Selten waren die Vorzeichen bei einem Derby derart klar sortiert. Die einen spielen potenziell gegen den Abstieg und die anderen potenziell um die Meisterschaft. Das hat sich in den letzten 2 Jahren so etabliert. Möglich ist natürlich trotzdem einiges. Und Schalke war recht nah dran eigentlich.

Die Grundformationen zu Spielbeginn. Schalke spiegelt die Dortmunder Aufstellung.

Westfalen

Lucien Favre kam überraschend mit einem 4-2-3-1 aus Rom zurück. Julian Brandt auf der 10, Dahoud und Delaney auf der Doppel-6. Bei den Borussen stehen wichtige Spiele an, Reus, Witsel und Co. wurde eine Pause gegönnt. So viel zum Stellenwert und der wahrgenommenen Herausforderung des Revierderbys.

Ruhrpott

Wie schon im Spiel gegen Leipzig packte Manuel Baum die 5er Kette aus. Und das auch noch mit sehr starken Mannorientierung. Das 5-3-2 spiegelte die Dortmunder Formation.

Weil Dortmund pfeilschnell ist, spielte Tiaw statt Stambouli als rechter Halbverteidiger und machte einen guten Job. Gemeinsam mit Ludewig bildete er die junge rechte Seite, fast jeder Dortmunder Angriff ging über diese Seite, Guerrero und Brandt standen ihnen regelmäßig auf den Füßen. Trotzdem hielten sie den Laden recht gut zusammen.

Vorn versuchten Matondo und Paciência bei Ballgewinn so steil zu gehen wie nur irgend möglich und hoffentlich irgendwann mal einen Ball festmachen zu können. Die Bälle dafür kamen fast immer von Rønnow oder den Außenverteidigern. Aber das machte eh nicht mal ein Viertel der Zeit aus. Der BVB hatte über 75% Ballbesitz. Der Rest wurde praktisch durchverteidigt…

Wind aus den Segeln

Die gefährliche Zone der Dortmunder ist der Bereich zwischen deren eigenen Strafraum und der Mittellinie. Dort nehmen sie Geschwindigkeit auf und sorgen dafür, dass sie am gegnerischen Strafraum kaum noch aufzuhalten sind. Lazio hat unter der Woche im Champions League Auftakt eindrucksvoll gezeigt, dass der Borussia so der Wind aus dem Segel zu nehmen ist.

Entsprechend schob Schalke recht hoch. Obwohl die komplette Herangehensweise an dieses Spiel sehr defensiv war, presste Schalke sehr hoch. Allerspätestens kurz vor Höhe des Mittelkreises wurde der Ballführende attackiert. In der Dortmunder Hälfte natürlich. Dabei wurden eng Mannorientiert die Anspielstationen begleitet und zugestellt.

Dortmund kam damit halbwegs gut zurecht und konnte dieses Pressing fast immer umspielen. Aber darum ging es auch gar nicht. Das eigentliche Ziel war die Abläufe zu stören und zu schaffen, dass sie eben nicht ihre Geschwindigkeit aufbauen können. Und das klappte sehr gut. Schalke sah sich zwar einem extrem hohen Druck ausgesetzt, praktisch durchgängig, aber die eigentlichen Stärken konnten die Borussen eben nicht entfalten. Bis zum Halbzeitpfiff.

Halbzeitanpassungen

Weil Schalke das Tor relativ gut verteidigen konnten und sogar selbst zu zwei Halbchancen kam, regte sich das Gefühl, dass da etwas mehr drin ist. Schalke wollte in der zweiten Halbzeit etwas vertikaler agieren, mehr Druck machen.

Die Borussen merkten dagegen, dass sie nicht recht dazu kommen den Anlauf zu nehmen, der für ihr Spiel so wichtig ist. Um das zu ändern, wollten sie mehr aus der Tiefe aufbauen. Sie wollten vertikaler agieren, Schalke mehr kommen lassen.

Beide stellten also gleichzeitig auf etwas vertikaleres Spiel auf. Dabei wollten die Schalker näher an den Dortmunder Strafraum. Und die Dortmunder selbst auch, also näher an den eigenen Strafraum. Und so lief Schalke ein bisschen ins offene Messer. Dortmund konnte zwingender agieren. Schalke hatte jetzt viel mehr zu kämpfen und lief noch mehr hinterher. Dortmund schaffte es besser Löcher zu reißen und sich des Pressings zu entledigen.

