Schalke ist offiziell abgestiegen, endlich. Alle haben wir unterschiedlich lang gehofft, nicht nur deswegen fühlt das jede*r gerade anders. Einige fühlen gerade gar nichts, bei anderen sitzt es tief. Das ist okay. Für mich stand der Abstieg nach dem Spiel gegen Köln endgültig fest. Auch danach habe ich alle Spiele geschaut. Zugegeben, meistens habe ich nebenher irgendwas anderes gelesen (Rezepte), weil es anders nicht zu ertragen war.

Du suchst nach positiven Anhaltspunkten, irgendwas, egal was. Manchmal gab es die ja sogar, weil irgendwer einen guten Tag hatte oder aus sonst einem Zufall, aber in den nächsten Spielen sah man davon genau nichts mehr. Da wirst du doch bekloppt!

Blick nach vorn

Jedenfalls habe ich mich zwischen Wut, Trauer und sehr viel Kuchen dann einen Trainer vorher gefragt: Wie wollen die denn bitte so in der 2. Bundesliga mitspielen, geschweige denn aufsteigen? Was hat eigentlich die Aufsteiger der letzten Jahre erfolgreich gemacht?

Das habe ich mir also angeguckt. Ohne Hilfe hätte ich das nicht geschafft, die Leute von Create Football haben uns freundlicherweise einiges an Daten rausgesucht, danke dafür!

Gefragt hatte ich sie nach statistischen Auffälligkeiten. Die sind natürlich nicht für alle Mannschaften gleich, dementsprechend schauen wir uns in jeder Saison unterschiedliche Metriken an. Mich interessiert: Womit waren die Aufsteiger erolgreich, im Vergleich zum Rest der Liga? Welche Qualitäten stechen in so einer physisch robusten Liga heraus?

Und wie realistisch ist eigentlich so ein direkter Wiederaufstieg, mit einem fast komplett neu zusammengestellten Kader aus wahrscheinlich vielen Jugendspielern? (Spoiler: nicht sehr wahrscheinlich).

Klar ist an so einer Zusammenstellung einiges vorhersehbar, die besten Teams einer Liga sind sehr oft in entscheidenden Bereichen besser als die anderen (wobei es hier und da auch überraschende Schwächen gab, siehe die liegen gelassenen Punkte von Stuttgart), aber das erreichen sie eben auf unterschiedliche Weise. Schauen wir also mal auf die vergangen Aufsteiger:

2017/2018: Fortuna Düsseldorf, die Freund*innen vom 1. FC Nürnberg.

2018/2019: 1. FC Köln, SC Paderborn 07, Union Berlin (Relegation).

2019/2020: Arminia Bielefeld, VfB Stuttgart.

Wie viele Punkte für den Aufstieg?

Fangen wir mal ganz grundlegend mit den Punkten an. Wieviele Punkte braucht es durchschnittlich für den Aufstieg? In den letzten drei Jahren hat es nur Union Berlin tatsächlich durch die Relegation geschafft, sie waren punktgleich mit den zweitplatzierten Paderbornern. Nimmt man Union aus der Wertung, dann rangierten die sechs direkten Aufsteiger zwischen 57 und 68 Punkten, im Durschnitt sind das 61,5 Punkte.

SaisonVereinTabellen-PlatzPunkteExpected PointsDifferenz
2017/18Fortuna Düsseldorf16347,6+15,4
2017/181. FC Nürnberg26051,5+8,5
2018/191. FC Köln16363
2018/19SC Paderborn 0725757
2018/19Union Berlin35757
2019/20Arminia Bielefeld16855,7+12,3
2019/20VfB Stuttgart25884,7-26,7
Die tatsächliche Punkteausbeute der Aufsteiger im Vergleich zu den Expected Points. Düsseldorf, Nürnberg und Bielefeld punkteten mehr, als zu erwarten war. Stuttgart hingegen ließ regelmäßig zu erwartende Punkte liegen.

