In diesem Text gucke ich zunächst auf das Spiel gegen den BVB für sich (Derby Analyse) und dann auf die komplette Sportliche Entwicklung von Schalke 04 (Quo Vadis S04), besonders unter Christian Gross in den letzten 2 Monaten. Spoiler: Es zeichnet sich ein trauriges Bild.

Das Derby

Das vermutlich letzte Ruhrgebiets-Derby für eine Weile. Beide Teams in der Krise, wenn auch von unterschiedlichem Ausmaß. Beide in einem System mit 1½ 6ern, die sich gegenseitig betreuten. Allerdings orientierten sich die Gelben im Raum und die Blauen an den Gelben.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die erste Halbzeit: Defensiv

Der Spielaufbau der Gelben sah eigentlich immer gleich aus. Entspannt spielten sich die Innenverteidiger den Ball gegenseitig zu und schoben dabei langsam nach vorn. Sie sahen sich dermaßen wenig Gegendruck ausgesetzt, dass sie oft selbst über die Mittellinie trotten konnten. Schalke deutete hier und da mal kurz ein Pressing an, aber schon nicht so konsequent, dass sich ein Borusse wirklich unter Druck gesetzt fühlte. Erst ab der Mittellinie wurde es etwas intensiver.

Der Grund dafür war die Hoffnung, dass die Verteidigung so nicht einfach überspielt werden kann und noch genug Spieler rund um den Strafraum stehen um Angriffe zu vereiteln. Gleichzeitig war das aber auch die Ursache allen Übels. Die Schalker Einzeldeckung mit der flachen 4er Kette konnte so leichter überladen werden. Hoppe ‚deckte‘ die beiden Innenverteidiger und die 4er Kette kümmerte sich situativ um 1-3 Angreifer.

Unterzahl in Räumen

Wenn die gelben Innenverteidiger schon im Mittelkreis stehen, ist die blaue Defensive im Mittelfeld also praktisch immer in Unterzahl. Und Unterzahl bei Einzeldeckung ist schwierig. Da übergibst und übernimmst du dich heiß.

Als Team, das Räume deutlich besser bespielt als 2/3 der Liga, ist sowas selbst bei der aktuellen Formschwäche eine Einladung. Das 0:2 und das 0:3 machten das deutlich, wie einfach Dortmund Lücken findet und bedient.

Einzeldeckung hat den Vorteil, dass (zumindest prinzipiell) alle Spieler gedeckt sind. Sie hat den Nachteil, dass es praktisch keine Doppelungen gibt. Und jeder Zweikampf birgt das Risiko, dass der Gegner potenziell den Ball und viel ungedeckten Raum hat. Das ist einer der Gründe, warum die Schalker ihre Gegner oft nur stellen anstatt richtig zu attackieren. Besonders in Strafraumnähe. Bloßes Stellen ist für eine Abgeklärte Truppe wie die Borussia aber keine Herausforderung, das nehmen die kaum wahr.

Schalke schaffte es dennoch über weite Teile die Gelben aus dem Strafraum zu halten. Klar, kamen die zu ein paar Halbchancen,

Die erste Halbzeit, Offensiv

In der ersten Halbzeit hatte Schalke etwa 30% Ballbesitz. Erstens weil sie Dortmund nicht spürbar unter Druck setzten und nur irgendwie versuchten die nicht in den Strafraum zu lassen. Und zweitens, weil der BVB sich stets den Ball zurückholen wollte. Die pressten wirklich sehr, sehr hoch und intensiv. Schalke schaffte es tiefen im Aufbau kaum über die 4er Kette hinaus. Bentaleb hat da in der letzten Woche gegen Union sehr gute Arbeit geleistet. Aber der ist jetzt verletzt.

Deutlich besser funktionierte da das Konterspiel. Gross hat den Umschaltmoment auf eine einfache Entscheidung runtergebrochen:

  1. Wenn möglich direkt nach vorne (Lauf oder Pass)
  2. Wenn nicht, ab zum 6er

Falls einer der Verteidiger den Ball gewinnt, wird praktisch direkt der lange Ball ausgepackt. Ist das etwas weiter vorne der Fall, dann landet der Ball oft, nach einem kurzen Anlaufversuch, beim 6er. In diesem Fall war das meist Stambouli.

