Ganz Schalke spricht vom Verletzungspech. Wir gucken genauer hin…

Eine Diskussion sollte sein, wie es passieren kann, dass Schalke seit Jahren ein derartiges Verletzungspech hat. Und eigentlich gab es diese Diskussion ja im letzten Sommer schon. Aber das ist ein anderes Thema.

Karsten, vorgestern.

Na, dann mach ich halt das Fass auf. Oder eigentlich hat Torsten Wieland das in seinem Blog schon getan, ich möchte die Diskussion also weiterführen. Am besten fange ich trotzdem nochmal damit an, die aktuelle Lage zu resümieren. Zuallererst möchte ich das Ganze hier aber einordnen.

Der Verein gibt – vollkommen zurecht – nur wenig über den medizinischen Zustand seiner Mitarbeiter, der Spieler, Auskunft. Im Gegensatz zum Training auf den Plätzen, findet die meiste Arbeit dazu noch hinter verschlossenen Türen statt. Ich habe außerdem keinen medizinischen Background. Die genannten “Diagnosen” stammen von clubeigenen Medien oder transfermarkt.de.

A never ending Verletzungsstory

Gegen Dortmund fehlten dem Schalker Trainer Gross wieder zahlreiche (Stamm-)Spieler, mehr noch als die Wochen zuvor. Das ist insofern bemerkenswert, dass die Reha-Bemühungen üblicherweise auf solche bedeutenden Spiele abzielen. Wer am Spieltag zuvor leicht angeschlagen ist, wird lieber geschont, um beim “großen Spiel” dabei sein zu können.

Und bei wem es am Derbywochenende eigentlich noch nicht wieder ganz rund läuft, lässt sich gegebenenfalls “fitspritzen”. Diese Praxis ist natürlich nicht unproblematisch. Die Recherche zu Pillenkick mag ich euch in diesem Zusammenhang empfehlen, dort wird der Schmerzmittelmissbrauch im Profifußball beleuchtet.

Im Derby sah die Schalker Mannschaft jedenfalls ziemlich mau aus. Aber der Reihe nach. Ersatztorhüter Rønnow fällt seit gut einem Monat mit Leistenproblemen aus. Zuvor hatte er auch schon den ganzen Dezember mit einer Muskelzerrung gefehlt. Nachdem sich Fährmann gegen Dortmund in der 26. Minute an einer Rippe verletzte und wenig später ausgewechselt werden musste, kam der dritte Torhüter Langer zu seinem zweiten Saisoneinsatz.

Für Fährmann ist das auch bereits die dritte Verletzung diese Saison. Erst hatte ihn eine Adduktorenverletzung den halben Oktober und seinen Startelfplatz gekostet und bei Langers erstem Spiel Anfang Dezember kurierte er seine zuvor aufgetretenen Knieprobleme aus.

Sané, der schon den Saisonstart wegen einer Muskelverletzung aus der Vorsaison verpasst hatte, plagt sich momentan noch immer mit Knieproblemen rum. Diese waren erstmals am achten Spieltag aufgetreten. Sein rasches Comeback mit je 90 Minuten gegen Augsburg, Freiburg und Bielefeld kurz vor Weihnachten war anscheinend keine so gute Idee, denn danach verschlimmerte sich sein Verletzungszustand wieder und er fehlt bis heute.

Sein Kollege Nastasić hatte die Hinrunde eigentlich ganz gut überstanden, abgesehen von einer Kopfverletzung in einem Testspiel vor der Saison. Nun sind allerdings Wadenprobleme bei ihm aufgetaucht. Und auch der erst vor drei Wochen verpflichtete Mustafi fällt bereits mit muskulären Problemen aus.

Auch fehlten die langzeitverletzten Leihspieler Ludewig und Paciência, sowie Skrzybski, der seit Anfang Januar an einer Bänderverletzung laboriert. Außerdem hat Uth seine bereits dritte verletzungsbedingte Ausfallzeit, einmal nach seinem Zusammenprall im Augsburgspiel und zweimal wegen unterschiedlicher muskulärer Beschwerden.

Und zuletzt war auch Huntelaar nicht dabei. Er kam schon mit Wadenproblemen aus Amsterdam, hatte einen Kurzeinsatz gegen Bremen und nun zwickt anscheinend die andere Wade.

