Im Profi-Fußball ist der Trainer eine ganz spezielle Position, zentral in einem komplexen Abhängigkeitsverhältnis zwischen Team, Fans, Vorstand, sportlicher Leistung und Ergebnissen. In der öffentlichen Diskussion findet sich diese Komplexität meist nicht wieder. Ich unterscheide die Einordnung darum zwischen der sportlichen und der politischen Perspektive. Beide sind in meinen Augen gleich wichtig heutzutage.

Inhalt

Sportliche Perspektive

Manuel Baum wurde 2 Tage vor dem 3. Spieltag als neuer Schalke-Trainer vorgestellt. Er war seitdem für 10 Ligaspiele verantwortlich (6 verloren, 4 unentschieden) und ein Pokalspiel (gewonnen). In 11 Wochen Amtszeit insgesamt also, eine Vorbereitung gab es nicht, lediglich 2 Länderspielpausen. In dieser Zeit schaffte Schalke es lediglich 7 Tore zu schießen, ließ aber 24 Tore zu (das Pokalspiel jeweils nicht mitgerechnet). Soviel zu den Zahlen. Gucken wir mal genauer hin.

Taktisch Defensiv

Gucken wir aufs Spiel selbst. David Wagners Schalke zeichnete sich durch ein strukturiertes Pressing aus, besonders das Gegenpressing war fokussiert, weil so Torchancen generiert werden sollten. Manuel Baum hatte einen anderen Plan und ersetzte das kollektive Pressing durch individuell geprägte Einzeldeckung. Das ist ein diametral anderer Ansatz.

Wenn die Hoffnung bei einem Trainerwechsel also die ist, dass etwas fundamental anders gemacht würde, Baum hätte sie nicht besser erfüllen können. Am Ergebnis hat sich allerdings nicht viel geändert. Denn auch wenn das Torverhältnis etwas anderes suggeriert, das Pressing unter Wagner war (mit Ausnahme von ein paar Spielen nach der Corona Pause) meist ganz gut. Und auch die Defensive unter Baum funktioniert jetzt meist ganz gut. Ich denke da besonders an die Spiele gegen Mainz oder Augsburg zuletzt.

Wenn die Defensive ganz gut funktioniert hat, warum also so viele Gegentore? Jedes Spiel schreibt natürlich seine eigene Geschichte (mit besten Grüßen an das Phrasenschwein). Einerseits ist „ganz gut“ natürlich nicht das gleiche wie „wasserdicht“ und zweitens ist ein wiederkehrendes Thema bei diesen Geschichten das von individuellen Fehlern. Wagner wie auch Baum erklärten das in den Pressekonferenzen nach den Spielen recht gut jeweils. Darauf gehe ich unter „Kader“ nochmal genauer ein.

Taktisch Offensiv

Offensiv versucht Schalke Umschaltsituationen zu nutzen und schnell zum Abschluss zu kommen. Kontern also. Der Ansatz war unter Wagner schon so, hat sich unter Baum allerdings ein wenig geändert. Angriffe scheinen nichtmehr komplett improvisiert zu sein, sondern es gibt mehr Kollaboration. Möglich gemacht wird das dadurch, dass das Team praktisch komplett auf’s systematische Gegenpressing verzichtet und die Spieler sich darum freier bewegen können.

Und schon wieder ist das ein sehr unterschiedlicher Ansatz, wenn wir Wagner und Baum vergleichen. Es ist jetzt nicht Kontern vs Ballbesitz, aber im Kontern ein sehr unterschiedliches Positionsspiel. Die Angriffe wirken unter Baum besser. In den Partien vor dem Freiburg Spiel schien Schalke ganz gut nach vorne zu kommen und Konter auszuspielen. Allein es mangelte am letzten Pass. Baum haderte oft damit, dass der letzte Querpass nicht kam, oder zu spät, oder zu ungenau. Denn, dass so ein Querpass überhaupt möglich ist, dafür wird ja genau das Gegenpressing geopfert. Auch hier verweise ich auf den Punkt „Kader“ weiter unten.

Einsatz

Auf Schalke, wie auch überall sonst im Fußball, wird meist gefordert, dass sich das Team richtig reinhängt, wenn es nicht gut läuft. Da werden selbst Risswunden am Gesäß verlangt. Die feinen Menschen, die sich elitär vom Proletariat abheben wollen, tun prinzipiell das gleiche, nur sprechen sie dann von „Mentalität“.