Dieses Muster ist extrem vereinfacht. Kein Vergleich zu komplexeren Strukturen, wie sie etwa Tedesco oder Wagner einstudieren ließen (mit wechselndem Erfolg). Starke Vereinfachungen haben aber den Nachteil, dass sie manchmal zu sehr zur Befehlskette werden, besonders in Stresssituationen. Dramatisch sichtbar wurde das beim 0:2.

Harit gewinnt den Ball, sieht sich aber direkt 3 Gegenspielern ausgesetzt. Er setzt trotzdem zum Dribbling an, kommt aber nicht durch. Also gibt er den Ball zum 6er. Stambouli. Allerdings stand dieser nur ein paar Schritte entfernt, ebenfalls umzingelt von Gegenspielern und das Anspiel war auch noch grauenhaft. Bevor er wirklich etwas tun konnte, hatte er sich den Ball schon zu weit vorgelegt, offensichtlich um ihn weg zu dreschen. Doch dazu kam es nicht. Ballverlust. Tor.

Schalke hat ein Offensiv-Problem

Ansonsten klappte der Umschaltmoment aber relativ gut. Es gab viele weite Bälle, Becker und Oczipka waren die Passkönige in diesem Spiel. Früher oder später landet der Ball auf einem Flügel, und die Mittelfeldspieler helfen zu überladen (oder das zumindest zu versuchen). Dort sah das Spiel oft gar nicht so schlecht aus, und Schalke kam auch zu ein paar gut aussehenden Kontersituationen.

Woran es meiner Meinung nach allerdings am aller, aller meisten hakt bei Schalke 04, ist das Spiel im letzten Drittel. Dass der S04 nicht weiß, wie ein Konter zuende gespielt wird, hat mehr Tradition als RaBa Leipzig. Seit Königsblau diesen Konter-Fokus fährt, gibts Probleme damit. Schalke hat ein Offensiv-Problem.

Hier und da kommt es zu Strafraumsituationen, die ich nicht mal Halbchancen nennen möchte. Sicher, gegen Hoffenheim hat der Hoppe solche verwandelt. Das war ja aber auch ein kleines Wunder. Insgesamt ist die Chancenqualität bei Schalke deutlich zu schlecht. Im ganzen Spiel hat Schalke 12 Schüsse abgegeben und damit nur einen xG von 1.2 erreicht. Dortmund hatte einen xG von 1.48 bei 9 Schüssen.

Die zweite Halbzeit

Schalke musste jetzt ein 0:2 aufholen. Gross ließ jetzt also hoch pressen. Fast so hoch wie Dortmund in der ersten Halbzeit sogar. Gleichzeitig schaltete Dortmund ein bisschen in den Energiesparmodus, stand tief und ließ Schalke jetzt das Spiel machen. Das endete in den oben beschriebenen Problemen im Angriffsdrittel. Allerdings kam Schalke jetzt tatsächlich zu ein paar ganz guten Chancen bei 60% Ballbesitz. Oft eingeleitet durch einen weiten Ball oder einen Ballgewinn im und um den Strafraum.

Leider hielt das nur kurz. Nach 10 Minuten nahm die Intensität im Pressing bereits spürbar ab. Nach 15 Minuten kombinierte sich eine Dortmunder Mannschaft, die praktisch überhaupt nicht unter Druck gesetzt wird, lässig über das gesamte Feld und schiebt locker ein. Damit war das Spiel durch.

Die letzte halbe Stunde nutzte die Borussia zur Regeneration und dafür der zweiten Garnitur Einsatzzeiten zu bieten. Schalke kam noch zu ein paar Strafraumszenen, aber nichts mehr, was irgendwie auch nur im Ansatz gefährlich werden könnte.

Die Sportliche Entwicklung

David Wagner hat einen klaren Plan, wie Fußball gespielt werden sollte. Intensives Pressing, sehr hoch. Und dazu: Gegenpressing, Gegenpressing, Gegenpressing. Umsetzen konnte er das ganze nie wirklich auf Schalke. Und einen echten Plan wie Torchancen generiert werden sollten gab es auch nicht. Trotzdem, bis auf wenige Ausnahmen (und dem Moment, wenn beim 0:2 die Moral schwand) funktionierte das Spiel defensiv zumindest recht gut.

