Die Halbfeldflanke & Friends Vorstellung der Neuzugänge zur Saison 2021/22. Heute mit Victor Pálsson von Stephan Köhnlein/Lilienblog.

Das erste Ausrufezeichen beim SV Darmstadt 98 hat Victor Pálsson nicht auf dem Spielfeld, sondern in einem Interview gesetzt. Anfang des Jahres 2019 war er vom FC Zürich ans Böllenfalltor gekommen – in eine ausgesprochen schwierige Situation: Der langjährige Kapitän Aytac Sulu hatte die Lilien in der Winterpause verlassen. Im Verhältnis zwischen dem einstigen Erfolgscoach Dirk Schuster und der Mannschaft gab es tiefe Risse und die Abstiegsränge rückten immer näher.

Einen Tag nach dem müden 1:1 bei Abstiegskonkurrent SV Sandhausen stellte sich Pálsson im Anschluss an das Auslaufen den Journalisten. Davor hatte er dem Pressesprecher eine ungewöhnliche Bitte aufgetragen: Man möge ihn doch fragen, wie er mit seinen bisherigen Leistungen zufrieden sei.

Als die Frage dann kam, ging der Isländer gnadenlos mit sich selbst ins Gericht: „Meine Leistung hier in Darmstadt ist für mich nicht akzeptabel. Ich muss das besser machen“, sagte er. „In den letzten drei Spielen habe ich drei individuelle Fehler gemacht, die zu Gegentoren geführt haben. Das ist nicht normal für mich.“

Unter Grammozis ging es bergauf

Zwei Tage später wurde Schuster als Trainer freigestellt und später durch Dimitrios Grammozis ersetzt. Zufall oder nicht – aber danach ging es auch für Pálsson sportlich bergauf. Im defensiven Mittelfeld wurde er der Führungsspieler, den sich der Verein erhofft hatte und der seinen eigenen Ansprüchen entsprach: lauf-, laut- und kopfballstark, ein Kämpfer und Antreiber, der stets voranging.

Mit seinem damaligen und jetzigen Trainer Grammozis harmonierte Pálsson ausgesprochen gut. Ungewöhnlich seine Lobeshymne auf den Coach und sein Team zum Ende der Saison 2019/20, als bereits feststand, dass Grammozis den Verein verlassen würde.

Mit Nachfolger Markus Anfang kam der Isländer weit weniger gut klar: Taktische Differenzen, Ärger um ein Interview, in dem Pálsson offen über den noch nicht fixen Abschied von Torjäger Serdar Dursun sprach und ein lautstarker Streit mit dem Coach im Training, über dessen Verlauf unterschiedliche Versionen kursieren.

Mission Wiederaufstieg:
Schalker Neuzugänge 2021

Ein schlimmer Herbst

Ohnehin war die vergangene Saison sehr schwierig für Pálsson. Im Herbst machten ihm mehrere Verletzungen zu schaffen, mit der isländischen Nationalmannschaft verpasste er in einem dramatischen Playoff quasi in letzter Sekunde die EM-Qualifikation und dann starb noch seine Mutter im Alter von nur 47 Jahren nach langer Drogen- und Alkoholabhängigkeit.

Nicht nur verletzungsbedingt pausierte Pálsson länger. Als er zurückkam, sprach er ganz offen über psychische Probleme und dass er seit seiner Jugend regelmäßig mit Psychologen zusammenarbeitet. In einem Interview im April sagte er „Habe ich unter Depressionen gelitten? Ja. Habe ich immer noch damit zu kämpfen? Ja. Ich habe keine Angst, darüber offen zu sprechen.“

Eine riesige Lücke

Sportlich fand Pálsson wieder zurück in die Spur, blieb gesund und hatte maßgeblichen Anteil an der besten Zweitliga-Rückrunde der Lilien überhaupt. Sein Wechsel nach Schalke war fix, als man in Darmstadt noch davon ausging, mit Anfang als Trainer in die neue Saison zu gehen.

Der Verein begründete den Abgang damit, dass er so für einen 30 Jahre alten Spieler noch einmal eine Ablösesumme erzielen könne. Sportlich, aber auch als Typ hinterlässt Pálsson jedoch eine riesige Lücke in Darmstadt.

Geschrieben von Stephan Köhnlein

Stephan ist Journalist und Gründer des Lilienblogs – dem unabhängigen Online-Magazin rund um den SV Darmstadt 98. Seit 1998 lebt er in Darmstadt, doch erst rund zehn Jahre später betrat er erstmals das Stadion am Böllenfalltor. Dass damals noch alles so aussah, wie in seinem ersten Fußballbilder-Sammelalbum von 1978, hat ihn so fasziniert, dass er regelmäßig wiedergekommen ist. Folgt dem Lilienblog auf Twitter, Facebook oder Instagram (@lilienblog).


Halbfeldflanke-Friends

Verschiedene Gastbeiträge von unterschiedlichen Autor*innen. Von wem genau wird jeweils im Text selbst spezifiziert.

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