Im Detail interessant: Keiner dieser Vereine kam über 19 Saisonsiege hinaus. Die Bielefelder, die mit 68 zwar die meisten Punkte holten, kamen sogar nur auf 18 Saisonsiege und erspielten die restlichen Punkte über Unentschieden. Die wenigsten Siege holte Union Berlin mit nur 14.

Wichtig ist hier auch der Blick auf die Differenz zwischen den Expected Points und der tatsächlichen Punkteausbeute der Teams. Expected Points sind eine Hochrechnung, die sich aus Expected Goals und Expected Goals Against (also den zu erwartenden Gegentoren) ergibt. Das erklärt euch Karsten hier.

Für die drei Aufsteiger der Saison 2018/19 entsprechen die tatsächlichen Punkte „nahezu den Expected Points“ (hier habe ich keine genauen Werte bekommen und habe daher entsprechend nochmal den Punkt-Wert in der Tabelle eingetragen).

Drumherum zeigt sich die Wichtigkeit von Effektivität: Düsseldorf, Nürnberg und Bielefeld übertrafen ihren Expected Points Wert teilweise weit, entschieden vor allem enge Partien oft für sich. Der VfB Stuttgart hingegen ließ nach dem hier verwendeten Modell unfassbare 26,7 Punkte liegen!

Qualitäten im Ballbesitz

Aufstiegskandidaten sind häufig in der Favoritenrolle und spielen dementsprechend gegen tiefstehende oder sehr aggressiv agierende Gegner. Dabei muss zwangsläufig mit viel Ballbesitz gerechnet werden, das ist ja für die meisten deutschen Teams ein Drohszenario. Es braucht also technische Fähigkeiten und einen Plan zum Knacken der gegnerischen Defensive, ohne in zu viele Konter zu laufen.

Fast allen Teams gemein sind gute bis sehr gute Werte bei der Passgenauigkeit. Zum Beispiel lagen die Fortuna mit 80,7% und Union mit 81,9% Passgenauigkeit beide ligaweit in den Top5 (Liga-Saisondurchschnitt 2017/2018: 78,42%).

Beide hatten außerdem durchschnittlich weniger Ballverluste als ihre Konkurrenz, Düsseldorf durchschnittlich ca. 110 pro Spiel, Nürnberg ca. 114 pro Spiel. Da konnte nur Kiel mit 118 so gerade mithalten, bei den nächsten Mannschaften waren es dann schon 126 und 132. Diese beiden Werte sind stark u.a. abhängig von der Spielweise, fokussiert eine Mannschaft schnelles, riskantes Spiel oder hat sie mehr Zeit am Ball (selbstgewählt oder vom Gegner aufgedrängt)?

Nürnberg war zudem besonders erfolgreich bei Flanken, fast 40% fanden einen Abnehmer (Liga-Saisondurchschnitt: 32,42%). Nürnberg kam also oft sehr erfolgreich über Außen.

Die Saison 2018/2019 danach war statistisch die Spielzeit der erfolgreichen Dribblings. Köln, Paderborn und Union gewannen alle über 52,5% ihrer Offensivdribblings und lagen damit in den Top 5 der Liga. Nur Aue und St.Pauli waren noch etwas besser. Köln stach außerdem bei Passgenauigkeit und geringen Ballverlusten positiv hervor.

Auch Stuttgart versuchte sich in der letzten Saison an Dribblings, mit fast 1200 davon in der gesamten Saison häufiger als jede andere Mannschaft, davon waren nur 49% erfolgreich, was Platz 15 in der Statistik bedeutet. Man könnte sagen: Die Masse macht’s, in Kombination mit einem anderen Wert wird das aber zu einem vielversprechenden Mittel.

Stuttgart hatte nämlich extrem gute Steilpässe. Auch hier mit 86,74 pro Spiel mehr als der Rest der Liga im Durchschnitt (75,07 pro Spiel), aber eben auch mit sehr viel höherer Genauigkeit. 83% der Stuttgarter Steilpässe fanden ihr Ziel, die Konkurrenz kam durchschnittlich auf 75,3%.