Bis zum Sommer. Wagner wollte deutlich auf mehr Offensive setzen, testete die Spieler aber extrem lang und fand nie wirklich in ein System. Also kam Baum. Baum hat kein klares Bild vom Fußball, sondern denkt sehr defensiv und überlegt was mit den Gegebenheiten machbar ist. Er schaffte das Pressing ab und führte Einzeldeckung ein. Die großen Abstände sollten dann für ein weitgespanntes und großmaschiges Netz an Offensivspielern bei Ballgewinn sorgen, die dadurch schwer zu verteidigen sind.

Das ist ein großer Wandel, am komplett entgegengesetzten Ende des Spektrums im Vergleich zu Wagner. Entsprechend dauerte es eine Weile. So langsam nahm Baums Schalke allerdings Fahrt auf, erste Erfolge wurden sichtbar. Dann kam ein Spiel, in dem es nicht gut lief und Baum war nach nur 11 Wochen schon wieder weg. In meinen Augen hat diese Entscheidung Schalke das Genick gebrochen. Die Entwicklung war zwar langsam, aber sie war da. Es war offensichtlich, dass danach keine mehr kommen würde.

Feuerwehrmann Stevens ließ selbstverständlich den eigenen Strafraum verrammeln. Und dann kam Gross.

Gross‘ Schalke

Gern würde ich jetzt beschreiben, welchen Fußball Gross spielen lässt, welche Idee hinter den Entscheidungen steckt und welche taktischen Überlegungen Schalke auf den Platz bringt. Ich habe aber keine Ahnung, kann auch nach intensiver Beobachtung und vielen Gesprächen nichts davon erkennen. Hier zumindest ein paar Indizien…

Erstmal wurde defensiv auf ein loses 4-2-3-1, 4-4-2 oder 4-3-3 zurückgegriffen. Meist wurde die gegnerische Formation gespiegelt. Jedenfalls ging es darum die Abstände zueinander grob einzuhalten und wenn dann jemand mit Ball in die Gegend kam, wurde er in einen Zweikampf verwickelt. Nach und nach wurde das aber in eine deutliche Einzeldeckung ersetzt. Echte Räume scheint es nicht zu geben, eher so ein 90er Jahre „notfalls bis aufs Klo“.

Die xGA Werte, also xG gegen Schalke, der Saison bisher

Auch sowas wie Pressingzonen konnte ich bisher nicht ausmachen. Jetzt mal abgesehen von Dingen wie „wir laufen die erst ab der Mittellinie an“ oder „die nächsten 10 Minuten gehen wir ganz vorne drauf“. Von Tempo- oder Intensitätswechseln ganz zu schweigen.

Offensiv wird der Weg jetzt schwerpunktmäßig über die Flügel gesucht, statt wie vor Gross durchs Zentrum. Das hat sicherlich auch mit dem veränderten Personal zu tun, Kolasinac und William bringen da schon Qualität mit, die vorher nicht da war. Der Unterschied ist sonst aber marginal. Jetzt kommt das Zentrum in den Halbraum zur Unterstützung, vorher kam halt der Flügel in den Halbraum zur Unterstützung.

Die xG Werte der Saison bisher.

Ansonsten konnte ich keinerlei Plan erkennen, wie die offensive gestaltet werden soll, abgesehen von der Entscheidung im Umschaltmoment. Besagte Unterstützung im Halbraum gibt es eh hauptsächlich im Mittelfeld. Beim Aufbau sind die Innenverteidiger meist komplett auf sich allein gestellt und im Angriffsdrittel improvisiert anscheinend jeder für sich selbst.

Stückwerk

Worauf es hinausläuft, ist blankes Stückwerk. Auf mich wirkt es, als hoffe Gross auf Einzelleistungen. Gib dem Harit möglichst häufig den Ball, dann passiert schon was. Darum konnten die Spieler Bentaleb und Mustafi auch praktisch ohne Vorbereitung ins Team geworfen werden. Besonders bei Bentaleb klappte das im Spiel gegen Union sogar sehr gut.