In einer solchen Negativserie, gibt es immer auch einen psychologischen Punkt. Ein Punkt ab dem das Team nicht (mehr) an einen Sieg glaubt. Interessanter Weise ist dieser Punkt in praktisch jedem Spiel seit März zu beobachten. Aber in ebenfalls praktisch jedem Spiel im gleichen Zeitraum fängt das Team jede Halbzeit mit erhobenen Köpfen an. Das war unter Wagner so und das ist unter Baum gefühlt eher noch besser geworden.

Bis zu diesem psychologischen Punkt, meist das zweite Gegentor, habe ich in den meisten Fällen couragierte Leistungen gesehen. Sowas liegt ja aber im Auge des Betrachters, und weil es so sehr subjektiv ist wird es auch noch extrem stark durch den Rückschaufehler beeinflusst.

Sprintvergleich der Schalke-Spiele. Der blaue Punkt ist Schalke. Ist die Linie blau, so ist Schalke mehr gesprintet. Quelle: BStat (Twitter, Blog)

Was wir aber messen können, sind Laufwerte. Für mich der beste Gratmesser was den Einsatz angeht. Laufwerte sind dabei immer auf ein Spiel begrenzt und dürfen nicht absolut verglichen werden. Nicht das Team zeigt mehr Einsatz, das den höchsten Durchschnitt erzielt, sondern jenes, das mehr Meter macht als der Gegner, jeweils.

Unter Wagner waren die Sprintwerte Ligaspitze. Anfang dieser Saison sah es da sehr düster aus, unter Baum gehen die Werte aber Woche für Woche hoch. In 5 von 10 Spielen sprintete Schalke mehr als die Gegner. Baum selbst hat kürzlich erklärt, dass Aufwand und Ertrag bei Schalke in keinem Verhältnis stehen. Das hier hat er damit unter anderen gemeint.

Kader

Es ist inzwischen eine Binsenweisheit, dass der Schalke Kader kaum Bundesligaqualität hat. Es gibt ein paar Ausreißer nach oben, aber auch ganz viele Füllspieler. Und natürlich einige mit dem Attribut „Hoffnung“. Dass einzelne Positionen praktisch gar nicht besetzt sind, andere dafür zu Hauf ist auch so ein Thema.

Fußball ist aber ein Sport, bei dem individuelle Fehler Spiele entscheiden. Wenn ein Verteidiger im falschen Moment den Ball verliert, fehlt mir die Phantasie dem Trainer da einen Strick draus zu drehen. Wenn ein Offensivspieler nicht die Nerven behält und einen Angriff nicht zuende spielt ebenfalls. Wagner wurde oft vorgeworfen seinen Spielern mit solchen Aussagen öffentlich die Schuld zuzuweisen. Das mag man so sehen. In jedem dieser Einzelfälle war die Analyse jedoch korrekt.

Unter Baum hat sich das nicht geändert, weil Baum das nicht ändern kann. Es wurde sogar noch offensichtlicher, weil Baums System viel Hilfestellung bot. Letztlich schießt Schalke genau deshalb erschreckend wenig aufs Tor. Die Situationen werden auf Grund mangelnder individueller Klasse nicht richtig zuende gespielt.

Darüber hinaus wirken die Spieler wie blind zusammengewürfelt. Raman und Uth harmonierten zuletzt wunderbar auf dem Platz. Damit sind sie jedoch der Einzelfall im Team. Sané und Kabak etwa sind jeweils mega starke Verteidiger. Zusammengefunden haben sie bis heute nicht so richtig. Der wuselige Harit und der weiträumige Serdar, ebenfalls beide bockstark, finden auch nicht so recht zueinander.

Dazu scheint es ein paar Spieler im Kader zu geben, die zwar ihre Qualität mitbringen, allerdings auch die Atmosphäre vergiften. Der Umgang mit solchen Leuten ist immer schwierig, das gehört aber auch zur täglichen Arbeit eines Coaches. Unter Wagner gab es recht wenig Probleme damit, Unter Baum ein kurzes Erdbeben, weil versucht wurde Qualität ins Team zu bekommen. Meiner Meinung nach wurde das letztlich aber ganz gut wegmoderiert. Zumindest vorerst.

Nun liegt es natürlich am Trainer das beste aus den Spielern rauszuholen und ein System zu finden, in dem sie zusammenarbeiten können. Meiner Meinung nach funktioniert das halbwegs gut. Unter Wagner, im strikten positionsorientierten System, wie unter Baum, im einzelfokussierten weiträumigen System. Aber eben auch leider nicht wirklich super. Wenn aber zwei so unterschiedliche Ansätze sich daran schon die Zähne ausgebissen haben (und alle davor ja auch), wüsste ich nicht, warum ich vermuten sollte, dass ein anderer Trainer das besser hinbekommt.

