Dazu gab es ja recht wenig zu lesen, aber Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann haben den Trainerlehrgang gemeinsam gemacht. Besonders die gemeinsame Hoffenheimer Vergangenheit macht diese Paarung zu einer besonderen. Zwei vom gleichen Schlag gegeneinander. Es war ein wohl orchestrierter Auftritt zweier sehr disziplinierter Teams. 

Die Grundformationen zu Spielbeginn.

Software und Geschäftsprozesse

Nagelsmann schaute sich einen Kniff bei Hannover ab. Breitenreiter ließ im Spiel gegen Schalke den 6er in der Defensive zwischen die Innenverteidiger abkippen um so besser absichern zu können. Der Anton Shuffle. Bei Hoffenheim wurde das aber etwas anders gemacht, denn prinzipiell spielt die TSG meist in einem 5-3-2. Vogt war in der Defensive zentraler Verteidiger in der 5er Kette, mit Geiger als Ausputzer davor. Sobald der Ballbesitz aber wechselte, schob Vogt vor und wurde zum 6er. Der Vogt Shuffle. Doch dazu später mehr.

Der Rest war so klar wie flexibel. Das 3er Mittelfeld mit Geiger und den beiden 8er davor agierte offensiv recht flach und breit gefächert. Dabei zog immer wieder einer der 3 zum Ball, einer nach vorne und der dritte sicherte ab. Hoffenheim suchte das Spiel über die Flügel, Schalkes nominelle Schwachstelle, so dass der ballnahe 8er meist zum Überladen auf den Flügel zog.

Auch die Angreifer ließen sich gern fallen um so ein Kombinationsspiel aufzuziehen. Besonders Uth, war immer wieder vergleichsweise tief auf dem Flügel zu finden.

Defensiv war das ganze wenig spektakulär. Zu Spielbeginn wurde viel Investiert, mit dem Tor nahm das dann schlagartig ab. Spätestens ab dem Seitenwechsel wurden die Schalker nur noch selten richtig attackiert, meist lediglich gestellt.

Kohle und Stahl

Der Schalker Aufbau wurde meist früh gestört. Den 3 Schalker Verteidigern standen zwei Hoffenheimer Angreifer gegenüber, die den Ballführenden jeweils anliefen. Allerdings fanden sich in der nächsten Reihe bereits 4 gegen 4 Mittelfeldspieler. So wurde oft und sehr diszipliniert mit Verlagerungen gearbeitet. Auf der anderen Seite übrigens genauso. Hüben wie drüben war oft zu sehen, dass der Ball erst auf den einen Flügel gespielt wurde, da aber recht schnell fest saß, nur um dann möglichst schnell zurück und über die Verteidiger auf den anderen Flügel zu verlagern, wo sich dann mehr Räume ergeben haben.

Schalke spielte, wie immer, ein 3-4-3, diesmal wieder mit einer 5er Kette in der Thilo Kehrer den linken Flügelspieler gab und Stambouli den rechten Halbverteidiger. Interessant war auch die Doppel-6 davor aus McKennie & Meyer. Insgesamt ging der ballnahe 6er zum Ball, während der Ballferne absicherte. Da Hoffenheim das Spiel meist über die Flügel lenkte, stand der andere 6er meist sehr zentral. Bei Ballgewinn, wurde dieser dann oft direkt mit einbezogen um das Spiel schnell diagonal nach vorne zu tragen.

Die Flügelkombinationen Kehrer & Konoplyanka sowie Caligiuri & Harit gaben die Richtung vor. Konoplyanka ist wahrlich kein Kombinationsspieler, darum wich oft einer der 6er auf den linken Flügel. Auf der rechten Seite kommen Harit und Caligiuri immer besser miteinander klar und der 6er konnte auf der Halbspur bleiben um gemeinsam zu kombinieren.

