Wieder mal ein Spiel mit zwei sehr unterschiedlichen Halbzeiten. Erst dominiert Schalke das Spielgeschehen, dann plötzlich Augsburg. Am Ende reicht‘s für einen knappen Sieg. Warum das so war und was wir daraus lernen können… 

Die Teams

Augsburg spielte in einer Art 5-2-3. Oder auch 4-3-3 mit defensiv abkippender 6. Gouweleeuw ließ sich immer wieder zwischen die Innenverteidiger fallen, besonders gegen den Ball. Das ist der Trick den die Liga von Breitenreiter im Hannover-Spiel gelernt hat. Dazu gab es harte Manndeckung, wie es Köln so hübsch vor gemacht hat.

Schalke dagegen kam mit einem 6er und Doppel-8 im typischen 5-1-2-2. Das ist allen mittlerweile bestens bekannt, darum hüpfen wir gleich ins Spiel…

(Falls nicht, bitte in den Kommentaren pöbeln)

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Die erste Halbzeit

Augsburg war vom Stil her eigentlich ein klassischer Angstgegner von Schalke. Wie viele dutzend Male habe ich hier in Analysen schon schreiben müssen, dass Schalke keinen Weg findet gegen tiefsitzende mannorientierte Konterteams Chancen zu erspielen. Schon immer (also seit es diesen Blog gibt) war das ein Problem von Schalke 04. Schon unter Keller und allen die ihm folgten. Selbst Köln konnte zuletzt so noch ein Unentschieden erringen. Doch diesmal war’s anders.

Der FC Augsburg gehört zu den besten Beton-Teams der Liga. Nur zwei Teams haben bis vor diesem Spiel weniger Gegentore einstecken müssen. Ein Tor gegen Augsburg zu schießen, ist wirklich schwer. Sie stehen tief, fangen alles ab und versuchen schneller umzuschalten und zügig zu kontern. Und da sie das so gut machen, stehen sie recht hoch in der Liga. Und Schalke hatte (oder hätte haben müssen, je nach dem) mächtig Respekt.

Aber Tedesco weiß zu überraschen. Immer wieder. Auch in einer Englischen Woche. Noch gegen Köln beklagte er mangelnden Bewegungswillen. Diesmal war’s anders. Schalke bewegte sich, wirbelte gar. Der Beton wurde mächtig bearbeitet. Vor einigen Wochen war das Pentagon im Mittelfeld noch recht starr. Der 6er, die 8er und die beiden Stürmer hielten die Abstände fast wie an Stangen. Diesmal war da gar nichts starr. Die beiden 8er tauschten fast im Minutentakt die Seiten. Die Flügelläufer zogen in alle Himmelsrichtungen. Und vieles mehr.

Besonders spannend war, dass die Stürmer immer wieder aus dem Abseits ins Zentrum gelaufen kamen. Das hatte den Effekt, dass sie erstens die gegnerische Kompaktheit auf eine Probe stellten und zweitens durch plötzliches Auftauchen im Zentrum die komplette Verteidigung irritierten. Dazu gab es immer wieder gegenläufige Bewegungen von den 8ern oder Flügelläufern.

Auch interessant anzusehen war, dass inzwischen bei vielen Angriffen einer der drei Verteidiger mit nach vorne geht. Die 3er Kette, die eh schon meist auf der Mittellinie stand wurde dann zur 2er Kette und Naldo (oder einer der anderen) zog quer übers Feld um die Mannorientierungen aufzuspalten. Das heißt entweder war er anspielbar, oder aber wenn er gedeckt wurde halt jemand anderes der zuvor gedeckt wurde.

Bringt nur nix!

Viel Aufwand, wenig ertrag, könnte man meinen. Schalke kam trotz 67% Ballbesitz und 84% Passerfolg in der ersten Halbzeit kaum in den Gegnerischen Strafraum. Unter den Anhängern machte sich Unmut breit: „das gleiche wie immer“. Aber es war eben nicht das gleiche wie immer. Ab und an kam Schalke in den Strafraum. Oft wurde erst in letzter Not geklärt. Schalke bewegte sich viel und Augsburg hatte richtig stress.

