29 Bundesliga-Spiele sind es nun, die Schalke am Stück nicht gewinnen konnte. Dabei wurden in das Duell gegen Konkurrent Bielefeld durchaus Hoffnungen gesetzt: Ein Gegner, der punktemäßig ebenfalls wenig zu feiern hatte in dieser Saison.

Dazu versuchte Sportvorstand Jochen Schneider einen Tag zuvor, noch einmal einen “Impuls“ zu setzen, indem er den glücklosen Manuel Baum nach nur 10 Spielen schon wieder entließ und Jahrhunderttrainer Huub Stevens zurück auf die Trainerbank beorderte. Doch wie befürchtet erfüllten sich diese Hoffnungen nicht, Schalke verliert ein enorm wichtiges Spiel. 

Die Aufstellungen 

Wie im letzten Spiel unter Baum stellte sich Schalke in einem 4-2-3-1 als Grundformation auf. Die Viererkette blieb zum Start unverändert, allerdings musste Stambouli aufgrund der Verletzung von Mascarell früh auf die 6 rücken, der junge Thiaw übernahm als Rechtsverteidiger. Auf der Doppel-6 übernahm Serdar wie gewohnt den etwas offensiveren Part. Schöpf und Mendyl kamen über die Flügel, im Zentrum agierte Boujellab etwas hinter Raman.  

Die Arminia setzte wie zuletzt auf das 4-4-2. Diesmal rückte allerdings Sergio Cordova für Schipplock ins Zentrum ein, wofür Gebauer auf links übernahm. In der Defensive kamen die Schlüsselspieler Prietl und Pieper zurück. 

Schalke gewohnt direkt 

Taktisch veränderte der neue Trainer offensiv wie defensiv ziemlich wenig, was nicht überraschte, da Stevens nur eine Trainingseinheit mit seiner Mannschaft hatte. So wurde auf tiefe Ballzirkulation erneut fast vollständig verzichtet, wie unter Baum sollte es schnell und direkt in Richtung Tor gehen, was in der Praxis allerdings wenig klappte und eher für einen niedrigen Ballbesitzwert sorgte. 

Gegner Bielefeld wählte einen mutigen Ansatz gegen den Ball. Mit ihrem 4-4-2 pressten sie jeden Abstoß der Schalker hoch an. Nach einem Pass auf den Innenverteidiger wurde dieser dann vom ballnahen Stürmer angelaufen, während der ballferne Stürmer den Schalker 6er zu machte. Oder aber 6er Hartel schob vor und die Arminia presste in einer rautenförmigen Struktur. 

Gegen beide Varianten schaffte es Schalke nicht, sich mit flachen Kombinationen rauszulösen (das war aber wohl auch nicht der Plan). Nach einer kurzen Eröffnung nach Außen wurde der Ball schnell nach vorne geschlagen, und zwar oft ins Zentrum, in dem Schalke allerdings klare Größennachteile hatte.  

Noch häufiger wurde aber gar nicht erst flach eröffnet, sondern bei Abstoß sofort kompakt nach rechts, um dort die langen Bälle in die Ballung reinzuschlagen und auf den 2.Ball zu gehen. Zielspieler für diese Bälle war interessanterweise Thiaw, der weit nach vorne schob, um auf Außen Zuordnungsprobleme herzustellen. Bielefeld löste es meist so, dass 6er Prietl weit mit herüberverschob, um mit Thiaw ins Duell zu gehen. Prietl, der ein gutes Spiel machte, gewann diese meistens.

Dazu war Schalke nicht optimal gestaffelt: Die Offensivspieler positionierten sich alle hinter Thiaw, allerdings konnte der junge Rechtsverteidiger die langen Bälle kaum verlängern. Außerdem staffelten sich die Offensivspieler genauso wie die Doppel-6 sehr flach in solchen Situationen, sprich: sie standen auf einer horizontalen Linie. 

Mit einer solch flachen Staffelung können weniger Ebenen kontrolliert und auch kaum tiefe kreiert werden. Insgesamt halfen diese langen Bälle in die kompakte Ordnung rein dem Offensivspiel der Schalker kaum.  

Ansonsten zeichnete ein hoher Flügelfokus das Schalker Offensivspiel aus. Fast jeder Angriff wurde im Verlauf auf die Flügel verlagert. Das ist ein weiterer Ausdruck des Schalker Sicherheitsfokus, denn solch ein Flügelfokus liefert einige strategische Nachteile, allerdings sind Ballverluste auf dem Flügel weniger gefährlich als im Zentrum. 