Und trotzdem reichte es gerade mal zu einem Tor so. Beim 2:0 kam Dortmund schnell nach vorne, zirkulierte einmal kurz um Schalke in der Rückwärtsbewegung durcheinander zu bringen und schon stand Haaland allein vorm Tor.

Warum Schalke verloren hat

Zwar konnte Dortmund jetzt den Druck noch deutlich erhöhen, aber die Schalker Verteidigung hatte eigentlich das meiste ganz gut im Griff. Von dem einen Tor mal abgesehen. Jetzt hat Schalke trotzdem 3:0 verloren. Was war passiert?

Das 1:0, nach dem die Beine auch noch ein bisschen schwerer schienen, war eine Verkettung ungünstiger Umstände. Es war an so vielen Stellen vermeidbar. Gehen wir mal der Reihe nach durch…

  • Dortmund versucht sich vor zu tanken, rennt sich aber fest, zirkuliert im 3 gegen 5 Unterzahlspiel.
  • Bentaleb hält Guerrero dabei am Arm. Unnötig und halb so wild, trotzdem Freistoß.
  • Sancho schießt, Sané köpft übers Tor. Auf’s Tor sogar. Sah etwas knapp aus.
  • Dann die Ecke. Ein bisschen Flipper, raus rein, links, rechts.
  • Dann kommt der Ball auf Guerrero, der zieht ab. Diagonal durch den Strafraum.
  • Rönnow hält gut, doch lässt den Ball tropfen.
  • Akanji beschäftigt die Verteidigung und kann den Ball abstauben, bzw. irgendwie durchstochern.

Völlig unnötig das Tor. Aber damit war das Spiel verloren. Selbst ein Tor zu erzielen war sogar laut dem Matchplan in diesem Spiel mit Hoffen verbunden. Der Plan sich an ein 0:0 zu klammern wirkte gar nicht schlecht umgesetzt.

Die nächsten Spiele

Das 3:0 war übrigens auch eine Ecke. Standardprobleme begleiten Schalke schon eine Zeit lang zuletzt. Sicher, nicht die einzigen Probleme die Schalke hat. Trotzdem eines, das Schalke immer wieder auf die Füße fällt.

Es wird viel über Einsatz gesprochen bei Schalke. Die rituellen Forderungen nach mehr Kampf bei Niederlagen inklusive. Was ich sehe ist eine Mannschaft die sich voll reinhängt und auch den Glauben an Erfolg nicht verliert. Trotzdem haben solche Ergebnisse natürlich ihren Einfluss auf die Spieler. Baum spricht viel von Erfolgserlebnissen. In meinen Augen war Schalke ganz nah dran hier, auch wenn das Ergebnis anders aussehen mag.

Die defensive Ausrichtung funktioniert schon erstaunlich gut, für die wenigen Wochen die Baum erst beim Team ist. Gleichzeitig war Wagner ja defensiv auch immer ziemlich gut sortiert. Interessant wird es in den nächsten Wochen, wie Schalke Torchancen generieren will. Der richtig ätzende Teil des Spielplans ist jetzt rum, ab sofort darf auch vermehrt gepunktet werden.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

9 Kommentare

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André Voller · 25. Oktober 2020 um 17:52

Grundsätzlich wie immer wohlwollend analysiert. Ich fand ergänzend positiv, dass man der Mannschaft zumindest bis zum ersten Gegentor auch anmerken konnte, dass sie durchaus eine Idee hatte, wie ein Tor fallen könnte: Die Pässe wie oben richtig erwähnt kamen steil, es war eher Paciencas Job, diese festzumachen oder lang zu machen (zB über Kopfballverlängeruncen). Daher auch Matondo nicht als Zielspieler sondern Abnehmer dieser Bälle in die Tiefe. Harit stand dann für das Ballhalten bis nachgerückt wird oder gefoult werden (bekanntlich zieht er viele Fouls an guten Tagen). Problem jedoch: Die hohe Ungenauigkeit der Bälle unter Druck!! Somit war zwar etwas geplantes zu erkennen, die Umsetzung aber viel zu ungenau und zu zaghaft.
Positiv fielen noch Ludewigs offensive Aktionen auf. Seine Pässe gefielen mir gut hintenraus. Auch mit Übersicht. Da geht mehr, sobald wir mal einen offensiven Plan verfolgen. Erinnert ein wenig an Rafinha.
Negativ muss man aber festhalten: Zu wenig kam nach dem 0:1. Da gingen die Köpfe runter und es wurde auch kein Plan mehr verfolgt. Ab den Zeitpunkt war es leider ein „sich-ergeben“.

