In diesem Format geben verschiedene Halbfeldflanke-Autor*innen ihre Meinung, Beobachtung oder Geschichte zu einem bestimmten Thema ab. Viel Spaß!

Das meint Philip

Ahmed Kutucu ist zweifelsfrei ein hochtalentierter Fußballer. Er ist jung, ein Eigengewächs, identifiziert sich in besonderer Weise mit dem Verein Schalke 04 und ist ein einigen Kreisen bereits der unumstrittene Publikumsliebling.

Vielfach wurde Kutucu von Fanseite in den Kader bzw. die Startelf gefordert. Der Hashtag #freeKutucu ist seit diesem Jahr beinahe allwöchentlich zu lesen. Mit Blick auf seine Leistungsdaten und einige Statistiken zu Schalke kommen bei mir allerdings Zweifel auf, ob er den Schritt zu Stammspieler schon packen kann.

Wie oft Kutucu spielt

Dabei lesen sich seine Einsatzzahlen auf Schalke bisher gar nicht so schlecht. Als 2000er Jahrgang hat er bereits 44 Pflichtspiele bei den Profis gesammelt. Letzte Saison verpasste wettbewerbsübergreifend er nur zehn Partien, davon drei wegen Verletzung.

Anderen Jugendspielern wurde da weitaus weniger Vertrauen entgegengebracht. Mercan etwa – ebenfalls 2000er und Knappenschmiedeabsolvent – bekam unter Wagner magere sechs Einsätze und saß 28 mal (!) bei den Profis untätig auf der Bank. Auch Matondo (22), Boujellab (14) und Miranda (12) nahmen deutlich seltener an Spielen teil als Kutucu (28).

Auch in der Nationalmannschaft der Türkei kam er bereits auf zwei Spiele. Durch die Nachwuchsteams war er zuvor durchgeschossen. 2017 spielte er noch in deren U17 (3 Spiele). 2018 wurde er bereits zur U19 (3) und 2019 zur U21 (3) befördert. Bei all diesen Partien handelte es sich übrigens um Pflichtspiele.

Wie schnell er dabei sein Pulver verschießt

Klingt soweit hervorragend. Schaut man sich allerdings die Einsatzminuten an, sieht das Ganze schon weniger überzeugend aus. Bei den Schalker Profis stand er nur acht mal in der Startelf, spielte durchschnittlich nur etwa 30 Minuten pro Einsatz.

In allen 46 Spielen im Profibereich (44 Schalke, 2 Türkei) – unter vier verschiedenen Trainern – stand Kutucu nie über die vollen 90 Minuten auf dem Platz. Seine sechs Tore erzielte er dabei allesamt innerhalb der ersten 30 Minuten beziehungsweise innerhalb der ersten 20 Minuten nach seiner Einwechslung. Von seinen vier Vorlagen war nur eine nicht ebenfalls in diesen Zeitfenstern.

Für mich entsteht daraus der Eindruck, Kutucu hat entweder noch nicht die notwendige Kondition für den Profibereich, oder es fehlt ihm an Erfahrung bzw. Selbsteinschätzung nicht zu früh zu overpacen.

Mit Blick auf seine Zeit in der Knappenschmiede lässt sich diese Beobachtung erneut finden. Beide Tore und die eine Vorlage seines einzigen U23-Spiels fielen in Hälfte eins. In der U17 schoss er neun seiner zehn Tore in der ersten Halbzeit. In seinem ersten Jahr bei Elgerts waren es noch sieben von zehn in der regulären Saison.

Was in Zukunft für ihn spricht

Allerdings zeigte er daraufhin eine deutliche Steigerung. In der Endrunde der Spielzeit 17/18 fielen beide seiner Treffer in der zweiten Hälfte. In der darauf folgenden Saison waren das Verhältnis dann bereits 6:9 zugunsten von Halbzeit zwei. Eine solche Leistungssteigerung in vorangeschrittenen Spielen wäre Kutucu natürlich auch im Profibereich zu wünschen. Und zuzutrauen.

Besonders mit den Neuverpflichtungen im Athletikstab verbinde ich hier eine Hoffnung auf baldige Besserung. Außerdem steht Baum in dem Ruf, besonders stark auf Jugendspieler zu setzen. Kutucu passt da genau in das Beuteschema.

Zuletzt kommt ihm die Verpflichtung von Ibisevic auch in besonderer Weise entgegen. Nicht nur, dass er viel von dem erfahrenen Stürmer lernen kann, der seinen Kaderplatz außerdem schon bald räumen wird, Kutucu mittelfristig also nicht im Weg stehen wird.

