Das war’s. Das letzte Bundesliga Spiel ist verloren. Für eine ganze Weile zumindest. Schalke ist abgestiegen. Endlich. Es war wie das berühmte Zugunglück, das in Zeitlupe beobachtet werden konnte. Über 15 Monate (mindestens). Daher fehlt es mir ein bisschen an Motivation für eine detaillierte Saisonanalyse. Keine Statistiken diesmal.

Keine Lust zu analysieren

Ich bin sehr genervt vom Fußball seit Corona. Die Sonderbehandlung in der Pandemie, die Tatsache, dass Wettbewerbsverzerrungen zwar zur Regel, aber immer ignoriert wurden, die Seelenlosigkeit der leeren Stadien, das Affentheater um Hygienekonzepte bei den Berichterstattern. Und so weiter.

Ich bin aber auch sehr genervt von Schalke 04. Nicht nur vom Fußball, der kontinuierlich scheiße ist. Woche für Woche liefert Schalke Grund für Frust. Mal kam es aus dem Team, mal aus der Sportlichen Leitung, mal aus der Vereinsführung, mal aus der Anhängerschaft, oft aus mehreren Richtungen gleichzeitig.

Wie in einem Orchester, in dem alle ihr eigenes Stück spielen und selbst dabei noch ständig aus dem Takt kommen. Und bei dem der Dirigent ständig ausgetauscht wird. Darum gehe ich diesmal wenig auf die Spiele ein, sondern mehr auf das große Ganze. Die Entwicklung auf dem Platz hab ich in der Derby Analyse gemacht, danach kam zwar ein neuer Trainer, viel entscheidendes verändert hat sich aber letztlich nicht.

Sportliche Entwicklung

Typischer Weise würde ich in einem solchen Text einen Überblick über die sportliche Entwicklung der Saison bieten. Aber… naja, sowas gab es eigentlich nicht. Zumindest nicht nennenswert. Ein bisschen in der Baum Zeit, aber die ist ja schon 3 Trainer her…

Ursprung aller sportlichen Probleme bei Schalke 04 ist meiner Meinung nach, dass in den letzten Jahren praktisch nie ein belastbares Offensivkonzept erarbeitet wurde. Ich nenne es den Die-Null-Muss-Stehen-Fluch. Immer geht es nur darum nicht zu verlieren, nie darum zu gewinnen, so konnte kein Trainer in den letzten Jahren etwas entwickeln. Oft wurden die Trainer auch schon wieder vor die Tür gesetzt, bevor sie für so eine Entwicklung Gelegenheit hatten. Oder eben das wird laut gefordert. Ergebnis: Schalke hat in erster Linie ein Offensiv-Problem.

Letztlich hat Schalke in dieser Saison Wagner, Baum und Gross rausgeworfen. Und über Grammozis Rauswurf wird auch schon wieder ein paar Wochen lang diskutiert. Immer, wenn der Grund für eine Niederlage gesucht wird, landen wir ganz schnell dabei, dass die Spieler nicht genug kämpfen, oder dass der Trainer dringend ersetzt werden müsse. Unter Wagner wäre diese Saison vermutlich nicht schlechter geendet. Unter Baum vielleicht sogar ein bisschen besser. Gefeuert wurden beide. Obwohl es relativ offensichtlich ist, dass die Probleme viel tiefer liegen.

Die Mannschaft

Schon in der Vorsaison gab es viele verletzte. So viele, dass die Ausfälle nicht kompensiert werden konnten. Es wurde Analysiert und eine Lösung gefunden, die sich als Holzweg herausstellte. Leuthards Einfluss sollte sich als Kontraproduktiv herausstellen. Dieses Wissen und diese Erfahrungswerte, gab es eigentlich bereits im Verein, wurden aber ignoriert. Ressourcen müssen auch genutzt werden.