Trainerwechsel Effekt

Die Hoffnung beim Austausch des Trainers, ist, dass dieser Austausch einen Effekt mit sich bringt. Es gibt den Mythos des Trainerwechsel-Kurzzeit-Effekts. Ich kenne viele Untersuchungen zum Thema (mein Text dazu), keine davon hat je so etwas gefunden. Trainerwechsel während der Saison sind reine Homöopathie und gehen nicht über den Placebo-Effekt hinaus.

Der Effekt von Coaching stellt sich erst mittelfristig ein. Bis sich Prinzipien eingeschliffen haben und Prozesse verinnerlicht wurden, gehen ein paar Monate ins Land. So lange hatte Baum nichtmal. Ein neuer Coach kümmert sich außerdem zumeist um die Defensive, Schalkes Problem ist aber die Offensive.

Der einzige Grund einen Trainer zu wechseln, ist die dysfunktionale Zusammenarbeit. Der Boulevard sagt dann gern „er erreiche das Team nicht mehr“. Wenn ein Coach es nicht schafft mit dem Team eine gemeinsame Sprache zu finden und es immer wieder abzuholen, dann ist die Zusammenarbeit dysfunktional. Beide arbeiten dann praktisch aneinander vorbei. Das ist erstens nicht zielführend, zweitens aber auch leicht zu identifizieren.

Wagners Arbeit mit dem Team war bis zum Ende der Rückrunde deutlich kollaborativ. Der Einsatz stimmte und es wurde sich eng an die Vorgaben gehalten. Erst während der Vorbereitung schien es einen Bruch gegeben zu haben. Baum übernahm und in keinem Spiel unter ihm hab ich etwas gesehen was auf eine schlechte Beziehung zwischen Team und Coach hindeutet. Der Einsatz stimmt, bei einer dysfunktionalen Zusammenarbeit ist das nicht der Fall.

Politische Perspektive

Neben den Sportlichen Aspekten gehört aber natürlich die Vereinspolitik dazu. Der Rauswurf von Domenico Tedesco war sportlich gesehen unnötig. Die folgespiele unter Huub Stevens, die weder besser noch erfolgreicher waren (Analyse), sind ein deutliches Indiz dafür. Politisch gesehen allerdings, war der Wechsel allerdings unausweichlich, weil Fans und Medien eine sehr starke Eigendynamik entwickelten, die nicht mehr zu moderieren war. Wie ist das in diesem Fall?

Niederlagenserie

Der Hund meiner Nachbarin in Amsterdam weiß sogar, dass Schalkes letzter Liga Sieg im Januar war. Die Frage ist ja aber, wie erarbeiten wir uns den nächsten. Zufällig passieren wird es schon nicht. Da die Beziehung zwischen Team und Coach nicht dysfunktional ist (zumindest sieht es nicht danach aus, s.o.), muss das also auch nicht verbessert werden.

Der Ansatz des Coaches ist schon ein anderer als der seines Vorgängers, führt allerdings zum gleichen Ergebnis. Gleichzeitig ist sich die Öffentlichkeit ja allerdings relativ einig, dass die letzten Spiele (mit Ausnahme des Spiels gegen Freiburg) ja eine Verbesserung darstellten. Die Arbeit scheint also in die richtige Richtung zu gehen. Ich persönlich würde lieber den einen in die richtige Richtung weiter laufen lassen, als zurück auf Start zu gehen und statt 400 Mark einzuziehen einen weiteren Coach auf der Gehaltsliste zu haben.

Vereinspolitik

Der Verein kocht. Keine Mitgliederversammlung 2020 (und voraussichtlich auch nicht 2021) eine Führungsetage die von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpft und sich mit viel bekleckert, außer mit Ruhm. Der Vorstand glänzt durch vornehmes Schweigen, statt der versprochenen Transparenz und der Aufsichtsrat besteht inzwischen aus mehr Mitgliedern die da eigentlich nicht drin sein sollten als tatsächlich demokratisch gewählt wurden.

