Diesmal geben Halbfeldflanke-Autor*innen ihre Ansichten zu einem nicht unumstrittenen Dauerbrenner auf Schalke: Bastian Oczipka. Wir sind auch gespannt auf eure Meinungen zu ihm. Und los…

Das meint Annika

Bastian Oczipka wechselte zur Saison 17/18 von Eintracht Frankfurt zum FC Schalke 04, damals noch unter Heidel und Tedesco. Er hat seitdem wettbewerbsübergreifend 104 Spiele für uns absolviert, 17 Vorlagen gegeben und 1 Tor selbst erzielt. Fit und einsatzbereit wurde er nur in 9 Spielen überhaupt nicht eingesetzt. Von den 104 absolvierten Spielen gingen außerdem ganze 96 über die volle Distanz.

Die einzige bemerkenswerte Ausfallzeit war in der Saison 18/19, als er wegen einer Leisten-OP 17 Pflichtspiele verpasste (eigentlich 19, denn wegen der Verletzung wurde er für die Champions League Gruppenphase damals nicht gemeldet). Allein von der Spielzeit her ist Oczipka also absoluter Stammspieler. Allerdings gehen die Meinungen zu ihm und seinem Spiel ziemlich weit auseinander.

Ich glaube das liegt daran, dass alles, was ihn gut macht oft wenig spektakulär wirkt. Obwohl er ziemlich gut darin ist, den Ball zu halten und auch sich auch mal an einem Gegenspieler vorbei fummeln kann. Er beackert also seine linke Seite und spielt ziemlich sicher seinen Stiefel runter. Daran haben sich die meisten so gewöhnt, dass kaum noch auffällt, wie wichtig er für die Mannschaft ist.

Das macht sich aber meist gleich bemerkbar in den seltenen Momenten, in denen er doch mal nicht spielt. Oder in den Situationen, in denen ihm überraschend individuelle Fehler unterlaufen. Getreu nach dem Motto: Man merkt leider oft erst wie gut etwas ist, wenn es fehlt. In Frankfurt war er in seiner letzten Saison dort der Spieler mit den meisten Pre-Assists. Das lag natürlich auch mit an der Frankfurter Spielweise, aber auch bei uns ist er extrem wichtig fürs Offensivspiel.

Und ja, die Fehlpässe und Stockis gibt es und bei so einem erfahrenen und sicheren Typen fallen sie dann extrem auf (und regen auch mich dann sehr auf). Dabei passieren ihm so richtig miese Böcke eigentlich immer nur dann, wenn sowieso gerade mehr Würmer drin sind als alles andere, also die komplette Mannschaft schlecht spielt.

Er wird im Januar 32 und hat noch Vertrag bis 2023. Sportlich muss schon seit Jahren dringend ein Ersatz bzw. Nachfolger gefunden oder aus dem Nachwuchs entwickelt werden, das ist bisher nicht gelungen und könnte im Ernstfall zu krassen Problemen führen. Vieles an der Schalker Zukunft scheint gerade unklar, umso wichtiger jemanden mit dieser Sicherheit und Erfahrung im Team zu haben.

Und außerdem jemanden, der sich für die Stadt Gelsenkirchen interessiert und z.B. die Aktion #helpgelsen der Ultras unterstützt hat. Das ist abseits von allem Sportlichen doch genau das, was wir alle uns von unseren Spieler*innen wünschen.

Das meint Karsten

Bastian Oczipka zieht keine Fouls. Er schießt nur selten aufs Tor und die gehen auch meistens noch daneben. Das sind die beiden Dinge, die ich als negativ empfinde. Dass er oft so stark in der Kritik steht kann ich nicht nachvollziehen. Eigentlich müsste er doch einer der Lieblingsspieler auf Schalke sein. Liefert kontinuierlich ab, macht seine Arbeit ohne zu murren. Er macht nie den Lauten, sondern rennt sich auf dem Platz den Arsch ab. Kaum jemand spielt so viel wie er und kaum jemand ist in so viel Angriffe verwickelt wie er.

Sein Stellungsspiel ist hervorragend. Er weiß wo er stehen muss, wann er herausrücken muss und wann er sich fallen lassen muss. Sein Passspiel ist sehr gut. Pässe kommen an, Hereingaben sind meist verwertbar. Klar Flanken sind kein Glanzpunkt, aber da gehören immer mehrere dazu. weder gibt es einen starken Zielspieler für Flanken im Kader, noch werden Gruppentaktisch Gelegenheiten forciert, in denen Flanken zielführend wären (das war unter Wagner auch schon so).

