Schalke ist zurück in der Bundesliga und am sechsten Spieltag gab es endlich den ersten Saisonsieg. Gerade in den ersten Spielen konnte das Team meist nur in der ersten Halbzeit gut mithalten, war in Hälfte zwei aber dann klar schwächer. Trotzdem wären auch bisher schon mehr als nur drei Unentschieden möglich gewesen, doch mit individuellen Aussetzern in der Defensive und mangelnder Effizienz in der Offensive verbaute man sich bessere Ergebnisse.

Nachdem die Mannschaft von Trainer Kramer auch am fünften Spieltag noch sieglos war, obwohl Schalke gegen die ebenfalls noch sieglosen Stuttgarter erstmals über 90 Minuten überlegen war, kam die nur allzu bekannte Unruhe langsam auf. Nicht nur der Ergebnisse und des Spielstils wegen, sondern auch weil die beiden emotionalsten Partien der Hinrunde anstanden. Zweimal Derby direkt in Folge. Den Anfang machte dabei das Heimspiel gegen den punktlos Tabellenletzten aus Bochum.

Die Grundformationen zu Spielbeginn (Asano aufgrund der frühen Verletzung durch Holtmann ersetzt)

Büskens‘ Werk und Kramers Beitrag

Schalke macht unter Kramer ziemlich genau da weiter, wo es Ende der letzten Saison unter Büskens aufgehört hatte. Und das war ja auch die Idee bei dieser Trainerverpflichtung, einen Chefcoach zu finden der möglichst gut zum Trainerteam, der Mannschaft und der Spielweise bis dahin passt. Aber natürlich auch eigene Nuancen und Ideen mitbringen soll.

Also sehen wir weiterhin ein 4-2-3-1 mit und ein 4-4-2 gegen den Ball. Dazu die aus dem Vorjahr bekannte Linkslastigkeit im Spiel, wie im Saisonendspurt eine Fokussierung auf das Spiel gegen den Ball, dies aber vorwiegend im Mittelfeldpressing, steile Umschaltszenen und die erarbeitete offensive Standardstärke. Oberflächlich betrachtet sind die ersten Saisonspiele ein reines Abziehbild der Schlussphase der Vorsaison – nur eben gegen stärkere Gegner.

Kleine Unterschiede erkennt man nur bei genauerer Betrachtung. Gegen den Ball schiebt Krauß gelegentlich auf den gegnerischen Sechser raus, somit entsteht zeitweise eher ein 4-3-1-2 gegen den Ball. Ähnliches mit dem Ball in der ersten Aufbaureihe, hier zieht Krauß neben Drexler vor. Zusammen mit den aufgerückten Außenverteidigern ergibt sich somit oftmals eine 2-3-2-3-Staffelung, das zeigt also eher Ähnlichkeit zu einem 4-3-3 – angeblich ja Kramers bevorzugte Grundformation, allerdings mit einem Aufsteiger schwerlich umzusetzen. Und damit wird auch eine weitere Veränderung deutlich, die Zehnerrolle gibt es in zwei unterschiedlichen Ausführungen: als unterstützender zweiter Stürmer wie letzte Saison, aber auch als tieferer Mittelfeldspieler zur Spielgestaltung.

Es ist hierbei allerdings nicht ganz klar, wie viel auf neue Ideen, und wie viel auf die stärkeren Gegner und die erneut zahlreichen Neuzugänge zurückzuführen ist. Krauß hat einen größeren Aktionsradius als die Achter der vergangenen Saison. Erklären könnte man dies zum Beispiel aus allen drei Richtungen: dass Kramer entsprechende Anweisungen gibt, dass er viel auf gegnerische Bewegungen reagieren muss, oder dass es einfach seinem individuellen Spielstil entspricht. Oder eine beliebige Kombination daraus.

Ein zweites Beispiel, die andribbelnden Innenverteidiger des letzten Jahres vermisse ich. Gegen gestandene Bundesligisten wären die Erfolgsaussichten aber einerseits deutlich geringer – und auch das Risiko eines gefährlichen Gegenangriffs höher – andererseits steht halt auch ganz anderes Personal auf dem Platz. Thiaw wurde an AC Milan verkauft, die Option für Itakura war nicht zu stemmen und Kamiński ist momentan verletzt.

Stattdessen spielen Yoshida und van den Berg und Greiml wird eingewechselt. Fehlt es ihnen nur an der Eingespieltheit? Immerhin war dieses Stilmittel ja auch letzte Saison erst Richtung Winterpause ausgearbeitet worden. Oder gehören solche Läufe einfach nicht zu den Stärken dieser Spieler? Oder haben sie die Anweisung nicht aus der Kette auszubrechen zugunsten der defensiven Stabilität? Vielleicht stand auch einfach dieser Gegner besonders unvorteilhaft fürs Andribbeln, bei van den Berg war zumindest der Versuch in ein paar Szenen zu erahnen.