Besonders McKennie und Harit machten richtig viele Meter und zeigten sich mit all ihrer Bewegungsfreude. Genauso müssen solche Teams bespielt werden. Das habe ich so noch nicht von Schalke gesehen. Dass auch die besten Kombinationen nicht automatisch Tore mit sich bringen, ist klar. Ich zumindest hatte aber zu jeder Zeit das Gefühl, dass ein Tor fallen könne. Was es dann ja auch tat.

Die zweite Halbzeit

Auffällig Häufig unterscheiden sich die beiden Halbzeiten eines Spiels unter Tedesco. Und zwar deutlich. Darauf gehen wir ein andermal ein. Ob es erst nach dem 2. Tor für Schalke anfing oder bereits davor ist schwer zu sagen und eigentlich auch egal. Jedenfalls ließen sich die blauen jetzt tief fallen und wollten die Augsburger mit Ballbesitz überfordern. Pustekuchen.

Denn überraschender Weise kamen die Fuggerstädter gegen Schalke prächtig mit dem Ballbesitz klar und erreichten in der 2. Halbzeit ihrerseits 67% Ballbesitz und 85% Passerfolg. Jetzt zeigte die gegnerische Mannorientierung wieder Wirkung. Schalke versuchte zwar das Spiel breit zu machen, schaffte es dabei aber nicht sich dem Druck der Gäste zu entledigen. Immer wieder wurden Bälle abgefangen, die Blauen versuchten sich auf’s Kontern zu konzentrieren und kamen nur noch zu 65% Passerfolg.

Schalkes intensives Pressing und das bewegungsfreudige Offensivspiel der ersten Halbzeit hat Kraft gekostet. Mit der Führung im Gepäck sollte vermutlich auch ein wenig Energie gespart werden. In der zweiten Halbzeit agierten die Knappen jedenfalls deutlich tiefer und zurückhaltender. Der Ballführende wurde jetzt meist nur noch gestellt, nicht mehr unter Druck gesetzt wie noch vor dem Seitenwechsel. So hatte der FCA Zeit sich zu orientieren und selbst strukturierte Angriffe vorzutragen.

Und die Zeit nutzten sie. Augsburg presste jetzt deutlich höher und noch mannorientierter. Sie agierten mit vielen weiten Bällen und erreichten ein Plus bei den Zweikämpfen (52,82%). Als die blauen merkten, dass ihnen das Spiel so entgleitet, war es auch eigentlich schon zu spät. Plötzlich stand es unentschieden und es wirkte als hätte Schalke den Rhythmus verloren und finde ihn nicht wieder. Wie Autoschlüssel.

Insgesamt natürlich wieder genauso blöd wie es schon gegen Köln der Fall war. Tedescos nächste Aufgabe wird also seinen einen Plan zu entwickeln damit Schalke mit hoher und intensiver Mannorientierung besser klar kommt. Seien wir gespannt, wie es weiter geht.

Der Spielzug des Spiels

Keine Angst, das wird keine feste Rubrik. Aber es gibt eine Aktion, die ich besonders herausstellen möchte. Wobei das eh schon jeder gemacht hat…

In der 89. Minute versuchte Augsburg einen Konter. Die haben inzwischen alles nach vorne geworfen und wollten die erneute Führung Schalkes wieder egalisieren. Schalke wiederrum versuchte seinerseits entsprechende Lücken zu bespielen, den Ball zu behaupten und vielleicht sogar die Führung auszubauen.

Und so kam es wie es kommen musste, Augsburg fing einen Pass ab und drosch diesen direkt diagonal nach vorne auf den herauseilenden Stürmer. Schalkes Abwehr weitestgehend dezimiert, weil viel nach vorne gelagert wurde. Und so gab es nur noch zwei Verteidiger die nach hinten eilten und Max Meyer mitten drin.

Der Ball überflog Meyer, dieser schätzte die Lage als hoch risikoreich ein und entschied sich für ein taktisches Foul. Er streckte den Arm aus und sprang hoch zum Ball. Absichtliches Handspiel. Ohne eine Miene zu verziehen.

