Klar, in 70 Minuten Restspielzeit kann eine ganze Menge passieren. Ist es aber nicht. Obwohl Stuttgart viel probiert hat, war Schalke zumindest hinten die smartere Mannschaft. Letztlich gab es 3 Phasen in diesem Spiel. Bis zum 2:0, der Rest der ersten Halbzeit und die zweite Halbzeit.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Schalke heute mal so…

Schalke kam mit Sturmspitze und Flügelzange nach Stuttgart. Auffällig war, dass Di Santo in erster Linie nach hinten arbeitete und die Außen unterstützte, während Harit und Konoplyanka die wirklichen Stürmer waren. Immer wenn der Marokkaner das Publikum mit der Zunge schnalzen ließ, oder der Ukrainer die Haare raufen, dann hatte Franco Di Santo einen nicht unwesentlichen Anteil daran.

Darum würde ich den Argentinier für dieses Spiel mal „keine echte 9“ nennen, „falsche 9“ ist da noch ein bisschen was anderes, es geht aber in die Richtung. Er war Schlüsselfaktor im Pressing und Entscheidend dafür die Spieler neben ihn in Szene zu setzen.

Dahinter gaben Goretzka und Meyer die Doppel-6, wobei ersterer natürlich deutlich vertikaler agierte und letzterer sich auf den Raum vor der Abwehr beschränkte. Dieser, also Meyer, machte eine großartige Partie. Während er in Hannover so gar nicht in sein Spiel fand, hielt er hier komplett die Strippen in der Hand.

Das ist besonders interessant, weil er in der ersten Halbzeit in direkte Manndeckung genommen wurde. Özcan wich nicht von seiner Seite. Meyer wusste das aber zu nutzen und fand entweder trotz Deckung Zugriff auf den Ball oder zog die Gegenspieler weg, so dass Thilo Kehrer die 6er Rolle übernehmen konnte. Und auch das funktionierte sehr gut.

Was aber über die gesamte Partie so gar nicht funktionierte war das Ausspielen von Kontern. Wie schon in der Vorwoche gegen Hannover kam Schalke immer wieder in Gefährliche Zonen, vertändelte dann aber beste Gelegenheiten leichtfertig. Standardstärke als Rettungsboje.

Phase 1: Die ersten 20 Minuten

Schalke begann intensiv. Nicht ganz so hoch pressend wie in der Hinrunde zum Teil, aber dafür genauso Intensiv. Der Matchplan schien vorzusehen die erste Halbzeit fast ausschließlich in der Stuttgarter Hälfte zu verbringen.

Schalke presste hoch und hielt den Ball viel in den eigenen Reihen. Gut 60% Ballbesitz und 87% Passerfolg. Die Knappen gestalteten das Spiel nach den eigenen Wünschen. Der VfB kam oft den berühmten Schritt zu spät. Dabei hielt die Endverteidigung eigentlich recht gut. Zwei entscheidende Fouls in nichteinmal 20 Minuten und Königsblau war klar in Führung. Und dann hielt Schalke sich etwas zurück.

Phase 2: Der Rest der ersten Halbzeit

In der Zeit nach den Toren bis zum Halbzeitpfiff kam Schalke nur noch auf 26% Ballbesitz. Presste dabei aber nur leicht tiefer. Das Ziel die Stuttgarter fast nicht in die Schalker Hälfte zu lassen hatte bestand, es wurde jetzt aber nicht mehr so konsequent gespielt wie zuvor. Die eigene Ballsicherheit nach rapide ab (80%), während die Stuttgarter jetzt auf 91% Passerfolg kamen.

Schalke versuchte zu kontern. Bei Ballgewinn wurde direkt nach vorne gezogen. Stuttgart kam gleichzeitig auf keinen grünen Zweig. Sie hatten den Ball, konnten das Spiel aber nicht gestalten. 2:5 Schüsse für Schalke in dieser Zeit sprechen eine deutliche Sprache.

Hannes Wolf gab später zu Protokoll, dass die Schwaben kaum durch das Pressing kamen und wenn sie den Ball mal gewannen, dann hatten sie arge Probleme mit dem Gegenpressing. Indirekte Spielgestaltung von Schalke also. Und das besonders über Meyer und Kehrer, die von hinten die Stürmer schickten.