Aufschluss wird wohl nur der weitere Saisonverlauf ergeben. Noch ein kurzes Wort zum Personal, gegenüber dem Stuttgartspiel gab es nur zwei verletzungsbedingte Wechsel, beide Außenverteidiger waren neu, Mohr auf links und Matriciani auf rechts. Flick stand erneut auf der Sechs, er hatte seine Chance gegen den bisherigen Stammspieler Král genutzt und deutlich zur Stabilisierung der Defensive beigetragen.

Bochum unter Reis

Der VfL musste trotz Klassenerhalt wieder einige schmerzhafte Abgänge verkraften. Teil der Strategie dies aufzufangen war wohl auch ein kleinerer Systemwechsel. Ein 4-2-3-1 ließ Reis letzte Saison seltener spielen, häufiger war ein 4-1-4-1 zu sehen. Die Verteidigung hat sich noch nicht gefunden, in den sechs Spielen startete bisher noch nie zweimal die gleichen Spieler und auch am Ergebnis ist das ja deutlich zu sehen, mit 18 Gegentreffern stellt Bochum die mit Abstand schwächste Defensive – direkt dahinter übrigens Schalke mit 13 gefangenen Toren.

Bochum stellt außerdem die schwächste Offensive – geteilt mit Augsburg – Schalke ist hier inzwischen immerhin geteilter neunter Platz. Hier ist die Rotation aber gar nicht mal so groß. Losilla, Stöger, Asano und Zoller begannen bisher jedes Spiel, Hofmann, Förster und Holtmann teilten sich fast immer die übrigen Startplätze. Ansonsten kann ich zu der Mannschaft gar nicht so viel sagen, ich habe sie einfach zu selten gesehen bisher. Also lieber rein ins Spiel.

Frühe Verletzung, frühe Druckphase

Bochum hatte gleich in der ersten Spielminute Pech, Asano verletzte sich in einem Zweikampf mit Matriciani und musste früh durch Holtmann ersetzt werden. Was der Plan mit ihm gewesen wäre, war in den wenigen Sekunden schlicht nicht zu erkennen, tun wir also in der Betrachtung einfach so als hätte Holtmann direkt in der Startelf gestanden. An dieser Stelle natürlich noch gute Besserung an den Spieler.

Schalke jedenfalls kam gewohnt druckvoll ins Spiel. Auch ohne großen Pressingdruck zu geben schlug Bochum früh lange Bälle und verlor oftmals die Kopfballduell in Unterzahl. Terodde war dabei nochmal deutlich aktiver als Drexler, der den gegnerischen Aufbau fast gar nicht anlief, sondern nur Passwege ins Zentrum verstellte. Zudem verhinderte Krauß zu Beginn durch sein Vorrücken Pässe der Bochumer in den Sechserraum, blieb für zweite Bälle aber dennoch häufig anspielbar.

Ein ballbesitzlastiges Spiel hatte Schalke seinerseits aber auch keinesfalls vor. Bochum lief sie etwas aggressiver an, konnte aber keine hohen Ballgewinne provozieren. Der Unterschied war vielleicht, dass sie öfter versuchten den Ball in hinterster Reihe zu rotieren, bis ein ungestörter langer Ball geschlagen werden konnte. Und die langen Bälle waren nicht immer nur hoch, manchmal gingen sie auch flach und scharf in den Zehnerraum.

Dass Schalke in den ersten 20 Minuten so deutlich überlegen schien, war also weniger der grundsätzlichen Herangehensweise geschuldet, sondern eher das Resultat vieler kleiner Aspekte. Der VfL schien ob der Negativserie verunsichtert, hatte besonders zu Beginn eine schlechte Passquote. Terodde schien einen anderen Ansatz bei langen hohen Bällen auf ihn zu verfolgen als Hofmann auf der Gegenseite, er blockte häufig nur den Verteidiger weg, schuf so Szenen für seine Nebenmänner und war dann für Ablagen bereit.

Ein entscheidender Vorteil über das ganze Spiel hinweg war aber die Qualität der Standards. Mohr schlug in Abwesenheit von Ouwejan und Zalazar die Freistöße und Ecken. Außerdem erzeugte man immer wieder mit weiten Einwürfen besonders von Matriciani Gefahr, etwa bei der ersten Torchance durch Terodde in der siebten Minute.

Terodde konnte sich insgesamt viele Chancen in der Anfangsphase erarbeiten, nach Konter in der 14., wo sein Querpassversuch vom Verteidiger geblockt werden konnte. Und bei Riemanns Ausflug gegen Krauß in der 17. Spielminute, hier übersah er mit Rücken zum Tor leider Bülter, der komplett blank im Strafraum stand.