In diesem Konstrukt wirkt ein Trainerwechsel wie ein beliebtes Ablenkungsmanöver. Der „Wir haben doch alles versucht“ Move. Die Sinnfrage stellt keiner, weil damit ja eine Ursachenfrage aufkäme. Und das ist politisch immer schwierig…

Ursachen

Wer ein paar Mal hintereinander „Warum ist das so?“ zu Tedescos Rauswurf fragt, kommt irgendwann zu: „Weil er komplett allein gelassen wurde.“

Es wurde im Nachgang immer klarer, dass Heidels Aktivitäten sich auf andere Bereiche beschränkten, die der anderen Vorstände sowieso. Kaderplanung, Transfers und vieles mehr wurden maßgeblich von Tedesco vorangetrieben, neben der Arbeit mit dem Team und einem relativ winzigen Coaching Staff.

Das ist heute nicht anders. Die Strukturen sind schon nicht mehr Marode zu nennen. Die Kaderplanung und Transferaktivitäten spotten jeder Beschreibung. Den einzigen Rechtsverteidiger hat Baum sogar selbst noch schnell mitgebracht. Eine Abstimmung intern scheint es nicht zu geben und nach außen gelangt sowieso gar nichts.

Kommunikation

Der Begriff „Transparenz“ wird seit dem Abtritt von Clemens Tönnies sehr hoch gehängt. Leider aber nur der Begriff. Denn für Transparenz bräuchte es Kommunikation und die gibt es nicht. Von Jobst erscheint alle Jubeljahre ein Interview in irgendeinem Magazin für höheres Management, wie er seinen Verein ummodellieren will. Schneider gibt Fernsehsendern hier und da ein paar O-Töne, das sind aber meist nur Floskeln und ein Beweis dafür, wie wichtig öffentliches Reden für Menschen in diesen Positionen sein sollte.

Die einzige Ausnahme ist Manuel Baum. In den Pressekonferenzen vor und nach den Spielen steht er Rede und Antwort. Baum ist eloquent, er kann gut erklären und bietet den Medien Futter. Das ist gut. Der Ketchupflaschenvergleich, so sehr er auch irgendwann nervte, war super. Sorgte für Sympathien und schaffte einen „hau ruck“ Moment zu erzeugen. Verpufft, klar, aber immerhin gab es sowas mal.

Er erklärt auch das Spiel selbst immer, zeigt auf was gut lief und was nicht. Und vor allem: Er zeigt Emotionen! Nach den letzten Partien brachte er zum Ausdruck wie wütend er und das Team seien. Das wirkte sehr authentisch auf mich. Viel Authentischer als alles andere was von diesem Verein seit mindestens 1½ Jahren kam.

Fazit

Ein Trainerwechsel während der laufenden Saison ist meist ein Zeichen von Aktionismus, das sinnfreie klammern an Strohhalme. Zwei Trainerwechsel während einer laufenden Saison sind ein Zeichen von völliger Inkompetenz.

Baum war auf einem guten Weg. Sicher, schneller wäre besser. Aber zu glauben, dass ein neuer Coach die vergangenen 11 Wochen wett und sogar noch Meter gut machen könnte, ist schon nicht mehr naiv. Besonders wenn Namen wie Funkel oder Stevens fallen, die ja beides nur Maurer sind. Schalkes größtes Problem ist aber nicht die Defensive, sondern die Offensive. Schon seit Jahren.

Kein Coach der Welt kann aus dem vorhandenen Personal ein kohärentes Team formen. Erst recht kein für Schalke bezahlbarer. Das Problem auf Schalke sitzt viel tiefer und kann nur langfristig angegangen werden. Kurzfristig oberflächig rumzupfuschen mag den „Mechanismen des Geschäfts“ entsprechen, sinnvoll ist es aber noch lange nicht. Und nötig erst recht nicht.

Kategorien: Spiel & Spieler

Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in der Stadt mit der ehemals höchsten Fördermenge Europas und in eine Familie von Püttologen. Er hat an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern studiert, später kam noch ein Doktor Titel dazu, und ein Master in Psychologie. Beruflich hilft er digitalen Organisationen dabei besser zu werden. Neben der Maloche theoretisiert er seit 2010 den König Fußball und gründete Halbfeldflanke zur Saison 2013/2014.

