Hub Stevens‘ Catchphrase ist zur Schalker Spielphilosophie mutiert. Das ist ein Problem für Schalke, schon eine ganze Zeit lag. Dies ist der inoffizielle Arbeitsauftrag für 2021 sozusagen, zumindest wenn es nach Halbfeldflanke ginge.

Stevens‘ Catchphrase

Ob er gerade mal wieder Trainer von Schalke ist oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Die Catchphrase von Huub Stevens ist allgegenwertig. Kaum eine Berichterstattung über Schalke in der „die Null muss stehen“ nicht verwendet wird. Gern mal Ironisch bei Niederlagen und anerkennend bei Unentschieden. Selbst bei Siegen, entweder als Extra-Lob bei Siegen ohne Gegentor, oder als Haar in der Suppe bei Siegen trotz Gegentor(en).

Das ist auch nicht neu. Stevens ist sehr beliebt auf Schalke und spätestens seit er mit den Euro Fightern den UEFA Cup geholt hat, zurecht eine Legende. Seitdem gibt es diesen Satz auf Schalke. Obligatorisch, weitaus häufiger benutzt als jeder andere Slogan. Bekannt weit über die eigenen Fan-Kreise hinaus. Ja selbst Menschen die mit Fußball wenig an der Brause haben und weit weg von Gelsenkirchen wohnen, kennen dieses Motto und sind sich einer Verbindung mit Schalke 04 bewusst.

Dieser Spruch, auf den Stevens heute leider meist reduziert wird, ist so allgegenwärtig auf Schalke, dass er längst in die DNA übergegangen ist. Er ist zu einer Wahrheit des Spielverständnisses geworden. Alle Schalker wissen, dass ein Spiel frühestens dann als Erfolg gewertet werden darf, wenn die Gegner kein Tor geschossen haben. Dessen bewusst sind sich allerdings die wenigsten.

Das Spiel der Coaches

Ich habe diesen Blog im August 2013 gegründet und seit dem 7 Trainer während ihrer Zeit bei Schalke relativ genau unter die Lupe genommen: Jens Keller, Roberto Di Matteo, André Breitenreiter, Markus Weinzierl, Domenico Tedesco, David Wagner und Manuel Baum. Den doppelten Feuerwehrmann Huub Stevens lasse ich jetzt hier mal außen vor. Alle sind sie angetreten Spielkultur zu etablieren. Alle sind sie daran gescheitert, weil die defensive Stabilität im Laufe ihrer jeweiligen Amtszeiten immer höher priorisiert wurde.

Hier ein paar Ausschnitte meiner Abschlussanalysen der jeweiligen Amtszeit…

  • Keller: „Keller wurde geholt mit dem Auftrag die Gegentore zu stoppen. Den Auftrag konnte er aber, von der Rückrunde 2014 abgesehen, selten erfüllen.“
  • Di Matteo: „Alles auf Schalke ist der Organisation der Defensive untergeordnet. Aus einer sicheren Defensive nach vorn Spielen. Das Prinzip Stevens ins nächste Jahrhundert gebracht, wenn man so will.”
  • Breitenreiter: „Das große Ganze war das Pressing. Das war, was Breitenreiter bei Dienstantritt versprach. Das war, was Schalke über die ganze Saison nie wirklich zeigte. Es gab zwar in einzelnen Spielen phasenweise ein gutes Pressing, das konnte aber selten aufrechterhalten werden.”
  • Weinzierl: „Alles in allem ist die Defensive aber wieder nahe dran an dem Festung Status. Nur die Champions League Qualifizierten Teams der Liga haben weniger Gegentore bekommen (Dortmund genauso viele).”
  • Tedesco: „Die defensive Grundausrichtung hat sich auch dadurch ergeben, dass eben das immer der Kleinste gemeinsame Teiler war. Wenn’s mal aus irgendeinem Grund nicht lief, dann wurde zunächst die Defensive gestärkt.”
  • Wagner: „Das Pressing konnte lange die Anzahl der zu erwartenden Gegentore niedrig halten. Als es jedoch auseinander fiel, kamen auch die Gegentore. Um das Pressing aber zu stabilisieren wurden mehr Ressourcen benötigt, die Mannschaft stand tiefer, entsprechend wurde das Offensivspiel sogar geschwächt.”