Bochum führte seine Ecken hingegen immer wieder schnell aus, die Innenverteidiger wurden dafür also zum Teil gar nicht nach vorne beordert. Vielleicht hatte man geglaubt da eine Schwäche bei Schalke ausnutzen zu können, gefährliche Situationen entstanden so aber keine. So blieb es fast folgenlos, dass die Schalker über das ganze Spiel immer wieder Ecken und aussichtsreiche Freistöße herschenkten.

Bochum passt sich an

Eine Ausnahme war Bochums erste gute Torchance nach 20 Minuten, als Losilla nach Ecke frei zum Kopfball kommt, aber den Ball deutlich übers Tor platzierte. Insgesamt war die Genauigkeit im Abschluss ein großen Problem, nur zwei der zehn Schüsse kamen beim VfL überhaupt aufs Tor, beim S04 waren es acht von zwanzig.

Trotzdem gelang es das Spiel ab diesem Moment bis zur Pause besser zu gestalten. Der Sechser kippte nun immer wieder zwischen die Innenverteidiger ab, bot so mehr Optionen die langen Bälle aus nicht ganz so tiefer Position zu schlagen. Außerdem wurde die Asymmetrie im Bochumer Spiel deutlicher, Gamboa war offensiver als Soares, Zoller schob dafür stark ins Zentrum, während Holtmann breit auf dem Flügel blieb. Bülter verteidigte gegen Gamboa mannorientiert und rückte so manchmal bis neben die Viererkette zurück.

Holtmann hatte eine schwere Partie gegen Matriciani, der ihm in Sachen Schnelligkeit kaum in etwas nachsteht. Immer wieder wurde er in Laufduellen abgedrängt, beispielhaft hierfür eine Szene in der 28. Minute wo beide einen Sprint von der Mittellinie anziehen und Matriciani den anfänglichen Rückstand noch herausläuft und Holtmann so den Weg ins Zentrum verhindert. Aber auch viele seiner Flanken wurden geblockt.

Gefahr erzeugte Holtmann nur, wenn Matriciani nicht in seiner Nähe war. In Minute 22 war er zentraler positioniert, gewann das Sprintduell gegen van den Berg, sein Schuss wurde von Schwolow vor Zollers Füße abgefälscht, der übers Tor schoss. In der 35. Minute hatte der VfL dann die große Chance auf die Führung, nachdem sich Krauß im Zentrum gegen drei komplett festdribbelte und den Ball verlor, bekam ihn Stöger links und schlug eine frühe Halbfeldflanke. Im Strafraum war Yoshida einen Schritt zu spät, der Ball prallte aber vor Zoller nochmal auf, so dass er ihn erneut nicht richtig traf.

Direkt nach dieser Großchance für die Gäste gelang die Führung auf der anderen Seite. Holtmann wurde auf dem Flügel Höhe der Mittellinie gedoppelt, Krauß gewann den Ball und verlagerte über Drexler nach links auf Bülter. Der dribbelte in den Strafraum und zog ab, sein Schuss wurde leicht abgefälscht, Riemann konnte so nur ins Zentrum klären, wo Drexler, der für einen tödlichen Pass angelaufen war, frei stehend abstaubte.

Der Ausgleich und die Reaktionen darauf

Das Tor täuschte etwas über die Tatsache weg, dass Bochum nach der 20. Minute die gefährlichere Mannschaft war. Die Pause nutzte Reis zum Wechseln, Janko kam für Gamboa, und mit erholten Kräften gelang es nun das Schalker Spiel eine Zeit lang komplett zu unterbinden. Und auch der Ausgleichstreffer fiel kurz nach Wiederanpfiff.

In der 51. Minute spielte Förster nach Einwurf tief auf Holtmann. Dieser war erneut mittiger positioniert und gewann das Laufduell gegen van den Berg. Sein Pass in den Rücken der Abwehr auf Hofmann hebelte die Abwehr schließlich komplett aus, Hofmann schoss, Mohr und Zoller fälschten nacheinander noch leicht ab. Nach Abseitsüberprüfung stand es 1-1 und Schalke musste endlich reagieren.

In der 57. Minute kam Zalazar für Larsson, brachte aber nicht die erwünschte Verbesserung, sondern stattdessen die Offensive erstmal komplett aus der Ordnung. Mehrfach wurde die Zehnerreihe aus ihm, Bülter und Drexler in den kommenden Minuten umgestellt, Abhilfe schaffte dann erst ein weiterer Wechsel, Polter kam in der 68. Minute für Drexler und Kramer stellte damit auf 4-2-2-2 um.