Andere Puzzlestücke

Ein Muster ist ziemlich klar zu erkennen, Schalke ist geplagt von muskulären Verletzungen und verfrühten Comebacks. Aber das ist eben noch nicht das ganze Bild. Denn dazu kommen Personalentscheidungen mit unglücklichem Timing, schlechte Kommunikation und eine verkorkste Kaderplanung.

Ibišević wird in der Novemberwoche suspendiert und der Vertrag aufgelöst, in der sich Paciência schwer verletzt. Kutucu wird ausgeliehen, um Spielpraxis zu sammeln, nachdem Huntelaar für die Rückrunde geholt wurde. Dieser kam aber auf Schalke bisher nur zu einem Kurzeinsatz. Und weil auch Uth und Skrzybski fehlen, besteht fast keine andere Option mehr, als Hoppe jedes Spiel starten zu lassen.

Da ist auch viel Pech dabei, nicht jede Verletzung hätte durch bessere Präventionsarbeit verhindert werden können. Mitverantwortlich ist aber mit Sicherheit auch die miserable Personalsituation. Schalke hat von den Namen her eine ziemlich starke erste Elf, die passt zwar von den Spielertypen oft nicht zusammen und teils auch nicht zu dem, was der momentane Trainer spielen lassen will, aber das Potential reicht trotzdem für einen Mittelfeldplatz in der Liga.

Der Goalimpact zum Saisonstart beispielsweise sah Schalke an Rang elf. So gut wie damals war das Team aber nie wieder, schon am fünften Spieltag – dem Derby in der Hinrunde – war das Team bis auf den 17. Platz abgerutscht. Nach Fährmanns Verletzung im Rückrundenderby stand schließlich eine Mannschaft auf dem Platz, die laut dieser Metrik selbst in der dritten Liga abstiegsgefährdet wäre.

Genauso verheerend sieht eine andere Statistik aus. Schalke hat in der Liga diese Saison nicht ein einziges Mal alle fünf möglichen Wechsel vollzogen. Ich möchte nochmal erinnern: Unter vier verschiedenen Trainern. Nur gegen den Viertligisten Schweinfurt in der ersten Pokalrunde nutzte man das volle Wechselkontingent aus. Unter Gross, also seit Anfang Januar, hat Schalke nur zweimal überhaupt die Bank voll besetzt. Ein klares Zeugnis für ungenügende Kaderbreite.

Personalrochaden im Gesundheitsbereich

Noch ein Wort zum zuständigen Personal. Verletzungsmiseren sind auf Schalke keine Neuigkeit. Letzte Saison war Oczipka der einzige auch nur halbwegs wichtige Spieler, der nicht wochenlang ausgefallen ist.

Schon in der Hinrunde 2018/19 war von einer Verletzungsmisere “ohnegleichen” die Rede, im Revierderby waren fünf Stürmer von vornherein verletzt, Teuchert saß angeschlagen auf der Bank und als Burgstaller in der 36. Minute runter musste, kam es zum viel verspotteten Sturmduo Mendyl-McKennie.

Und auch damals gab es schon die Personaldebatten über das Athletiktrainerteam. Schoos war zum Beginn der Saison 2018/19 gekommen, sein Kollege Faller war im November 2018 von Leipzig abgeworben worden, es folgte Luisser. Verstärkt wurde das Team für die letzten Saisonspiele unter Stevens damals nochmals durch Zetlmeisl. Schoos und Luisser wurden dann zur aktuellen Saison ersetzt durch Leuthard und Löppert. Leuthard steht laut Medienberichten bereits wieder vor dem Aus.

Zwischendrin waren auch am medizinischen Personal Veränderungen vorgenommen worden. Heidel hatte das Problemfeld schon 2016 in Angriff genommen und Dr. Ingelfinger als Leiter der medizinischen Abteilung angestellt. 2018 kam Dr. Antoniadis als Mannschaftsarzt hinzu. Obendrein hatte Schneider zur aktuellen Saison die Ernährungsberaterin Dr. Schlusemann engagiert.

