Schalke hat eine sehr schwache Partie abgeliefert, obwohl es zuletzt recht gut lief. Wir gucken mal genau hin, was denn die Probleme waren.

Nachdem man in Augsburg fast den ersten Sieg in dieser Saison landen konnte, ist meine Stimmung nach dem Freiburg-Spiel schon wieder am Boden. Auch wenn man in den letzten Wochen sicher berechtigt Hoffnung schöpfen konnte, immerhin erkennt man, dass die Spieler auf dem Platz arbeiten und auch wenn Verunsicherung sicher zu sehen ist, habe ich das Gefühl, dass alle verstanden haben, worum es aktuell geht.

Ich mache wirklich keinem Spieler Vorwürfe, dass er nicht alles aus sich herausholt, denn ich kann ihren Frust verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass kein Spieler auf dem Platz momentan nicht zu 100% bei der Sache ist, doch man merkt zurzeit im Laufe jeden Spiels, dass die Überzeugung nachlässt, dass sich von Minute zu Minute Fehler häufen, dass Köpfe hängengelassen werden.

Ich spiele selber Fußball und ich würde exakt genauso reagieren! Die Unterlegenheit ist in der jetzigen Situation zu groß, als dass sie spurlos an einem Spieler vorbeigehen kann. Ehrlich gesagt, tun mir die Spieler am meisten leid! Jeder weiß, dass man 90 Minuten kämpfen muss, nur merken sie im Laufe des Spiels, dass das nicht ausreicht.

Ein paar Worte zum Kader

Im Sommer war ich nicht besonders begeistert über die Kaderplanung. Während gestern mit Nastasic und Thiaw 2 gute Innenverteidiger auf der Bank Platz nehmen musste, da man mit Sané, Kabak und Stambouli (als Rechtsverteidiger) schon 3 gute Innenverteidiger in der Startelf hatte, muss im Sturm nach den Ausfällen von Uth und Paciencia bereits improvisiert werden.

Auch wenn ich hier sagen muss, dass Boujellab sicher Fähigkeiten hat, die ihn für die Position interessant machen.

Wenn man mich fragt, welche Eigenschaft im Optimalfall ein Flügelspieler hat, dann wären die ersten beiden Dinge, die mir einfallen würden ,,Schnelligkeit‘‘ und ,,Dribbelstärke‘‘. Letztlich bleiben, wenn man es grob hält, lediglich Raman und Matondo übrig, die in die Kategorie passen.

Nach der Leihe von Rudy an Hoffenheim und der Suspendierung von Bentaleb bin ich mal gespannt, was Schalke macht, wenn beispielsweise mal Mascarell ausfallen würde. Dass man am letzten Transfertag den ersten und einzigen gelernten Rechtsverteidiger holt, hat mich auch stark verwundert.

Dennoch muss ich akzeptieren, dass der Transfermarkt kein Fußballmanagerspiel ist und stelle trotz aller Meinungsverschiedenheiten fest, dass, wenn ich mir die Mannschaftsaufstellung von gestern anschaue, diese Mannschaft rein von der individuellen Klasse nicht so schlecht ist, dass man in 28 Bundesligaspielen saisonübergreifend nicht ein Spiel gewinnen kann!

Positionsnachteile

Doch was ich gestern wieder ebenfalls wiederum auch bemerkt habe: Diese Mannschaft positioniert sich so unvorteilhaft, dass man fast 90 Minuten permanent Positionsnachteile gegenüber den Gegenspielern hat. Schalke muss in der aktuellen Anordnung deutlich mehr laufen, um den Ball zu gewinnen als ihre Gegner und umgekehrt verliert man deutlich schneller den Ball als überhaupt notwendig ist.

Jeder Schalke-Fan kennt aktuell das Gefühl, dass die Mannschaft in jedem Zweikampf einen Schritt zu spät kommt. Sie kommen nicht einen Schritt zu spät, weil sie zu spät die Situation erkennen. Sie kommen zu spät, weil die Abstände untereinander viel zu groß sind und weil Gegner sie geschickt in Räume binden, so dass Abstände bei Schalke noch viel größer sind.

Ich muss es leider so drastisch formulieren: Schalke hat so wie man aktuell Fußball spielt, kein Mitspracherecht gegen Mannschaften wie Freiburg, ob man das Spiel gewinnt. Einzig Freiburg entscheidet, wie das Spiel ausgeht. Wenn Freiburg jedenfalls so reif wie am Mittwoch spielt, ist es nur eine Frage der Zeit bis die Gegentore fallen. Schalke ist aktuell aus taktischer Sicht soweit vom Liga-Standard entfernt, dass Freiburg nicht mehr Schalkes Kragenweite ist.