Und so musste sich Schalke mit den gleichen Verletzungssorgen rumschlagen. Das ist blöd, weil Schalkes erste Reihe zwar das Zeug dazu hat im Mittelfeld der Bundesliga zu landen, aber dahinter ein großes qualitatives Loch ist. Ausfälle von Sané, Serdar oder Uth etwa können nicht ansatzweise adäquat ersetzt werden. Zu Beginn der Saison hat Max gesagt, dass Schalke mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird, solange Sané fit ist. Er kam nur 14 Mal zum Einsatz. Und bei den meisten Spielen davon wirkte er eigentlich noch gar nicht fit genug. So oder ähnlich verhielt sich das bei fast allen Positionen im Kader. Suat Serdar kam etwa erst dann wieder körperlich in Form, als es eigentlich auch schon wieder egal war.

Das Team besteht zu weiten Teilen aus Ergänzungsspielern. Solche, die gerade vielleicht die ersten Schritte einer großen Kariere machen. Solche, die vielleicht irgendwann mal „gestandene Bundesligaspieler“ genannt werden. Und solche, die so ein Level vermutlich eher nicht erreichen. Diese Ergänzungsspieler haben alle Mannschaften, brauchst du auch. Schalke hatte aber zu weiten Teilen der letzten 1½ Jahre keine anderen mehr. Das ist dann schlecht.

Kaderplanung

Gleichzeitig fehlte es halt an Führung, die durch eine schwere Zeit helfen kann. Ein klares System, mit klaren Rollen und Anforderungen etwa. Gab es ja aber nicht. Konnte es ja auch nicht geben, weil erstens niemand jemals eine Strategie entwickelt hat und sich immer nur auf die Taktik verlassen wurde und gleichzeitig die aber ständig gewechselt wurde. Und zweitens wurden ja auch noch ständig die Leute ausgewechselt, die für die Taktik zuständig waren.

So wurden Verpflichtungen immer nur getätigt, wenn ein Spieler eine gefühlte Verbesserung darstellte. Wahllos. Die bloße Möglichkeit Kolasinac oder Huntelaar zurückholen zu können, sticht die Sinnfrage. Aber die hätte ja auch eh gar nicht beantwortet werden können, weil es ja sportlich nunmal keine Richtung gab, sicher immer voll auf die handelnden Personen gestützt hat, denen aber keine Unterstützung dabei gab. Daran ist schon Tedesco gescheitert.

Sowas hat Auswirkungen. Auf den Fußball und auf die Mentalität. Alle 5 Trainer der Saison haben immer wieder betont viel psychologisch arbeiten zu müssen. Weil ja ständig immer alle die Köpfe hängen ließen und auch ständig so schnell (also nach dem zweiten Gegentor) einbrechen. Ich kann psychologisch aber keine Fortschritte machen, wenn ich die Ursache nicht behebe. Das ist als wenn du dir selbst im Minutentakt einen Ziegelstein vor die Stirn haust, aber dann ab und zu ein Pflaster auf die Stelle klebst, damit die Schmerzen nicht so schlimm sind. Statt aufzuhören.

5 Trainer in 6 Monaten

Am 18. September ging Schalke mit David Wagner in die neue Spielzeit. Nach einer Vorbereitung, in der Wagner versuchte etwas Neues zu etablieren. Also zumindest habe ich das da so reininterpretiert. Geklappt hat es zumindest nicht. Dann kam Manuel Baum zum 3. Spieltag.

Baum stülpte Wagners Spielweise auf links und machte Fortschritte. Zusehends. Und Messbar. Allerdings auch leider recht langsam. Und nach dem ersten Rückschlag war Baum dann auch schon wieder weg. Die blanke Panik in der Vereinsführung hat Schalke damit in meinen Augen den Abstieg besiegelt. Es war absehbar, dass auch ein nächster Trainer, der wieder von vorne anfangen müsste, nicht plötzlich die tiefsitzenden Probleme lösen könne.

Huub Stevens brauchte nur zwei Spiele um alles wieder abzubrechen und Christian Gross machte dann 11 Partien lang… irgendwie gar nix so richtig. Und dann kam Grammozis um die Scherben ein bisschen aufzukehren, Jungspieler etwas Bundesligaluft schnappen zu lassen und die nächste Saison vorzubereiten. Ersteres klappte nicht so richtig, obwohl es ein paar kleinere Fortschritte gab, besonders im Pressing aber sogar das Offensivspiel wurde verbessert. Letzteres wird sich wohl erst noch zeigen müssen. Aber immerhin wurden recht viele Spieler ausprobiert und näher an den Profikader geführt.

