Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020 zu unseren Lieblings-Schalkern. Heute mit Klaus Fischer von Alex Feuerherdt.

Wenn man bei Google den Namen „Klaus Fischer“ eintippt, welche Ergänzung wird dann wohl als erste von der Suchmaschine vorgeschlagen? Nein, nicht „Schalke“, „Ehefrau“ oder „Kinder“, sondern: „Fallrückzieher“. Was auch sonst, ist man geneigt zu sagen, schließlich ist Fischer, heute 70 Jahre alt, einst genau dafür berühmt geworden.

Eine ganze Reihe von Treffern hat er auf diese Weise erzielt: mit dem rechten Fuß, waagerecht hoch in der Luft liegend, perfekt in Technik und Timing, mal mit vorherigem Scherenschlag und mal ohne. Der allerspektakulärste davon – und spektakulär waren sie alle – war wohl jener im Dress der Nationalelf gegen die Schweiz am 16. November 1977. Er wurde später zum Tor des Jahrhunderts gewählt, und zwar völlig zu Recht. Klaus Fischer, das war und ist gewissermaßen das Synonym für Fallrückzieher.

Als das besagte Tor fiel, war ich acht Jahre alt und begann mich gerade für Fußball zu interessieren. Einen Lieblingsklub hatte ich noch nicht – dafür aber mit Fischer nun meinen ersten Lieblingsspieler. Sein Tor hatte mich verzaubert, und ich sah mit Begeisterung, wie er sonst so traf: immer wieder per Drehschuss und per Flugkopfball.

Meine Mutter kaufte mir in einem Sportgeschäft ein blaues Trikot mit weißem, rundem Kragen und befestigte mit der Nähmaschine die Nummer neun auf der Rückseite: Fischers Nummer. Ich wollte gerne Mittelstürmer sein wie er, war aber noch zu jung, um im Fußballverein zu spielen – auf dem Dorf im Westerwald gab es damals keine E-Jugend, und in der D-Jugend durfte man seinerzeit erst mit zehn Jahren mitmachen.

Also kickte ich in jeder freien Minute im Garten, in meinem blauen Trikot mit der Rückennummer neun. Zwei Bäume bildeten das Tor, und manchmal kam der Nachbar herüber und schlug eine Flanke nach der anderen. Ich versuchte dann, die Bälle zwischen die Bäume zu bringen: per Drehschuss, per Flugkopfball, per Fallrückzieher. Wie mein erstes großes Idol eben.

Als ich zwei Jahre später im Verein zu spielen begann, hatte ich Mühe, den Ball sauber anzunehmen und unter Kontrolle zu bekommen. Drehschüsse, Flugkopfbälle und Fallrückzieher klappten dagegen ziemlich gut. Meinem Trainer war ich deshalb ein Rätsel: Die einfachen Dinge konnte ich nicht, die anspruchsvollen dafür umso besser. Dass daran sozusagen Klaus Fischer schuld war, mochte er nicht so recht verstehen.

Mein Vater schenkte mir einen blau-weißen Lederball mit den Autogrammen der damaligen Schalker Spieler, also auch dem Namenszug von Klaus Fischer. Und da dachte ich: Gut, wenn mein Held bei diesem Verein spielt, dann ist das nun mein Lieblingsklub. Auf das blaue Trikot nähte meine Mutter das Schalke-Logo, außerdem bekam ich ein Schalke-Käppi.

Dass die Zuneigung zu Königsblau gleichwohl nicht besonders lange währte, dürfte zuvorderst an den Hänseleien gelegen haben, denen ich in der Schule nach den – damals nicht so seltenen – Schalker Niederlagen ausgesetzt war. Vor allem vonseiten des besten Fußballers in meiner Klasse, der seinerseits Anhänger des damals ziemlich erfolgreichen 1. FC Köln und mir in herzlicher Abneigung verbunden war (was auf Gegenseitigkeit beruhte).

Als Kind hat mich das arg getroffen, und ich begann, meinen Ärger auf den FC Schalke 04 zu projizieren. So landete ich schließlich bei den Bayern – was mich vor allem gegenüber dem besagten Mitschüler in eine bessere Position brachte und meinem Vater durchaus gefiel, schließlich war er in der Nähe von München aufgewachsen und vielleicht kein Anhänger, aber doch ein großer Sympathisant des FC Bayern. „Erfolgsfan“ schimpfte man solche opportunistischen Bälger wie mich seinerzeit noch nicht, zum Glück für mich. Aber vielleicht darf man mit zehn oder elf Jahren auch noch ein bisschen wankelmütig sein.

Klaus Fischer habe ich trotz meines „Vereinswechsels“ weiterhin verehrt, und mein latent schlechtes Gewissen beruhigte mein Vater mit den Worten: „Ich glaube, er würde dich verstehen, schließlich kommt er ja auch aus Bayern.“ (Dass Fischer einst für die Sechziger gestürmt hat, verschwieg er vornehm.) Als Fischer im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich traf – per Fallrückzieher natürlich –, war er schon beim 1. FC Köln, aber das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch.

Mir ist er immer sympathisch geblieben, auch wegen seines stets bescheidenen Auftretens. Persönlich begegnet bin ich ihm auch einmal: im Oktober 2010 auf der Tribüne beim Champions-League-Spiel zwischen Schalke und Maccabi Tel Aviv. Er saß in der Reihe neben mir, und ich überlegte, mir ein Autogramm zu holen. Der Schriftzug auf dem Schalke-Ball von damals war ja schon verblasst. Aber es ging nicht. Ich war wieder der achtjährige Junge, in Ehrfurcht erstarrt.

Adventskalender 2020:
Lieblings-Schalker von Halbfeldflanke & Friends.

Geschrieben von Alex Feuerherdt

Alex ist freier Autor, Mitbegründer des Schiedsrichter-Podcasts Collinas Erben und Betreiber des Blogs Lizas Welt. Er schreibt für verschiedene Medien, u. a. für n-tv.de, Spiegel Online und die Jüdische Allgemeine. Wenn ihr mehr von Alex lesen wollt, geht auf lizaswelt.net oder folgt ihm auf Twitter (@LizasWelt).


Halbfeldflanke-Friends

Verschiedene Gastbeiträge von unterschiedlichen Autor*innen. Von wem genau wird jeweils im Text selbst spezifiziert.

1 Kommentar

Carlito1904 · 1. Dezember 2020 um 21:20

Hach, was eine schöne Geschichte vom Alex! Da möchte man ihm fast verzeihen, dass er sich vom glorreichen S04 ab- und dem Evil Empire, dem FC Bayern, zugewandt hat. 😉

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