Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020 zu unseren Lieblings-Schalkern. Heute mit Youri Mulder von Thomas Spiegel.

„Lieblings-AllTime-Schalker“ – verdammt schwere Frage, wenn man seit den frühen 70ern Fan ist. Einen für jede Dekade* ist eine gute Annäherung. Ich nehme den aus meinem Lieblingsjahrzehnt, den 90ern: als ich den Einstieg in meinen Traumberuf Sportjournalist finde. Meine Frau kennenlerne. Schalke 04 mit der blau-weißen Wand in Mailand den UEFA-Cup gewinnt. Das Leben kann wunderbar sein– im S04-Trikot personifiziert das für mich Youri Mulder.

Als er im Sommer 1993 aus Enschede kommt, bin ich ein junger Redakteur eines lokalen Sportblatts. Und die Mannschaft des S04 „ein Sauhaufen“, wie Andreas Müller mal mir gegenüber in einem Rückblick auf diese Zeit wenig verklärend anmerkt. Ihr fehlen nicht Kicker mit gutem Charakter, aber verlässliche Führung. Dafür wird der neue Manager Rudi Assauer sorgen. Und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten verbunden mit selbstbewusster Lockerheit. Auftritt Youri Mulder.

Im zweiten Spiel ist er gleich Matchwinner im Derby im Parkstadion. Wie unfair dieser Mulder doch gewesen sei, wie der seine Ellbogen eingesetzt hatte, beklagt sich der Gegenspieler hinterher. Michael Schulz-Dusau, so sein Doppelname laut S04-Kurve, ist es bis dahin nur gewohnt kräftig auszuteilen, aber nicht einzustecken… „Er spielt doch im Europapokal, da müsste er internationale Härte kennen“, wundert sich Youri Mulder.

So agiert er in den folgenden vier fast Jahren häufig. Selten filigran, aber wuchtig und trotzdem mit dem Spielverständnis der Ajax-Fußballschule ausgestattet auf dem Rasen. Zugänglich, humorvoll und schlagfertig abseits des Spielfelds. Er übersetzt den verbissenen Ehrgeiz von Jens Lehmann („Wir können mehr erreichen!“) für die Mitspieler („Der Jens ist ein bisschen verrückt- aber er hat Recht!“). Findet mit lockeren Sprüchen ein Ventil für die strengen Regeln des Huub Stevens. Und bringt auch den zum Lachen.

Youri Mulder ist zentraler Faktor für den königsblauen Klimawandel dieser Jahre. Der Sauhaufen wird nahbar, sympathisch, hält schließlich zusammen wie Pech und Schwefel. Übersteht einen Kampf um den Klassenerhalt erfolgreich, obwohl er exakt genauso schlecht gestartet ist wie das Team 20/21. Qualifiziert sich 1996 für den UEFA-Cup – und gewinnt diesen als Außenseiter, was aus heutiger Sicht mit jedem Tag Abstand unglaublicher erscheint. Mulders Beitrag sind rund 30 Tore, vielleicht aber noch mehr seine Coolness. Nicht Westernhagen sondern Muse war der Soundtrack für sein Wirken.

2017 sehen sich Thomas Spiegel und Youri Mulder beim Europa-League-Finale in Stockholm wieder.  Beim Duell ihrer fußballerischen Paralleluniversen Manchester United und Ajax Amsterdam.

Ich habe Burkhard Reich dessen rücksichtslosen Tritt gegen Youri Mulders Knie im April 1997 nie verziehen. Wenige Tage zuvor hat jener noch mit dem Treffer in Valencia das Tor zum UEFA-Cup-Halbfinale aufgestoßen. Das Wunder von Mailand erlebt Youri deshalb nur als Fan auf Krücken, in den folgenden fünf Jahren wird er wegen der von Reich verursachten Verletzung nie wieder der Alte.

Am 19. Mai 2001 ist er noch dabei, aber nicht mehr als Spieler mittendrin. Während ich der Meisterschaft mindestens ein Jahrzehnt hinterher trauere, wählt Youri einen anderen Blickwinkel: „Ich war vier Minuten Meister mit Schalke 04. Das kann mir keiner mehr nehmen.“

Auf mein erstes Kindertrikot näht meine Mutter ein Wappen und eine große 4, Rückennummer von Rolf Rüssmann. Später trage ich viele S04-Trikots beim Kicken im Park, aber ohne Namenszug. Der Club ist größer als jeder Spieler, finde ich inzwischen. Einzig für das Heimtrikot der Saison 1996/1997 mache ich eine Ausnahme. Der Flock: Mulder, 9.

* Wenn ihr es unbedingt wissen wollt 😉: 70er/Fischer, 80er/Thon, 90er/Mulder, 00er/Neuer, 10er/Huntelaar.

Adventskalender 2020:
Lieblings-Schalker von Halbfeldflanke & Friends.

Geschrieben von Thomas Spiegel

Thomas arbeitete 10 Jahre als Sportjournalist (RevierSport, freier Mitarbeiter für Die Welt, sid, Tagesspiegel) und 20 Jahre in der PR-Abteilung des FC Schalke 04, davon von März 2011 bis Mai 2020 als Direktor Kommunikation. Auf Twitter zu finden unter @TomMirror1904.

Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020: Lieblings-Schalker

Halbfeldflanke-Friends

Halbfeldflanke-Friends

Verschiedene Gastbeiträge von unterschiedlichen Author:innen. Von wem genau wird jeweils im Text selbst spezifiziert.

3 Kommentare

Avatar

Pepo · 2. Dezember 2020 um 13:36

Das ist ein so schöner Artikel. Ich wusste sofort wieder wo ich war, als Max und Mulder in Karlsruhe kaputt getreten wurden und wie sehr mich das beschäftigt hat.

Ich hab noch die 90 Jahre Schalke VHS-Kasette. Da ist ein Zitat von ihm drauf, welches er so nicht nochmal sagen würde 🙂

Muss ich mal einen finden, der die digitalisiert. Youtube-Gold!

Avatar

Carlito1904 · 2. Dezember 2020 um 16:25

Kann mich Pepos Worten nur anschließen! Sehr schöner Artikel! <3

Und ja, auch ich kann mich sehr gut an die Szene in Karlsruhe erinnern. Nicht zuletzt, da ich mit 3 Kumpels vor Ort war. Wat ham wa geflucht ob unserer zwei kaputt getretenen Helden, Max und Mulder!

Avatar

Dirk · 3. Dezember 2020 um 08:21

Einfach schön und ganz, ganz sicher auch nachvollziehbar…..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.