Schalke versucht es jetzt schon mit dem 4.Trainer der Saison. Aber auch im 30. Ligaspiel in Folge bleibt Schalke sieglos, sogar ein Negativrekord droht. Dass auch Gross zumindest vorerst nicht den Umschwung herbeiführen kann, liegt auch daran, dass er bisher viele bekannte Probleme nicht abstellen konnte.

Die Aufstellungen

Gross setzte bei seinem Debüt, wie schon zum Teil seine Vorgänger, auf eine Mischung aus 4-4-2 und 4-2-3-1. In der Viererkette rutschte Nastasic für Sané rein, die Aufgabenteilung auf der Doppel-6 veränderte der frühere Meister-Trainer des FC Basel nicht: Serdar unternahm gelegentlich Vorstöße, die Mascarell absicherte. Harit und Schöpf besetzten nominell die Außenpositionen und vorne agierte der junge Hoppe neben dem wiedergenesenen Mark Uth, der allerdings immer wieder zurückfiel.

Die Aufstellungen

Hertha auf der anderen Seite setzte auf das gewohnte 4-3-3 und nahm vor allem in der Abwehr einige personelle Änderungen vor. Das 4-3-3 war allerdings nur im Spiel gegen den Ball als solches zu erkennen, im eigenen Ballbesitz zeigten sich die Hauptstädter sehr flexibel, was auch nichts neues ist.

Ordentlicher Beginn, aber wieder ein Rückstand

Schalke konnte die Partie in den ersten 20 Minuten immerhin ausgeglichen halten. Der Plan war: Hertha soll den Ball haben, man will sich auf das Verteidigen und Umschalten fokussieren. So sammelte der Gegner 62% Ballbesitz. Das ist ja nix neues bei Königsblau, so lautete der Plan quasi unter jedem Trainer im vergangenen Jahrzehnt. Das zeigte sich zum einen im Spiel gegen den Ball: S04 stellte selbst die Abstöße nicht hoch zu, sondern zog sich in ein Mittelfeldpressing zurück, also wurde ungefähr ab Beginn des Mittelkreises angelaufen. Formativ ging das anders als unter Stevens schon viel mehr in Richtung 4-4-2 statt 4-2-3-1, wobei einer der beiden Stürmer situativ auch mal 6er Tousart aufnahm.

Schalke ohne Ball, Hertha mit Ball (hier in nur einer von mehreren Varianten)

Die Abstände zwischen den 3 Linien konnten in dieser Phase sehr eng gehalten werden und so kam der Tabellenletzte auch zu einigen Ballgewinnen und ließ lange Zeit wenig zu. Die Höhe im Mittelfeldpressing konnte gehalten werden, Schalke ließ sich nicht hinten reindrängen und limitierte die Berliner auf Flügelspiel und lange Bälle. Infolgedessen halfen Serdar und Mascarell dabei, viele 2.Bälle zu gewinnen, um umschalten zu können. Und das obwohl Hertha mit dem eigenen Positionsspiel den Gegner schon vor Aufgaben stellt.

Das Team von Bruno Labbadia positioniert sich nämlich sehr flexibel. Das Paradebeispiel: 8er Guendouzi war manchmal sehr hoch zwischen den Linien zu finden, oft baute er aber auch das Spiel als verkappter Linksverteidiger auf. Diese Flexibilität gilt auch für viele seiner Teamkollegen. Und so mussten sich die Königsblauen im grundsätzlich raumorientierten 4-4-2 immer wieder neu orientieren, beispielsweise musste Stambouli in der Anfangsphase häufig weit rechts raus, um Plattenhardt anzulaufen.

Aber das klappte ganz gut, zumindest 20 Minuten lang. Während der restlichen 1.Halbzeit nämlich verpasste es Schalke, weiter hoch und kompakt zu bleiben, sondern ließ sich von der Hertha zu weit zuruckdrängen. Hertha kam zu Chancen, und erzielte durch den ohnehin toll aufspielenden Guendouzi das 1:0. Schalke musste wieder mit einem Rückstand in die Pause.