Ihre Gegner ließen ihnen und der Arminia außerdem sehr viel Zeit am Ball, was die Qualität und Effektivität dieses Bespielens der Tiefe noch einmal unterstreicht, weil es gegen abwartende Mannschaften schwieriger ist. Der Wert dazu nennt sich PPDA against (Passes Per Defensive Action against /Pässe pro Defensivaktion des Gegners, auch hier wieder unsere Übersicht) und soll die Pressingintensität anzeigen. Bielefeld bekam 17,27 Pässe bis der Gegner eingriff, Stuttgart 16,26.

Sie konnten sich also nicht auf eigene Umschaltsituationen verlassen, sondern mussten sich Chancen aus eigenem Ballbesitz erspielen. Der Stuttgarter Lösungsansatz bestand aus kluger Bewegung mit und ohne Ball für die angesprochenen Dribblings und Steilpässe. Bei Bielefeld durfte es auch mal eine Flanke sein, Klos erzielte ganze 14 Tore per Kopf.

Unterschiede in der Defensive

Den PPDA gibt es umgekehrt auch für die jeweiligen Teams, was einen Blick darauf erlaubt wie sie selbst verteidigt haben. Die meisten setzten auf frühes Attackieren, die große Ausnahme hier war Bielefeld.

SaisonVereinPPDALigadurchschnitt
2018/19SC Paderborn 076,819,44
2018/191. FC Köln8,249,44
2018/19Union Berlin8,719,44
2019/20VfB Stuttgart7,45?
2019/20Arminia Bielefeld13,65?

Während die anderen also mit frühem (Gegen)Pressing erfolgreich waren, zog die Arminia sich eher zurück und beides war sehr erfolgreich. Stuttgart und Bielefeld bekamen die wenigsten Schüsse auf das eigene Tor, bei Bielefeld waren es 352, bei Stuttgart 362. Der Liga-Saisondurchschnitt lag in dem Jahr bei 425,22.

Köln und Union Berlin waren in ihrer Saison zusätzlich zu ihrem Pressing auch sehr erfolgreich im Gewinnen von Defensivkopfballduellen. Köln kam auf 47,1% gewonnener Kopfballduelle beim Verteidigen, Union auf 46,7%.

Das nutzte vor allem Köln auch in der Offensive, womit wir bei den Standards angekommen sind.

Vom Ecken-Trauma zu Traum-Ecken

… ist eine Überschrift die ich so oder ähnlich gerne in nächster Zeit über Schalke lesen würde, darin haben mich die zusammengestellten Daten noch einmal bestätigt. Der Wert von gutem Verhalten bei Standards ist längst bekannt. Alle Aufsteiger mit Ausnahme von Stuttgart waren überdurchschnittlich erfolgreich nach Eckstößen.

Besonders auffällig war hier Köln: Der FC erzielte 13 Tore nach Eckstößen (Liga-Saisondurchschnitt 5,78) und insgesamt 26 Kopfballtore. Terodde und Jhon Córdoba bekamen bei Standards immer Unterstützung durch die wie schon erwähnt sehr kopfballstarken Verteidiger, die regelmäßig Gegner weglockten und mit ihrer Physis behinderten. Nürnberg kam auf 10 Tore nach Ecken (Liga-Saisondurchschnitt 6,28) und 16 Kopfballtore (Liga-Saisondurchschnitt 7,39).

Klar, dafür braucht es die richtigen Spielertypen, die nicht nur groß sind, sondern auch ein gutes Timing und die entsprechende Technik beim Kopfball haben. Und es braucht ein Trainerteam, das die Zeit investiert das Verhalten in solchen Szenen immer wieder zu üben. Das kann die ein oder andere Flaute überbrücken (z.B. weil die Entwicklung des spielerischen Offensivkonzepts eben länger dauert), das durften wir in der Vergangenheit ja auch schon erleben.