Im Januar 2020 war außerdem Dr. Schlumberger geholt worden und für ihn die Position des Leiters Fitness und Prävention geschaffen worden. Die verlor er, als im darauffolgenden Sommer Leuthard kam, und wurde er Leiter Reha. Zum Jahresende warb Liverpool ihn schließlich ab und sein Aufgabenbereich wurde auf das Athletikteam verteilt. Nur bei den Physiotherapeuten herrschte in den letzten Jahren etwas Konstanz.

Big picture stuff

Aber gehen wir doch noch einen weiteren Schritt zurück. Damals, als Schalke-PKs gerade begannen, unterhaltsam zu werden, sprach Heidel zum Saisonauftakt mit seinem ersten Trainer Weinzierl die Arbeitsbedingungen auf Schalke an. Da war neben dem Videoturm für Trainingsaufzeichnungen und Einzelbüros für die Trainer auch von den garagenartigen Räumen für die Physiotherapie die Rede.

Schon auf der MV im Juni war das Thema zur Ansprache gekommen. Schalkes Infrastruktur befand sich damals, so lautete das Urteil, auf einem nicht konkurrenzfähigen Niveau. Vier bis fünf Jahre sollte der Umbau in Anspruch nehmen. €95m sollten die Bauprojekte Berger Feld I und II schließlich kosten. Die Jahrzehnte zuvor hatte Schalke einen infrastrukturellen Investitionsstau angehäuft.

Einen Vorsprung in diesem Bereich hatte Schalke letztmals, als um die Jahrtausendwende die Arena in Eigenregie gebaut wurde. Nur um kurz darauf viel von diesem gut gemachten Boden wieder zu verlieren, als die WM nach Deutschland geholt wurde – die Korruption um die Vergabe sollte erst Jahre später auffliegen und ist bis heute nicht ganz geklärt. In zehn Städten wurden daraufhin Stadien mit Hilfe öffentlicher Mittel neu- und umgebaut.

Die Kredite des Stadionbaus hat Schalke indes erst im Sommer 2019 vollständig abbezahlt. Dem Verein gehören heute nur etwa 43% der Beteiligungsgesellschaft. In dem Zusammenhang würde mich auch brennend interessieren, wann sich die Arena amortisiert hat (oder amortisieren wird).

Jedenfalls ist zu vermuten, dass die langanhaltende finanzielle Belastung durch die Arena einer der Gründe für den Investitionsstau war. Ein anderer war mit Sicherheit die Prioritätensetzung des Aufsichtsrats und dessen Vorsitzenden in den entsprechenden Jahren. Und vielleicht auch die geringe Jobsicherheit im Vorstand. Warum schließlich für Nutzen in zwanzig Jahren planen, wenn ich schon in zweien nicht mehr da bin?

Also wer oder was ist nun schuld?!

Das “Verletzungspech” fußt also auf einer Kombination aus Problemen. Das Alles auf das aktuelle Athletiktrainerteam abzuwälzen, ist viel zu kurzsichtig. Der zweimalige komplette Austausch des Stabs in den vergangenen drei Jahren sollte Beweis genug sein.

Was nicht heißen soll, dass Schalke kein Problem bei der Trainings- und Belastungssteuerung hat. Aber es kommt der enge Corona-Spielplan dazu und ständige Unterbrechungen der langfristigen Trainingsarbeit durch Trainerwechsel.

Dem Kader mangelt an Qualität in der Breite, die wenigen Topspieler bekommen keine Pausen und werden auch nach Verletzungen teils viel zu früh zurückgeholt. Das Wechselpotential wird nicht ausgenutzt, weil die Qualität der Mannschaft auf dem Platz dann schlicht in den Keller ginge. Daraus folgt aber auch wieder eine dauerhafte Überbeanspruchung und schließlich eine Anhäufung von Verletzungen der Schlüsselspieler. Von den wenigen verbliebenen Leistungsträgern wird infolgedessen nur noch mehr abverlangt.

Dazu hat Schalke in den zugrundeliegenden Strukturen einen riesigen Rückstand aufzuholen. Die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsumfeld sind anderorts besser, Autoritäten und Abläufe schon länger etabliert. Ein ähnliches Problem ist in der Jugendarbeit zu erkennen, nur kann dort noch viel durch die eine herausragende Personalie Elgert überdeckt werden. Im Gegensatz zum U19-Trainer wurde in diesem Bereich aber mehrfach in den letzten Jahren das führende – und anscheinend herausragend arbeitende – Personal erfolgreich abgeworben.