10 Kommentare

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Timo · 18. Dezember 2020 um 14:28

Lieber Karsten, oft teile ich Deine Meinung, heute aber nicht. Aus meiner Sicht gibt es a) eine dysfunktionale Störung zwischen den Spielern und dem Trainer. Zu erkennen daran, wenn die Mannschaft in Rückstand geriet. Zudem halte ich ihm verschiedene taktisch-politische Maßnahmen vor. Harit ist so ein Fall, der seit vielen, vielen Wochen nur schlechte Spiele gemacht hat. Da hätte er sich lieber auf einen anderen, jungen, womöglich schlechteren Spieler verlassen sollen, den ggf. aufbauen. Noch schlimmer war es bei Bentaleb. Und auch, dass er Ludewig viel zu lang und viel zu oft rangelassen hat, war nicht gut. Der Junge war irgendwann überspielt, es gab Alternativen. Keine guten, ok. Aber Ludewig tat mir irgendwann Leid. Und wenn Ludewig wie gegen Gladbach als Verteidiger gegen Ginter gestellt wird, bei Ecken und Freistößen, dann ist das ein Fehler des Trainers. Zudem: Natürlich haben wir seit Jahren ein offensives Problem. Nur bei 26 Gegentoren auf jeden Fall auch ein Defensives. Wieso schafft es Sane nie, die Arme hinter Körper oder am Körper zu lassen. Das muss ihm doch einer sagen, mit ihm trainieren, whatsoever?
Nun denn, soweit meine Gedanken

    Karsten

    Karsten · 18. Dezember 2020 um 15:45

    Hi Timo,
    Meine Erklärung zu deinen beiden Punkten…

    1. Das Verhältnis zwischen Coach und Team ist gestört.
    Dass das Team nach einem Rückschlag in einem Spiel den Kopf hängen lässt, ist keine Dysfunktion. Es hat nichts mit der Verbindung zwischen Coach und Team zu tun, sondern mit Selbstvertrauen (siehe Psychologischer Punkt oben im Text). Das wiederrum ist etwas woran Coach und Team kontinuierlich arbeiten und meiner Meinung nach auch erfolgreich.
    Denn trotz dieser Situation, die sicher nicht mutmachend ist, beginnt das Team jede Halbzeit mit vollem Elan und viel Einsatzfreude. Bei einem gestörten Verhältnis wäre das so nicht der Fall. Irgendwann knickt dies jedoch bei zu vielen Rückschlägen ein. Zum Vergleich solltest du mal den Teil von Schalke nehmen, der nicht direkt mit Baum (oder Wagner, da war’s vergleichbar) gearbeitet hat. Da liegen die Nerven durchgängig blank.

    2. Taktisch-politische Maßnahmen
    Jeder Coach kann immer dafür kritisiert werden, welche Spieler eingesetzt wurden. Und hinterher wissen es ohnehin alle besser. Fakt ist, dass sowohl Bentaleb als auch Harit zwei der wenigen Spieler im Schalke Kader ist, die in jeder Sekunde den Unterschied machen können. Und ob es statt dessen sinnvoller ist einen Jungspieler aufzubauen, wenn das Sammeln von Punkten überlebenswichtig ist, zweifele ich mal hart an. (Übrigens sagst du erst junge Spieler sollen gefördert werden, aber dann Ludewig nicht so sehr… was denn nu?)
    Die Suspendierung von Spielern und ab wann einzelne aus der gemeinschaft rausgezogen werden müssen ist ein kompliziertes Thema. In meiner Wahrnehmung wurde das aber halbegs gut wegmoderiert.

    Dein Gedanken zu Sanés Armen hab ich nicht verstanden.
    Grüße, Karsten

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BastiS04 · 18. Dezember 2020 um 15:38