Das Narrativ am Beispiel Tedesco

Tedescos erste Saison veranschaulicht das Narrativ besonders gut: Er führte über die ersten 2-5 Spiele ein solides Pressing ein und begann dann darauf aufbauend eine offensive Spielkultur zu implementieren (mit Meyer im Pentagon). Das funktionierte recht gut und wurde von Spiel zu Spiel weiterentwickelt. Bis irgendwann die Ergebnisse nicht mehr stimmten, die Null nicht mehr stand. Tedesco baute die Spielkultur Schritt für Schritt wieder zurück, vereinfachte und vereinfachte, und fokussierte sich rein auf die Defensive. Das war sogar halbwegs erfolgreich (#Vizemeistersaison), allerdings war der Fußball praktisch die komplette Rückrunde kaum ansehnlich.

Im Prinzip ist das bei allen Trainern von Schalke zu beobachten: Defensive festigen, Spielkultur aufbauen, bis zur ersten Schwächeperiode, um dann sämtliche Arbeiten am Offensivspiel der defensiven Stabilität geopfert werden. Und früher oder später darum rausgeworfen werden.

Der Fall Baum

Manuel Baum hat das Ganze in Rekordzeit durchgespielt: 2 Spiele für die Umstellung auf Einzeldeckung und ab da Fokus auf das Angriffsspiel, was Schritt für Schritt verbessert wurde. Motor war die Kombination aus Benito Raman und Mark Uth. Die Offensive wurde von Spiel zu Spiel erkenn- und messbar besser (wenn auch etwas träge, was offensichtlich der Situation geschuldet ist). Bis zu dem Spiel in dem sich Uth schwer verletzt. Durch die Verletzung ist das ganze Team deutlich von der Rolle, die Offensive sowieso. Baum wurde umgehend freigestellt. Es war sein 13. Pflichtspiel als Coach.

Die ersten zaghaften Schritte Richtung Spielkultur seit 2 Jahren wurden damit zertreten. Und das obwohl die Resultate bereits sichtbar wurden. Klar, noch nicht durch Punkte in der Tabelle. Aber seit langen gab es zum ersten Mal eine positive Entwicklung des Angriffsspiels, in relativ kurzer Zeit. Die Null stand jedoch nicht, also war es schlecht, so scheint die Maxime gewesen zu sein.

Spielkultur holt Punkte

Vereinfacht lässt sich natürlich argumentieren, dass keine Siege aber ausschlaggebend für die Tabelle sind. Und wir alle kennen ja den Spruch, dass eine gute Offensive Spiele gewinnt, eine gute Defensive aber Meisterschaften.

Das Problem mit solchen Weisheiten ist, dass sie stark vereinfacht und zum Teil sehr weit weg von der Realität sind. Denn ein Fußballspiel kann ohne den eigenen Torerfolg nunmal nicht gewonnen werden. Damit Tore aber nicht nur Zufallsprodukte bleiben, benötigt es einen Plan für die Offensive, ein systematisches Angriffsspiel, eine Spielkultur. Sowas entwickelt Schalke aber nie, weil immer nur auf die Defensive geguckt wird.

Oder, wie Tobias Escher im Spiegel schreibt:

Am anderen Tabellenende stehen wiederum Teams, die sich dem Spielaufbau verweigern. Schalke etwa sucht seit Jahren das Heil in der Defensive. 2020 fiel das Kartenhaus zusammen: Die Schalker haben keine Spielkultur, die ihnen hilft, aus dem eigenen Spiel heraus Torchancen zu kreieren. Ähnlich ergeht es Teams im Tabellenkeller wie Mainz, Köln oder auch der Hertha.

Manche dieser Teams erschlichen sich in den vergangenen Jahren mit solider Defensive, Glück und einem engagierten Publikum Punkte. Diese Saison funktioniert das nicht. Schlechter Fußball wird in der Bundesliga derzeit bestraft und Spielkultur belohnt.

Tobias Escher. Erkenntnisse der bisherigen Bundesligasaison – Zerstörer werden bestraft. Spiegel, 21.12.2020.

Das eigentliche Problem: Chancen erzeugen

In allen(!) Analysen der einzelnen Halbserien auf Halbfeldflanke ist im Fazit zu lesen, dass die größte Aufgabe der nächsten Halbserien sein müsse, sich strukturiert Chancen zu erarbeiten. Das habe nur in Einzelfällen kurzzeitig so halb funktioniert. Früher oder später ließ der Coach das Offensivspiel aber defacto verkümmern, weil die Null eben nicht stand.

