Der Halbfeldflanke & Friends Adventskalender 2020 zu unseren Lieblings-Schalkern. Heute Ralf Fährmann von Nele Hüpper.

Wie schafft man es als in Karl-Marx-Stadt geborener knapp zwei Meter großer Typ in das Herz einer Frau? Man spielt Fußball für den richtigen Verein. Und dann auch noch im Tor, so wie sie einst in der 1. Kreisklasse. Hier könnte das Loblied auf Ralf Fährmann vorbei sein, denn eigentlich sind das alle meine Argumente, warum Ralf Fährmann mein Lieblingsspieler ist. Aber da ist noch mehr: Wir sind beide „Zugezogene“, auf die eine und andere Art und Weise.

Während Fährmanns fußballerische Laufbahn als Torwart in der Jugendabteilung des VfB Chemnitz und des Chemnitzer FC im Osten der Bundesrepublik begann, wurde ich im nördlichen Teil Deutschlands geboren – genauer gesagt in Hannover-Langenhagen. Als Ralf Fährmann 2003 in die Jugendabteilung des FC Schalke 04 wechselte, besuchte ich die dritte Klasse einer Grundschule im Hannoveraner Umland, meine fußballerischen Vorbilder hießen Jörg Sievers und Gerard Tremmel. Carsten Linke, Steven Cherundolo und Altin Lala kickten schon / noch für 96, aber meine Omma aus Essen sorgte dafür, dass ich auch wusste wer Frank Rost ist.

Mit jeden Sommerferien und Osterbesuchen bei Omma in Essen, bzw. dem Rest der Buckligen in Bottrop fand ich mehr und mehr Gefallen an der Farbe Königsblau – auch weil mein Opa eher Rot-Weiß-Essen zugetan war, die damals schon zwischen der zweiten und der dritten Liga vor sich hindümpelten und ich die Farbe blau auch einfach schöner fand als rot.

Während ich mich fußballerisch von Hannover 96 emanzipierte durchlief Ralf Fährmann alle U-Nationalteams, bis zur U21. Bis heute frage ich mich, warum Ralf Fährmann nur ein Spiel für die U21 gemacht hat und dann nicht weiter aufgestiegen ist. Ach so. Da war ja noch dieser Weltbestetorhüter der Welt, ein gewisser Manuel N.

Bis 2008/2009 hatte ich Fährmann gar nicht so sehr auf dem Schirm, wie das halt so ist bei einem dritten Torhüter und das, obwohl Torhüter schon immer meine Lieblingsposition war. Egal ob beim Fußball oder im Handball – meine Sportidole waren immer Torhüterinnen und Torhüter. In Bezug auf Ralf Fährmann kam dieses Revierderby, bei dem Neuer nach einem Mittelfußbruch noch nicht wieder fit war und Ersatzmann Schober sich gleich zu Beginn der Partie verletzte. Schalke ging mit Fährmann im Tor 0:3 in Führung, das Spiel endete 3:3. Und ich hatte mein Herz an diesen armen Torhüter verloren, der sein Bundesligadebüt gab. Fährmann tat mir wirklich leid!

Ein Teamfoto aus der schlimmen Saison 08/09 – wahrscheinlich, wirklich sicher ist sich die Autorin nicht. Immerhin weiß sie noch, wie das Maskottchen hieß, welches sie im Arm trägt: Herthi der Bär.

Ich konnte das so gut nachvollziehen, wie es ihm wohl gehen könnte – ich musste in der Saison 2008/2009 in der Kreisklasse in 12 Spielen 57 mal hinter mich greifen, um einen Ball aus dem Tor zu holen. 4,75 Tore pro Spiel. Gut, ich bin kein Profi geworden, das war nie mein Anspruch. Ich hab Fußball gespielt, weil ich mit Johanna B., Sjanie, Johanna F., Lotta, Lena, Nina, Jacqueline, Sophie, Mona und Johanna Z. in einer Mannschaft spielen konnte, mit den Mädchen aus meinem Dorf, obwohl ich in Hannover zur Schule ging. Aber das schwierige Gefühl, wenn sie einen Ball hinter sich aus dem Netz holen müssen, das Teilen Torhüterinnen und Torhüter, egal in welcher Spielklasse, egal ob Profi oder Amateurin.