Jeder scheint viele Freiheiten zu genießen um die eigenen Stärken einbringen zu können. Individualtaktisch ist das toll. Gruppentaktisch allerdings fatal. Denn zu keinem Zeitpunkt scheinen die Spieler sicher zu sein, wie sich der Kollege jetzt gleich verhält. Selbst so Dinge wie Rückraumbesetzung bei Strafraumsituationen sind Glückssache. So wird jeder Doppelpass zu einem Risiko. Defensiv traut sich niemand aggressiver zu pressen, weil gar nicht klar ist, ob und wo wohl Verstärkung sein könnte.

Verletzungen

Wenn ich mich so sehr auf die individuelle Entscheidungen verlasse, wie Schalke gerade, dann sollte ich mich wenigstens auf die Individuelle Klasse verlassen können. Das kann Schalke aber nicht. Das Gros (pun not intended) der Topspieler ist nicht oder kaum einsatzfähig. Es bleibt, bei allem Respekt, eine Trümmertruppe, die kaum konkurrenzfähig ist.

Sicher, die könnten schon was reißen, dafür bräuchten sie aber ein klares System, eine ausgeklügelte Strategie und Taktik, damit sie als Team agieren können. Gibt es nicht, können sie also auch nicht.

Eine Diskussion sollte sein, wie es passieren kann, dass Schalke seit Jahren ein derartiges Verletzungspech hat. Und eigentlich gab es diese Diskussion ja im letzten Sommer schon. Aber das ist ein anderes Thema.

Nächste Schritte

Ich würde mir von Gross wünschen, ein Konzept zur Raumaufteilung zu entwickeln. Damit die Spieler wissen welche Pressingräume wie bestellt werden müssen und wo sich Spieler im Umschaltmoment befinden. Damit könnte auch geklärt werden, wie sich Schalke langsam durch einen tiefsitzenden Gegner fräsen könnte. Und es könnten darauf basierend Spielzüge entwickelt werden, Angreifer in Positionen zu bringen.

Das wird aber nicht passieren. Vielleicht wäre es schon toll, Schalke häufiger mal sehr hoch angreifen zu sehen. Die ersten 10 Minuten der 2. Halbzeit von Schalke waren toll. So wurden auch chancen generiert, die besten des Spiels.

Allerdings waren sie dann auch direkt alle am Ende der Energie, was natürlich ein Problem ist. Aber das ist ebenfalls ein anderes Thema.

Abstieg

Wenn ich die sportliche Entwicklung der letzten Jahre betrachte (Die Null muss stehen!), gehe ich nicht von einem schnellen Wiederaufstieg aus. Tatsächlich glaube ich, dass das Beispiel HSV, der zumindest seit Jahren um den Aufstieg mitspielt, eines der best-möglichen Szenarien ist. Wenn Schalke nicht bald mit Verstand geführt wird und aufhört sich von selbstherrlichen Menschen fremdbestimmen zu lassen, halte ich ein Szenario zwischen Bochum und Kaiserslautern für deutlich realistischer. Und ja, meiner Meinung nach ginge das spielend als Verein. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Ich wünsche mir, dass Schalke sich auf die eigenen Stärken besinnt. Mit Mut ins Dunkle zu ziehen. Immer wieder. Mit dem Mut Fußballspielen zu wollen, selbst wenn mal ein paar Spiele nicht gewonnen werden und die eigenen Fans pfeifen. Mit dem Mut ein Team zu formen. Mit dem Mut sich Fehler einzugestehen und Konsequenzen zu ziehen. Und vor allem mit dem Mut zum Konflikt.

Dass die komplette Schalker Führungsetage (inkl. Management und alles an Gremien drumrum) dazu nicht in der Lage ist, beweist sie seit Jahren.


Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

12 Kommentare

Gianna · 21. Februar 2021 um 18:48

genau so sieht’s leider aus.

Dominik · 21. Februar 2021 um 20:38

Stimme dir da voll zu. Meiner Meinung nach war das dümmste diese Saison, Manuel Baum zu entlassen. Er hatte keine Vorbereitung mit der Mannschaft, dennoch war eine positive Tendenz (spieltaktisch, leider nicht vom Ergebnis her) zu erkennen.