Hallo Karsten,
ich finde Deine Analyse sehr gut und in vielen Punkten treffend. Allerdings finde ich einen Punkt zu kurz kommend, nämlich dass man während der Saison und nach einer beispiellosen Negativserie einen Trainerwechsel vornimmt und einen Trainer mit einem fundamental anderen Fußballansatz verpflichtet.
Ich weiß wirklich nicht wie man annehmen konnte, dass das funktionieren würde, denn eine Mannschaft die zum Zeitpunkt des Wechsels schon rund 20 Spiele nicht gewonnen hat, die hat ein Kopfproblem dahingehend das Selbstvertrauen, Siegermentalität usw. fehlen.
Dann hilft aus meiner Sicht ein Fußballfachmann wie Manuel Baum mit einem klar definierten Stil eben schlicht nicht weiter. Bis die neuen Abläufe sitzen, das alles in Fleisch und Blut übergegangen ist, bis dahin sind dann wieder viele Spiele ohne Sieg vorbei und die Kopfkrise wird immer schlimmer.
Dann kommt dazu, dass die Spielerqualität und Kaderzusammenstellung für diesen Stil eben auch nicht passen. Das ist dann das zweite Problem, dass sich im Grunde nicht lösen lässt und die Ergebnisse sprechen ja auch eine klare Sprache.
Dabei möchte ich betonen, dass ich Manuel Baum für einen sehr sympathischen und guten Trainer halte, nur eben für den falschen Trainer zur falschen Zeit am falschen Ort.
Die Zieldefinition des S04 muss allein schon aus wirtschaftlichen Gründen der Klassenerhalt sein. Ansonsten ist der Verein schlichtweg vollkommen pleite. Und letztlich muss dieser Zieldefinition dann eben alles untergeordnet werden und ja dann mag es sogar sinnvoll sein einen Maurermeister zu verpflichten. Ich akzeptiere hierzu aber natürlich auch eine gänzlich andere Herangehensweise. Dann muss man sagen wir bauen eine ganz neue Mannschaft auf, reichen die Insolvenz ein und gehen in die zweite Liga. In einigen Jahren haben wir dann hoffentlich einen Turnaround hingelegt.
Ich vertrete da aber eben eher den kurzfristigen Ansatz, da aus meiner Sicht dieses Geschäft nunmal so läuft.
Die gigantischen Managementfehler werden aber uns wohl leider weiter begleiten und die zweite Liga ist daher trotzdem ein sehr reales Schreckgespenst für die nächsten Jahre. Ich hoffe sehr, dass es uns allen gelingt das, aus meiner Sicht, unsägliche Wahlrecht zu reformieren und uns eine neue Satzung zu geben mit viel direkterer Einflussnahme durch die Mitglieder. Die ganzen Probleme sind aus meiner Sicht vor allem durch das intransparente, und damit Filz begünstigende, Wahlsystem entstanden.

Ich hoffe sehr auf eine Erneuerung auf allen Ebenen. Davon wird abhängen ob der FC Schalke eine gute Perspektive für die Zukunft hat.

    Karsten

    Karsten · 18. Dezember 2020 um 15:53

    Naja, wenn ich am Spiel nichts ändern möchte, sondern mich nur um die Köpfe der Spieler kümmern möchte, brauche ich keinen neuen Trainer, sondern einen anderen Ansatz mit den Team-Psychologen*innen. Oder eine intensivere Zusammenarbeit mit denjenigen.

    „Das Geschäft läuft nunmal so“ ist eine ganz gefährliche und noch dazu billige Ausrede. „Das haben wir schon immer so gemacht“, da läuft’s mir kalt den Rücken runter. Dafür brauche ich keine hochbezahlten Manager, dann kann ich auch einen Algorithmus programmieren, der einen Trainer automatisch austauscht, wenn eine Mindestmarke an Punkten unterschritten wird.

    Dass die Strukturen im Verein sich grundlegend ändern müssen, da bin ich bei dir, das liegt auf der Hand. Beim Trainer anzufangen ist in meinen Augen aber ein Bauernopfer. So wird Zeit gewonnen, ohne wirklich was bewegen zu müssen. Baum wäre in meinen Augen der letzte der hätte gehen müssen.

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BastiS04 · 18. Dezember 2020 um 17:24

Warum hätte Baum als letztes gehen müssen? Das verstehe ich nicht so recht, da Du ja auch selbst richtig analysierst, dass er nicht zu dem vorhandenen Spielerkader passt.
Da ist zum einen das Problem der individuellen Fehler, sprich der individuellen Qualität und ich denke Du wirst mir auch zustimmen, dass dieser Kader eben den Baumschen Offensiv-Ansatz in der aktuellen Zusammensetzung nicht umsetzen kann. Dies belegen ja letztlich auch die Ergebnisse auf dem Platz.
Ich finde das sollte man auch mal von der anderen Seite betrachten, nämlich der Seite von Manuel Baum. Das ist ja auch für ihn total frustrierend und diesen Frust hat er auch verständlicherweise gezeigt. Er hat eine klare Idee von Fußball und er gibt auch die richtigen Marschrouten für diese Idee aus, aber seine Spieler kriegen das letztlich nicht umgesetzt und das überrascht doch nicht wirklich. Erstens hatte er viel zu wenig Zeit es einzustudieren und zweitens ist die lange Negativserie natürlich auch ein zusätzlicher mentaler Betonklotz.
Ich denke es ist einfach nicht die richtige Situation um den Fußballstil komplett auf links zu drehen. Ich finde man kann das sogar als vollkommenen Wahnsinn seitens der Führungsetage bezeichnen es überhaupt zu versuchen und man hat Manuel Baum ins offene Messer laufen lassen. Dahingehend ist er natürlich ein Bauernopfer und das ärmste Schwein. Ich sehe aber nicht die Alternative. Soll man im Winter den halben Kader tauschen? Da steht die finanzielle Situation entgegen und auch das Arbeitsrecht. Gut finde ich den Rausschmiss aber in keinem Fall, nur leider unausweichlich.

