Da praktisch von Null angefangen wurde, kann eine Vorbereitung eigentlich gar nicht lang genug sein. Wir werfen einen Blick auf das, was Schalke auf den Rasen brachte und was das für den Rest der Saison heißt.

Die Grundformationen zu Spielbeginn

Jagd auf ausgestorbene Dinos

Die Hamburger kamen in einer Art 4-3-3 nach Gelsenkirchen. Viel Bewegungs- und Positionsspiel und gerne von Flügel zu Flügel. Viele kurze Pässe.

Der HSV gehört seit dem Abstieg zu den Ballbesitz Teams der zweiten Liga. Also, mehr oder weniger. Dass den Hamburgern der Ball nicht lang vorenthalten werden könnte, ist entsprechend klar, für ein Team, das neu zusammen gewürfelt wurde und davor Jahrelang praktisch nur Konter spielen wollte.

Mal wieder Untertage

Schalke kam mit vielen neuen Gesichter in einem 5-3-2. Aus den Testspielen wissen wir, dass es einen starken Flügelfokus gibt und Grammozis jetzt die 3er Kette fest etabliert hat. Drexler stand nur 2 Tage nach Transfer direkt in der Startelf als Stürmerfütternder 8er. Und viel mehr gibt es eigentlich zum aktuellen Spiel auch nicht zu sagen. Mache ich aber trotzdem…

Hamburger Ballbesitz

Nach dem Spiel haben Coach und Spieler deutlich gemacht, dass die Idee war, ihnen den Ball wohl zu überlassen, allerdings nur in Zonen, die wenig Gefahr bringen. Und das war offensichtlich. Zu Beginn presste Schalke zwar sehr hoch, Ziel war es wohl ein frühes Tor zu erziele, doch wurde die erste Pressinglinie überspielt, zogen sich die Knappen zurück in ein tiefes Mittelfeldpressing.

Hier biss sich der HSV regelmäßig die Zähne aus, spielte Verlagerung nach Verlagerung und verlor den Ball früher oder später. Schalke schien alles im Griff zu haben. Und konterte deutlich besser als im letzten Jahr.

Die ersten 15 Minuten

Schalke presste zu Beginn teilweise ziemlich hoch. Die Innenverteidiger wurden schon bei der Spieleröffnung massiv unter Druck gesetzt. Die 8er Latza und Drexler sowie die Stürmer Bülter und Terodde waren mehrfach defensiv im und um den gegnerischen Strafraum.

Sollten die Hamburger doch mal durch kommen, gab es ein sehr sehenswertes Rückwärtspressing. Drexler und Latza, mit ein paar sehenswerten Ballgewinnen. Und dann das Tor. Schalke in Führung. Verdiente Belohnung für eine sehr aktive und attraktive Frühphase.

5 Minuten später verletzte sich Danny Latza. Also einer der beiden Schlüsselspieler im Zentrum. Gemeinsam mit Drexler hatte er das Mittelfeld bis zu dem Zeitpunkt voll im Griff und leitete diverse Konter ein. 15 Minuten schleppte er sich noch über den Platz und wurde dann durch Idrizi ersetzt.

Der Rest der 1. Halbzeit

Ab dann wurde allerdings ein Gang zurück geschaltet. Das Ziel „frühe Führung“ war erreicht und Schalke fokussierte sich wieder mehr darauf Hamburg in ungefährlichen Zonen den Ball zirkulieren zu lassen und zu Kontern.

Allerdings wurde kam der HSV jetzt immer besser in die Partie. Langer hielt einen 11er, aber auch sonst hatte die Verteidigung jetzt mehr zu tun und wackelte ein paar Mal richtig. Dafür liefen die Konter auch nicht mehr so recht. In dieser Zeit machten sich Zentralverteidiger Flick und Ausputzer Pálsson viele Freunde, retteten so einige Notsituationen.

