In der Pressekonferenz nach dem Spiel gab Head Coach Domenico Tedesco zu Protokoll die Statistiken des Gegners sauber ausgewertet zu haben. Schalke sei die einzige Mannschaft die gegen Berlin mit höherem Ballbesitz gewonnen hat. Was also wollte er mit dem Wissen machen?

Schalke kam in diesem Spiel auf 50,5% Ballbesitz und hat gewonnen. Doch das ist nur die halbe Geschichte. Einer der vielen Missverständnisse rund um das Thema Ballbesitz (Frage an die verehrte Leserschaft: Wäre es interessant das mal auseinander zu nehmen?) ist, dass die Zahle eine Art konstante für das ganze Spiel beschreibt. Tatsächlich ändert sich der Wert ja natürlich aber mit jedem Pass.

Zur Einordnung wird daher das Spiel gern in verschiedene Segmente eingeteilt. Besonders schön passt meist das 15 Minuten Inkrement. Davon gibt es 3 pro Halbzeit und der Zeitraum ist groß genug um Daten zu sammeln, aber auch kurz genug um detaillierte Einblicke zu liefern. Oft nutzen Coaches diese oder andere Intervalle auch für einen Matchplan. In diesem Spiel passt das ganz besonders gut. Eine Partie wie am Reißbrett definiert.

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Inkrement 1 & 2: Spielminuten 1-30

Die ersten Minuten wurde mit mächtig Alarm von den Schalkern gestartet. Nach etwa 10 Minuten wurden Tempo und Druck leicht gedrosselt. Ziel war klar eine frühe Führung. Aber auch insgesamt über die erste halbe Stunde wurde versucht den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Wenn es nicht mehr weiter ging, wurde der Angriff lieber abgebrochen und zurückgespielt, anstatt einen Ballverlust zu riskieren.

Die Berliner pressten im 4-1-4-1 ziemlich genau ab der Mittellinie. Und das wirklich gut. Für die Schalker gab es kaum ein Durchkommen. Im 3-4-1-2 spielten sich die Verteidiger den Ball meist von links nach rechts. Einer der beiden 6er ließ sich immer mal fallen um Anspielbereit zu sein, hatte dann selbst aber keine Option und musste wieder zurück spielen. Ab und an wurde ein langer Ball versucht um zwischen die Linien zu kommen, aber auch das war selten Erfolgreich. Ein Geduldsspiel.

Ballverluste führten dazu, dass Berlin immer so schnell wie möglich nach vorne wollte. Meist wurden die langen Bälle dann relativ einfach von den 6ern eingesammelt und das ganze begann von vorn.

Insgesamt hatte Schalke in dieser Zeit etwa 68% Ballbesitz und 88% Passerfolgsquote. Ein paar Schüsse gab es auch, das waren aber tendenziell eher Halbchancen, von einer fetten Gelegenheit für die Gäste abgesehen. Tedesco sah aber, dass die Einschläge näher kommen und Schalke gleichzeitig den Ballbesitz eher schwerfällig in Torschüsse umwandeln kann. Also sollte der Ballbesitz runter gefahren werden.

Inkrement 3: Spielminuten 31-45

In den ersten Minuten versuchte Schalke jetzt deutlich mehr Risiko zu gehen und den Ball gar nicht unbedingt behalten zu wollen. Die Passerfolgsquote sank auf 82% und der Ballbesitz ging auf etwa 45% zurück.

Die Idee ist klar, Berliner Konter sind zusehends gefährlicher geworden und je länger Schalke den Ball hatte, desto besser konnten die Gäste sich auf ihre Konter vorbereiten. Weil die Blauen aber gleichzeitig Probleme hatten in deren Strafraum zu kommen wollte Tedesco seine Leute zurück ziehen und eine Konterschlacht einleiten. Die Idee dahinter ist eben auch, dass Wer Kontert aufrücken muss und damit Räume frei gibt.

Eigentlich sollte das ganze sicher mit dem frühen Tor im Gepäck passieren, dazu kam es ja aber nicht. Also wurde das ganze an der Uhrzeit ausgerichtet. Karstens Hypothese: Der Matchplan sah vor auf ein frühes Gegentor zu drücken. Wenn dieses gelingt, wird sofort in die nächste Phase „Konterschlacht“ gesprungen, wenn nicht zur 30. Spielminute.

Interessanter Weise war der Gedanke hinter der Konterschlacht direkt erfolgreich. Hertha hatte plötzlich mehr vom Ball, musste mehr Aufwand betreiben, Gegenangriff, Tor.