Ich weiß gar nicht mehr so genau, ob das wirklich nur dieses eine Spiel war, was Fährmann zu meinem Lieblingsspieler gemacht hat. Wahrscheinlich war das ein schleichender Prozess, der in 2013 gipfelte – zu meinem 20. Geburtstag, gerade seit drei Monaten Zuhause ausgezogen um in Mittelhessen mein Glück im Studium zu finden, bekam ich ein Fährmann-Trikot zum Geburtstag. Und fand später in Freunden meiner damaligen Mitbewohnerin gleichgesinnte Schalke-Fans an einem Ort, an dem ich das am wenigsten vermutet hätte: Marburg. Zusammen fuhren wir nach Gelsenkirchen und nach Frankfurt, sahen Schalke in der Europa League und im Sudhaus, unserer Lieblingskneipe in Marburg. Und Fährmann war immer mit dabei.

Das Fährmann-Trikot hat wegen eines Umzugs zum 1. Dezember seinen Platz noch nicht gefunden – aber immerhin hängt die Veltins-Arena schon.

Was Ralf Fährmann ebenfalls zu meinem Lieblingsspieler macht ist der Fakt, dass wir beide Zugezogene sind. Ich habe zwar einen Pullover, auf dem steht „Auf Kohle geboren“, aber jedes Mal wenn ich den anhabe bekomme ich doofe Sprüche – „du bist doch gar nicht aus dem Pott“ usw. Auch wenn man das als Fan immer mal wieder vergisst: Ralf Fährmann ist auch nicht auf Kohle geboren. Dennoch: Kein anderer steht mehr für die fußballromantische Vorstellung eines Spielers, der sich mit seinem Verein identifiziert, wie Ralf Fährmann. Höchstens noch ein Höwedes, aber da er die Fußballschuhe an den Nagel gehängt hat…

Trotz der Station in Frankfurt und zuletzt Norwich und Bergen kommt Fährmann immer wieder zurück nach Gelsenkirchen. Zurück zu Schalke. Egal wie man ihn behandelt, egal wie die Fans ihn behandeln, egal wie es für den Verein läuft. Für mich ist Schalke 04 Zuhause, egal wo ich geboren bin, egal wie es gerade um den Verein steht, egal was alle anderen Leute sagen. Ralf Fährmann nehme ich das ab, wenn er von Schalke als seinem Zuhause spricht, wie im September-Kreisel. Und weil mein Herz diesem Verein gehört, gehört es auch zu einem großen Teil Ralf Fährmann, dieser Identifikationsfigur, dieser fußballromantischen Vorstellung, dass ein Verein für einen Spieler mehr ist als ein Arbeitgeber. Es ist nicht schwer Ralf Fährmann diese Attribute zuzuschreiben und ihn deswegen zu mögen. Zumindest nicht für mich.

Adventskalender 2020:
Lieblings-Schalker von Halbfeldflanke & Friends.

Geschrieben von Nele Hüpper

Nele liebt Schalke, auch wenn’s im Moment weh tut drüber zu reden. Normalerweise redetet sie sehr gerne über Fußball, sie ist nämlich Teil des Podcast-Kollektivs FRÜF – Frauen reden über Fußball und außerdem Expertin im Rasenfunk. Im richtigen Leben ist sie freie Sportjournalistin und studiert einen soziologischen Master in Mittelhessen. Falls ihr mehr von Nele lesen wollt folgt ihr auf Twitter (@hipphuepp).

Der Halbfeldflanke Adventskalender 2020.

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Verschiedene Gastbeiträge von unterschiedlichen Author:innen. Von wem genau wird jeweils im Text selbst spezifiziert.

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