Schalke Defensiv

Freiburg in Ballbesitz

Freiburg positioniert in dieser Szene 2 Spieler (die beiden Halbverteidiger, Schlotterbeck als zentraler Innenverteidiger ist ins Mittelfeld geschoben) vor Schalkes Verteidigungsblock, die das Spiel aufbauen. Außerdem positioniert Freiburg 2 Spieler (die beiden Außenverteidiger) in der Breite, die das Schalkes Verteidigungsblock auseinanderziehen sollen und so in der Breite binden.

Die restlichen 6 Spieler verteilen sich innerhalb Schalkes Verteidigungsblocks, dabei positionieren sie sich stets in den Schnittstellen von Schalkes Abwehrketten (Ausnahme Sallai steht recht nah an Oczipka, der dafür aber Oczipka im Zentrum bindet, außerdem läuft Sallai kurz danach in den freien Halbraum).

Freiburg positioniert dabei 2 Spieler hinter Schalkes Offensivem Mittelfeld, die exakt die Schnittstellen zwischen Schalkes Zehnerposition und der Schalkes Außenposition einhalten. Ein Spieler von Freiburg bewegt sich wiederum präzise zwischen Schalkes Doppelsechs. Die beiden Halbstürmer von Freiburg visieren den Halbraum zwischen Schalkes Doppelsechs und Außenverteidiger an und Freiburgs Stürmer steht genau zum zwischen Schalkes Innenverteidiger.

Schalkes Verteidigungsblock besitzt in dieser Grundordnung ab der offensiven Mittelfeldlinie exakt 10 Schnittstellen. Freiburg positioniert sich mit 6 Spielern in 8 Schnittstellen. Dabei besetzen Freiburgs Halbstürmer sogar jeweils 2 Schnittstellen.

Die Schnittstellen zwischen Schalkes Innenverteidigern und Außenverteidigern sind nicht besetzt, allerdings stehen beide Halbstürmer von Freiburg stets so, dass sie innerhalb von ein paar Sekunden dynamisch in die Schnittstelle starten können.

Schalke Offensiv

Schalke in Ballbesitz

Schalke baut derweil mit 4,5 Spielern (Oczipka steht so, dass selbst wenn Schmid nicht da wäre, er immernoch von Sallai attackiert werden könnte) vor der ersten Pressinglinie auf. 3 Spieler (die beiden Außenverteidiger und Matondo) binden Freiburgs Verteidigungsblock in der Breite.

4 Schalker Spieler positionieren sich innerhalb von Freiburgs Verteidigungsblock, davon besetzt keiner eine Schnittstelle (Serdar rückt ein paar Sekunden später zu Höfler). Kein Spieler besetzt den Zwischenraum zwischen den Freiburger Stürmern und den Freiburger Mittelfeldspielern. Jeder Spieler, der innerhalb des Freiburger Verteidigungsblocks steht, ist nicht anspielbar.

Warum ist es so wichtig, dass man sich im Verteidigungsblock positioniert und dort Schnittstelle besetzt sowie Verbindungen aufrecht hält. Das letzte ist sicher am einfachsten, deswegen starten wir damit. Wenn wir uns das Bild aus dem Schalker Spielaufbau nochmal anschauen, fällt auf, dass kein Spieler den Raum zwischen gegnerischer Mittelfeldkette und gegnerischen Stürmern besetzt, so ist es logisch, dass es auch keine kurze Verbindung in das letzte Drittel gibt.

Umgekehrt betrachtet hat man dann nur noch die Chance um das zentrale Mittelfeld herum zu spielen. Also bleiben nur noch lange Bälle auf die in Unterzahl stehenden Stürmer oder Bälle auf den Flügel, wo man zum einen nicht wieder über das Mittelfeld verlagern kann und zum anderen mitten in die Pressingbewegung der Freiburger spielt.

Raumaufteilung

Abschließend möchte ich festhalten: Auch wenn der schönste Ball für einen Innenverteidiger ein scharfer Flachpass hinter das gegnerische Mittelfeld ist, hilft es nichts, wenn man den Raum hinter dem Mittelfeld mit möglichst vielen Spielern besetzt, weil dann wird der Gegner auch probieren diesen Raum möglichst gut zu sichern.

Folglich könnten Harit und Serdar – oder noch besser Mascarell und Serdar, dann kann Harit weiter vorne bleiben – in diesem Beispiel besser die Schnittstellen im Zwischenraum besetzen. So wären sie hinter der Freiburger Stürmerreihe anspielbar und würden die Freiburger Sechser vor die Aufgabe stellen, ob sie die tiefe Position aus dem Bild halten würden, um Harit aus dem Spiel zu nehmen oder lieber vorschieben, um einen Pass auf Mascarell oder Serdar verhindern.

