Schalke schlängelt sich durch eine merkwürdige Saison, in der oft vieles irgendwie nicht zueinander passt. Dieses Spiel wird oft als Antwort angesehen, als Zeichen aktiv sein zu können. Das gelang auch, gut war’s trotzdem nicht.

    Die Grundformationen zu Spielbeginn.

    Tedesco setzt ein Zeichen

    Am Mittwoch verlor Schalke in Porto und zog dennoch in die nächste Runde der Champions League ein. Dabei zeigte Königsblau in Portugal allerdings die vermutlich schlechteste Leistung unter Tedesco überhaupt. Speziell die zweite Halbzeit war erschreckend. Unfassbar statisch, das Pressing funktionierte überhaupt nicht und die krass defensive Ausrichtung 5-4-1 griff ebenfalls nicht und ging mächtig nach hinten los. Gleichzeitig gab es fast nichts was auf einen Torerfolg hinweisen konnte. Das Spiel (3:1) hätte Problemlos 6:0 verloren werden können.

    Ergebnis war, dass die Fans mächtig angefressen waren. Aber auch Domenico Tedesco zeigte sich arg unglücklich. Nicht direkt nach dem Spiel und, ganz Führungsfigur, nicht auf die eigene Mannschaft prügelnd, sondern erst zum Spiel gegen Hoffenheim 3 Tage später.

    Viel Personal blieb unberücksichtigt, die Ausrichtung ging in die komplett andere Richtung und das System war neu. Schalke wollte Widergutmachung betreiben, mit einer Raute. Im 4-4-2/4-3-1-2 und deutlich offensiver Ausrichtung, während sich defensiv ein recht klares 4-3-3 abbildete.

    Sebastian Rudy bündelte das Spiel vor der Abwehr und leitete viel ein. Die 8er Schöpf und Serdar banden sich immer wieder auf den Flügeln mit ein und 10er Bentaleb war irgendwie überall. Ganz vorne trieb sich Burgstaller rum, der mit Schmerzen spielte und dessen Bewegungsradius stark eingeschränkt wirkte. Dafür kam Haji Wright zu seinem Startelfdebüt als hängende Spitze. Der junge Amerikaner sollte viele Meter rund um Burgstaller und Bälle fest machen.

    Die Außenverteidiger der 4er Kette waren natürlich stärker in der Verteidigung eingebunden als es Flügelspieler bei einer 3er Kette sind. Entsprechend wirkte die Beteiligung von Caligiuri und Ozcipka etwas zögerlich, die beiden brachten sich aber schon recht ordentlich ein.

    Nagelsmann wundert sich

    Vor Anpfiff gab der Hoffenheim Coach zu Protokoll von der Schalker Startaufstellung überrascht worden zu sein und entsprechend noch ein paar Umstellungen gemacht zu haben. Wieauchimmer, Hoffenheim baute sich in einem 5-3-2 auf. Und obwohl sie leichte Feldvorteile hatten (56% Ballbesitz in der ersten Halbzeit) fiel in erster Linie auf, dass sie extrem hoch pressten. 4 Spieler fanden sich in direkter Strafraumnähe, wenn Fährmann den Ball in den Spielaufbau geben wollte. Der höchste Spieler stand etwa auf Höhe des Elfmeterpunktes.

    Sie versuchten sich bei Ballbesitz recht schnell über die Flügel durchzutanken um dann über hereingaben zentral zu Torchancen zu kommen. Dabei waren sie insgesamt sehr dynamisch. Immer wieder gab es viele kreuzende Bewegungen, was die Verteidigung extrem schwierig macht, speziell, wenn es mehr als 2 Spieler sind, die sich kurzzeitig zu einem Knäul verschmelzen und dann in unterschiedliche Richtungen spurten.

    Gleichzeitig hatten sie ihrerseits aber im Aufbau auch so ihre Schwierigkeiten. Zwar presste Schalke erst etwa ab dem Mittelkreis, dennoch hatte Hoffenheim Probleme die Mittellinie zu überspielen. Insgesamt war es ein Spiel, dass von den Umschaltmomenten lebte und sich gefühlt weniger im Zentrum bewegte als viel mehr zwischen den Extremen pendelte.