Ein Thema ist auch oft seine Geschwindigkeit. Die allgemeine Wahrnehmung ist, dass er viel zu langsam sei. Im starken Spiel gegen Mainz war er schnellster Schalker und der zweitschnellste auf dem Platz (hinter Jeremiah St. Juste und vor Benito Raman). Seine aufgezeichnete Höchstgeschwindigkeit in dieser Saison bisher ist 33,12 km/h (Raman 33,54 km/h, Uth 33,15 km/h, Ludewig 32,04 km/h). Das ist nicht langsam.

Aber klar, schneller oder öfter schnell wäre natürlich immer besser. Schnelligkeit ist aber eben eines dieser Attribute, die einen Athleten sehr teuer machen. Darum hat Schalke nur wenig sehr schnelle Spieler. Oczipka schafft es aber trotzdem sich gut und richtig zu positionieren. Selten habe ich das Gefühl, dass er weit von einer optimalen Positionierung entfernt ist. Wenn schnelle Konter fehlschlagen, weil ein aktiver Teil der Endverteidigung nicht schnell genug nach vorne kommt, dann liegt für mich das Problem woanders.

Hätten alle im Schalker Kader die gleiche Qualität und Beständigkeit wie Bastian Oczipka, bräuchte sich niemand um einen Abstieg zu sorgen.

Das meint Philip

Ein undankbarer Job

Oczipka hat jedes der letzten 45 Ligaspiele bestritten. Er ist der einzige Schalker, der noch keine Minute dieser Bundesligasaison verpasst hat. Bereits zwei Mal führte er die Mannschaft dieses Jahr als Kapitän an.

Dem gegenüber lese ich bei kaum einem Spieler im Schalker Kader so oft Beschwerden, warum er denn schon wieder oder immer noch spielen darf. Stattdessen werden Einsatzminuten für die jüngeren Alternativen gefordert. Wahlweise waren das in den letzten Jahren Mendyl, Miranda oder Carls. Oder es wurde ein Wunschtransfer mit dieser Kritik verbunden. Und ich wage die Prognose, dass spätestens nächste Saison für Brooklyn Ezeh (2001er Jahrgang, momentan Stammspieler in der U23) oder Kerim Çalhanoğlu (2002, U19, hat bereits einen Profivertrag unterschrieben) die gleichen Forderungen gestellt werden.

Kurzum Oczipka ist ein Musterbeispiel dafür, wie wenig die viel beschworenen Kumpel- und Malochertugenden von zahlreichen Schalkefans gewürdigt werden. Ein stiller Arbeiter, ein Dauerbrenner wie er hätte eigentlich längst zur Identifikationsfigur und zum Publikumsliebling aufgestiegen sein müssen – auch ohne Knappenschmiede-Vergangenheit oder Ruhrpott-Biografie. Dass es an seinen sportlichen Leistungen nichts Grundsätzliches auszusetzen gibt, haben Annika und Karsten ja bereits ausführlich erläutert.

Meine Einordnung der Gesamtlage

In unserer langfristigen sportlichen Planung werden Spieler wie Oczipka in Zunkunft zunehmend eine Schlüsselrolle spielen müssen – ich möchte das ausdrücklich als positiven Punkt verstanden wissen. Landläufig unterschätzte Bundesligaspieler auf der Höhe ihrer Schaffenskraft – vergleichbar zu der Transferstrategie, die Karsten im Artikel zum Union-Spiel beschreibt – vielleicht auch ein paar Jährchen darüber hinaus. Dieses Preissegment kann Schalke bedienen, diesen Spielern können wir eine interessante sportliche Perspektive bieten.

Noch rennt Schalke dem selben Jugendwahn hinterher, wie europaweit der Großteil der ambitionierten Mittelfeldvereine, aber mit zunehmend schlechteren Karten. Der Markt wird immer umkämpfter, unsere finanzielle Lage dabei aber immer schlechter.

Die grandiose Stimmung im Stadion fällt als Argument pademiebedingt weg. Einen europäischen Wettbewerb konnten wir nur einmal in den letzten vier Jahren erreichen. Schalke macht andauernd Negativ-Schlagzeilen. Eine Häufung rassistischer Vorfälle, ein unkontrollierbar anwachsender Schuldenberg und sportlich historische Misserfolge.

Schalke wich zuletzt auf Leihen von Talenten aus, in der Hoffnung gute Beispiele für zukünftige Transferverhandlungen zu schaffen. Und von einer spielerischen Entwicklung zumindest eine Saison lang sportlich zu profitieren, wenn schon nicht finanziell. Oder man verpflichtete immer jüngere Spieler, hofft nun auf eine gute Entwicklung in der U17 und U19. Schalke geht damit aber auch das erhöhte Risiko ein, dass die gewünschte Entwicklung ausbleibt. Dass, obwohl der Sportvorstand ausdrücklich nicht mehr auf eine erfolgreiche Zunkunft wetten wollte.