Als das Tor fiel stand auf der Anzeigetafel die Zeit 36:04. Dieses Intervall ist entsprechend etwas mit Vorsicht zu genießen, weil ein Tor natürlich einen gewissen Einfluss auf so ein Spiel hat. Letztlich sind allerdings beide Teams sehr diszipliniert, schüttelten sich kurz und berappelten sich schnell wieder. Darum glaube ich persönlich, dass der Einfluss des tors auf die taktische Vorgehensweise relativ gering war.

Inkrement 4: Spielminuten 46-60

Tedesco nannte die Listung der Schalker in der zweiten Halbzeit schlecht. Ziel war hier den Gästen den Ball noch mehr auf’s Auge zu drücken. Die Stärken der Hertha liegen ganz klar im Spiel gegen den Ball. So sollte Schalke seinerseits vermehrt zu kontern kommen und Berlin wiederrum kaum noch. Beides gelang nur so mittel.

Schalke gab in dieser Zeit keinen einzigen Schuss ab, die Hertha dagegen 4. Klar, alles nur Halbchancen, aber immerhin. Der Ballbesitz sank auf 38%, die Passerfolgsquote auf 71%, Schalke drohte das Spiel zu entgleiten.

Inkrement 5: Spielminuten 61-75

Schalke erhöhte die Ballsicherheit (78% Passerfolgsquote) und ergatterte jetzt etwa 54% des Ballbesitzes. Die Blauen wollten wieder mehr Zirkulieren und Kombinieren um den Vorsprung auszubauen. Das wollte aber nicht so recht gelingen. Wiederrum, keine Schüsse, wenig Strafraumszenen. Dabei wurde mit Schöpf für Pjaca das Pressing etwas verstärkt, die Torgefahr allerdings etwas auch herunter gefahren.

In dieser Phase traten wiedereinmal die Probleme mit dem Ausspielen von Kontern zu tage. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gab, aber immer wieder gab es Abstimmungsprobleme im und um den Strafraum. Dazu hatte Schalke ein paar Probleme mit den Tempowechseln. Zuvor sehr defensiv, fiel es der Mannschaft spürbar schwer jetzt wieder vollgas zu geben.

Inkrement 6: Spielminuten 76-90

Und weil, Schalke nicht mehr so richtig in Ballbesitz kam, Ballbesitz gegen die alte Dame aus der Hauptstadt ja aber eh ein Spiel mit dem Feuer ist, legte Tedesco diesen Versuch direkt wieder zu den Akten und wappnete sich für die Hertha Schlussoffensive. Klar, nach dem Spiel bisher sollte ein Punkt für sie drin sein, also warfen sie alles nach vorne. Schalke versuchte gleichzeitig deren stärkste Waffe, das Konterspiel, komplett zu vermeiden.

Ballbesitz von unter 25% und eine Passerfolgsquote von 56%. Dabei ging zunächst der Spieler, der sicher am schwächsten im Pressing ist, Stürmer Embolo, und wurde durch den Mittelfeld-Zweikämpfer McKennie ersetzt. Kurz vor Ende wurde dann noch Meyer für Konoplyanka geopfert. Tedesco baute auf einen Lucky Punch, weil Berlin so weit aufgerückt war und Kono durch einen Bentaleb-Laserpass sicher die höchste Wahrscheinlichkeit auf ein zweites Tor war.

Es gab aber kein zweites Tor. Insgesamt nicht. Die Endverteidigung hielt. Fährmann hielt. Schalker Konter verzettelten sich. Ergebnis gut, sonst nicht alles.

Was wir hieraus lernen können…

Hoher Ballbesitz und hohe Passerfolgsquote gehen oft Hand in Hand. Eine hohe Passerfolgsquote zu haben aber gleichzeitig kaum Ballbesitz ist selten. Aber auch nicht zielführend. Entweder ich will schnell nach vorne, spiele also wenige Pässe bis zum Abschluss oder Ballverlust, oder aber ich will den Ball zirkulieren lassen um irgendwann zu aussichtsreichen Abschlüssen zu kommen, viele Pässe bis zum Ballverlust.

Früher forderten wir hier oft mehr Ballbesitz, oder dass Schalke ein Ballbesitzspiel etablieren solle/müsse. Tedesco hat das getan, nutzt es aber als taktisches Mittel. In den letzten Analysen hier gehen wir immer wieder darauf ein, wie der Ballbesitz in welchen Phasen des Spiels genutzt wurde, genauso wie die Pressinghöhe oder das Zweikampfverhalten.

