Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020 zu unseren Lieblings-Schalkern. Heute mit Raúl von Jonathan Scholz.

Es war im Sommer 2010, wochenlang gingen die Transfer-Gerüchte. Meine Frau war schon genervt, weil ich im Urlaub ständig auf dem Handy las: Jeden Artikel im spanischen Original und dann jeden verfügbaren deutschen Artikel – die im Grunde alle die gleichen Zitate aus dem spanischen Original übersetzten. Ziemlicher Quatsch also. Aber wie soll man so einen riesengroßen Quatsch sonst verarbeiten: Raùl soll angeblich nach Schalke kommen? Welttorjäger und Champions-League-Rekordtorschütze. Auf Schalke?

Ja, er kam tatsächlich. Und nach der Aufregung kam bei mir erstmal die Ernüchterung. Schalke und Raúl – passt das überhaupt? Die Pressebilder eines etwas dümmlich grinsenden Superstars mit einem Klumpen Kohle in der Hand, ließen vermuten: Nö. Der fragt sich gerade: “Wo bin ich hier denn gelandet?” Eieiei.

Heute wissen wir, es hat gepasst. Sogar viel besser als man sich ausmalen konnte. Ja klar, der “königliche” Superstar war ein Schlitzohr und Zauberer. Aber er war auch ein Malocher. Wenn es schlecht lief, man schon aussichtslos hinten lag und nichts funktionieren wollte, dann war es Raúl der noch als letzter jedem Pass hinterhersprintete und seine Mitspieler mit Gesten und Worten anpeitschte. 

Und die Champion League. Mit Raúl kamen wir bis ins Halbfinale. Und ich bin mir sicher: Nur wegen Raúl. Nicht nur, weil Schalke dank seines Treffers im legendären Rückspiel in Mailand in Führung ging. Nicht nur wegen der unnachahmlichen Art, in der er dieses Tor machte – Ballannahme irgendwo zwischen elegant und seltsam, Sprint Richtung Tor irgendwie nicht langsam und nicht schnell. Und am Ende ist das Ding drin und es sah irgendwie genial und selbstverständlich zugleich aus. 

Doch der größte Verdienst von Raúl war auch in jener Champions League-Saison die Mentalität. Er war “Mr. Champions League”. Der Wettbewerb war sein Zuhause. Wenn die Hymne erklang, ging von ihm eine Aura der Sicherheit und Selbstverständlichkeit aus, und sie strahlte auf die gesamte Mannschaft und die Fans aus. “Keine Sorge Leute, ich kenn mich hier aus”, schien er zu sagen.

Heute kennt sich auf Schalke niemand mehr mit irgendwas aus. Ach, was vermisse ich diese Aura. Naja… Frohes Fest!

Adventskalender 2020:
Lieblings-Schalker von Halbfeldflanke & Friends.

Geschrieben von Jonathan Scholz

Jonathan ist in Krefeld aufgewachsen und verdient heute sein Geld als Freelance-Berater für kreative Kommunikation und Marketing in Berlin. “Irgendwann gegen Ende der Parkstadion-Ära” wurde er durch einen Bekannten mit dem Schalke-Virus infiziert. 2011 folgte die Mitgliedschaft und die langsame “Politisierung” seines Fan-Seins, was 2019 in einem vielgelesenen offenen Brief an Tönnies mündete. Außerdem findet man ihn auf Twitter (@RJonathan).

Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020: Lieblings-Schalker

Halbfeldflanke-Friends

Verschiedene Gastbeiträge von unterschiedlichen Autor*innen. Von wem genau wird jeweils im Text selbst spezifiziert.

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