Immer wieder gab es gegenläufige Bewegungen. Besonders auf den Flügeln. Der Flügelspieler etwa startete mit Vollgas Richtung Tor, während der Flügelstürmer quasi direkt entgegen gerannt kam. So sollten die Verteidiger verwirrt werden, mindestens einer der beiden war dann oft anspielbar. Ähnliche Muster gab es bei Hoffenheim ebenso zu sehen.

Oft ging es von Schalke aber durch das spielstarke Zentrum. Kehrer und Harit zogen immer wieder Richtung Mitte wo sie besonders gemeinsam mit Meyer viel die Bälle verteilten.

Doppel-6 McKennie & Meyer

Überhaupt, Max Meyer, auf Schalke immer wieder gern kritisiert. Habe mal wieder gelesen, er sei lustlos über den Platz gewandert. Das Gegenteil war der Fall. In 76 Spielminuten spulte er 10,35km ab. Das machen viele andere nicht in 90 Minuten. Meyer spielte bis zur Auflösung der Doppel-6 genau 50 Pässe von denen 47 einen Mitspieler fanden (zum Vergleich: McKennie 29/34). Darüber hinaus war er Schlüsselelement in so ziemlich jedem Angriff. Besonders der Lattentreffer ist hier hervor zu heben, den Meyer vorbereitet hat.

Etwas konfus aber war das Zusammenspiel mit Weston McKennie. Der junge Amerikaner, der zweifellos enormes Potenzial hat, und Meyer fanden überhaupt nicht zueinander. Meyer war sehr aktiv und präsent im Zentrum. McKennie versuchte sich irgendwie einzubinden, was aber meist misslang. Er hatte offensichtliche Probleme Meyers Bewegungen zu antizipieren und so irrte McKennie ein ums andere Mal hölzern durchs Mittelfeld oder stand Meyer auf den Schuhen rum.

Offensiv harmonierten die beiden so überhaupt nicht. Defensiv war die Rollenverteilung dagegen klar und auch viel besser. Es wurde diszipliniert und gemeinsam verschoben. McKennie war hier auch deutlich stärker, besonders was Zweikämpfe angeht. Allerdings hatte er immer wieder Probleme, wenn Uth sich fallen ließ. So entstand ja auch das erste Tor. Schlaue Überladung Hoffenheims, kurze Irritation bezüglich der Zuordnung auf Schalker Seite und schon war der Weg frei.

Diverse Umstellungen

McKennie und Meyer wechselten oft die Seiten. Besonders nach dem Tor, spielte Meyer eine Zeitlang auf der Uth Seite. Allerdings wechselten Gnabry und Uth die Seiten ebenso häufig. Wer jetzt auf wen reagierte ist von außen schwer zu beurteilen.

Wie bei dem Trainerlehrgangsduell zu erwarten gab es viele kleine Umstellungen und Änderungen im Spiel. Wenig drastisches, eher so kleinere Nachbesserungen. Die Seitenwechsel waren eine solche. Der Spielaufbau fand zu Beginn meist über Kehrer statt. Fährmann spielte da oft direkt auf den linken Flügel, oder Nastasic leitete weiter. In der zweiten Halbzeit ging dann mehr über Meyer der den Ball verteilte und dann gleichzeitig mit nach vorne stieß.

Vogt Shuffle

Der interessanteste Kniff in diesem Spiel war sicherlich die Bewegung rund um Vogt. Klar, cooler Trick mit dem abkippen in der Defensive. Aber viel interessanter war, wie sie den Spielaufbau gestalteten, indem er nach vorne zog. Dadurch wurde er nämlich sozusagen zu einem freien Radikal.

Die drei Schalker Offensivakteure verteilten sich meist auf die Hoffenheimer 4er Kette und nahmen dem Ballführenden so die Option quer zu spielen. Der Weg nach vorne wurde also erzwungen. Und da war Vogt zwischen den Linien. Tendenziell würde sich Schalke sehr mannorientiert um das Mittelfeld kümmern. Und Zahlenmäßig ging das ja auch voll auf. Allerdings war dann Vogt übrig.