Phase 3: Die zweite Halbzeit

Mit dem Seitenwechsel brachte der VfB zwei offensivere Akteure ins Spiel. Dafür musste auch Berkay Özcan gehen, der ja der Bewacher von Max Meyer war. Den Schalker zu Decken sollte jetzt Raumorientiert gelöst werden und das funktionierte auch gar nicht schlecht. Allerdings hatte Meyer mit Kehrer jetzt schon einen guten Sidekick gewonnen und als etwas später Stambouli dazu kam, war der Spielaufbau von den Stuttgartern eigentlich nicht mehr zu unterbinden.

Trotzdem taten sich die Schalker gelegentlich schwer. Das lag vor allem daran, dass die Intensität weiter sank. Und Geschwindigkeitswechsel gelangen zwar hier und da für Konter, hinten raus wirkte das Ganze aber gelegentlich wie Flipper (das Spiel mir den Kugeln, nicht das Meeressäugetier).

Ein Grund dafür war, dass Stuttgart jetzt sehr hoch presste. Die ersten 20 Minute wirkte das genauso wie zu Beginn der Hinrunde. Die Mannschaft von links nach rechts stand eher tief und die Mannschaft von rechts nach links presste sehr hoch und hatte den Ball viel, hatte aber trotzdem Probleme damit in den Strafraum einzudringen. Jetzt hatte Schalke nur gut ein Drittel Ballbesitz und es fanden auch nur noch 74% der Pässe den Mitspieler.

Tedesco konzentrierte sich auf konsequente Verteidigung und versuchte Konter zu spielen. Teilweise hatte ich ein wenig den Eindruck, dass machte er extra um unter diesen Bedingungen Konter zu trainieren, weil das in der Vorwoche gegen Hannover so übel gescheitert ist. Und was soll ich sagen, das ist es wieder. Hochkarätige Chancen wurden bemitleidenswert verballert.

Zur Unterstützung gab es sogar einen Seitenwechsel der Doppel-6. Meyer spielte die erste Halbzeit rechts, die zweite Halbzeit eher links. Der Effekt dahinter ist, dass Goretzka in der ersten Halbzeit eher auf der Seite mit Konoplyanka war um diesen zu Unterstützen. Doch dessen Mangel an Spielintelligenz und Kombinationsfähigkeiten kosteten nur Energie. Darum zog Goretzka immer wieder ins Zentrum und sogar diagonal Richtung Harit.

In der zweiten Halbzeit wurde das angepasst, so dass Harit direkt und einfacher unterstützt werden konnte, und sich gleichzeitig mehr Räume für Konoplyanka auf der anderen Seite ergeben. Hat beides ausgezeichnet funktioniert. Allein für einen Torerfolg reichte das aus irgendwelchen Gründen nicht. Bitter.

Allet in allem

Schöne Partie. Auch weil Schalke Stuttgart in eigentlich allen Belangen überlegen war. Aber gleichzeitig müssen da mächtig Alarmglocken schrillen. Schalke hat es in dieser Saison noch nicht hinbekommen aus dem Spiel heraus konsequent Chancen zu verwerten. Obwohl diese eigentlich ausreichend kreiert werden. Die Abhängigkeit von Standardsituationen ist nicht gut, weil leicht ausrechenbar.

Nicht mehr lange, dann geht’s nach München. Tedesco muss also besser schnell Lösungen finden um Konter auch mal wirklich erfolgreich zu gestalten.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

14 Kommentare

Roland · 28. Januar 2018 um 22:46

Konter?!?! Wenn man schon presst und auf Balleroberung aus ist und dabei auch noch erfolgreich ist, wieso sind dann die Konter so unglaublich schlicht. Gerade Kono bekommt den Kopf nicht hoch und kaum ein Zuspiel erreicht den eigenen Mitspieler. Ich verstehe auch nicht den komplette Personalwechsel im Vergleich zum Hannover-Spiel. Tedesco, der einen unglaublich guten Job macht, wird momentan offenbar von den Jungs nicht verstanden.

    Karsten · 29. Januar 2018 um 09:49

    Hi Roland,
    Interessanter Kommentar. Warum glaubst Du Tedesco wird vom Team nicht verstanden?

    Den großflächigen Personalwechsel finde ich super. Es zeigt, dass Tedesco Alternativen hat. Und ich fand das Hannover Spiel jetzt eher übel und bin recht froh, dass Tedesco da einiges umgestellt hat. Nur so kann ja Besserung erreicht werden. Oder wie siehtst Du das?

