten. Oder aber sie holten einen langen Ball raus und plötzlich war das komplette Mittelfeld überspielt und einer in Rot allein im Schalker Strafraum. Die Abseitsfalle funktionierte auch kaum. Und das ist es wieder, das Thema Geschwindigkeit…

Ruhe bewahren

Acht Gegentore sind eine ganze Menge. Die Bayern hatten es leicht, weil Schalke nicht gegen deren Pressing ankam und sie das Schalker Pressing konsequent ins Leere laufen lassen konnten. Vor einem halben Jahr haben die Bayern eine Blaupause geliefert, mit der andere Schalke in Bedrängnis bringen konnten. Pressing und Positionsspiel sind von einmaliger Qualität. Das können andere nicht mal eben nachmachen um Schalke vor Probleme zu stellen.

Ich halte es daher für falsch aus diesem Spiel den Schluss zu ziehen, dass Schalkes Pressing nicht gut ist. Genauso wenig sind die Schalker Offensivbemühungen jetzt schon pauschal für die Tonne. Beides wird erst in den nächsten Wochen wirklich getestet. Die Saison entscheidet sich nicht an den Bayernspielen.

Allerdings ist das Thema Geschwindigkeit eins, das Schalke noch länger begleiten wird. Selbstverständlich wissen wir alle, dass Schalke nicht einfach 8 pfeilschnelle Spieler holen kann. Außerdem heißt Jugendspieler ja auch nicht immer gleich sauschnell. Und andere Teams sind auch weit weg von der Geschwindigkeit der Bayern. Aber jedes Team hat ein paar Leute die sehr schnell sind. Wagner wird sich etwas ausdenken müssen, wie er die Geschwindigkeitsdefizite kompensieren will.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

9 Kommentare

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Matt · 19. September 2020 um 23:01

Hi
Freut mich mal wieder eine Analyse lesen zu können.
Auch den Versuch positives aus einem 0:8 Bundesligaauftakt zu ziehen. Zugegeben ist Bayern momentan wohl die weltbeste Mannschaft und vor gar nicht langer Zeit hat ja auch das große Barcelona 7 gefangen.
Von daher könnte man meinen ein 0:8 ist ja nicht ganz so dramatisch. Ich persönlich finde allerdings dramatisch mit welchem Matchplan Schalke gespielt hat. Das Thema Geschwindigkeit ist offensichtlich und das bei beiden Teams. Beispiel dann das 0:1 was ein Tor war nach einem Muster das Bayern letzte Runde X mal erzielt hat. Rudy Kabak Stambouli Ozipka vs. Sane Lewndowski Müller Gnabry – wie kann man da so hoch verteidigen bzw. meinen die Bayern an deren 16er zu pressen? Und das war nicht das einzige Tor bei dem Schalke ausgekontert wurde – im Olympiastadion gegen den Triplesieger. Ball halten bis alle Spieler in der gegnerischen Hälfte sind und dann kommt irgendwann der Ballverlust und die Defensive wird überlaufen. Wie oft hatten wir das die letzte Runde? Für mich fehlt daher wesentlich mehr als Geschwindigkeit. Nach wie vor glaube ich das Schalke gutes Personal hat. Auch die letzte Vorrunde war sehr guter Fussball. Als dieser aber entschlüsselt war ging es nur noch abwärts. Den Rucksack den nun der Trainer zu tragen hat wird er nicht mehr los. Zu grass ist diese Horrorserie und das Eröffnungspiel. Auch wenn es mir für den Trainer leid tut aber lange wird Herr Schneider nicht mehr eine Entlassung verhindern können. Deinen älteren Artikel Karsten das ein Trainerwechsel statistisch nichts bringt habe ich noch in Errinnerung. Persönlich allerdings sehe ich mittlerweile dies als einzigste Option einen Abstieg zu vermeiden den gerade jeder neutrale Beobachter (aus meinem Bekanntenkreis) prognostiziert.

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    Karsten · 20. September 2020 um 00:06

    Hi Matt, ich kenne deinen Bekanntenkreis nicht, aber alles was ich bisher an Prognosen von neutralen Beobachtern gesehen und gehört habe, spielt sich für Schalke irgendwo zwischen 8 und 14 ab. Weder nach oben noch nach unten wird es für Schalke in dieser Saison um besonders viel gehen, ist die generelle Aussage. Nach dem ersten Spiel sehe ich überhaupt keinen Grund dafür das zu revidieren.

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    Rainer 25 Mersmann · 20. September 2020 um 09:04

    Alles schön und Gut. Aber wenn ich gegen so eine Übermacht bekomme dann kann ich nicht mit einem Matchplan arbeiten der für die kommende Saison gelten Soll. Gegen die Bayer bist Du immer unterlegen wenn Sie Spass bekommen. Da muss ich dann Positionsgetreu jeden einzelnen Spieler in Manndeckung nehmen und Ihnen auf die Füße stehen. Und wenn ich gegen Sanè spiele wi ich bestimmt kein Laufduelll gewinne dann stell ich Ihm den Laufweg zu. Ja alles Oldschool aber was soll man machen.zumindest verlieren die guten Techniker dann die Lust zu spielen.

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      Lukas · 21. September 2020 um 22:52

      Nicht Oldschool Rainer, aber wirkungslos. Wenn Gegenspieler schneller ist, wird das mit der Manndeckung nichts. Da brauchst du eine hohe Überzahl – auf welcher Höhe auch immer. Auch das Foulen bringt da wenig, denn du bist so spät dran, dass du sie gar nicht zum Stehen bekommst.
      “Den muss man nur mal umhauen” oder Manndeckung bringt was, wenn Abläufe beim Gegner nicht ganz passen oder unsauber sind. Das war ja bei Tedescos zweiter Saison das Mittel gegen unseren Aufbau.
      Mit so gut abgestimmten gegenläufigen Bewegungen und Verlagerungen hast du da aber keine Chance.