Das wirkte ein wenig wie eine Slapstick-Einlage, war aber mega gut. Er unterband eine gefährliche Situation frühzeitig und völlig selbstverständlich. Diese Aktion allein zeigt seine Spielintelligenz und Kreativität. Think outside the box, sagt man. Macht er. Selbst kurz vor Schluss. Ohne viel Bohei. Hammer. Danke! #maxmussbleiben

Kategorien: Spielbericht

Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

6 Kommentare

Raymond · 15. Dezember 2017 um 00:31

Max hat den Scenenapplaus wirklich verdient. Habe noch nie soviel Freude in der Arena erlebt für eine gefangenen gelbe Karte.

Was mir auffiel bei Ballbesitz der Augsburger an der Seitenlinie war wie die Abwehrreihe sich durch das weite herausrücken von Oczipka zur Viererkette formte. In der Art eines 4-3-2-1.

Auch ist mir aufgefallen dass es so aus sah als würde Embolo sich nicht richtig entscheiden können wie er pressen sollte. Sobald Burgstaller das Anlaufen auf den rechter Innenverteidiger startete, hat Embolo oft eine Position zwischen linker Innenverteidiger und linker Außenverteidiger war, aber weit von beide entfernt. Hierbei sah es aus als wusste er nicht ob er jemand anlaufen sollte. (fehlender Spielpraxis?)

Habe ich das richtig erkannt?

andres · 15. Dezember 2017 um 08:28

ich würd den Hashtag ändern in #HebDieHandFürMax

Zeitspieler · 15. Dezember 2017 um 10:09

@ Karsten
Toller Bericht. Ich mag den stillen Humor zwischendurch.

Zu Max Meyer: Ich finde es toll, wie er und Tedesco jetzt miteinander harmonieren. Ich habe den MM immer gemocht.
Ein Foul zu feiern finde ich generell falsch, egal ob absichtliches Handspiel oder Schwalbe oder ein taktisches Foul. Sport sollte fair sein, wenigstens als Ziel. Toll fand ich, als Timo Boll bei der TT-WM in Düsseldorf im Viertelfinale den Schiedsrichter zu seinen Ungunsten korrigierte. Diese Fairness, die Timo Boll wichtiger ist, als einen ungerechtfertigten Vorteil zu erlangen, finde ich richtig gut. Wie sollen Menschen wie Froome Vorbilder sein?

    Karsten · 15. Dezember 2017 um 12:03

    Hmmm, ich geb Dir recht. Fouls zu feiern ist doof. Mir hat gefallen, dass die Entscheidung kreativ und schnell und effizient war. Unsportlich bleibt sie natürlich.

    DevonMiles · 15. Dezember 2017 um 12:27

    Im Allgemeinen hast Du recht, im Speziellen ist es glaube ich etwas diffiziler. Wäre das Handspiel nicht geahndet worden, hättest Du vollkommen Recht. Allerdings hat Max eine Bestrafung bekommen, die gelbe Karte. Die ist kurzfristig folgenlos, mittelfristig (bis zum Abpfiff) hat sie durchaus Wirkung, denn noch eine Karte = Platzverweis und langfristig gibt es die Gelbsperre. Das heißt, die Möglichkeit, taktisch zu foulen (Trikot halten oder Hand) außerhalb des Strafraums und nicht als Notbremese, ist also durchaus gegeben ohne weitere unmittelbare Konsequenz und somit Teil des Spiels.
    Dein Vergleich mit Boll hinkt, denn Maxs Foul wurde gesehen und geahndet, Bolls “Foul” nicht. Hätte Max keine Karte bekommen und hätte nichts gesagt, hättest Du Recht auf ganzer Linie. Hätte Max bei ausbleibender gelber Karte was zum Schiri gesagt, hätten wir ihn für Fairness feiern können. Aber so, hat er sich vollkommen “regelkonform” verhalten, also “regelkonform gefoult”. Insofern bin ich da eher auf der abfeiernden Seite. Wenn wir uns alle Einig sind, dass diese Art von Foul nicht sein sollte, dann müsste das anders bestraft werden.

Zeitspieler · 15. Dezember 2017 um 14:01

@ Karsten und Devon Miles
In der Arena hätte ich das natürlich genau so gesehen wie Ihr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.