Gross dagegen hatte Glück gegen Hoffenheim und hatte wahrscheinlich die Hoffnung, dass es dann von selbst läuft.

Abi04 · 22. Februar 2021 um 02:27

Ich denke dass der rein taktische Blickwinkel viel zu kurz greift. Profifußball ist Leistungssport. Und im Leistungssport ist der Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit von ganz besonderer Bedeutung. Nur dieser Glaube mobilisiert die entscheidenden letzten Kräfte, siehe z.B. als Paradebeispiel Boris Becker. Bei S04 kommt noch der Extra-Motivationsschub der Nordkurve im genau richtigen Moment dazu. Dieser so wichtige Glaube ist seit dem überlangen Festhalten an Wagner aber nicht mehr vorhanden. Erst Recht nicht seitdem die Arena leer ist. Dieses Psycho-Trauma ist in die Mannschaft bereits dermaßen eingebrannt, dass das kein Trainer der Welt mehr ändern konnte incl. Baum und Gross.

    Gianna · 22. Februar 2021 um 09:28

    @ Abi04: das habe ich auch lange gedacht. Das Schneider viel zu lange an Wagner festgehalten hat, war ein entscheidender Knackpunkt für die jetzige Situation. Aber nach dem 4:0 gegen Hoppenheim sollten doch die Köpfe wieder so frei geworden sein, daß es gegen Kolohn reichen sollte. Diese Niederlage habe ich am allerwenigsten erwartet.

      Abi04 · 22. Februar 2021 um 12:27

      „Knackpunkt“ ist das zutreffendste Wort für den Verlust an den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit. Bei Stürmern (und noch mehr bei den sog. Knipsern) ist das nochmals wichtiger. Man kann das sehr schön an Burgstaller (jetzt St.Pauli) sehen und genau so wird’s höchstwahrscheinlich bei Uth (hervorragende hängende Spitze) kommen. Es werden aber sowieso reihenweise Spieler, die uns verlassen werden, in einem anderen Umfeld dann wieder so richtig aufblühen. Die Logik bis zum Hoffenheim-Spiel, dass der EINE Sieg mal notwendig sei, damit „der Bock mal umgestoßen“ würde und mit EINEM Erfolgserlebnis der Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit zurückkehren würde, war bereits eine simple Durchhalteparole. Vorher hat es halt schon zu arg „geknackt“, also ist etwas kaputtgegangen was ein Einzelsieg wie das 4:0 niemals reparieren konnte. Dazu bräuchte es schon eine richtige Serie. Dazu ist die Mannschaft aber einfach zu schwach und leider, leider weiß sie’s halt auch.
      Aber ich wollte mit meinem ersten Kommentar die taktischen Erläuterungen keinesfalls abwerten. Sie zu lesen ist immer interessant und sie sind auch immer sehr gut begründet. Man vergleicht das dann mit dem eigenen Empfinden und kommt so auch zu neuen Erkenntnissen. Wer sich so sehr in die Sachen hineinvertieft, der muss schon so richtig Schalke-bekloppt (natürlich positiv!) sein. Es kommt aber auch die echte Liebe zum Fußball überhaupt durch. Einfach schön.

ES · 22. Februar 2021 um 09:24

Vielen Dank, insbesondere für die Erläuterung, dass das „Stellen“ statt „Durchpressen“ eine Konsequenz der Entscheidung der Mannorientierung ist. Ich hätte mir wenigstens mehr Konsequenz bei der Umsetzung alter und schlechter Taktik gewünscht. Zum Beispiel hätte sich Hoppe bei Dortmunder Ballbesitz bis zur Mittellinie für einen Energydrink auf die Bank setzen und Kräfte sparen können statt sinnlos alleine zwei Innenverteidiger plus Torwart zu pressen (Letzteres hat er übrigens trotz der Ausweglosigkeit sehr passabel gemacht hat). Leider war trotz des 4:0 zusätzlich zu konstatieren, dass auch der BVB taktisch eher grausam gespielt und trotz der tiefen, passiven Stellung des Gegners wenig Chancen generiert und viel zu viel zugelassen hat. Aber das ist ja nur Teil der Geschichte dieser Saison, die ja bereits abgeschlossen ist.