Und so wurde Vogt oft bewacht. Dadurch war weiter hinten dann eine Lücke. Vogt nahm sich selbst aber zum Teil schlau selbst aus dem Spiel, und machte die Lücke weiter hinten bespielbar (Siehe Grafik aus der 04. Spielminute).

Zum Spiel als solches

Schalke hatte das Spiel großteilig fest im Griff. Die Daten sprechen eine deutliche Sprache: 54,8% zu 45,2% gewonnene Zweikämpfe, 11 zu 3 Flanken, 5 zu 0 Ecken, 55,1% zu 44,9% Ballbesitz. Richtig schlecht war eigentlich nur die Chancenverwertung. Wäre das Tor einen halben Meter größer, hätte Schalke wohl 5:1 gewonnen.

Insgesamt machte Schalke sehr viel Druck. Ich habe leider keine Zahlen gefunden, bin mir aber sicher, dass das Spiel zu einem sehr großen Anteil in der Hoffenheimer Hälfte stattfand. So dass der Gastgeber in der zweiten Halbzeit dazu über ging, gar keine richtigen Angriffe mehr zu spielen, sondern das Schalker Pressing nur noch mit weiten Bällen direkt in die Spitze überspielen zu wollen. So kam es dann zum Schluss noch zu dem zweiten Tor.

Das Spiel war extremst diszipliniert. Jeder Spieler versuchte zu jedem Zeitpunkt möglichst gut und richtig zu stehen. Entsprechend merkte der Kommentator ein paar Mal an, dass Tempowechsel fehlen würden.  Es wirkte so sauber orchestriert und aus einem Guss, auf beiden Seiten, dass für Tempowechsel kein Platz war. Angriffe liefen entsprechend immer nach dem gleichen Muster ab, weil nur ein Fehler möglich war: Die Zuordnung ging verloren.

Immer wenn das geschah, etwa durch kluge Doppelung, oder aber auch mal nach einem gewonnenen 1:1, hatte der Spieler mit Ball plötzlich Platz. Besonders Caligiuri hatte hier ein paar Situationen. Der Spieler hatte dann Platz, aber eben keine Anspielstation. Und so ergab sich regelmäßig das Bild, dass ein Spieler plötzlich mit Ball am Fuß über den halben Platz stürmte, während um ihn herum alles versuchte sich neu zu sortieren. Wie ein Ballett.

Fazit

Sehr starkes Spiel von Schalke, den starken Gegner voll beherrscht. Sehr schwache Vorstellung von Schalke aus so vielen Großchancen kein Tor zu machen.

Interessant war das Experiment mit der Doppel-6, getrieben durch die Kaderdezimierung. Meyer auf der 6 würde ich als klar geglückt betrachten. Stark, wie er den Ball aus der Tiefe verteilte und vorne, wenn sich alles im Strafraum stapelte zurück zog um das Spiel neu aufzuziehen. Gemeinsam mit McKennie passte da nur wenig zusammen. Wäre spannend das mal mit Bentaleb gemeinsam zu sehen. Ich glaube Goretzka wäre selbst zu offensiv, als dass die beiden eine gute Doppel-6 geben würden. Lasse mich aber gern des Gegenteils belehren.

Bleibt noch ein Blick auf das Trainerlehrgangsduell. Leider ist zu den Abschlussnoten der beiden wenig bekannt. Ich glaube aber, dass diese Paarung zu einem der Bundesliga Highlights wird in der Zukunft. Naja, zumindest so lange beide Trainer in der Bundesliga bleiben.


Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der Stadt, die mal die höchste Fördermenge in Europa hatte. Aufgewachsen in einer Familie von Püttologen studierte er an der FH Gelsenkirchen irgendwas mit Computern. Später zog es ihn in die Ferne zu den Wikingern, wo ihm erst bewusst wurde, wie viel Ruhrpott in ihm steckt. Nach hunderten von Herzklabastern, weil der elende Internetstream immer bei blau-weißen Torchancen abbrach, ist er als Doktor Labertasche wieder zurück in der Heimat (mit Dauerkarte in Block 5) und theoretisiert neben der Maloche den König Fußball. Weil aber seine Kumpels schnell davon genervt waren, verlagerte er das Ganze und gründete Halbfeldflanke zum Beginn der Saison 2013/2014.