Ins Pressing kam Schalke allerdings nicht mehr so richtig. Obwohl sie es probierten. Die Hamburger kamen einfach immer besser ins Rollen und wurden immer Ballsicherer. Selbst, wenn Schalke mal versuchte höher zu pressen (das wurde tatsächlich ein paar Mal probiert), umspielten sie das relativ souverän.

Am Ende war die Pausenführung etwas schmeichelhaft. Schalke machte aber trotzdem Spaß, weil sehr aktiv und es auch immer mal wieder gut ausgespielte Konter gab. Da waren wir schlechteres gewohnt, wenn wir ehrlich sind. Trotzdem würde sich für die 2. Halbzeit etwas ändern müssen…

Der Anfang der 2. Halbzeit

Aber es änderte sich nichts. Schalke weiterhin im tiefen Mittelfeldpressing und Hamburg ließ den Ball weiterhin zirkulieren. Schalke rückte immer mal wieder auf, bekam aber nie wirklich Zugriff. Dafür gab es auch hier ein paar Highlights im Rückwärtspressing. Und ein oder zwei hübsche Konter gab es auch.

Aber es gab halt auch einen Freistoß für die Rothosen, der zum Ausgleich führte.

Nach dem Ausgleich

Flick war rotgefährdet und wurde ausgewechselt. Jetzt also Thiaw als Zentralverteidiger und Becker rechter Halbverteidiger. Schalke versuchte sich eine Zeitlang höher zu positionieren, hielt das aber nicht lange durch. In dieser Zeit gab es ein paar gute Torchancen, aber eben auch nicht mehr.

Hamburg hielt den Ball oft gut. Angriffe wurden weiterhin verlagert und über Flügel zugestochen. Inzwischen, also ohne Latza und durch die Flick-Umstellung, waren die Flügelspieler Ouwejan und Ranftl viel mehr auf sich selbst gestellt als noch am Anfang. Während Pálsson es schafft das Zentrum dicht zu halten, die Flügel waren defensiv verwundbar. Und der HSV bespielte das.

Schalke Kontert

Zu Kontern versucht Schalke schon seitdem Jens Keller weg ist. Zum ersten Mal allerdings hatte ich das Gefühl, dass die Spieler auf dem Platz auch wissen wie. Am Ende gab Schalke 15 Schüsse ab, 9 davon aufs Tor (HSV 14/6).

Die Pressinglinie verschob sich dabei einige Male. Für den Spielaufbau ab Torhüter, rückten die Knappen etwa weit in die Hamburger Hälfte auf. Und auch, wenn der HSV den Ball verwaltete (am Ende sollten es 73,2% Ballbesitz sein), Die große Gefahr konnten sie selten damit entwickeln. Schalke dagegen kam regelmäßig zu Strafraumszenen.

Die letzten 15 Minuten

Drexler hatte ein abgefahrenes Pensum. Und obwohl er Abläufe im Team noch nicht kennen konnte, fügte er sich gut ein. Durch Latzas Ausfall wurde er sogar sehr wichtig. Ersetzen konnte Krasniqi ihn nicht adäquat.

Schalke wurde jetzt unsicherer und zerfahrener. Das bisschen Zugriff, was Schalke immer mal wieder hatte, war jetzt futsch. Um das zu kompensieren wurde Schalke zaghafter, etwas defensiver. Blüter stand oft tiefer, situativ formierte sich häufig ein 5-4-1. Die Wege für Konter wurden weiter. Die Konterqualität schlechter. Und trotzdem schafften sie es noch Torgefahr zu generieren.

Der HSV dagegen tat sich weiterhin schwer mit Torchancen, trotz massig Ballbesitz. Und dennoch machten sie 2 Hütten in den letzten 5 Minuten. Das 1:2 ein Tor, wie sie es die ganze Zeitprobiert haben. Hoch auf den überladenen Flügel, Rückgabe mitten in den jetzt belagerten Strafraum und diagonal einschieben.

Schalke machte jetzt auf, drängte auf den Ausgleich. Doch die guten Chancen, unter anderem nach einem Freistoß und einer Ecke, blieben ungenutzt. Hamburg dagegen Konterte mit einer Halbfeldflanke zum 1:3.

