2020 ist das Jahr, in dem wir alle mehr Zeit zuhause verbringen als uns lieb ist. Und gebt’s zu, ihr wolltet endlich mal wieder mehr lesen. Spätestens mit Tobias Eschers neuestem Buch gibt es da eigentlich keine Ausreden mehr. Niemand kann besser erklären, wie der moderne Fußball funktioniert.

Als Gründungsmitglied von Spielverlagerung.de brauchen wir nicht über credibility reden: Tobi Escher knows his shit. Während die übliche Sportreporterschaft nach wie vor haupsächlich über Mentalität und Wechselgerüchte sinniert, wurde eine Bewegung losgetreten, die den Fußball besser zu verstehen versucht. Ein Kind dieser Bewegung ist auch Halbfeldflanke. Oft als Taktiknerds belächelt, geht es eigentlich um die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Lieblingshobby. Was als Nische begann, wird nun immer mehr zum Status Quo. Wer den Fußball besser verstehen möchte, sollte dieses Buch lesen.

Worum geht’s?

Sauber strukturiert arbeitet sich Escher in dem Buch durch 5 Teile des Fußballs. Die 4 van Gaal’schen Phasen eines Spiels (Ballbesitz, Umschaltmoment nach Ballverlust, Spiel gegen den Ball, Umschaltmoment nach Ballgewinn) und Standards. Dabei werden unterschiedliche Ansätze erklärt, welche Auswirkungen sie haben und welchen Prinzipien sie unterliegen. Schon allein die Kapitel über Pressing, Gegenpressing und Positionsspiel sind dermaßen erkenntnisreich, dass ich sie sicher nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Ja, es ist in gewisser Weise ein Lehrbuch. Aber nicht so sperrig. Obwohl Escher immer dann, wenn er etwas Anekdotisch wird, recht hölzern daher kommt. Sobald es aber um die Sache geht ist er in seinem Element. Erklärt flüssig und leicht verständlich. Dann liest sich das Buch wie ein spannender Roman.

Und immer wieder kommen mir beim lesen verschiedene Schalker Mannschaften in den Kopf. Besonders David Wagner folgt in seinen Ansätzen dem was in diesem Buch beschrieben wird, das fällt häufig sehr stark auf. So ist etwa das Prinzip „Absicherung des Zentrums ist wichtiger als Absicherung der breite“ ein elementares in diesem Buch wie auch beim Schalker Spiel in dieser Saison.

Dabei wird Escher nie altklug. Er zeigt deutlich gefahren der unterschiedlichen Elemente und zeigt wie sie ausgenutzt werden können. So wird etwa auch erwähnt, dass ein zu starker Fokus aufs Zentrum kontraproduktiv sein kann und das gerade im „4-Raute-2“ immer die Gefahr ist. Die Balance ist entscheidend, das lesen wir immer wieder.

Überhaupt, so wird Escher nicht müde zu erklären, gibt es kein richtig oder falsch. Aber er erwähnt es nicht nur, er zeigt es. Oft an präsenten Beispielen. Klopp vs Guardiola, ähnliche Formation, komplett anderes Spiel, welches komplett anderen Prinzipien gehorcht. Es geht um Balance, ums abwägen von Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten. Denn, und auch das lesen wir häufig, „entsteht irgendwo auf dem Feld eine Überzahl, entsteht woanders eine Unterzahl“.

Dabei ist das meiste nicht wirklich neu, aber alles sehr Fundiert und im direkten Zusammenhang wird es eine runde Sache. Ich hatte so einige „Aha!“ Momente.

Für wen ist dieses Buch?

Das Buch ist etwas für Leute, die den Fußball besser verstehen wollen. Das muss aber nicht jeder. Ich kenne einige Schalker, die haben kaum Interesse am Spiel an sich. Und das ist völlig legitim. Wer aber gern genauer wissen möchte, warum ein Team soundso spielt und was da eigentlich alles passiert, damit ein Tor fällt, bzw. was vielleicht getan werden müsste damit es demnächst nicht mehr dazu kommen, kann mit diesem Buch nichts falsch machen. Spoiler alert: Dass der letzte Verteidiger den Stürmer nicht eng genug gedeckt hat, ist es meist nicht.

Für mich ist „Der Schlüssel zum Spiel“ schon jetzt das Standardwerk, dass ich häufig empfehlen werde und löst damit die Bücher zur Geschichte der Fußballtaktik ab.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

3 Kommentare

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Lukas · 17. Mai 2020 um 18:45

Hatte schon nach deinen Amazonkommentar die Überlegung zuzugreifen. Kurze Frage allerdings dazu. Ist die Sprache bzw. Schreibweise gleich dem Jagob auf Spielverlagerung?

Ich hab jetzt kein Problem mit einem diametral abkippendem 6er, aber die Texte dort sind ja häufig wie von Kafka selbst geschrieben.

Karsten

Karsten · 18. Mai 2020 um 09:20

Kenne den Jagob und dessen Schreibstil nicht. Das Wort diametral kam im Buch aber (soweit ich mich erinnern kann) nicht vor. Insgesamt zeichnet sich Escher ja dadurch aus, dass er komplizierte technische Abläufe im Fußball fabelhaft verständlich erklären kann. Darüber hinaus ist das ein Einsteigerbuch. Nicht nur für Leute, die wenig darüber wissen, aber eben auch. Also weit weg von Kafka. 😉

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Lukas · 20. Mai 2020 um 11:29

Es sollte der Jargon sein 😀
Man sollte wohl doch noch einmal querlesen. Aber danke!

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