Auch jetzt schon sind Ibisevic kaum Einsätze über 90 Minuten zuzutrauen. Und wen sollte man dann eher bringen, als einen Spieler, der nachweislich für viel Wirbel in kurzer Zeit nach Betreten des Spielfeldes sorgt. Möglicherweise könnte Kutucu sich somit schrittweise einen Stammplatz erobern.

Was dagegen spricht

Kutucu sorgt für viel Wirbel, allerdings nicht nur offensiv. Letzte Saison stand er wie kaum ein anderer Stürmer für Torgefahr – dies lässt sich statistisch auch untermauern. Stand Kutucu auf dem Platz, so fielen pro Spiel im Schnitt 1,58 Tore.

Nur Uth (2,26) hat einen besseren Wert, Serdar (1,57) und Stambouli (1,56) einen vergleichbaren. Serdar sammelte aber anteilig deutlich weniger seiner Spielzeit in der schlechteren zweiten Saisonhälfte. Uth und Stambouli kamen nur in der Hinrunde zum Einsatz.

Dieser offensiven Durchschlagskraft steht aber eine genauso deutliche defensive Schwäche der Mannschaft entgegen. 2,50 Gegentore fängt Schalke auf ein Spiel hochgerechnet in der Zeit, die Kutucu mitspielt. Nur Thiaw und Mercan – mit je 3,58 bei insgesamt je 79 Einsatzminuten – schneiden schlechter ab.

Sicherlich ist diese defensive Schwäche nicht Kutucu allein zuzuschieben. Ich sehe darin viel mehr ein Zeichen dafür, dass die ganze Mannschaft zu Lasten der Abwehr auf einen eigenen Treffer drängt. Etwa weil es bei Rückstand eh nichts mehr zu verlieren gibt. Die offensive Stärke würde ich also ebenso wenig nur auf Kutucu schieben.

Und damit kommen wir zu einem grundlegenden Problem im Schalker Spiel. Letzte Bundesligasaison gelang es Schalke nur vier mal nach Rückstand noch zu punkten – zwei Siege und zwei Unentschieden. Und die Saison war in Sachen Dreier noch das positiv herausstechende Jahr seit 2015.

Nur sechs mal siegte Schalke seitdem, nachdem sie hinten lagen – sonst nämlich genau einmal pro Saison. Insgesamt 17 Unentschieden erkämpfte man nach Rückstand. 62 mal war der Rückstand hingegen gleichbedeutend mit einer Niederlage. Eine verheerende Bilanz.

Bedeutet für den Fall Kutucu: Er steht wie kein Anderer dafür, mit offenem Visier auf Punkte zu spielen, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt. Schalke steht allerdings wie kein anderes Team dafür, diese Punkte nach Rückstand nur im seltensten Fall noch zu erkämpfen.

Keine gute Kombination.

Das meint Annika

Wenn ich an Ahmed Kutucu denke, erinnere ich mich immer an die U19-Bundesliga Endrunde in der Saison 2018/19, vor allem das Hinspiel. Stadion Niederrhein in Oberhausen, schon weit vor Anpfiff ist es pickepacke voll. Die Gelben sind die Favoriten. Aber uns interessiert das nicht. Am allerwenigsten die aufgedrehte Gruppe von Jungs direkt neben mir. Sie sind so zwischen 10 und 15 und alle für Ahmed Kutucu hier. Er kommt aus ihrem Viertel, aus ihrer Straße und natürlich haben sie alle schon mit ihm gezockt. Oder ihre älteren Geschwister. Alle haben sie eine Geschichte zu erzählen über Kutucus Beinis, Hackentricks und Schüsse.

Während bei den Jungs also die Heldenverehrung schon vor Anpfiff in vollem Gange ist, ist das Spiel zäh und umkämpft. Schalke verwickelt den BVB in viele Zweikämpfe. Es gibt gleich zwei Elfmeter in der ersten Halbzeit, erst für den BVB und dann ca. eine Viertelstunde später auch für Schalke: es steht 1:1. In der zweiten Hälfte gerät S04 wieder in Rückstand. Das ganze Team fightet, allen voran Kutucu, der sich immer wieder an der gegnerischen Abwehr aufreibt und wirklich alles versucht.

Richtig viele gute Chancen gibt es an diesem Tag nicht, doch im letzten Moment der Nachspielzeit fällt dann doch noch das 2:2 durch Rene Biskup, jetzt unterwegs beim FC Kray. Die Jungs neben mir sind etwas enttäuscht, dass ihr Held nicht getroffen hat, aber sie rufen trotzdem immer wieder seinen Namen.