Ein Matchplan, von dem ja häufig die Rede ist, ist oft ein loses Gerüst, eher ein Entscheidungsbaum. Klar, Schalke guckt in erster Linie auf sich selbst. Trotzdem ist ein Abgleich mit dem Gegner und der Situation nicht nur wichtig sondern überlebensnotwendig. Als Tedesco in Leverkusen 3 Minuten nach der Halbzeit gewechselt hat, war das so ein Abgleich. „Wenn, dann“ Entscheidungen, also sobald eine bestimmte Bedingung erfüllt ist, tritt ein bestimmtes Ereignis in Kraft. So hat ein Head Coach heute unfassbar viele Szenarien in der Schublade um sie zu beantworten.

Kategorien: Spielbericht

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

7 Kommentare

Domi Bo · 4. März 2018 um 11:40

Ich freue mich nach jemdem Spiel auf deine Texte. Bitte genau so weiter machen! Man bekommt eine neue Betrachtungsweisse von den Schalker Spielen

:) · 4. März 2018 um 17:36

Hey zusammen! Zunächst vielen Dank für eure tolle Arbeit! Es macht wirklich Spaß euren Blog zu verfolgen. 🙂 Nun zu meiner Frage: Wie habt ihr das Zusammenspiel zwischen Bentaleb und Meyer empfunden? Aus meiner (Laien-)Sicht standen sie sich öfters mal auf den Füßen, da sie ihre Rolle recht ähnlich interpretieren…Tiefenläufe, durch die der Berliner Defensivblock hätte durchbrochen werden können, fehlten im zentralen Mittelfeld und eine richtige Anbindung an di Santo gab es nicht. Oder hab ich das ganz falsch wahrgenommen? 😀

andres · 5. März 2018 um 08:57

Die Aufteilung in Segmente halte ich für eine gute Idee. Hatte schon immer den Eindruck, dass Matchpläne genau so aufgestellt werden. Hier gibt’s endlich die passende Beschreibung dazu

Christian Weisz · 5. März 2018 um 09:52

Ja, das ist wirklich sehr spannend, was Du da schreibst. (Ich habe mich gefragt, was wohl Mehmet Scholl und Stefan Effenberg zu dieser Art des Coachings sagen würden. Aber das nur am Rande.) Organisationell ist das m. E. nach aus folgendem Grund interessant. Nehmen wir mal an, es gäbe eine „alte Schule“: Alter, erfahrener Trainerfuchs stellt das Team gut ein und gibt eine Spielidee vor. Installiert ein, zwei Führungsspieler auf dem Platz, die „in-game“ die Implementierung übernehmen. Klappt gut, wenn z. B. die Führungspieler fit sind, und jeder auf sie hört. These 2 (wie oben): Matchpläne sind inkrementel, abrufbar, und werden v. a. vom Coach an der Seitenlinie auf’s ganze Team übertragen. Voraussetzung: Perfektes Verständnis zwischen allen Spielern und Coach und enormer Trainingsaufwand (die „Inkremente“ müssen ja alle vorbereitet sein). Das ist auch deswegen spannend, weil es Fragen nach der Verantwortlichkeit und dem Selbstverständnis der Spieler aufwirft. In des Zusammenhang fällt mir eine Äußerung meines Sohnes von gestern wieder ein: Schalke hätte sich von seinen Stars unabhängig gemacht – und sei deswegen erfolgreicher. Ich hoffe, ich konnte wenigstens andeuten, worum es mir geht.
Eine Old-school-Analyse von Samstag würde behaupten, dass unser Spiel im Wesentlichen unter der unterirdischen MM7-Leistung gelitten hat. Offensiv und Defensiv ging da im Imkrement 4-6 jar nüschte.

Carlito · 6. März 2018 um 09:18

Sehr starke Analyse! Und so aufgedröselt kommt einem das Spiel auch gar nicht mehr so sehr als schwere Kost vor. 😉 Sondern man freut sich doch glatt wieder über das Coaching von Tedesco. 🙂

Eigenart · 6. März 2018 um 15:56

Gute, sehr gute Analyse. Mir geht es wie Carlito 😉 Ich wünsche Tedesco, dass seine Matchpläne möglichst oft aufgehen.

Da muss man sich nicht für schämen – Unser Kurz-Senf zum Spiel (S04-Hertha) – Torhagelblau · 5. März 2018 um 12:01

[…] Aber es gibt keinen Ersatz für Siege, sagte einst Ottmar Hitzfeld, und so binsig der Satz, so richtig ist er. Die allermeisten Mitglieder und Fans können nicht die tägliche Arbeit verfolgen, sondern nur die Spiele. Und da erkennt man, dass sie etwas tun. Wie sich das taktisch-matchplanmäßig darstellt, erklärt am Beispiel des Hertha-Heimspiels wieder der Karsten. […]

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