Zalazar brachte zwar Torgefahr, bei Standards war er für die zweiten Bälle positioniert und hatte mehrere Schüsse aus der Distanz, ansonsten war er aber schlecht ins Spiel eingebunden. Anfangs als zentraler Zehner erzeugte er gar keine Präsenz im Stören des gegnerischen Aufbaus, als er später auf dem linken Flügel spielte, ließ er ihn immer wieder verwaisen – besonders gegen den Ball fiel er damit negativ auf. Und auch seine Dribblings ins Zentrum versandeten zumeist.

Polter hingegen sorgte als zweite Anspielstation für lange Bälle für einigen Wirbel. In der 71. Minute verlängerte er einen lange geschlagenen Freistoß am eigenen Strafraum von Schwolow, Terodde trifft daraufhin nur die Latte. Bochum konnte auch die anschließende Ecke nicht klären, nach Schüssen von Zalazar und van den Berg gab der Schiedsrichter ein Foulspiel nahe der rechten Strafraumkante. Im Nachhinein wohl eine folgenschwere Fehlentscheidung.

Mohr tippte den Ball an, Flick stoppte und Mohr flankte mit scharfem Zug zum Tor, in der Mitte kam es schließlich zum Eigentor. Polter stand wohl nicht strafbar im Abseits, auch wenn er den späteren Eigentorschützen kurz zuvor störte. Schalke jedenfalls war wieder in Führung und begann direkt mit dem Zeitspiel. Schwolow und Flick bekamen dafür schließlich jeweils die gelbe Karte. In der 86. Minute wurden Greiml und Karaman für Krauß und Terodde eingewechselt, sowohl um Zeit von der Uhr zu nehmen , als auch um frische Beine für die Schlussphase zu bringen.

Bochum wechselte zuvor auch, Osei-Tutu und Osterhage kamen für Zoller und Förster in der 77. Minute und als in der 85. dann Ganvoula für Soares ins Spiel geschickt wurde, warf Bochum alles nach vorne. In der Schlussphase wurden dann auch wieder die Innenverteidiger bei Standards mit nach vorne geschickt.

Und während Bochum nur noch lang und hoch nach vorne schlug, boten sich für Schalke zunehmend Räume. In der 77. Minute setzte Terodde eine Direktabnahme von Bülters Flanke aus der Tiefe daneben, in der dritten Minute der Nachspielzeit verpasst Karaman einen Freistoß aus fast gleicher Position wie beim 2-1 knapp.

Polter zog nach hinten heraus geklärten Bällen Freistöße auf Höhe der Mittellinie. In der vierten Minute der Nachspielzeit wurde eine solche Freistoßflanke noch erfolgreich zu viert verteidigt, in der sechsten Minute der Nachspielzeit waren es dann nur noch drei Bochumer Verteidiger und Polter köpfte Mohrs langen Ball zum 3-1. Damit stand der erste Saisonsieg fest und Polter zog den Unmut seinen Ex-Vereins auf sich, als er sich daraufhin von der Nordkurve feiern ließ.

Warum so wenig Texte?

Es ist euch vielleicht aufgefallen, die heutige Analyse ist deskriptiver als sonst. Das liegt daran, dass der Verein die Re-Lives auf der eigenen Website eingestellt hat und somit der einfache Zugang zum Videomaterial der Spiele plötzlich weggefallen ist.

Wenn ich Spiele live schaue, bin ich emotional zu sehr dabei und mir entgeht vieles. Ohne die Möglichkeit die Spiele zeitsouverän und vor allem mit Rückspulfunktion nochmals anzuschauen, sind solche Texte kaum möglich. Besonders die Betrachtung des Gegners hat mMn diesmal darunter gelitten. Aber auch das genaue Auseinandernehmen einzelner Situationen mit Szenenbild ist somit fast unmöglich.

Momentan bieten sich eigentlich nur die Podcastfolgen an, in denen weniger auf einzelne Szenen, sondern auf spielübergreifende Trends geschaut wird. Oder vielleicht Texte zu allgemeineren Themen, wobei ich die nur dann schreiben kann, wenn es gerade ein wichtiges Thema gibt, zu dem ich was beizutragen habe. Deshalb weiß ich gerade nicht, ob und wie ich hier weiter machen kann.

4 Replies to “Und dann ausgerechnet Polter. FC Schalke 04 – VfL Bochum, 3:1

  1. Auch von mir Dank für eine weitere gute Analyse! Kann schon verstehen, dass es ohne eine vernünftige Re-Live Option schwierig ist, ausführliche Analysen zu fahren.

    Würde mich trotzdem freuen, wenn es hier weiterhin lesenswerte Texte gibt, wenn auch dann vielleicht nicht ganz so häufig und/oder in die Tiefe gehend, wie bislang.

  2. Dies ist verständlich, dennoch wäre es sehr schade, denn gerade diese Analysen machten m.M.n. Halbfeldflanke aus! Die Podcasts sind die Zugabe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.