Bolzplatz vs. Bundesliga

Die Zahlen von Philip oben unterstreichen ziemlich gut, wie ich Kutucu so wahrnehme. Ich sehe ihn als kämpferischen Typen, dem man den Bolzplatz förmlich ansieht, auch wenn man die sagenhaften Geschichten nicht gehört hat. Kutucu kann auf dem Platz viel Unruhe erzeugen – beim Gegner, aber auch für die eigene Mannschaft, weil er so energisch über den Platz wirbelt.

Das kann die gegnerische Abwehr überraschen, aber auch die eigenen Mitspieler. Letzteres ist vor allem dann ein Nachteil, wenn es um die Defensive und das Anlaufen der ersten Reihe geht. Wenn das nicht gut abgestimmt ist, klafft eine Lücke und die erste Pressingreihe ist leicht zu überspielen.

Power vs. Übersicht

Hier spielt auch das von Philip angesprochene overpacen rein: Kutucu rennt beim Pressing volle Kanone drauf los, mit wenig Übersicht. Er verausgabt sich und schafft dadurch doch nur einen Nachteil für sein Team. Dieser Aspekt ist seine größte Schwäche und auch einer der Gründe, warum ich absolut nachvollziehen kann, dass er unter Wagner und dessen Pressing die Rolle des „Alles oder Nichts“ Jokers innehatte.

Geht es um Kutucus Offensivdrang, sieht die Sache gleich ganz anders aus. Er bringt eine gute Technik und Geschwindigkeit mit, ohne in beiden Bereichen überragend zu sein. Dadurch, dass er nicht aufsteckt und auch mal ungewöhnliche Dinge ausprobiert, wird beides aber in meinen Augen aufgewertet. Es macht ihn unberechenbar, zumindest im Vergleich zur sonst leider oft harmlosen Schalker Offensive.

Zuletzt hatte ich den Eindruck, dass ihm die Unbekümmertheit verloren gegangen ist. Das liegt an dem Druck sich als Profi beweisen zu wollen, aber natürlich auch an der sportlichen Situation.

Eigenheit vs. Anpassung

Für ihn wird es in den nächsten Jahren vor allem darum gehen, sich taktisch weiterzuentwickeln, sich ein Stück weit anzupassen – und gleichzeitig diesen Tick Unberechenbarkeit zu behalten, in der Hinsicht die richtige Balance zu finden. Es wird ja immer mal wieder über das Aussterben der „echten Straßenfußballer“ gesprochen. Nun halte ich Kutucu nicht für einen Straßenfußballer im klassischen Sinn, denn er war schon in jungen Jahren in professionellen Jugendmannschaften. Aber er stand trotzdem auch immer viel auf dem Bolzplatz.

Diese beiden Einflüsse sind das, was ihn ausmacht, was ihn stark macht, und sind vielleicht auch das, was es ihm aktuell noch etwas schwer macht, so richtig Fuß zu fassen. Ich wünsche mir, dass wir Fans bei dieser Entwicklung Geduld mit ihm und auch mit dem Trainerteam haben. Dann wird sicher noch die ein oder andere tolle Geschichte dazu kommen.

Kategorien: Spiel & Spieler

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Philip

Da er im kleinstädtischen Thüringen aufwuchs, gab es für Philip ab der Grundschulzeit eigentlich nur die Entscheidung zwischen FCB und BVB - er tendierte zu letzteren, denn die Bayernanhänger waren schon damals unerträglich charakterlose Erfolgsfans. Doch glücklicherweise nahmen die Verwandten aus dem Sauerland noch rechtzeitig Einfluss und so wurde er doch Schalker. Intensiv mit seinem Verein beschäftigt er sich seit 2014, über Rasenfunk und Königsblog stolperte er schließlich immer wieder über diese komische Halbfeldflanke und begann Gefallen an der analytischen Zerlegerei zu finden. 2019 durfte er sich schließlich selbst mal ausprobieren.

1 Kommentar

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Philip · 19. Oktober 2020 um 10:45

Edit: Die S/U/N-Statistik nach Rückstand für Schalke seit 2015 rechnet diese Saison noch nicht mit ein.
Nach dem Unentschieden gegen Union Berlin stehen wir also bei 6 Siegen, _18_ Unentschieden und _65_ Niederlagen in der Liga, nachdem wir hinten gelegen haben.

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