    Schalke kämpft mit dem Vorwärtsgang

    Tedesco wollte mutig agieren und stark vorwärtsgerichtet. Das war, in diesen maßen zumindest, neu. Und entsprechend sah es auch aus. Das frühe Pressing Hoffenheims konnte Schalke halbwegs stabil umspielen. Halbwegs. Immer wieder kam es zu Ballverlusten oder Einwürfen vor der Mittellinie.

    Das Problem war aber ein bisschen die eigene Absicherung. Durch die deutlich höhere Dynamik als zuletzt, kam Schalke nicht mehr so gut ins Gegenpressing bei Ballverlusten. Das Pressing selbst war auch etwas zerfahrener. Die Endverteidigung hielt, nicht zuletzt, weil Ralf Fährmann unfassbar gutes Spiel hinlegte, auch im Aufbau.

    Nach 10-15 Minuten kam Schalke aber mit der Intensität immer besser zurecht und fand halbwegs ins Spiel. Hoffenheim, das zwar mehr vom Spiel hatte, kam zwar zu ein paar Halbchancen mehr, aber letztlich war die Partie zu jeder Zeit komplett offen.

    Schalkes Grundidee: Andribbeln

    Gegen Nürnberg sollte das Toreschießen etwas forciert werden und so gab es ungewohnt viele Schüsse aus der Distanz (42%), diesmal wieder fast gar nicht (20%). Tedesco hat also seine Grundprinzipien, die je nach Gegner und Sinnhaftigkeit mal gelockert werden.

    Was auch typisch Schalke in dieser Saison ist, ist das Andribbeln. Es gibt keinen One-Touch-Football in dem der Ball ständig von Spieler zu Spieler weitergeleitet wird, bestenfalls mit nur einem Kontakt. Das Problem dabei ist, dass ich Gegner „nur“ zustellen muss und so verteidigen kann. Da die Manndeckung in der Liga der große Trend ist, ein Problem. Kombinationsspiel muss extrem gut abgestimmt sein um zu funktionieren, ansonsten kann es leicht ausgehebelt werden.

    Schalke versucht dagegen mit Ball am Fuß in die Räume zu dribbeln und damit die Gegner aus deren Formation zu ziehen, das sogenannte Andribbeln. Der Ballführende wird attackiert und dafür eine Anspielstation frei gegeben. So kann viel Raum gut gemacht und eine ganze Kettenreaktion losgetreten werden.

    Besonders Spieler wie Bentaleb oder Caligiuri können so ganz groß auftrumpfen. Im 1-gegen-1 den Gegenspieler aussteigen lassen oder ähnlichen, dann schnell viele Meter machen und den Ball in die Räume weiterleiten, von denen sich die Spieler gerade zum Ball orientieren. Oder halt direkt in den Strafraum.

    Gegen Hoffenheim wurde genau das viel ausgenutzt. Immer wieder gab es Zweikämpfe in hoher Geschwindigkeit die Schalke für seine Zwecke nutzen konnte, so dass Hoffenheim schon bald die Flügel überbevölkerte und Schalke das leben schwer machte. Das Risiko wurde größer und es gab ein paar Ballverluste mehr, der Ertrag wuchs aber auch und so konnte Schalke ein paar Mal Richtung Strafraum durchbrechen.

    Viele Steine, Aussicht keine. Schwere Beine, Heinrich Heine

    Doch das intensive Spiel von Anfang an kostete viel Energie, dazu noch die jeweils anstrengende Aufgabe in der Champions League unter der Woche… Und so fing das Hoffenheimer Pressing sich nach einer halben Stunde stück für Stück zurück zu ziehen. Später in der zweiten Halbzeit stellte Schalke dann wieder auf 5er Kette um, damit die Deckung nicht zu sehr leidet, aber auch, weil beide Innenverteidiger inzwischen Gelbbelastet waren.