Mainz glückt die Kurskorrektur

Da stelle ich mich ständig hin, erkläre lang und breit, dass Trainerwechsel keinen Effekt haben, und dann kommt Mainz, wechselt den Trainer und Sportliche Leitung, fängt im großen Stil an Punkte zu sammeln und schlägt wenig später sogar die Bayern. Watt denn nu?

Wenn ich sage, dass es keinen Effekt gibt, dann heißt das, dass es Statistisch keinen Effekt gibt, der messbar ist. Also im Vergleich Aktion zu keiner Aktion. Sämtliche mir bekannten Studien kommen da zum gleichen Ergebnis, ob der Trainer im Laufe einer Saison gewechselt wird oder nicht, hat keinen Einfluss darauf, ob das Team besser spielt oder nicht. Im Prinzip ist das wie bei Homöopathie. Es gibt ein paar anekdotische Beispiele, aber tatsächlich geht es nicht über den Placebo-Effekt hinaus.

Das wirklich schlimme an dem Mainzer Beispiel (so sehr ich mich für sie freue) ist, dass es über Jahre hinweg als Vorbild genommen werden wird. Als Motivation für jede einzelne Trainerdiskussion. Die 4 Trainerwechsel dieser Saison sind schnell vergessen. Die dutzenden weiteren der letzten Jahre ohnehin. So funktioniert unsere Wahrnehmung nunmal.

Ich meine natürlich, es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Trainerwechsel die sofortige Besserung bringt. Die Wahrscheinlichkeit ist nur sehr, sehr, sehr klein. Ein bisschen wie beim Lottospielen. Nur, dass du jeweils lediglich ein Los kaufen kannst. Und die Lose sehr teuer sind. Und natürlich, dass du eben die gleiche Wahrscheinlichkeit auf einen Lottogewinn hast, wenn du kein Los kaufst.

Wie geht’s weiter?

Schalke wird sich steigern müssen. Und zwar in allen Bereichen. An den Wideraufstieg glaube ich nicht. Was sportlich in der 2. Liga für einen Aufstieg erwartet wird hat Annika kürzlich schon analysiert. Der Text ist lesenswert, aber nicht besonders vielversprechend. Die Fallhöhe ist viel zu hoch.

Schalke muss in praktisch überall von Null anfangen. Der Verein erfindet sich gerade neu (oder sollte das mMn zumindest dringend tun). Die sportliche Führung muss sich neu aufstellen, eine Strategie definieren, den Kader daran ausrichten, ein System (oder mehrere) eintrainieren die das ganze umsetzen. Und zwar möglichst gut. Und sich dabei auch noch in einem praktisch unbekannten Teilnehmerfeld zurecht finden, in einem neuen Wettbewerb.

Ich hoffe, dass Schalke aus der Vergangenheit lernt. Ein allmächtiger Puppenspieler hat die Suppe eingebrockt und alle paar Wochen den Trainer zu wechseln hat es zusehends schlimmer gemacht. Schalke ist immer laut, damit muss es umzugehen lernen. Es muss lernen zu verstehen was Schalke will, wofür es stehen will, bei allen unterschiedlichen Meinungen. Ich wünsche dem Verein und allen Schalkern viel Geduld dabei. Wir sind alle gefragt. Dann bin ich auch optimistisch, dass wir wieder kommen. Wohin und in welcher Form auch immer. Keine Frage. Heute ist nicht aller Tage!


Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

4 Kommentare

leoluchs · 22. Mai 2021 um 19:32

Die Analyse ist ausgezeichnet. Kopf und Bauch sprechen Dir Zustimmung aus. Folgerichtig ist Deiner Analyse kaum etwas hinzuzufügen.
Drei Punkte möchte ich kurz erwähnen:
a) Der großartige Talententwickler Norbert Elgert müsste sich deutlich häufiger einmischen, wenn er es denn will oder es strukturell überhaupt gewollt wird. Elgerts Expertise ist notwendig.
b) Die Reform der Vereinsstruktur ist überfällig. In der vorhandenen Vereinsstruktur wird Schalke den Weg Kaiserlauterns gehen. Herzblut ersetzt keine Verbindlichkeiten.
c) Wenn es denn aufwärts gehen soll, dann bitte mit Integration neuer Instrumente, z.B. Global Soccer Network, für deren Erwähnung ich keine Provision bekomme. Ein Artikel dazu (https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/fussball-talentscout-ueber-die-naechsten-weltklassespieler-17335603.html?premium) ist leider hinter der Bezahlschranke.
Danke für die Analysen.