Und da kommen wir zum entscheidenden Punkt, denn durch eine gleichmäßige Offensivverteilung innerhalb des Verteidigungsblocks stellt man den Gegner vor Entscheidungen. Bin ich dafür verantwortlich oder muss mein Nebenmann vorschieben? Sicher ich lieber sichern oder schiebe ich aggressiv vor?

Sich in Schnittstellen zu positionieren, provoziert immer Entscheidungen beim Gegner. Sie können nicht ihr Verteidigungsidee einfach durchziehen, sondern sie müssen auf die Schnittstellenposition reagieren. Und in dem Moment, wo sie reagieren und ein Spieler seine Position verlässt, wird ein anderer Raum frei.

Ich tue mich immer schwer damit Dinge zu pauschalisieren. Aber diese beiden Szenen oben stehen leider für das komplette Spiel. Während Freiburg immer akkurat Schnittstellen und Positionen besetzt sowie auch bei Wechselbewegungen, Positionswechseln und Überladungen niemals die Struktur verliert, ist auf der anderen Seite Schalke, denen leider nichts Besseres eingefallen ist als Mascarell in die Abwehr kippen zu lassen und Serdar in den Halbraum zu schieben.

Viele Mannschaften zeigen, dass diese Variante zwar durchaus Vorteile mit sich bringt, aber wenn die Basis nicht stimmt, dann hast du auf dem Niveau Bundesliga mit dem Tabellenmittelfeld zurecht nichts zu tun!  

Strukturiertes Pressing

Während Freiburg in einem 3-4-3 gestartet ist, hat Schalke mit einem 4-2-3-1 angefangen. Dabei waren meist Schalkes Außenmittelfeldspieler zusammen mit Boujellab als Stürmer, diejenigen, die Freiburgs erste Aufbaulinie gestört haben. Situativ hat Harit auch mal mit Boujellab getauscht oder Boujellab und Harit haben zu zweit Freiburgs erste Linie attackiert, aber ich glaube, dass es sich diese Strukturen eher aus der Situation ergeben haben.

Freiburg hat die erste Aufbaulinie sehr variabel besetzt. Wie im Freiburger Aufbaubeispiel, ist Schlotterbeck als zentraler Innenverteidiger manchmal in den Mittelfeldraum geschoben und Santamaria ist als Sechser dann in den Zehnerraum hochgeschoben.

In anderen Situationen gab es dann das umgekehrte Muster, indem sich mit Höfler oder Santamaria noch ein Spieler mehr in die Kette fallen lassen hat und Freiburg mit 4 Spielern aufgebaut hat, wobei hier die Halbverteidiger breit und hochgeschoben haben, so dass es wie eine typische Viererkette aussah. Meist haben die Freiburger aber aus der Dreierkette aufgebaut.

Es wirkte so als wäre Schalkes Ziel – egal bei welcher Freiburger Variante -, dass man einen Pass auf die Flügelverteidiger lenken und dort dann den Gegner isolieren wollte, um den Ball zu gewinnen. Leider hat weder das Lenken noch das Isolieren und schon gar nicht das Ball gewinnen so geklappt!

Problem beim Lenken war, dass Freiburg gar nicht auf den Flügel spielen musste, da im Zentrum genügend Anspielstationen waren.

Während Harit auf seiner Höhe auf Santamaria und Höfler traf, konnte er nicht durch Serdar oder Mascarell unterstützt werden, die durch Sallais und Grifos Positionierung meist weiter hinten gebunden waren. Die beiden Freiburger konnten nämlich nicht von der Kette aufgenommen werden, da von Schalkes Außenverteidiger erwartet wurde, dass man Pässe auf Freiburgs Flügelverteidiger attackiert.

Dies hatte nicht nur das Problem, dass sowohl Serdar als auch Mascarell nicht Harit in seiner Unterzahl unterstützen konnte, sondern auch dass der Abstand zwischen Mascarell und Serdar recht groß wurde, so dass Petersen dort ab und zu Raum fand.

Situativ ist Serdar mal vorgeschoben, um Harit zu unterstützen, was eigentlich ein ganz guter Ansatz war, da Mascarell mit einer guten Raumverteidigung beide Halbstürmer von Freiburg hätte verteidigen können, aber die Abstände zwischen den Ketten waren meist so groß, dass Serdar in seinem Vorrücken meist zu spät kam und Freiburg schon längst wieder den Ball in einen anderen Raum gespielt hat.

Zusätzlich zu Schalkes Zentrumsunterzahl lud Matondos und Ramans Pressingverhalten Freiburg auch nicht wirklich dazu ein, dass man öfter über den Flügel spielen sollte, da ihr Bogen im Anlaufen meist nicht groß genug war, um das Zentrum abzudecken.