      Roland · 29. Januar 2018 um 20:17

      Hi Karsten, Du hast vollkommen recht. Gegen Hannover hat das Umschaltspiel überhaupt nicht geklappt und wir haben den Ball viel zu schnell wieder verloren. Das war gegen Stuttgart schon deutlich besser. Im Nachklapp zum Stuttgart-Spiel hat Tedesco betont, dass die Konter in der ganzen Trainingswoche DAS Thema gewesen seien. Offenbar hat das (noch) nicht gegriffen. Laufwege der Offensivspieler sowie die Anspielbarkeit der nachrückenden Flügelspieler und Sechser wirkten zufällig. Das scheint der Trainer noch nicht gut vermittelt zu haben. Der Personalwechsel hat mich eher irritiert, was aber vorrangig mit meiner subjektiven (und wenig wertschätzenden) Einschätzung von Kono zu tun hat, der irgendwie keine Bindung zu den Mitspielern findet.
      Du hast bei Rasenfunk Royal über den aufkommenden Ballbesitzfussball bei uns gesprochen. Irgendwie fällt es dem Team aber schwer, das durchzuhalten, oder wie siehst Du das? Liegt das ggf. an den neuen „Alternativen“, die eher für Konter geeignet sind oder an den Gegnern, die nach Rückstand (vor allem Hannover) sehr hoch und clever gepresst haben?

      Karsten · 30. Januar 2018 um 13:20

      Hmmm, ich glaube nicht, dass es dem Team schwer fällt. 20 Minuten hat Schalke hier ja klar das Spiel gemacht, den Ball gehalten und alles. Ich glaube das ist taktische Vorgabe.

Ruhrpott-Messi · 28. Januar 2018 um 22:54

Hallo Karsten,

wie so oft eine sehr spannende Analyse von dir. Ganz besonders interessant fand ich das von dir beschriebene Vorschieben vom Kehrer. Könntest du dir vorstellen, dass dieses Bewegungsmuster auch in Zukunft häufiger eingesetzt wird, vielleicht sogar alternierend mit Nastasic auf der anderen Seite?
Ich habe immer das Gefühl, dass wenn wir im 3-4-3 auflaufen, dieses System und das damit verbundene Spiel zu unserem Verein und vielen unserer Spieler echt sehr gut passt. Dennoch glaube ich zugleich, dass es auch nie gut funktioniert, weil wir die Dynamik die wir kreieren nie so gut ins letzte Drittel übersetzen können um so in gute Abschlussmöglichkeiten zu kommen, und falls doch dann wird die gute Abschlussmöglichkeit sehr selten verwandelt. Denkst du das Problem liegt dabei an fehlenden Schlüsselspielern auf der zentralen Stürmerposition und zumindest einer Flügelstürmerposition, oder denkst du es lässt sich beheben mit besseren Bewegungsabläufen im letzten Drittel?

    Karsten · 29. Januar 2018 um 10:03

    Hi Messi,

    Solche Ausweichbewegungen sind ja jetzt eigentlich nichts neues. Nur in der Konsequenz eben auffällig. Ich vermute, dass mittelfristig die Idee ist, dass wenn sich jemand von seiner Position entfernt, jemand anderes die Lücke füllt. Das ist die logische Konsequenz vom Positionsspiel und sinnvolles Mittel die Manndeckungen, der Schalke zur Zeit ständig ausgesetzt ist, zu entfliehen. Ich vermute das Meyer-Kehrer nur der Anfang war, weil Kehrer ja in der Knappenschmiede auf oft 6er war (glaube ich zumindest).

    Der große Unterschied zwischen den beiden Formationen die Schalke gerade spielt ist, dass es einmal 3 Leute in erster Reihe gibt und nur einen dahinter und einmal zwei in erster Linie und zwei dahinter. Wo welcher Spieler steht, bzw. deren Bewegungsmuster, sind von der Verteidigung abhängig. Ich glaube es macht offensiv fast keinen Unterschied ob Schalke mit 2 Spitzen spielt oder mit einer, die grundsätzlichen Bewegungsmuster im Angriff sind mMn marginal. Der große Punkt liegt da eher im Pressing. Zwei Spitzen pressen eine 4er Kette besser, eine Spitze eine 3er Kette.

Zeitspieler · 28. Januar 2018 um 22:55

Vielen Dank Karsten. Hatte schon leichte Entzugserscheinungen.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Sache mit dem Tore schießen aus dem Spiel heraus erst nächste Saison klappt. Ist aber nicht so schlimm, da im Grunde alle Teams nach Bayern München irgendwelche Probleme haben und es auch so für einen Champions League Platz reichen kann.