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Lukas · 21. September 2020 um 22:57

Deine Argumentation erinnert mich ein bisschen an die Saison der Fehlfarben unter Bosz. Ähnliches Problem mit ähnlichem Ausgang.
Leider hatten die danach genug Geld um Diallo oder Zagadou zu holen.
Sicherlich war das auch die Idee hinter der geplanten Verpflichtung von Todibo.

Du hattest unter anderem mal geschrieben, dass es für dich zweistellig ausgegangen wäre, hätte man sich auf ein Abwehrpressing zurückgezogen.
Das würde mich ehrlich gesagt aber mal interessieren, woran du das festmachen würdest.
Ich hätte es da auch eher gehalten, wie Tedesco gegen Leipzig.
Wenn wir mitspielen, gehen wir unter. Also spielen wir gar nicht mit.

Ansonsten hast du natürlich vollkommen Recht. Das Spiel ist für die Saison gesehen irrelevant.

    Karsten

    Karsten · 22. September 2020 um 09:12

    Also für mich wirkte es eben nicht so, als wolle Schalke mitspielen. Für mich sah es so aus als wolle Schalke früh stören. Und ein paar Mal hat das ja auch geklappt. Und durch gekommen sind die Bayern auch nicht. ABER, die Bayern haben das Pressing dann einfach überspielt. So sind sie nicht durch gekommen, sondern drüber hinweg. Im Endeffekt natürlich das gleiche Resultat, aber ein anderes Problem in meinen Augen.

    Letztlich gab es ja auch ein paar Situationen, in denen eigentlich genug Schalker zwischen Ball und Tor im Strafraum waren, und die Bayern trotzdem getroffen haben. Die haben aus einem xG von 4 das doppelte an Toren rausgeholt. Die Schalker Endverteidigung, die bis zu diesem Jahr immer eine Bank war, schien mir sehr wackelig. Oder zumindest nicht gerüstet für die Bayern.

    Wenn Schalke sich also tiefer gestellt hätte, hätten es die Bayern noch einfacher gehabt in den Strafraum zu kommen. Und wenn sie einmal am Strafraum waren, war praktisch jeder Schuss drin. Daher glaube ich, dass tiefer stehen Kontraproduktiv gewesen wäre.

    Aber ich lag schon häufiger falsch. Und generell sind diese „was wäre wenn“ Spielchen ja auch ein wenig Müßig. Ich kann schon verstehen, dass reflexartig immer schnell der Bus gefordert wird. In meiner Wahrnehmung erzielst du mit agressivität aber bessere Ergebnisse. Und ob die Fangemeinde wirklich so viel glücklicher gewesen wäre, hätte Wagner nach dem 2:0 angefangen Beton anzurühren, wage ich allerdings zu bezweifeln.

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      Lukas · 22. September 2020 um 17:34

      Bin ich bei dir. Man wollte maximal ein paar Umschaltmomente (“unsere Momente”) laut Wagner generieren. Ohne jetzt großartig mitzuspielen. Nur die Pressinghöhe fand ich halt wirklich merkwürdig.
      Denn wie du sagst, haben wir normalerweise keine schlechte Restverteidigung, aber sollten aufgrund des Temponachteils viel Raum hinter der Kette vermeiden. Das sind für mich beides Hinweise, um die erste Linie nach hinten zu ziehen.

      Ist aber auch egal. Die Saison wird nicht im Auswärtsspiel in München entschieden. Ein 2:0 wäre nur vielleicht nicht so ein vermeintlicher Euphoriedämpfer – selbst ein mutloser.

      Bei dem xG mit der hohen Torquote nehme ich es immer etwas mit Vorsicht. Grundsätzlich ist es ein super objektiver Wert, aber vielleicht ab einer gewissen höhe etwas anders. Will meinen, dass bei einem Elfmeter mit einer 5:0 Führung die Wahrscheinlichkeit vielleicht etwas höher ist, als die 73 % bei einem 0:0 in der 89. Minute.
      Es wäre auf jeden Fall auch in der letzte Saison der höchste Wert der Saison gewesen.

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Matt · 23. September 2020 um 10:51

Hi
Mich würde mal spielunabhängig interessieren warum Schalke schon so lange Probleme mit dem Tore erzielen hat. Ist es wirklich der fehlende Knipser? Oder das Spielsystem? Oder die fehlenden Vorbereiter/Kreativspieler? Anhand der aktuellen Transfers scheint die Analyseabteilung Schalke das an den Stürmern festzumachen. Das wäre für mich aber nur nachvollziehbar wenn die vorhandenen Stürmer ihre Chancen nicht verwerten würden oder komplett falsche Laufwege/Positionsspiel hätten. Ich weiß das die Frage sehr schwer zu beantworten ist oder gar nicht aber vielleicht geben auch hier diverse Daten Hinweiße.

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    Rainer 25 Mersmann · 24. September 2020 um 21:46

    Guck grad wie Seviella gegen Bayern Spielt. Da ist hinter der Kette auch noch reichlich Platz aber sie stehen den Spielern von Bayern auf den Socken und Lewandowski hats immer mit zwei Gegenspieler zu tun.Ich bleib dabei: nimm Ihnen die Freude in dem du
    auf Ihren Füßen stehst

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