Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020 zu unseren Lieblings-Schalkern. Heute mit Roman Neustädter von Karsten Jahn.

“Mecker nicht so laut über den Neustädter, sonst regt der sich wieder auf”, raunte der Typ vor mir seinen Sitznachbarn an, in meine Richtung nickend. Schalkes Nr. 33 hatte gerade einen Rückpass gespielt…

Als Neustädter im Sommer 2012 zu Schalke kam, kannte ich ihn eigentlich nur von Fußball Blogs. In den Listen der heißesten Taktik Hipster tauchte Neustädter auch Jahre später noch immer ganz vorne auf. Ich wohnte zu der Zeit noch in Dänemark und konnte Spiele nur selten komplett sehen. Was bei Gladbach so passierte, wusste ich nur grob aus der Sportschau. Namen vergesse ich sowieso immer. Lediglich dieser Markus Reus war mir ein Begriff, weiß aber nicht ob aus dem noch was geworden ist. 

Ein Jahr später hab ich wieder in Deutschland gewohnt und inzwischen alles gelesen was ich zu Fußballtaktik finden konnte. Ich wollte selbst lernen Spiele zu analysieren und fing an mir Spiele 2 oder 3 Mal anzusehen, nachdem ich das Ergebnis schon kannte. Und weil sich für meine gewonnenen Einsichten im direkten Umfeld niemand so recht interessierte, hab ich halt einen Blog gegründet, in der Hoffnung, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der sich gleichzeitig für Schalke und für Taktik interessiert. Herzlich willkommen auf Halbfeldflanke.de!

Und je häufiger ich Pause drückte während eines Spiels oder vor und zurück spulte um zu verstehen, warum die einzelnen Spieler jetzt wo stehen und wo hinspielen, desto mehr wuchs meine Begeisterung für Roman Neustädter. Das war kein Fußball mehr, was der spielte. Er spielte Schach. Es wirkte auf mich als dachte er immer schon 4-7 Pässe in die Zukunft. Bei Schalke wie beim Gegner.

Es gab Momente, da war ich mir sicher er ließ die Spieler Dinge tut, von denen diese gar nicht wussten, warum die sie tun. Nicht selten dirigierte er seine Mitspieler, indem er sie durch einen Pass in Räume schickte, die sie selbst noch gar nicht wahrgenommen haben. Und da angekommen ergab sich dann eine Situation, die, so wirkte es zumindest, Neustädter bereits vorhergesehen hatte. Besonders im Tandem mit Marco Höger war das oft eine Sahnevorstellung. Höger besetzte ja instinktiv immer Räume, bevor andere sie wahrgenommen haben.

Anfang 2016, nur wenige Monate vor seinem Abschied von Schalke, konnten wir uns sogar tatsächlich zum Interview treffen. Geplant waren etwa 30 Minuten. Gut 2 Stunden haben wir uns unterhalten. An der Taktiktafel. Wir haben Systeme durchgespielt, Ballstafetten, gruppentaktisches Verhalten, Coaching und vieles mehr. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so gut über Fußball diskutiert (hier das Interview und die komplette Chronologie dazu).

Als freundlich, offen, reflektiert und sehr intelligent habe ich Roman Neustädter kennen gelernt. Ich habe immer noch ein Grinsen im Gesicht, wenn ich an den Tag denke. Für mich verkörpert niemand mehr Spielintelligenz im Trikot von Schalke 04.

Wenn Neustädter einen Rückpass spielte, dann war das in 95% der Fälle die beste Option. Ich hab’s nachgeguckt. Oft haben wir im Stadion dann über solche Situationen diskutiert. Besonders wenn’s mal nicht rund lief. Spieler die selbst nicht mit glanzvollen Aktionen auffallen, fallen dadurch negativ auf. Viele Spieler die Taktisch arbeiten teilen da das gleiche Schicksal. Und weil ich diesen Gerechtigkeitskomplex habe, fange ich dann immer an zu diskutieren. In anderen Worten: Karsten regt sich auf, wenn andere sich über Neustädter Rückpässe aufregen.

Die Leute neben mir im Stadion haben’s auch nicht immer leicht. In diesem Sinne, beste Grüße an Bastian, Florian, Jacob und Peter. Und an die Claudia natürlich auch. Sogar an den Wemmser 04. Ich vermisse unsere gemeinsamen Stadionschnitzel.

Und ja, das war ein Scherz, ich weiß, dass der Herr Reus mit Vornamen Marco heißt. Inzwischen.

Adventskalender 2020:
Lieblings-Schalker von Halbfeldflanke & Friends.

Geschrieben von Karsten Jahn

Karsten hat Halbfeldflanke vor 7 Jahren gegründet und schreibt hier unregelmäßig seine Analysen rund um den FC Schalke 04. Im richtigen Leben coacht er Tech Teams und hilft deren Leadership dabei Strategien zu erarbeiten und umzusetzen. Falls ihr mehr von Karsten lesen wollt, geht auf Halbfeldflanke.de,  folgt ihm auf Twitter (@karstenzio) oder Instagram (@karstenzio).


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

1 Kommentar

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Carlito1904 · 19. Dezember 2020 um 09:49

Ich hatte in seiner Zeit auf Schalke auch immer das Gefühl, dass ich einer der wenigen in der Nordkurve bin, die Roman Neustädter gut finden. Für mich war er damals der Königstransfer. Leider hat Herr Löw ihn dann irgendwie ein wenig kaputt gemacht. Ein töfter Mensch war darüber hinaus anscheinend auch. Habe ihn immer gerne spielen und in unserem Trikot gesehen. Leider ein, von Seiten des S04, ziemlich unwürdiger Abschied für Roman.

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