Karstens Einschätzung

Gegen ein starkes Ballbesitz-Team auf Konter zu spielen, wird gemeinhin als probates Mittel gesehen. Gegen die Bayern machen das auch fast alle so. Versuchen sich mit Hamburg um den Ballbesitz zu streiten, wäre sicher schlimmer ausgegangen. Insofern halte ich den gewählten Ansatz für Sinnvoll. Da Schalke auch recht gute Konter hingelegt hat und letztlich nur ein bisschen Glück fehlte, würde ich das Ganze auch als Erfolgreich ansehen. Naja, so erfolgreich ein Spielansatz halt sein kann, wenn ein Spiel verloren ging.

Ich hab oft gelesen, dass Schalke sich eingeigelt hätte, versucht habe das Ergebnis zu verwalten. Sowas konnte ich nicht beobachten. Sicher, ein tiefes Mittelfeldpressing wirkt passiver als das Ballbesitzspiel der Hamburger. Aber letztlich hat Schalke kontinuierlich Torgefahr erzeugt. Die Hamburger deutlich seltener. Die Pfiffe im Stadion kann ich daher nicht verstehen. Erst recht nicht, wenn ich den ganzen Kontext mit einbeziehe. Ich fände toll, wenn wir mal anfangen Schalke für das zu feiern, was besser wird. Und da gab es einiges.

Insgesamt hat Schalke einen durchschnittlichen 2. Liga Kader, der komplett bei Null anfängt. Dazu ist in dem Verein gerade kein Stein mehr auf dem anderen. So viele Änderungen in so kurzer Zeit. Das wurde in diesem Spiel auch sichtbar. Schalke macht Fortschritte, aber auch der AS Rom wurde nicht an einem Tag Meister. Oder so.

In der 2. Liga wird Schalke auf wenige Teams wie den HSV treffen. In den meisten Partien wird Schalke in die Rolle gedrängt werden, mit dem Ball am Fuß zu arbeiten. Das Gros der Spiele wird also deutlich anders ablaufen als dieses. Hier konnte Schalke nicht Ballbestimmend agieren, demnächst wird Schalke es müssen. Grammozis wird das wissen. Ich bin gespannt was er für die Zeit geplant hat. Konter funktionieren schon recht gut finde ich.

Kategorien: Spielbericht

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

3 Kommentare

Klein · 26. Juli 2021 um 09:10

Danke für deine Bewertung.
Stimme dir in allem zu.
Mir hat dieses Spiel, ja wir haben tatsächlich gespielt, bis auf das Ergebnis gut gefallen.
Jeder Beitrag der uns Gedult und auch bißchen Objektivität näher bringt hilft.
Dafür Dank einer geschundenen blauweißen Seele.

Johannes Otto · 26. Juli 2021 um 12:13

Danke für die Einschätzung, die ich nach dem Spiel (am TV verfolgt) nie und nimmer geteilt hätte, die sich aber an Zahlen, wie xgoals u.w. durchaus belegen lässt!

Was ist eigentlich dran am Narrativ, dass der HSV den glorreichen S04 mit seinem Positionsspiel „überrumpelte“? Z.B. hier: https://www.abendblatt.de/sport/fussball/hsv/article232880373/hsv-schalke-tim-walter-taktik.html oder auch bei SAT1 von Hannes Wolf)

Gibt es dafür Belege?

Karl · 26. Juli 2021 um 20:32

Du schreibst zu den entscheidenden Minuten der zweiten Halbzeit, der HSV tat sich weiterhin schwer und machte dennoch zwei Tore. Das reicht einfach nicht. 1. So schwer, dass sie nicht zwei Buden machen könnten, haben sie sich nicht getan.
2. Schalke wollte den HSV in ungefährlichen Zonen den Ballbesitz ausspielen lassen – genau das hat doch in dieser Phase nicht mehr funktioniert.
Schalke hat genau diese Kontrolle —ohne den Ball zu haben – eben verloren. Deshalb verdient verloren.

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