Von außen kann ich also weder die Schuldfrage klären – abgesehen davon wie wenig konstruktiv ich solche Schuldzuweisungen finde – noch könnte ich ehrlich Besserung in Aussicht stellen. Ich sehe keinen quick fix und würde bei jedem Heilsversprechen misstrauisch werden. Ganz einfach, weil jahrzehntelang andernorts mehr investiert und Expertise angehäuft wurde und es keinen Grund gibt anzunehmen, dass sich dort fortan auf den erreichten Erfolgen ausgeruht wird.

Schalke hat – besonders in der momentanen Lage – weder das Geld noch die Zeit, um diesen Rückstand aufzuholen. Wir sehen jetzt die Folgen des Handelns, das in den frühen 2000er Jahren begonnen hat. Wie in einigen anderen Bereichen auch wäre es auch hier schon der höchstmögliche Erfolg den Abwärtstrend in den nächsten Jahren zu stoppen. An einen Weg zurück nach oben ist für mich noch gar nicht zu denken.


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Philip

Da er im kleinstädtischen Thüringen aufwuchs, gab es für Philip ab der Grundschulzeit eigentlich nur die Entscheidung zwischen FCB und BVB - er tendierte zu letzteren, denn die Bayernanhänger waren schon damals unerträglich charakterlose Erfolgsfans. Doch glücklicherweise nahmen die Verwandten aus dem Sauerland noch rechtzeitig Einfluss und so wurde er doch Schalker. Intensiv mit seinem Verein beschäftigt er sich seit 2014, über Rasenfunk und Königsblog stolperte er schließlich immer wieder über diese komische Halbfeldflanke und begann Gefallen an der analytischen Zerlegerei zu finden. 2019 durfte er sich schließlich selbst mal ausprobieren.

3 Kommentare

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Andreas · 24. Februar 2021 um 11:42

Ich finde es peinlich wenn man den Trainer sieht der sich seine Glatze streichelt und vom Spiel nix sieht. Er ist so teilnahmslos, als ihn das nix anginge. Das ganze Geld ging nur in die Infrastruktur, anstatt einen großen Teil in die Mannschaft. Es ist mittlerweile ein Trauerspiel sich SAMSTAG für SAMSTAG das Gegurke anzusehen.

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Max · 24. Februar 2021 um 13:20

Wie schon bei Thorsten geschrieben: Der gesamte Fussball war noch vor wenigen Jahren in diesem Bereich echt Mittelalter im Vergleich zu anderen Sportarten. Man erinnere sich an die Diskussionen 2006 rund um Klinsmann.

Es ist in der Rückschau auch kaum zu glauben, dass es vor 10 Jahren auch noch andere Meister als den FCB gab, einfach weil auch im Süden einfach im Vergleich noch sehr unprofessionell gearbeitet wurde.

Die anderen Vereine haben auch sehr spät reagiert – aber sie haben reagiert. Schalke hat den Zeitgeist auch hier verschlafen – und letztlich dann so lange, dass die Folgen nicht reparabel sind.

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rulo · 25. Februar 2021 um 00:44

Die Verletzungsprobleme der letzten Jahre nerven wirklich ungemein. Ein Aspekt, der oftmals etwas untergeht in der Diskussion ist, dass die Spieler, gerade nach längeren Verletzungen, auch einen gewissen Zeitraum brauchen, um auf ihr altes Leistungsniveau zu kommen.

Gerade in dieser Hinsicht ist man (und da will ich mich nicht ausnehmen) oft sehr ungeduldig mit den Spielern und hofft nach einem Comeback direkt auf Höchstleistungen.

Andere Vereine sind in diesem Bereich klar besser aufgestellt. Ich habe bis heute nicht verstanden wie es z.B. der Eintracht möglich gewesen ist 2018/19 mit einer extrem intensiven Spielweise, ohne große Rotationen und Mehrfachbelastung bis zum Ende der Saison ohne gravierende Verletzungsprobleme auszukommen. Auch wenn ihnen dann am Ende klar die Luft ausgegangen ist.

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