Zur Zukunft: Mich würde eine ernsthafte Diskussion darüber interessieren, was eine gute Führung eines Vereins ausmacht über die Floskel „Leute, die Ahnung vom Fußball haben“ (damit ist meist die Ansicht verbunden, die müssten selber (Bundesliga-)Fußball gespielt haben, was helfen kann, aber nicht muss) oder „Es müssen echte Schalker sein“ (was nur die Auswahl kompetenter Leute einschränkt). Tönnies Devise war: Ich hole mir jeweils den Mann als Verantwortlichen, der gerade woanders in den letzten Jahren Erfolg hatte. Ich weiß zwar nicht warum (vielleicht liegt da der Fehler ), aber dann kann ich nicht viel falsch machen. So hat er erst Magath, dann Held, dann Heidel geholt. Ich finde dieses Vorgehen nicht grundfalsch. Der Aufsichtsrat muss nicht notwendig eine sportliche Idee haben, sondern die Idee seines sportlichen Leiters mittragen, und zwar konsequent über viele Jahre. Man kann nun Heidel viel vorwerfen, aber sicher nicht, dass er keine Idee von der sportlichen Ausrichtung hatte und diese Linie nicht konsequent verfolgt hätte. So hat er erst Weinzierl und dann Tedesco geholt. Schneider hat diese Linie mit der Verpflichtung von Wagner zunächst weiter geführt (wobei man den Rauswurf von Tedesco schon als erste Inkonsequenz und Zugeständnis an Druck werten kann), ist dann aber in Panik und in der Mangelverwaltung von allen guten Geistern abgekommen. Was zu der Situation geführt hat, dass wir jetzt vom besten Pressing der Liga im ersten Halbjahr unter Wagner innerhalb eines Jahres mit einem damals schon überholten Spielkonzept von Jens Keller dastehen ohne die Klassespieler von damals (und ohne den für diesen Spielstil prädestinierten Ausnahmespieler Roman Neustädter) gegen Gegner, die sich alle weiterentwickelt haben.

Dass Geld eine Rolle spielt, und dass Schalke strukturelle Nachteile hat und über Jahrzehnte durch alle Manager hindurch (incl. des gottähnlich überhöhten Alkoholikers) maßlos über die Verhältnisse gelebt und aus diesem Schuldensumpf nie rausgekommen ist (was natürlich auch an den meist unrealistisch überzogenen und an der Vergangenheit orientierten Erwartungen des Umfelds liegt, an der Stelle sind die Fans eher ein Betonklotz am Bein), ist eine nicht zu bestreitende Banalität. Aber innerhalb des Korridors der Möglichkeiten (an Geld und Struktur, das müsste schon gut bemessen werden): Wo steht Schalke dort aktuell (irgendwo zwischen Bochum und Kaiserslautern? – kann man das bemessen?)? Und was wäre zu tun, um innerhalb des Korridors erfolgreich zu sein (z.B. eine über Jahre stabile Zweitligamannschaft oder eine Fahrstuhlmannschaft aufzubauen und zu halten)? Was macht Bochum z.B. derzeit richtig (nach langen, harten Erfahrungen)? Was Frankfurt?

    Karsten · 22. Februar 2021 um 12:29

    Schöner Punkt mit Hoppe. Hab überlegt, ob ich darauf eingehe (und auf Becker, Serdar oder Oczipka), wollte den Text dann aber nicht noch länger werden lassen. Fand auch, dass er das eigentlich ganz gut gemacht hat. Völlig allein anzupressen, egal wie unermüdlich, hat aber natürlich nur sehr überschaubaren Sinngehalt.

    Deine Ausführungen zum Rest finde ich auch spannend. Und ich hoffe inständig, dass sich Menschen mit Sachverstand und Weitsicht damit intensiv beschäftigen. Nur der Glaube daran fehlt mir leider.