Manchmal hat man es dennoch hinbekommen, dass Freiburg den Ball auf den Flügel gespielt hat. Doch selten konnte man dann auch den Gegner isolieren und dort den Ball gewinnen.

Denn immer, wenn Schalkes Außenverteidiger auf die Flügelverteidiger vorgeschoben sind, war das für Freiburgs Halbstürmer das Signal, um tief hinter Schalkes Außenverteidiger den Ball zu fordern. Dadurch, dass man gegenüber Schalkes Sechser im Positionsvorteil war hat das auch geklappt.

Zumal, wenn Schalkes Sechser die Halbverteidiger verfolgt haben, für Freiburg zusätzlich nochmal Optionen im nun freigewordenen Zentrum aufkamen. Zur Not hätten sie in den meisten Fällen auch noch die Option des Rückpasses zurück in die Dreierkette gehabt. So war es für Schalke wieder schwer überhaupt in Zweikämpfe zu kommen.

Unabhängig von der Ordnung ist die Intensität im Pressing auffallend passiv. Teilweise werden trotz vereinzelter klarer Zuordnungen ballführende Spieler nicht intensiv genug angelaufen. Dass längere Querpässe und technische Fehler beim Gegner optimale Momente für eine Balleroberung sind, ist noch nicht fest genug implementiert.

Die Abstände zwischen den Ketten sind teilweise wahnsinnig groß. Wenn Schalkes Stürmer am gegnerischen Strafraum attackieren, steht die eigene Abwehrkette phasenweise auf Höhe des Mittelkreises in der eigenen Hälfte.

Wenn man bedenkt, dass die eigene Mittelfeldkette sich in maximal 2 Höhen staffeln wird, kann man sich ausrechnen wie weit die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sind. Sowohl Qualität als auch Intensität des Pressings reichen aktuell nicht für Bundesligamittelmaß.

Wenn ich an die Abstände in der Abwehrkette, die Entscheidungsfindung im letzten Drittel oder an offensive Einwürfe (!) denke, fallen mir noch schnell weitere Bausteine ein. Auch individualtaktisch (ich liste das nicht auf, weil ich keinen herauspicken will) gibt es eine Menge zu tun. Aber alleine die Probleme im Pressing und im Ballbesitz lassen keine Platzierung über Platz 14 zu.

Ausblick

Ich glaube nicht, dass die Spieler individuell so unterlegen sind. Im Zweifel blüht uns bald wieder das klassische Schalke-Phänomen, dass uns irgendjemand im Winter verlässt und woanders wieder zu alter Klasse findet. Nur auf dem Platz passen gewissen Ordnungen aktuell gar nicht! Andere Mannschaften spielen auf dem Platz einfach cleverer und Schalke schafft es aktuell Spiel für Spiel fast permanent sich Positionsnachteile zu verschaffen.

Ich will an dieser Stelle einmal betonen, dass dieser Text keine Generalkritik am aktuellen Trainerteam ist. In den letzten Jahren schon, hat Schalke es komplett verpasst, diesbezüglich Kontinuität zu schaffen. Diese Probleme begleiten uns schon eine längere Zeit.

Während andere Mannschaften aber diese Probleme in den letzten Jahren aufgeholt haben, bleibt Schalke aktuell nur die Rolle denen hinterherzugucken und wiedermal zu spät in einen Zweikampf zu kommen.

Um ein positives Ende zu finden: Am Wochenende wartet mit Bielefeld einer der 4 Gegner, die man meiner Meinung nach, aktuell trotzdem schlagen kann. Wir haben bis Ende Mai noch 22 Spieltage Zeit, um 6 Punkte auf Platz 15 gutzumachen. Aktuell ist das noch möglich, warten wir aber noch bis Februar auf den ersten Sieg wird es schon verdammt schwer.

Ich glaube weiterhin daran, dass man 3 Mannschaften hinter sich lassen kann, aber die direkten Duelle sollten dann schon gewonnen werden. Und um nochmal was Positives zu sagen: Wir haben gestern erstmalig in dieser Saison geschafft, ein Spiel ohne Standardgegentor zu beenden!


Darius

Ich bin Schalker seit Ebbe Sand und Emile Mpenza! Seit 2009 bin ich Fußballtrainer, aber dank Corona bin ich jetzt auch in der Theorie unterwegs! Ansonsten stehe ich auf ein solides Positionsspiel und aggressives Pressing!

3 Kommentare

Oli · 17. Dezember 2020 um 23:20

Geiles Teil und Glückwunsch zum Artikel. Freue mich auf die nächsten

Harry · 18. Dezember 2020 um 09:00

Schöner Artikel und gute Veranschaulichung (hätte man aber durchaus nochmal korrekturlesen können :D)

Matt · 19. Dezember 2020 um 12:58

Top Analyse! Danke!

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