Eisenschleuder · 29. Januar 2018 um 14:32

Danke für die Analyse. Interessant, dass Du das Spiel in drei Phasen einteilst. Ich konnte es leider nicht über 90 Minuten sehen und war davon ausgegangen, dass die Mannschaft, mal wieder, eine Führung billig nach Hause zu schaukeln versuchte. Hoffentlich ist es auch so, dass der Trainer die Situation nutzte um das Konterspiel zu entwickeln. Bei aller Zufriedenheit mit den bisherigen Ergebnissen in dieser Saison wären mir jegliche Fortschritte im Offensivspiel höchst willkommen.

Christian Weisz · 30. Januar 2018 um 09:08

Boah, ich bin so unentschieden. Auch Heidel meinte, er habe ein richtig gutes Schalker Spiel gesehen. Ich habe kein richtig gutes Spiel gesehen. Ich finde es nicht unerwartbar, als CL-Anwärter eine ganz schwache, abstiegsbedrohte Mannschaft wie den VfB zu dominieren. Darüber muss man nicht in Verzückung geraten. Aber auf der anderen Seite sind dass genau die Punkte, die wir sicher – egal wie – nach Hause fahren müssen, ob weiter oben drin zu bleiben. Wir haben drei Stürmer auf dem Platz, aber keiner von denen hat Chancen, und wenn, werden sie eher kläglich vergeben – dann denke ich mir, es ist egal, wie und durch wen die Tore fallen; Hauptsache, das Ganze funktioniert. Und alle drei haben sehr ordentlichen Einsatz gezeigt. Aber wir können nicht im Ernst glauben, dass das dauerhaft funktioniert, weder diSanto, noch Kono, noch Embolo lösen in professionellen Gegnerstrafräumen Angst & Schrecken aus; nur mit dem Burgi kommen die wenigsten irgendwie zurecht.

Oliver H. · 30. Januar 2018 um 16:16

Ich kann bei der Chancenverwertung nicht ganz zustimmen. Klar waren viele Standard-Tore dabei (5 Tore von Naldo sprechen Bände), dennoch hat Schalke laut transfermarkt.de die 6. beste Chancenverwertung. Dass die Konter in den letzten beiden Spielen nicht konsequent ausgespielt wurden steht außer Frage. Aber ich würde das noch nicht auf alle Chancen aus dem Spiel generalisieren…

    Karsten · 30. Januar 2018 um 23:11

    Hallo Oliver,
    Da hast Du natürlich recht, das hab ich ziemlich blöd ausgedrückt. Dass Schalke eine der besten Torschussverwertungen der Liga hat, war ja auch in meiner Analyse der Hinrunde zu lesen. Allerdings schießt Schalke nur recht selten auf’s Tor, wobei sie ja doch recht häufig in den Strafraum kommen. In so fern hapert es tatsächlich daran, die Gelegenheiten besser in Torchancen zu verwandeln.

ES · 31. Januar 2018 um 22:19

Ich hatte auch viel Freude an dem Spiel. Zu sehen, wie eine der stärksten Heimmannschaften der BL Schwierigkeiten hat, beim Spielaufbau über die Mittelinie zu kommen, und das, ohne dass sich im eigenen Hinterland Lücken auftäten, die die Heimmannschaft mit langen Bällen bespielen könnte, das war schon großes Pressing-Kino! Wie gesagt: Wir reden über den Auswärtsschwächling der letzten Jahre!

Die Sache mit den Stürmern ist jetzt schon gut ausdiskutiert. Ich habe durchaus auch schon mal bessere Stürmer als di Santo und Kono gesehen, und ja, man kann besser kontern, aber wie erstklassig sie gegen den Ball gespielt haben, das müssen Stürmer auch erst einmal machen, das ist die Pflicht. Und sehen wir es mal andersherum: Wir haben aktuell keinen Stürmer auf CL-Niveau (da sieht es bei der Konkurrenz ganz anders aus), und trotzdem spielen wir ganz oben (d.h. Plätze hinter den Bauern) richtig fett mit. Da macht doch offensichtlich der Trainer ganz, ganz viel richtig. Und was wird dann erst sein, wenn Bree seine Explosivität wieder beisammen hat und sein Potential ausschöpft und/oder Pjaca sich eingespielt hat!

reda · 9. Februar 2018 um 12:55

harit ist marokkaner

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