In diesen Situation versuchte der Tabellenletzte mit dem Flügelspieler und dem Außenverteidiger durchzubrechen und suchte sehr früh die Flanke, während die 3 restlichen Offensivspieler den Strafraum besetzten. In der Praxis allerdings waren die Flügelspieler ziemlich isoliert und konnten quasi nie Überzahlsituationen auf Außen kreieren. 

Das lag auch daran, dass sie kaum Unterstützung erhielten. Die 6er boten sich zwar für Rückpässe an, aber Schalke wollte ja schnell nach vorne spielen. 10er Boujellab unterstützte im letzten Drittel selten im Halbraum, sondern orientierte sich in den Strafraum. So mussten oft Flanken aus ungünstiger Ausgangslage geschlagen werden, die nicht einmal den Strafraum erreichten. Die Folge: Harmlosigkeit und knapp 0,4 eigene xG.  

Insgesamt war das Offensivspiel strategisch ähnlich wie unter Baum ausgelegt. Es muss hier noch einmal erwähnt werden, dass es erschreckend ist, wie wenig Abstimmung und Abläufe es in Schalkes Offensivspiel gibt. Für Tore muss eigentlich der Zufall her. Und hoffen auf Zufall ist kein gutes Rezept. 

Ambitionslosigkeit und schlechtes Pressing 

Der Teil zum gegnerischen Ballbesitz nimmt eigentlich eine noch wichtigere Rolle ein, schließlich hatte Bielefeld im ersten Durchgang ganze 61% Ballbesitz. Neben dem unruhigen Offensivspiel der Schalker lag das auch am Ansatz für das Spiel gegen den Ball. In Stevens-Manier (“Die Null muss stehen”) fokussierten sich die Schalker auf Sicherheit.

In Hälfte 1 konnte man die Pressingszenen an einer Hand abzählen. S04-Spitze Raman postierte sich am Mittelkreis in der gegnerischen Hälfte, das Team formierte sich in einer Art 4-2-3-1. 10er Boujellab agierte dabei diagonal versetzt zu Raman und kümmerte sich um die Kreise von Bielefeld-6er Manuel Prietl. Situativ schob Boujellab leicht vor, um etwas anzulaufen, wobei er Prietl im Deckungsschatten hielt.  

Schalke ohne, Arminia mit Ball 

Die Ostwestfalen staffelten sich im eigenen Ballbesitz nicht im 4-4-2, sondern postierten Hartel klar höher als Prietl. Der Aufsteiger zirkulierte lange und ruhig, Schalke lief ja nicht an. Diese tiefe Zirkulation wurde aber fast ausschließlich zur Vorbereitung von langen Bällen genutzt. 

Das zeigt, dass Bielefeld im Vergleich zur Aufstiegssaison etwas konservativer geworden ist. Kaum mal suchten die Mannen von Uwe Neuhaus den Ballvortrag über das Zentrum. Viel mehr postierten sich die 4 Angreifer enorm hoch, dazu kam meistens noch Hartel. Da Schalke eher in der Raumorientierung verblieb, konnte zeitweise ein 5gg.4 hergestellt werden, was für Gegenbewegungen genutzt werden sollte. So ließ sich Cordova öfter mal in den linken Halbraum fallen und Hartel startete ein.

Schalke konnte diese langen Bälle aber überwiegend ordentlich verteidigen, auch wenn die Staffelung für 2.Bälle nicht immer optimal war. Sané ist in diesen Situationen unheimlich wichtig und gut. Trotzdem: Ein paar gefährliche Momente konnten die Ostwestfalen damit kreieren.  

Im passiven Verteidigen, im simplen Verschieben hatte Schalke nicht allzuviele Probleme. In der Königsdisziplin, dem Pressing, enttäuschte Königsblau dagegen auf ganzer Linie, wie schon zuletzt. Bielefeld versuchte Schalke mit der tiefen Zirkulation immer wieder zu locken.

Ab und zu schob Schalke dann auch etwas raus und gab zum Teil eklatante Räume preis. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren enorm groß, die Strukturen eher improvisiert. Wenn Raman vorne anlief, stand die 4erKette zum Teil in der Mitte der eigenen Hälfte, eigentlich unglaublich. 

Was für ein Abstand zwischen Abwehr und Mittelfeld 

So war auch der Raum im Kampf um die von der Arminia so fokussierten langen Bälle gefährlich groß. Immerhin konnte der starke Sané die Duelle meist so gut bestreiten, dass Bielefeld keine direkte Torgefahr erzeugen konnte. Durch die großen Abstände wurde natürlich auch der flache Aufbau des Aufsteigers begünstigt, da Königsblau logischerweise keinen Zugriff auf bestimmte Gegenspieler bekam. Verschieben, sichern kann jede Mannschaft, Pressing eben nur fast jede. Schalke kann letzteres aktuell nicht.  