Der Plan „wenig Ballbesitz” äußerte sich aber auch erneut im Ballbesitzspiel. Wie gewohnt suchte Schalke schnell den Weg zum gegnerischen Tor, was in der Praxis selten gelang. Gerade in der Anfangsphase spielte die Gross-Elf viele lange Bälle halbrechts hinter die Kette, die Schöpf und Hoppe erlaufen sollten. Das gelang zwar kaum mal, aber das waren die Momente, nach denen Schalke auch mal höher aggressiv nachsetzte. Flachen Ballvortrag aus dem eigenen Aufbau oder geduldige Zirkulation gab es selten. Die andere Variante war das Gehen auf den 2.Ball. Dafür wurde der Ball auf Hoppe gechippt, nur konnte der gegen Alderete kaum ein Kopfballduell gewinnen.

Bei allem Einsatz des jungen Amerikaners: Es ist schon ein entscheidender Unterschied, dass auf der anderen Seite ein Jhon Cordoba steht, der Bälle festmacht, schwer zu verteidigen ist, Freistöße rausholt. Diese Qualitäten konnte Hoppe noch nicht auf Bundesliga-Niveau nachweisen. Das 2. Problem war aber die Staffelung. Die restlichen Offensivspieler gingen in die Tiefe oder standen seitlich vom Geschehen, aber es war niemand so wirklich davor, der die Abpraller gewinnen konnte. Und das war durchaus entscheidend, schließlich konnte Hoppe die langen Bälle nicht verlängern und so kam es auf die Abpraller an. Die beiden 6er standen jedenfalls zu weit weg, die Herthaner 8er waren in der klar besseren Position. Aus diesen Situationen ergab sich nix vielversprechendes.

Kein Wunder, dass Hertha hier den 2.Ball gewinnt

Das „gefährlichste” Schalker Mittel waren da noch die schnellen Gegenangriffe, die vor allem über den linken Halbraum (mit dem zurückfallenden Uth und dem einrückenden Harit) liefen. Aber auch die brachten nur sehr vereinzelt Gefahr hervor. Ein guter Plan wie Schalke konstant gefährlich werden will, war wieder nicht zu sehen.

Der Einbruch in Hälfte 2

Die wirklich schlechte Halbzeit war die zweite. In den ersten 15 Minuten wurden die Probleme deutlich, die sich in der 1.Halbzeit immer mehr andeuteten: Zu tiefes, reaktives Verteidigen, zu wenig Entlastung. Das Labbadia-Team schnürte S04 hinten ein, das 2:0 musste kommen, und es kam auch. Danach verordnete Gross seiner Mannschaft ein höheres Pressing. Allerdings wurde es dann mitunter sehr chaotisch und unkoordiniert. Auch das ist ein Problem, dass schon lange erkennbar ist: Wenn Schalke mal ins Pressing geht (also Angriffspressing), ist das doch arg schlecht und schlicht nicht auf Bundesliganiveau. Mal steht die letzte Linie in Relation zur Pressinghöhe zu tief und der Gegner gewinnt die zweiten Bälle. Mal offenbaren sich große Lücken, durch die sich der Gegner einfach flach rausspielen kann.

Großer Abstand zwischen Hoppe und Uth, Tousart in keinem Deckungsschatten. Dazu ist das Mittelfeld zu weit weg für den Zugriff. Tousart kann nach dem Zuspiel leicht aufdrehen.
Ausgangspunkt des 3.Gegentores: Tousart ist schon aufgedreht, Stambouli muss improvisiert draufpressen, so ist auch die Staffelung improvisiert, neben Serdar gibt es riesige Räume, die Tousart mit dem Blick zum Tor auch anspielt. Ziemlich katastrophal.

Fazit

Ein brauchbarer Beginn mit guten Ansätzen im Spiel gegen den Ball. Ein vertikales Offensivspiel, das in Detailfragen aber nicht überzeugt und in der Praxis zu Harmlosigkeit führt. Irgendwann der defensive Einbruch mit unkompaktem Pressing. Klingelt da was? Richtig, diese Attribute mussten Schalke-Fans schon sehr oft benutzen in dieser Saison. Christian Gross entschied sich für einen ähnlichen Ansatz wie seine Vorgänger und konnte entscheidende Probleme nicht abstellen. Das sei ihm nach 1 Woche Training zu verzeihen. Aber man muss einsehen, dass es so aktuell nicht für die Bundesliga reicht. Und das sollte es schnellstmöglich, sonst wird der Abstand auf die Konkurrenz irgendwann doch zu groß.


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