Dabei ist die Defensive meist überhaupt nicht schlecht. Selbst im Jahre 2020, in dem Schalke das Kunststück fertig brachte nur ein Ligaspiel zu gewinnen, war die Defensive oft recht brauchbar. Gegentoren waren häufig das Resultat schwerwiegender individueller Fehler und selten, dass die Verteidigung insgesamt keinen guten Job machte. Individuelle Fehler, so ärgerlich sie auch sind, passieren halt. Erst recht, wenn du versuchst ein Team aus jungen Talenten zu formen. Fehler passieren auch häufiger, wenn es mehr Druck oder Angst gibt, auch das ist Teil der Geschichte dieser Serie.

Sicher, in den defensiven Ansätzen gab es über die Jahre auch viel genug zu kritisieren. Zuletzt bei Baum etwa, dass die Abstände viel zu groß waren. Und so gab es auch ein paar dieser Fehler, die eben nicht mehr ausgebügelt werden konnten. Die Defensive unabhängig von der Offensive zu beurteilen ist jedoch töricht. Und Baum wählte diesen Ansatz der großen Abstände bewusst um im Angriffsspiel mehr Räume zu haben. Und zum Teil funktionierte das schon ganz gut diese auch auszunutzen.

Die größte Baustelle für den neuen Coach

In den ersten Pokalrunden wird es immer wieder deutlich: Du brauchst keinen Champions League Kader zu haben um ein solides Pressing auf den Rasen zu bringen. Verteidigen können alle. Eine ordentliche Defensive zu etablieren wird der neue Trainer innerhalb von wenigen Wochen schaffen, egal wer es sein wird. Was dann kommt ist allerdings viel entscheidender. Die Frage zu beantworten: Wie will Schalke Torchancen erzeugen?

Wenn damit bis zur nächsten Saison gewartet wird, gibt es tatsächlich keine Chance mehr auf einen Ligaverbleib. Und für eine Kernsanierung fehlt mir die Phantasie, dafür hat die komplette Schalker Führung über viel zu lange Zeit konsequent zu inkompetent agiert.

Schalke muss schnell anfangen Tore zu schießen. Das ist das größte Problem im Spiel der letzten Jahre. Das wird allerdings immer noch viel zu häufig weggewischt. Meist mit dem Spruch: Die Null muss stehen. Hört damit endlich auf. Bitte!

Nach jedem Spiel, sollte immer die erste Frage an den Trainer sein: Was war dein Plan ein Tor zu erzielen? Selbst bei einer 12:0 Niederlage gegen einen Aufsteiger. Bloß kein Gegentor zu bekommen, ist das Motto eines Angsthasen ohne Ambition. Das ist nicht Schalke. Das ist unwürdig.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

4 Kommentare

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lab-72 · 23. Dezember 2020 um 17:36

das sehe ich grundsätzlich auch so.
strukturierte und ausbalancierte offensive. ein guter weg für die rückrunde.

z. b. im pokalspiel gg. ulm haben wir nach dem 2:0 bis zur ca. 70. minute gesehen, dass der kader mit ballbesitz spielen könnte. hat gezeigt, wie sich die spiel-natur der mannschaft darstellt, wenn das selbstvertrauen wieder wächst und sie freier aufspielen kann.

sie hätte sich auch zurückziehen und auf konter spielen können – hat sie aber (instinktiv?) nicht getan.

das team hat mir auch in seiner zusammensetzung mit den jungen spielern gut gefallen. das sah insgesamt recht harmonisch aus.

sodass man vllt. sogar auf neuzugänge in der winterpause verzichten könnte.

einzig stabouli fiel mir teilweise wie ein fremdkörper auf. defensiv hatte er ganz gute aktionen. blieb bei ballbesitz oft zu tief und zu passiv. auf dieser position können 3-4m höher oder tiefer einen grossen unterschied machen. er fehlte so, um bindung zu erzeugen, für eine gute mittelfeldzirkulation. was wichtig gewesen wäre, um ulm weiter zu dominieren und im verteidigungsdrittel zu halten.

das ist vllt. auch ein grund warum ca. nach der 70. min. schalke das spiel langsam wieder abgab.

aber insges. hat man gemerkt wie gut dieses spiel dem team getan hat…

diese mannschaft als umschalt-/konterteam spielen zu lassen kann m. e. n. nur suboptimal werden.

wünschenswert wäre, dass das spielverständnis des neuen trainers in diese richtung geht. bzw. sogar dass er dahingehend ausgesucht wird.

eine spielende & siegende schalker mannschaft – wie schön wäre das……

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Matt · 23. Dezember 2020 um 20:27