Zusammengefasst

  • 61,5 Punkte reichten durchschnittlich in den letzten 3 Spielzeiten für den Aufstieg
  • Auf Robustheit und Aggressivität der gegnerischen Mannschaft einstellen
  • Körperlichkeit ebenfalls in die Defensive einbringen, v.a. Luftduellen
  • Eckbälle in Verbindung mit Kopfballspiel sind von großer Bedeutung
  • Teams müssen mit viel Ballbesitz umgehen können und darüber zu Torchancen kommen
  • Dribbelstärke, Geschwindigkeit und Flankenspiel versprechen alle Erfolg, Ausrichtung im Detail je nach Spielertypen

Kann Schalke aktuell irgendwas davon?

Nein.

Und was machen wir jetzt damit?

Klar, das alles sind keine großen Überraschungen, ist eben die 2. Bundesliga. Und von der sind wir qualitativ meilenweit entfernt. Die Statistiken sollen nicht als absolute Zielsetzungen falsch verstanden werden. Sie zeigen aber eben die Diskrepanz zwischen dem, was gebraucht wird und dem, was (nicht) ist, die Rückstände die wir werden aufholen müssen. Aus meiner Sicht werden wir deswegen nächste Saison nichts mit dem Aufstieg zu tun haben.

Die Vorbereitung auf die neue Saison wird sehr kurz sein. Die jetzige endet voraussichtlich am 22.5.2021, die Neue geht schon am 23.7.2021 wieder los. Das sind gerade mal 9 Wochen, um ein komplett neu zusammengewürfeltes Team zu einer Mannschaft mit einer halbwegs funktionierenden Taktik zu formen.

Durch die vielen Abgänge und Zugänge sollte es zu so etwas wie emotionaler Erleichterung kommen rund um den Kader. Das könnte aber dauern, nach den schlechten Leistungen und der allgemeinen finanziellen Lage im Fußball durch Covid bin ich skeptisch was schnelle Einigungen bei Transfers angeht.

Und wie wir alle wissen, ist das nicht die einzige Umwälzung. Die Mitgliederversammlung steht an, vielleicht wollen wir eine Scouting-Infrastruktur, einen neuen Jugendkoordinator, Vorstandsposten müssen neu besetzt werden. Naja, und was mit dem Trainer ist, kann man auch nie wissen.

Grammozis möchte ich vor Ende der Saison gar nicht beurteilen, wahrscheinlich ist das beim fünften Trainer in so einer Saison auch gar nicht fair möglich. Den Hang zu wuchtigen Leuten im Mittelfeld (Mustafi, Kolašinac) verstehe ich nicht. Andererseits halte ich sein betonen einer profi-sportlichen Leistungskultur für extrem wichtig, denn die fehlt offensichtlich.

In den verbleibenden Spielen geht’s um einen halbwegs ehrenvollen Abschied und Spielpraxis für die Nachwuchsspieler, auf denen wir aufbauen wollen. Vielleicht fallen ja ohne Druck plötzlich auch wieder ein paar Dinge leichter.

Zumindest gab es diese Möglichkeit am Horizont, bis gewaltbereite Arschlöcher sie in der Nacht nach dem Spiel zerstörten, neben ganz vielen anderen Dingen, die da kaputt gegangen sind. NICHTS entschuldigt das Ausüben oder Androhen von Gewalt, weil eure Fußballmannschaft schlecht war! Ihr habt dem Verein einen größeren Schaden zugefügt, als jeder Abstieg es jemals könnte! Ihr seid kein Teil dieses Vereins!

In den nächsten Monaten und Jahren brauchen wir Geduld und besonnene Entscheidungen. Schnellschüsse, Hauruckmanöver und gegenseitiges Zerfleischen können wir uns weder leisten noch erlauben.


Annika

Annika ist in Essen geboren, eine Meisterin der Kulturwissenschaften und hat außerdem Kreatives Schreiben studiert. Fing ca. 2012 an sich durch das Lesen auf Spielverlagerung für Taktik zu interessieren. Ist seit 2019 beim Halbfeldflanke Podcast dabei und hin und wieder auch im Rasenfunk zu hören. Mehr von Annika zu lesen gibt's auf Twitter (@annika_be).

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