Ein Derby, das vor dem Spiel auf Augenhöhe gesehen wurde. Obwohl die einen sich gerade aus einer Grottensaison raus arbeiten und die anderen einen unfassbar starken Kader haben. Spektakulär war das Gegenpressing, das Borussia Dortmund mal zwei Meisterschaften einbrachte und vorm eigenen Tor einschnürte.

Die Grundaufstellungen zu Spielbeginn.

Die aus Westfalen

In Dortmund wird zur Zeit viel über Trainer Favre diskutiert. Der Offensiv-Zug ist etwas abhanden gekommen. Dazu ist auch noch Stürmer Paco Alcácer verletzt. Ein Problem der Vorsaison war allerdings auch, zu viele unnötige Gegentore. Auch das ist weniger geworden. Es gibt weniger Treffer insgesamt, vorne wie hinten.

Favre schickte ein 4-2-3-1 auf’s Feld, Mario Götze, der Sturmersatz vor Reus. Hinten mit Doppel-6, wobei Delaney eher den Abräumer gab und Witsel Angriffe einleitete. Im Zentrum verteidigten Hummels und Weigel. Insgesamt agierte Dortmund zum Teil recht vorsichtig. Es wirkte respektvoll gegenüber den Schalker Kontern. Meist wurde der Ball lieber zurück gespielt als nach vorn.

Die aus’m Ruhrpott

David Wagner startete bei Schalke mit einem Stammsystem, dem 4-2-3-1. Inzwischen zeigt sich, dass er ein flexibles 4-3-3 implementiert hat. Je nach dem, mal mit doppel 6, mal mit Doppelspitze, mal breit mal eng und alles dazwischen. Das macht es für die Gegner etwas schwerer auszurechnen, ohne dass Schalke sich zu sehr umstellen muss. Häufig stellt sich das in drei Dreierreihen dar mit einem freien Spieler dazwischen. Aber dazu ein andermal mehr.

Hier spielte Schalke ein 4-4-2 mit Raute (3-1 Staffelung). Burgstaller und der junge Matondo gaben die Doppelspitze. Ersterer, der Pressingstürmer, also derjenige der das Schalker Pressing maßgeblich mitgestaltet, und letzterer, damit die Schnelligkeit ein Stich gegen die Borussen erlaubt.

Ein Spiel in der Dortmunder Hälfte

Mir, als jemanden, der sich gern mit Statistiken zum Fußball auseinander setzt, wird oft entgegengeschmettert, dass Zahlen nicht die komplette Wahrheit erzählen. Nicht, dass ich das je bestritten hätte. Interessanter Weise zeigen die Daten zu dieser Partie sehr ausgeglichen aus. Zum Teil sogar verzerrend.

Dortmund hatte mehr Zweikämpfe gewonnen (56,2%) und mehr Ballbesitz (56,3%). Die Wahrheit des Spiels ist aber, dass das Gros des Spiels in der Dortmunder Hälfte stattfand. Die Vorsichtige Spielweise wurde auf eine Probe gestellt durch das intensive Pressing das Schalke aufzog. So konnte der Ball in den eigenen Reihen gehalten werden, mit Mühe und ohne jeden Raumgewinn. Außerdem konnten viele Zweikämpfe gewonnen werden, in die sie verwickelt wurden von Schalker Angreifern.

Das Schalker Pressing sorgte also für die besseren Werte von Dortmund. Und war erfolgreich. Die Borussen hatten zu keinem Zeitpunkt (abgesehen von den letzten 10-15 Minuten in denen Schalke sichtlich die Kondition ausging) die Möglichkeit ins eigene Spiel zu finden. Ständig unter Druck. Damit konnten sie zwar halbwegs gut umgehen, allerdings haben sie es eben kaum aus der eigenen Hälfte geschafft, weil Schalke Bälle gewinnen konnte oder Dortmund lieber nochmal sicher zurück spielte.

04 Aspekte in Schalkes Pressing

Das Pressing das David Wagner einführte gehört inzwischen schon zu einem der stärksten der Liga. Hier war schön zu sehen warum. Einsatz, Ausrücken, Höhe und Fallen. Der Einsatz jedes Spielers ist unfassbar hoch. Der Wille herauszurücken und den ballführenden Spieler schlau zu attackieren (und andere die das tun abzusichern) ist immer da. Das wird gern als Selbstverständlichkeit abgetan, da es sowas aber nur selten so stark gibt, ist es wohl eben nicht selbstverständlich. Das ist übrigens der Hauptgrund, warum Pressingstürmer Burgstaller ständig zur Startelf gehört.

Dieses Ausrücken, gegen die Laufrichtung des Ballführenden, mit viel Tempo, ist ein Stilmittel, das oft zu beobachten ist. Besonders Stambouli macht das häufig rund um die Mittelline. Mal drauf achten. Da zieht dann ein Gegner mit Ball am Fuß Richtung Schalke Tor, begleitet von einem Verteidiger, also eh schon unter Druck. Und plötzlich, ein bisschen wie aus dem nichts, stößt dann ein weiterer Schalker mitten rein.