Schön für Raman, dass er da so hoch steht. Für Stambouli eher weniger. 

Fazit 

Im Endeffekt verliert Schalke den Abstiegsgipfel völlig verdient. Bielefeld ging wie S04 wenig ins Risiko, vor allem im Spiel mit Ball. Und trotzdem hatte der Aufsteiger einen klaren Plan, wie er dieses Spiel gewinnen wollte. Bei Schalke dagegen: Wenn weder Pressing noch Ballbesitzspiel stimmt und die Endverteidigung in den entscheidenden Situationen patzt, gibt es nicht mehr viel, woran man sich klammern kann. Es war derselbe Fußball wie unter Baum in noch schlechterer Ausführung.

4 Punkte aus 13 Spielen, 6 Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Es kommt auch auf die Auswahl des neuen Trainers an, ob Schalke die Klasse halten kann. Im Ruhrpott geistert der Name Alexander Zorniger herum. Wird er der neue, dürfen sich Schalke-Fans zumindest Hoffnung auf ein besseres Pressing machen. Das wäre ja schon mal ein Fortschritt. Und vielleicht wird Stevens´ Motto “Die Null muss stehen” dann auch mal hinten erfüllt. 


7 Kommentare

Rollobellli · 21. Dezember 2020 um 07:41

Vielen Dank für die Analyse. Habe mir lediglich die Zusammenfassung des Spiels angeschaut; wenig Dinge die Aussicht auf nahenden Erfolg geben. Vorne keinen Stürmer zu haben, dem zumindest über Standards oder hohe Bälle einen Zufallstreffer gelingt lässt einen frösteln. Es gibt wenig Anlass auf bessere Aussichten für das neue Jahr.. dennoch wünsche ich Dir alles Gute, Groetjes

Detlef · 21. Dezember 2020 um 10:24

Wie erfolgreich könnten Flanken in den 16er sein, wenn eigentlich kein geeigneter Abnehmer da ist? Diese Frage stellte ich mir am Samstag.

Vielen Dank für eure Aufarbeitungen im Jahr 2020.
2021 wird besser.

BastiS04 · 21. Dezember 2020 um 11:40

Danke für die Analyse.

Was mich hinterher beschäftigt hat, war der Trainerwechsel. Laut Medienberichten hat Huub Stevens selbst auf diesen gedrängt und sich als Interimstrainer angeboten. Der Grundgedanke dahinter muss ja vor dem eminent wichtigen Spiel gegen einen direkten Abstiegskonkurrenten wie Bielefeld gewesen sein, dass er Ansatzpunkte hat wie er die Mannschaft anders ein- und aufstellt um zum Erfolg zu kommen.

Was ich dann am Samstag sehen durfte war eine ganz schlimme Bankrotterklärung und dass lässt mich doch auch sehr an Huub Stevens zweifeln (jedenfalls am aktuellen Huub, der Fußball hat sich doch sehr verändert und er wird auch nicht jünger).

Der erste Punkt sind die langen Bälle auf den Mittelstürmer Raman. Dann die vollkommen planlose Mannschaft die phasenweise jedem Pass hinterhergelaufen ist, dass hatte wirklich was von einem Hühnerhaufen. Es war vom taktischen Miteinander ein Riesenunterschied zu Arminia Bielefeld erkennbar. Die hatten eine gemeinsame Idee und wir hatten 11 Leute auf dem Feld, von denen jeder eine eigene Idee verfolgte.

Unsere IVs habe ich ehrlich gesagt nicht so stark gesehen. Sané hatte in der Schlussphase gute Momente beim Abfangen Bielefelder Konter, allerdings waren die auch alles andere als gut gespielt.