Ich glaube Du schätzt den offensiven Fußballansatz sehr, ich bin da anders und ziemlicher Pragmatiker. Mich interessiert in erster Linie Erfolg, bekomme ich den mit offensivem Fußball hin gerne, wenn nicht dann eben auch mit Mauerfußball, finde ich legitim.

Was mich verwundert hat ist Deine Kritik an der Aussage, dass das Geschäft nunmal so läuft. Mir ist bewußt, dass man das als Floskel sehen kann. Aber was ist denn die Alternative? Weiter mit einem Trainer arbeiten, der zwar einen aus eigener Sicht lobenswerten Ansatz verfolgt, die Mannschaft diesen aber nicht umgesetzt kriegt?

Das Ganze ist am Ende auf diesem Level ein Ergebnissport (Fakt, keine Floskel) und ja das muss man nicht mögen, aber ich denke grundsätzlich kann man das nicht infrage stellen und ich habe ja vorher auch geschrieben, dass ich auch einen anderen Ansatz akzeptieren kann. Dieser müsste aber klar kommuniziert werden und ich glaube, dass eine Mehrheit der Schalker Fans das dann auch nicht 100% unterstützt wenn am Ende der Abstieg steht und die Mannschaft knapp 100 Gegentore kassiert.

Das Grundübel, da sind wir uns glücklicherweise einig, ist aber die Struktur die solche Entscheidungen, Verpflichtungen und Gesamtbilanzen, die mit dem Wort Desaster noch zu schön beschrieben sind, zulassen. Letztlich muss sich das Grundkonstrukt ändern, ansonsten ist doch hier jeder zukünftige Trainer ein armes Schwein. Ich meine welcher Trainer kann denn mit einer so wild zusammengewürfelten Mannschaft erfolgreich arbeiten? Da gibt es hier 100 Beispiele und einige hast Du oben auch angeführt, wo man nur mit dem Kopf schütteln kann.

    Karsten

    Karsten · 18. Dezember 2020 um 18:25

    Hi Basti,
    wir stimmen ja bei den meisten Dingen überein, darum möchte ich hier mal ein bisschen ins Detail gehen. Ich glaube nämlich eben nicht, dass Baum nicht zum vorhandenen Kader passt. Das habe ich auch so nirgendwo geschrieben (zumindest war das nicht meine Absicht). Ich glaube, dass der Kader so wirr zusammengestellt ist, dass ein kohärentes System, welches auch immer das sein könnte, nicht möglich ist.

    Baum hat mehrfach betont, dass er versucht das bestmögliche aus den vorhandenen Spielern rauszuholen. In meinen Augen hat er das getan. Er hat eben nicht (wie Wagner) ein spezielles system verfolgt und versucht dem Team das einzutrichtern. Darum glaube ich nicht, dass ein Trainer, wer auch immer, da mehr rausholen kann.

    Wenn ich hier im Text von der Offensive spreche, meine ich übrigens die Idee Torchancen zu generieren. Wie du das machst, ist mir egal. Aber ur mit Mauern wird eben kein Tor geschossen. Und, klar, Ergebnissport. Darum ja genau meine Kritik. Kurzfristig wird mit diesem Kader kein Trainer der Welt erfolgreich sein. Zufälle gibt es immer, bleiben aber wohl eher eine Ausnahme. Also, muss kontinuierlich in eine sinnvolle Richtung gearbeitet werden. Die hat Baum eingeschlagen. Erste Erfolge wurden sichtbar, wenn auch noch nicht in Ergebnissen. Jetzt die Richtung wieder zu ändern wirft Schalke zurück.

    Die alternative wäre also gewesen den Trainer nicht rauswerfen und alles andere erstmal zu hinterfragen. Genau das meine ich damit, das Baum der letzte hätte sein sollen, der gehen muss.

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deandachs · 18. Dezember 2020 um 18:59

Guten Abend Karsten,
Deine Analyse ist plausibel und treffend. Die obere Etage bildet leider ein Dauerproblem, das durch Schneider auch noch verschärft wurde. Ich befürchte sehr (als Knirps habe ich übrigens das 4:0 gegen Tasmania Berlin als erstens Spiel miterlebt), dass eine sehr gründliche Sanierung stattfinden muss, die nicht in der ersten Liga vollzogen wird. Dazu müssen auch strukturelle (Verein ja oder nein) Richtungen geklärt sein.