Hi
Ich bin voll bei dir das die größte Baustelle das Toreschiessen ist. Ich glaube auch das man taktisch in diese Richtung agieren kann aber ich zweifle sehr stark das es mit der Mannschaft funktioniert. Das Schalker Spiel zeichnet sich durch eine sehr hohe Fehlerquote aus. Nicht nur defensiv sondern eben auch offensiv. Fehlpässe, technische Fehler oder auch unötige Ballverluste durch Dribblings. Unötig im Sinn von wann und wo mach ich ein Dribbling. Somit verbinde ich keine großen Hoffnungen mit einem neuen Trainer. Und Zorninger hat mit seinem Offensivspiel an dem er bis zu seiner Entlassung beim VFB festhielt letztendlich die Stuttgarter mit in die 2.Liga befördert. Mein Wunschszenario wäre 4-5 Spieler abzugeben und ebensoviele zu holen um dann eine neue Ausrichtung zu kreieren. Nebenbei auch einen neuen Teamgeist zu entwickeln. Das wird aber wohl in der Kürze der Zeit nicht möglich sein. Von daher droht wohl nun sehr realistisch das Beispiel FCK. Da die Hoffnung zuletzt stirbt und es ja auch nur 2 Siege zum Relegationsplatz braucht schaue ich mir weiter an was passiert.

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Dennis · 25. Dezember 2020 um 04:05

Hallo Karsten, und frohe Weihnachten!
Im Prinzip stimme ich deinem Anliegen zu. Aber du sagst ja schon selbst, dass Stevens eigentlich zu Unrecht auf dieses geflügelte Wort reduziert wird. Unter ihm hatten wir zeitweise auch den vielleicht besten Sturm der Bundesliga, mit Sand, Mpenza und Asamoah. Zu vielen Leuten ist nicht bewusst, dass dieser Spruch zu einem Zeitpunkt entstand, als wir bei weitem noch nicht diese Qualität hatten, die besten Stürmer auch noch langzeitverletzt waren und wir auf internationaler Ebene regelmäßig gegen eigentlich überlegene Gegner antreten mussten. Damals – und meiner Meinung nach auch jüngst gegen Bielefeld – war es durchaus ein wichtiger Ansatz, Gegentore zu vermeiden, weil viele eigene Tore nicht zu erwarten waren. Stevens war und ist kein Trainer, der einer Mannschaft seinen immer gleichen taktischen Stempel aufdrückt. Er richtet sich pragmatisch danach, ob er eben Sand/Mpenza oder Wagner/Latal im Sturm spielen lassen kann.
Dass Schalke so große Defizite in der Spielkultur aufarbeiten muss, ist also nicht die Schuld von Stevens, auch wenn er diesen prägnanten Spruch getätigt hat. Und dass ein Klub in der Krise – und davon hatten wir in letzter Zeit viele – erst einmal die Defensive stabilisiert, ist auch kein spezifisch Schalker Phänomen. Gerade deshalb wirkte Baums Ansatz, sich vornehmlich mit dem Ballbesitz “auseinandzusetzen”, ja so anders. Dieser in der Tat sichtbare spielerische Aufschwung war aber wohl zu sehr auf Uth als Dreh- und Angelpunkt ausgelegt, so dass er letztendlich verpuffte. Wir haben beispielsweise gegen Leverkusen und Freiburg nun einmal nicht nach großem Kampf und torreichen Spielen knapp verloren, sondern sang- und klanglos mit 0:3 respektive 0:2. Gute Ansätze im Ballbesitz reichen nicht aus, wenn man keine Tore schießt. Dass Baum in einer normalen Welt eine Saisonvorbereitung gehabt hätte, um diese Dinge besser einzustudieren, ist im Rückblick sehr schade. Das hat aber mit Jochen Schneider zu tun, nicht mit Baum oder Stevens.
Ich bin also absolut bei dir, wenn du forderst, dass der neue Trainer – so wie es Baum vorhatte – endlich wieder eine bessere Offensive auf Schalke etabliert. Vor allem müssen wir aber die richtige Balance finden und in der Offensive Tore schießen, ohne dabei in der Defensive zu durchlässig zu werden. Die 2:2-Unentschieden gegen Mainz und Augsburg mussten nicht sein. Und auch in den 70er Jahren wurden nicht nur Libuda und Fischer, sondern auch Fichtel und Kremers zu Schalker Helden.

Ein Debakel – Über das Derby und die aktuelle sportliche Entwicklung. FC Schalke 04 – Borussia Dortmund, 0:4 - Halbfeldflanke · 21. Februar 2021 um 15:27

[…] ich die sportliche Entwicklung der letzten Jahre betrachte (Die Null muss stehen!), gehe ich nicht von einem schnellen Wiederaufstieg aus. Tatsächlich glaube ich, dass das Beispiel […]

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