Die Pressinghöhe ist dabei ein weiterer Faktor. Meist stand Schalke mit 6-7 Spielern in der Dortmunder Hälfte um zu Pressen. Wagner betont selbst gern, dass es viel Mut erfordert Borussia Dortmund so früh anzugreifen. Schalke machte das über das gesamte Spiel. Sehr, sehr hoch und intensiv. Immer in dem Wissen, dass wenn das Pressing überspielt würde, Dortmund vermutlich Überzahl vorm Tor erzielen könnte. Aber das gelang fast nie. Die Absicherung im Pressing ist ausgefeilt.

Ein Grund dafür sind auch Pressingfallen, die es immer wieder gibt. Immer mal wieder wird ein Ballführender nicht attackiert, dafür alle seine Optionen zugestellt. Spieler der rechten Seite (jeder nur nicht Hummels) konnten so gelegentlich relativ frei mit dem Ball am Fuß ins Zentrum marschieren. Genau da will Schalke sie nämlich haben. Dann wird zugezogen. Keine Optionen, praktisch das ganze Feld im Deckungsschatten und der Ball wird nahezu Widerstandslos abgegeben.

Schalker Ballbesitz

Die Schwarzgelben versuchten ihrerseits zu pressen. Schalke zeigte sich davon aber recht unbeeindruckt und spielte mit starkem Zug in die Spitze. Um schnelle Durchstöße zu vermeiden schon Dortmund sehr hoch. Selbst wenn Schalke im Aufbau mit Ball am Mittelkreis ankam standen die Verteidiger noch auf der anderen Seite des Mittelkreises. Dortmund war sehr, sehr kompakt.

Ein Mittel um mit den langen Bällen klar zu kommen, mit denen ja immer wieder königsblaue Angreifer in Szene gesetzt werden, war die Abseitsfalle. Und die funktionierte recht gut. Matondo und Burgstaller hatten einige Probleme damit. 5 Abseitspfiffe gegen Schalke gab es zuletzt in Leipzig.

Schalke kam auf eine Passerfolgsquote von nur 75%. Das ist jetzt nicht spektakulär wenig, aber eben auch weit weg von hoch. Das war aber noch weit über dem Schnitt bisher (77,2%). Der Grund dafür ist, dass Schalke relativ viel Risiko spielt. Schnell nach vorne. Fehlpässe werden in Kauf genommen, wenn der Ertrag hoch sein könnte. Für den Fall der Fälle hat Wagner aber noch das Gegenpressing implementiert.

Schalker Gegenpressing

Jürgen Klopp hat mit Dortmund mal 2 Meisterschaften gewonnen, weil er das Gegenpressing nach Deutschland gebracht und perfektioniert hat. Er nannte es den besten Spielmacher. In diesem Derby war deutlich zu sehen warum, allerdings eben von Schalke und nicht Dortmund.

Fehlpässe wurden in Kauf genommen, weil die Spieler selbst im Angriff gut positioniert sind und bei Ballverlust direkt auf dem Ball gehen. Klopp führte damals ein, was Guardiola in Barcelona tat, die ersten 4-6 Sekunden nach Ballverlust gibt es Gegenpressing, erst dann wird in die eigentliche Defensive gewechselt. Wagner treibt das ein bisschen weiter. Der Übergang vom Gegenpressing in die Defensivformation ist durch die Formation und Pressinghöhe fließend.  

Schalke spielt schnell nach vorne, verliert den Ball in die Spitze, schnürt den Gegner zu, gewinnt den Ball in der Spitze zurück und führt den angriff fort. So ergab sich ein Dauerfeuer, mit dem die Gelben nicht besonders gut klar kamen. Allerdings gut genug um nicht allzuviel zu zulassen. Letztlich war Schalke zwar sehr gefährlich und deutlich überlegen, in Torgefahr wurde das aber kaum übersetzt. Und dann gibt es da mal wieder das Loch mit der Chancenverwertung, die Schalke früh in der Saison mal gebucht hatte. Wieder eine Baustelle.

Fazit

Schalke spielt Borussia Dortmund an die Wand. So war das nicht mal in der letzten Saison mit zwei Spielern mehr. Wer die Kaderqualität vergleicht erkennt schnell was das für eine Leistung ist. Gleichzeitig hat Schalke daraus wieder keinen Profit schlagen können. Wie zuletzt häufiger. Das ist ein Problem. Denn, so mitreißend die Spiele sind und so gut die aktuelle Tabellenplatzierung noch ist, am ende zählt jeder Punkt.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

2 Kommentare

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Gregor Schumann · 28. Oktober 2019 um 09:04

Gratulation! Du hast schon viele gute Artikel geschrieben, aber der sticht nochmal heraus. Viele spannende Aspekte, wie immer verständlich erklärt. Über die Zahlen hatte ich mich auch gewundert. Auch darüber, dass die Intensität (Anzahl Sprints) beim BVB nicht schlechter war. Schön, dass du die Rolle von Stambouli hervorgehoben hast. Er ist so ein toller BalanceSpieler, mit einem großartigen Gefühl für die richtige Höhe der Positionierung etc.

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Timo Friedmann · 28. Oktober 2019 um 14:07

Starker Text, gute Analyse. So sehr ich Burgis Arbeitsweise schätze, vielleicht macht es Sinn, mal Uth oder jemand anderen auf der Position intensiver einzubringen. Burgi ist zwar ein harter, laufintensiver Spieler. Nur das Tor trifft er wirklich selten, gemessen an seinen Chancen. Vielleicht würde ein anderes Duo mehr Erfolg bringen.

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