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André Voller · 18. Dezember 2020 um 19:27

Wow!! Perfekt getroffen!! Respekt, sehe ich bis auf Kleinigkeiten in der Darstellung der taktischen Ausrichtung von Baum zu 100% so. Danke dafür. Großes Lob dafür

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Matt · 19. Dezember 2020 um 13:28

Hi zusammen
Der Rauswurf kam gerade wegen der finanziellen Lage nun doch schon sehr überraschend. Ich selbst glaube das man als Aussenstehender vielleicht auch gar nicht einschätzen kann ob Trainer und Team funktionieren. Ich hatte zwar auch den Eindruck das es kein schlechtes Verhältnis war aber manchmal reicht es ja schon wenn 2-3 wichtige Spieler gegen den Trainer sind. Persönlich fand ich es als einen Fehler Baum zu holen wobei die Namen die genannt wurden (bis auf Rangnick) auch nicht besser waren. In der Situation jetzt braucht es einen erfolgreichen Trainer zu dem die Spieler aufschauen können und daran glauben das es besser werden kann. Das war Baum nicht. Ob er es gut gemacht hat oder schlecht liegt wohl im Auge des Betrachters…die Ergebnisse sprechen nicht für ihn und wenn ich Darios Analyse Freiburg lese hatte (hat) die Mannschaft wohl auch ein großes taktisches Problem. Die Kaderzusammenstellung ist nicht gut keine Frage aber so groß hat sich der Kader zu der sehr guten Vorrunde 19/20 auch nicht verändert. Ich sehe das Thema erneuter Trainerwechsel mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits ist Baum nicht der Schuldige aber andererseits hätte ich ihm den Klassenverbleib auch nicht mehr zugetraut. Ganz entscheidend ist was jetzt in der Trainerfrage passiert. Ich traue nur einem Kaliber wie Rangnick zu Schalke in der Liga zu halten. Zur Not würde ich sogar Matthäus nehmen 🙂

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Christoph Panthöfer · 20. Dezember 2020 um 12:01

Die Analyse zum erneuten Trainerwechsel ist absolut zutreffend. Manuel Baum ist ein sehr intelligenter, kompetenter und sympathischer Fußballtrainer. Er hat es geschafft, die Mannschaft wieder aufzufangen und zu stabilisieren. Das Schalker Spiel wurde in kleinen Schritten von Mal zu Mal besser (mehr ist bei der Qualität des Kaders auch nicht zu erwarten). Die Mannschaft wirkte selbstbewusster und mutiger. Natürlich gab es Rückschläge, die allerdings hauptsächlich auf personelle Probleme zurückzuführen waren. Der einzig verblieben zentrale Stürmer Paciencia fiel längerfristig aus, der eminent wichtige und auch entsprechende Qualität mitbringende 10er Mark Uth verletzte sich unglücklich in Augsburg. Insbesondere der Ausfall von Uth und ein desolater Auftritt von Raman bewirkte die zugegebenermaßen enttäuschende Niederlage gegen Freiburg. Womit wir beim eigentlichen Problem sind: der Kader. Wegen der dramatischen finanziellen Engpässe, deren Gründe weit zurückgehen bis in die Held- und Heidel-Ära musste man offensichtlich in den vergangen 1-2 Jahren die wenigen Lichblicke im Schalker Kader veräußern oder ziehen lassen (Embolo, McKennie, Caligiuri) und stattdessen die Spieler zurücknehmen, die (bis auf Uth) definitiv nicht in die bestehende Schalker Mannschaft passen (Bentaleb, Rudy). Auch die in dieser Zeit ebenfalls verpflichteten Harit und Stambouli waren/sind sehr teuer und haben Schalke nicht wirklich weiter gebracht. Wenn man sich zum Vergleich nur einmal die Kaderentwicklung von Borussia Mönchengladbach im gleichen Zeitraum ansieht, die mit vergleichbarem Budget ihre Mannschaft zusammengestellt haben. Einen Stindl hätte Schalke damals auch haben können, die Angreifer Plea, Thuram und später eben auch “unseren Embolo”, dazu Zakaria in der Defensive. Mein Fazit: Schalkes heutige Schwäche liegt am allerwenigsten am Trainer (Baum). Verantwortlich dafür ist die desolate Kaderplanung der vergangenen Jahre insbesondere von Heidel, Schneider und Reschke. Eberl in Gladbach und Mislintat in Stuttgart zeige wie es anders geht.

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