Oши́бка (Ošybka) ist das russische Wort für Fehler oder Fehlgriff. Ich wünsche mir, dass Oczipka auf Schalke ein Synonym für Konstanz und Verlässlichkeit wird. Und ein Beispiel für ein unkonventionelles Erfolgskonzept.

Kategorien: Spiel & Spieler

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Annika

Annika ist in Essen geboren und rannte im Stöpsel-Alter im selbstgebastelten Asamoah-Trikot über die Wiese. Verfolgte den S04 eine ganze Zeit lang aus dem fernen Niedersachsen und studierte dort Kulturwissenschaften und -Journalismus. Lebt seit einer Weile wieder im Pott. Fing ca. 2012 an sich durch das Lesen auf Spielverlagerung für Taktik zu interessieren und ist seit 2019 beim Halbfeldflanke Podcast dabei.

2 Kommentare

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André Voller · 16. November 2020 um 17:54

Gut getroffene Einordnung! Am Anfang seiner Zeit auf Schalke dachte ich auch zunächst, er hätte eine viel zu hohe Fehlerquote im Passspiel, aber dem ist nachgewiesener Maßen nicht so. Er ist konstant und das macht ihn halt für einige Fans weniger attraktiv. Sein Problem sehe ich noch etwas im Offensivspiel: Hier könnte er zielstrebiger sein, was mit taktischen Veränderungen von Baum nun mit mehr Tiefe im Spiel kommen kann.
Wenn er mehr Emotionen zeigen würde, wäre ihm ein Platz ähnlich Uchida im Schalker Herzen sicher. So wird er von „Fachleuten“ geschätzt und von Träumern eines offensiven Schalkes kritisiert.
P.S.: Mein Sohn sagt immer, Oczipka sei sein Lieblingsspieler, einen haben wir überzeugt

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idioteque3 · 16. November 2020 um 18:59

Für mich ist Bastian Oczipka der perfekte LV (auf mittlerem Bundesliganiveau zumindest), um einem guten und dynamischen Linksaußen zuzuarbeiten. Nur leider hat Schalke so einen nicht mehr, seit Oczipka da ist. Er ist nicht langsam, hat aber weder den Antritt auf den ersten Metern noch die Beweglichkeit oder enge Ballführung, um alleine auf dem Flügel Gegenspieler aussteigen zu lassen. Dafür ist er defensiv meist sehr solide, positioniert sich in Ballbesitz gut so, dass die Ballzirkulation aufrecht erhalten werden kann, verliert sehr selten selbst den Ball, und ist im Passspiel sauber und findet auch immer wieder mal eine gute offensive Passoption.
Aus meiner Sicht fast schon sein Signature Move ist, dass er auf dem Flügel ungefähr auf Höhe der Mittellinie den Ball bekommt, vom gegnerischen RM und Achter gestellt wird, und sich dann geschickt mit nach innen zieht, wo er den Ball auf einen der Achter/Sechser ablegt. Das sieht unspektakulär aus, erhält aber sowohl den Ballbesitz in einer eigentlich isolierten Situation und zieht theoretisch für ein paar Sekündchen den eigenen Linksaußen frei (so ihn der Achter denn angespielt bekommt), der mit Tempo von außen auf die gegnerische Abwehr zudribbeln könnte. Nur hat Schalke zur Zeit keinen Spieler, der diesen Platz weiter vorne passend ausfüllen könnte, Raman und Matondo sind zwar schnell, aber nicht wirklich die Spielertypen, die dann das 1gg1 suchen und noch eine ordentliche Anschlussaktion dranhängen können. Harit ist im Dribbling eher aus statischen Situationen heraus stark. Schöpf fehlt auch die nötige Explosivität.

Ich glaube, dass der Grund für das ständige Genöhle über Ozcipka weniger mit seinen Leistungen zu tun hat und mehr damit, dass er etwas sinnbildlich für den sportlichen Niedergang des Vereins steht. Dass ein Spieler, der als “grundsolide, könnte in einem besseren Umfeld sogar gehobenes Liganiveau spielen” beschrieben werden kann und ursprünglich als Übergangslösung nach Kolasinacs Abgang geholt wurde, seit drei Jahren derjenige im Team ist, der immer spielt, wenn er fit ist (ohne dass er sich als viel besser als erwartet herausgestellt hätte), sagt halt viel darüber aus, in welche Richtung Schalke sich sportlich entwickelt hat.

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