Markus · 23. Februar 2021 um 00:06

Ich finde es schon bemerkenswert, dass Schalke es nie ernsthaft versucht hat, als „starken Mann“ auf der Position des Managers oder Sportdirektors einen ehemaligen Spieler zu verankern. Es können doch in den letzten 30 Jahren nicht nur Spieler bei SO4 gewesen sein, die keine Ambitionen in diese Richtung hatten. Und an „Vereinen“ wie Gladbach, Dortmund, Bayern, Leverkusen, Bremen, Ajax usw. sieht man doch, dass das vielleicht doch nicht so unwichtig ist, ob man den Verein von innen kennt, oder nicht.

Matt · 25. Februar 2021 um 10:40

Nun das Spiel gegen die Gelben war für mich schon beim Lesen der Aufstellung entschieden wobei es die „Ersatzspieler“ so schlecht gar nicht gemacht haben. Was man jedem Trainer zu Gute halten muß (und was ich meinte das es sich gebessert hat) ist das keiner etwas dafür kann das entscheidende individuelle Fehler gemacht werden. Im Spiel gegen Dortmund war es dann eben Stambouli. Was für Gross bestimmt schwierig ist und warum er sich vielleicht für den nicht modernen Ansatz entschieden hat liegt eventuell daran das alle vorherigen Trainer mit komplett gegensätzlichen Ansätzen gescheitert sind und er eben keine Zeit mehr hat etwas tauglicheres zu installieren. Zudem läuft jede Woche verletzungsbedingt eine andere Mannschaft auf. Was mir aber fehlt ist das bedingungslos auf Offensive gesetzt wird. Nix anderes wie Siege helfen jetzt noch. Nach wie vor aber – bei allen Trainern – versucht sich Schalke über Ballbesitzspiel Torchancen zu kreieren. Dazu passt das Personal aber überhaupt nicht weil manche dafür technisch zu schwach sind oder zu risikoreich spielen/dribbeln. Die langen Bälle sind bestimmt auch taktisch vorgegeben aber für mich mehr immer nur die Lösung ist dem Gegenspielerdruck auszuweichen. Gross wird nichts mehr ändern so das man nur hoffen kann das schnellstmöglich die Verletzten wieder zur Verfügung stehen. Wünschen würde ich mir das er entweder Harit als hängende Spitze einsetzt und dann auch mit 2 echten Flügelspieler (Raman/William) aufstellt oder aber auf der rechten Seite auch einen 10er einsetzt (Bentaleb/Uth/Serdar) welcher nach innen zieht um dem AV die Bahn frei zu machen. Aktuell wird jeder Gegner einfach immer nur Harit versuchen auszuschalten – was dann auch reicht wenn es klappt. Mit 2 Siegen gegen Stuttgart und Mainz sehe ich auch noch eine kleine Chance. Ansonsten habe ich mich aber mit dem Abstieg abgefunden und sehe es auch wirklich als Chance eine neue Mannschaft oder sogar einen neuen Verein aufzubauen. Zwischen Bochum und dem FCK sehe ich Schalke nicht. Dafür ist der Verein zu groß und auch in Liga 2 wird Schalke wenn es mal wieder so weit ist 50000 Zuschauer haben. Auch bei der finanziellen Betrachtung wird immer wieder vergessen die Werte wie Stadion/Trainingsgelände etc. gegenüber zu stellen. Auch die kommende Ausgliederung wird Schalke wieder in einen erstligatauglichen finanziellen Rahmen bringen. Noch immer ist der S04 unter den Top 15 der wertvollsten Vereine Europas.

    Matt · 25. Februar 2021 um 11:00

    Korrektur – hab gerade gelesen das dem Verein nur noch 43% des Stadions gehören.

Die Mär vom Verletzungspech - Halbfeldflanke · 24. Februar 2021 um 08:44

[…] Karsten, vorgestern. […]

Analyse 2020/2021: Heute ist nicht aller Tage. - Halbfeldflanke · 22. Mai 2021 um 17:36

[…] auf die Spiele ein, sondern mehr auf das große Ganze. Die Entwicklung auf dem Platz hab ich in der Derby Analyse gemacht, danach kam zwar ein neuer Trainer, viel entscheidendes verändert hat sich aber letztlich […]

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