    Karsten

    Karsten · 25. Oktober 2020 um 19:11

    Also “sich ergeben” sieht anders für mich aus. Schalke ist mehr gelaufen als der BVB, es wurde konsequent durchverteidigt und die Gelben kamen trotz drückender Überlegenheit eigentlich nicht zu der Masse an Riesenchancen, wie es erwartbar wäre.

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      André Voller · 25. Oktober 2020 um 20:06

      Aufgeben: Wie viele Balleroberungen hatten wir im mittleren Drittel ab der 60. Minute? Kaum bis keine entscheidenden auf jeden Fall, ohne die Zahl zu kennen. Im eigenen Drittel hatten wir ein paar , aber mehr nicht. Die Westfalen konnten es einfach runterspielen.

      Karsten

      Karsten · 25. Oktober 2020 um 20:39

      Und weil Dortmund das Schalker Pressing umspielen konnte, muss sich Schalke zwangsläufig ergeben haben? Das ergibt für mich keinen Sinn, da gehe ich nicht mit.

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Roland · 25. Oktober 2020 um 22:33

Hallo Karsten,
Du bist einer der ganz wenigen, die noch etwas Positives gesehen haben. Aber – Hut ab – so kann man es sehen. Ich hatte ja zuletzt meine Angst vor der Geschwindigkeit der Lüdenscheider geäußert. Da hat Baum tatsächlich eine gute Idee oder besser ein gutes System kreiert. Aber ich komme noch einmal mit Stambouli. In diesem Spiel hätte er uns mit seiner Ruhe und Druckresistenz (zumindest hatte er die an guten Tagen) helfen und etwas Struktur in den Aufbau bringen können.
Große Sorgen habe ich aber immer noch hinsichtlich des Offensivspiels. Zweikampf- und Laufverhalten waren unterirdisch. Die Idee mit Matondo schien mir anfangs wegen seiner Geschwindigkeit einleuchtend. Was Hummels aber dann mit ihm angestellt hat….
Hängen wir möglicherweise von den verletzten und verletzungsanfälligen Spielern (Uth und Serdar) ab? Was wird sich ändern, wenn die beiden spielen können?

    Karsten

    Karsten · 26. Oktober 2020 um 08:14

    Ich tue mich schwer damit von dem Spiel gegen Dortmund (genauso übrigens Leipzig oder München) groß Rückschlüsse auf Spiele gegen den Rest der Liga zu ziehen. Schalke hatte nichtmal 25% Ballbesitz. Dass du dabei kein Offensivspiel aufziehen kannst, ist klar. Hätte Schalke aber versucht den Ball länger zu halten und konstruktiver zirkulieren zu lassen, hätte das der Borussia in die Karten gespielt.

    Selbstverständlich ist das Offensivspiel nach wie vor die große Baustelle von Baum. Aber von diesem Spiel darauf zu schließen, dass es nicht besser wird, halte ich für deutlich verfrüht.

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Lukas · 27. Oktober 2020 um 10:02

Hallo Carsten, danke erstmal für den Ansatz. Eine Frage nur, waren wir nicht auch gegen Leipzig unter Baum bereits mit 5er Kette gestartet?

    Karsten

    Karsten · 27. Oktober 2020 um 17:26

    Ui, da hast’e recht. Muss ich korrigieren. Vielen Dank für den Hinweis!

Das neue Schalke 04: Manuel Baum und die ersten Spiele - Halbfeldflanke · 8. November 2020 um 16:34

[…] Fürs Derby setzte Baum auf 3er Kette mit pendelnden Flügelspielern (Außenverteidiger sind das ja jetzt nicht mehr) und einen sehr defensiven 6er. Ich würde die Formation als 3-3-2-2 beschreiben. Schalke stand wieder recht tief, schaffte es aber diesmal den Gegner daran zu hindern die Geschwindigkeit zu entfalten. Insgesamt hatte Dortmund so seine Mühe Torchancen zu erzeugen und schaffte „nur“ ein Tor aus dem Spiel. Eine Halbzeit lang schien das Ganze voll unter Kontrolle, Dortmund erhöhte dann allerdings die Vertikalität und Schalke verlor Zugriff.Zur Detail-Analyse. […]

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