Carlito1904 · 23. Mai 2021 um 20:15

Gute Analyse, wie ich finde. Ich bin wirklich darauf gespannt, ob die Verantwortlichen des Vereins endlich mal eine vernünftige Strategie und Philosophie entwicklen und vorgeben. Der dann hoffentlich auch mal länger gefolgt wird, als bis zum nächsten Trainerwechsel.

Wir müssen endlich dahin kommen, uns eine eigene Strategie und Philosophie zu suchen und danach unsere (zukünftigen) Trainer auswählen und nicht mit jedem Trainer die Strategie und Philosophie wieder über den Haufen werfen.

Und diese Philosophie sollte dann am besten auch schon in den U-Mannschaften umgesetzt werden, um den Übergang von Knappenschmiede zu den Profis zu erleichtern und die Durchlässigkeit der Knappenschmiede noch weiter zu erhöhen. Wir werden es mangels großartiger finanzieller Mittel bitter nötig haben, fürchte ich. Und (u.a.) Norbert Elgert bei dieser Strategie- und Philosophieentwicklung einzubinden, kann sicherlich nicht schaden, wenn ich mich hier dem Vorschreiben mal anschließen darf.

Beim Thema Vereinsstruktur sehe ich es anders, denn eine Abkehr vom e.V. löst für mich keinerlei Probleme, die wir schon seit Jahrzehnten haben. Mal abgesehen davon, dass in Zeiten einer Pandemie und gerade erfolgtem Abstieg man sich als Schalke 04 sicherlich in der denkbar ungünstigsten Verhandlungsposition befindet.

Matt · 31. Mai 2021 um 22:47

Hi
Ich fand es schade das es in den letzten Monaten so wenig Berichte und Analysen gab die ich gerne gelesen habe und auch gerne weiter lesen werde. Ich kann es aber verstehen das die Lust daran vergangen ist. Das Gefühlsleben als Schalker die letzen unfassbaren Monate ist schwierig zu beschreiben weil es sich zumindest bei mir permanent zwischen Wut, Hoffnung, Frust und Unverständnis bewegt hat. Und jetzt leider aber auch endlich abgestiegen und raus erstmal aus dem Drama. In der Hoffnung das es nicht so in Liga 2 weiter geht. Und nun der große Umbruch…hmm Vertrauen das dies funktioniert hab ich noch nicht aufgebaut. Sind Knäbel und Schröder die Profis die ein Profiverein braucht…Ist Grammozis nun der Trainer der mal mehrere Jahre was aufbauen darf und kann? Geht das überhaupt auf Schalke?
Habe gerade null Gefühl ob Schalke Richtung Insolvenz und 3.Liga steuert oder was hinbekommt um tatsächlich aufsteigen zu können. Freuen würde mich aber wenn auf Halbfeldflanke wieder nach dem Frust die Lust an der Analyse mit vielen Beiträgen aufkommen würde. Letztendlich geht es um Fußball und nicht um wirklich Wichtiges im Leben…

Manfred · 11. Juni 2021 um 19:17

Von Mainz zu lernen ist auf Schalke unmöglich. Ich verfolge Mainz 05 nicht, aber man bekommt ja son büschen was mit, liest hier und dort was und das, was sich mir da als Erklärung ergeben hat, geht grob unter anderem so: Mainz ist wieder Mainz, Mainz spielt wieder so wie zB unter Klopp und Tuchel.
Es war aus meiner Sicht dort weniger ein Trainerwechsel, sondern das Kunststück, den Verein wieder auf den alten Kurs zu bringen.
Das kannst du hier komplett knicken, weil Assauer tot ist und ich sonst niemandem die Rolle des Lotsen und Kapitäns zu übernehmen zutraue. Oder seit seiner Entlassung zugetraut habe.
Is ne Menge Schnee geschmolzen seither…

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