Ich bin aktuell extrem ratlos und weiß wirklich nicht mehr wie es mit diesem Trümmerhaufen namens Mannschaft weitergehen soll.

lab-72 · 21. Dezember 2020 um 12:49

Vielen Dank für diese „wie üblich“ sehr gute analyse. Ich würde gerne für jedes spiel eine von dir/euch lesen. vllt. mal etwas für die guten vorsätze 2021…?!

m.e.n. wäre ein neuer trainer, der viel wert auf positionsspiel legt, genau der richtige. daran hapert es die letzten jahre auf schalke am meisten. siehe fehlende anspielstationen u. systematisches erarbeiten von torchancen.

auf umschaltmomente zu setzen, beinhaltet hohes risiko und das ist bei fehlendem selbstvertrauen der spieler genau der falsche konzeptionelle ansatz.

mit strukturiertem positionsspiel u. mannschaftlicher geschlossenheit, könnte es auch gelingen das individuelle selbstvertrauen der spieler positiv zu entwickeln. da nicht so viel von einzelsituationen erwartet wird. eher auf die mannschftlich geschlossene leistung, was sich dann positiv auf das selbstvertrauen des mannschafts-kollektiv auswirkt. um wieder mehr substanz in den aktionen zu erhalten – und im laufe der zeit auch zuversicht bei den spielern…

würde mich mal interessieren, wie ihr das seht – also ob der aktuelle kader sich z.b. an einem guardiola-konzept aufrichten u. positiv entwickeln ließe. & mal angenommen es wären alle spieler gesund u. verfügbar…

    Laurin · 21. Dezember 2020 um 19:32

    Ich antworte mal. In dieser Saison wäre es meiner Meinung nach eher schwierig, positionsspielbasierten Fußball stabil auf einem brauchbaren Niveau einzuführen. Schalke steht taktisch aktuell so ziemlich bei Null, wie im Artikel schon angesprochen. Meiner Meinung nach muss deshalb der erste Schritt sein, eine stabile Basis fürs Pressing zu legen, und das ist in der aktuellen Situation erst einmal Aufgabe genug. Auch den psychologische Aspekt hast du ja angesprochen, da sehe ich die Sache aber eher umgekehrt: Ich bezweifle, dass die verunsicherten Spieler aktuell in der Lage sind, wirklich dominant, pro-aktiv und spielbestimmend zu sein. Außerdem ist diese Mannschaft einen solchen Fußball nicht gewohnt (Schalke hat gefühlt noch nie Ballbesitzfußball gespielt) und ihr fehlt wie schon angesprochen die taktische Basis und das Fundament. Ob so ein Stil zur Mannschaft passt? Schwer zu sagen. Den Innenverteidigern würde ich das zutrauen, auch Mascarell und Serdar würden das mit einem guten taktischen Konzept vielleicht hinbekommen. Aber da sind mir auf zu vielen Positionen Fragezeichen: Weder Außenverteidiger noch Flügelspieler passen dazu. Vorne gibt es eigentlich nur Uth und Harit, denen ein solcher Stil etwas entgegenkommen könnte. Der Kader wurde in den letzten Jahren eben eher auf Pressingfußball ausgelegt. Ich würde eine Verpflichtung von Zorniger deshalb für sinnvoll halten, der könnte erstmal das Pressing verbessern. Dass es parallel dazu auch Verbesserungen im Offensivspiel braucht, steht außer Frage. Aber den Spielstil darauf ausrichten? Wurd ich nicht machen.

Luke · 21. Dezember 2020 um 23:38

Danke, dass ihr euch in der so frustrierenden Zeit weiterhin für die Analysen und Texte bemüht. Daher nur mal eine knappe Frage an Karsten & Co.. Ich nehm mal an, dass es Zorniger wird.
Ist eurer Meinung nach der Kader denn für sein zentrumslästiges 4-2-2-2 oder 4-3-1-2 „ausgelegt“?

lab-72 · 22. Dezember 2020 um 19:27

bzgl. positionsspiel; ich bin da eher anderer meinung. die zirkulation hinten funktioniert, evtl. noch inkl. einbindung der 6er. zwar zu langsam, aber haben wir auch schon bei den schlechteren spielen gesehen. für 15-20min.

m. e. n. fehlt den offensivspielern eine struktur an der sie sich orientieren können. systematische lösungsansätze für das letzte drittel. mit positions- & ballbesitzspiel könnte man das im training wie im spiel „üben“.

erfolgreiches, offensives umschalt- / konterspiel erfordert auch systematik, aber in verbindung mit andersartigem spielverständnis, zielstrebigkeit u. handlungsschnelligkeit, in einem masse, wie ich es dem team in dieser konstellation nicht zutraue.

raman, uth, matondo, harit, bozdogan, mercan, kutucu m. e. n. alles eher spielende offensivkräfte. paciecia eher umschaltspieler und ‚nur‘ ausgeliehen.

& gut ausgeführtes, strukturiertes positionsspiel lässt bei ballverlust auch direkten übergang ins gegenpressing zu. somit könnte auch hier die alte stärke wieder aufkeimen…?

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