    Das Spiel, was von Anfang an etwas nach Struktur japste, wurde dabei immer unstrukturierter. In der Endphase lag jederzeit ein Tor in der Luft, was die jeweiligen Teams aber zu verteidigen wussten.

    Dazu kamen ein paar Situationen in denen die Schiedsrichterentscheidungen wieder schwer zu vermitteln waren und fertig ist ein Punktgewinn der für etwas Frust sorgt. Hüben wie drüben.

    Und nu?

    Nach dem Nürnberg-Spiel wurde viel überlegt, ob damit jetzt der Knoten geplatzt sein könnte. Porto war… sagen wir mal ernüchternd. Jetzt hat Schalke den Vorwärtsgang gefunden, damit aber auch noch so ein paar Probleme. Und die Chancenverwertung ist in allen dreien Spielen dürftig gewesen.

    Geht’s jetzt so weiter, also mit Druck und nach vorne? Sicher nicht. Dafür wurden zu viele Räume entblößt, die zukünftige Gegner mit Vorbereitung besser auszunutzen wissen könnten. Wäre ein gefundenes Fressen für die Gelben in der nächsten Woche.

    Wird also wieder Beton angerührt? Sicher auch nicht. Denn wirklich erfolgreich war Schalke damit eigentlich nur in Ausnahmefällen.

    Die einzige Konstanz von Schalke in den letzten Spielen war, dass sie zu überraschen wussten. Während sich davor ein Stammpersonal und eine Stammformation ausgespielt wurde, stach eben diese nicht mehr und Tedesco wurde wieder Experimentierfreudiger. Gehen wir also mal davon aus, dass wir in den nächsten Spielen jeweils ein anderes Schalke erleben als in der Partie davor.


    Karsten

    Karsten

    Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

    3 Kommentare

    Floyd · 4. Dezember 2018 um 21:02

    Mein Gedanke zum Spiel war der, dass Bentaleb mit einem richtig guten Stürmer an seiner Seite locker 1-2 Torbeteiligungen mehr gehabt hätte. Mit Championsleague hat Schalkes Sturm einfach nicht viel zu tun.
    Ansonsten fand ich das Spiel gar nicht übel.

      Beobachter · 5. Dezember 2018 um 00:27

      Ist find ich ganz generell so im Schalker Kader: je weiter man nach vorne geht, desto schlechter ist Schalke besetzt. Ganz hinten hat Schalke mit Fährmann einen Spieler, der auch bei den absoluten Spitzenteams kaum abfallen würde (und mit Nübel ein tolles Talent in der Hinterhand), die Abwehrkette ist auch sehr stark (vor allem zentral), Mittelfeld ist mit Jungs wie Rudy, Bentaleb, Serdar, Mascarell zumindest noch im obersten Buli-Viertel. Aber ganz vorne ist das halt mit Ausnahme von Uth kaum europapokaltauglich. Teuchert und Embolo sind ganz nette Talente, Burgstaller ist kämperisch stark und hat einen soliden Torriecher. Aber da gibts in der Bundesliga weit bessere Offensivabteilungen. Und nein, da mein ich jetzt nicht nur Bayern und den BVB. Sondern da ist auch die “gehobene Mittelklasse” (Leipzig, Leverkusen, Gladbach, Frankfurt, mit Einschränkungen Hoffenheim) weitaus stärker besetzt.

    Lukas · 6. Dezember 2018 um 22:54

    Hi Karsten,

    Du schreibst von steigender Experimentierfreudigkeit. Findest du nicht, dass Tedesco häufiger Spieler auf der gleichen Position einsetzt?

    Zumindest mir kommt gerade Rudy auf der 6, Bentaleb auf der 8, links wieder mit Oczipka und dazu unsere Stammverteidigung mit welchseldem Zentrum zwischen Naldo und Sane ziemlich sicher aus.

    Kam mir zumindest auch in seiner PK vor dem Lüdenscheidspiel rüber…

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