10 Kommentare

Rjonathan · 25. September 2017 um 13:33

Danke für den interessanten Bericht! Eine Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen, der Teufel steckt im Detail: Ich denke Voigt wurde zu einem “freien Radikal” nicht zu einem “freien Radikalen”.

    Karsten · 26. September 2017 um 17:16

    Ich fand den schon ziemlich radikal…
    Quatsch. Vielen Dank. Korrigiert. 🙂

Idioteque · 25. September 2017 um 13:39

Wäre es nicht sonst mal eine Idee, Meyer auf der Doppelsechs hinter Goretzka als rechtem Halbstürmer spielen zu lassen? Könnte ich mit Meyers Stärke in engen Situationen und Goretzkas Gespür für Räume z.B. gut gegen hoch pressende Gegner vorstellen, zumindest wenn man das defensiv halbwegs stabil bekommt.

    Karsten · 26. September 2017 um 17:18

    Hmmm, schöne Idee. Goretzka müsste dann aber eher ein Halbraumstürmer sein. Auf dem Flügel wäre er verschenkt. Da braucht der Flügelspieler ja aber Unterstützung…

    Meyer & Goretzka als doppel-8 vor Bentaleb und mit zwei Stürmern. Das könnte interessant sein. Ein 3-5-2 sozusagen.

Chris · 25. September 2017 um 15:47

Vielen Dank. Ich habe verpennt, warum Goretzka nicht von Anfang an gespielt hat.
Nur ein paar Anmerkungen: Es muss Zuber gewesen sein, der weit am Flügel lange Bälle empfing, wenn unser Pressing gerade irgendwo anders stattgefunden hat. Danach wurde es oft schnell und gefährlich.
Es mag nur eine Kleinigkeit sein, aber eine Handvoll Angriffe von S04 stockten wegen (im Vergleich) schlechterer Ballbehandlung… auf dem Niveau kostet das wertvolle Sekunden und macht letztlich dann ein Team etwas ungefährlicher.
Es ist interessant, welche Entwickling Konnopke genommen hat. Seinen leicht autistischen Spielstil pflegt er immer noch, aber er scheint verstanden zu haben, dass er er gewisse Dinge tun und andere lassen soll. Vielleicht hat ihm jemand etwas erklärt.

    Karsten · 26. September 2017 um 17:20

    Ich glaube Goretzka hatte eine Erkältung kurz zuvor. Oder sowas.

    Das mit der Ballbehandlung ist mir auch aufgefallen. Habe mich gefragt ob das an der Intensität liegt und sich also verbessern wird, oder an irgendwas anderem…
    Wir werden sehen. 🙂

ES · 25. September 2017 um 21:39

Wieder mal eine sehr schöne Analyse mit den richtigen Schlaglichtern. ich habe auch ein bemerkenswert starkes Spiel gesehen, eigentlich von beiden Mannschaften, aber überraschender die starke Leistung der Blauen. Eine der wenigen Mannschaften der BL, die mitunter Ballbesitz wollen und können, mit 55% Ballbesitz zu dominieren, ohne dass diese Zahl ein Resultat ineffektiven Hin-und hergeschiebes zweier IV gewesen wäre, sondern das Ergebnis eines sauberen Vortrags bis ins letzte Drittel, ist eine bemerkenswerte Leistung. Ganz klar: Schalke hat einen großen Sprung in Richtung sauberes Ballbesitzspiel getan. Zwar ist das Pressing der SAPler selten so intensiv und aggressiv wie z.B. das von RB, aber deren Pressingfallen haben es in sich (siehe letztes Jahr Bentaleb, der sich erstklassig darin verfangen hatte). Sehr häuig konnte Schalke sich sauber daraus befreien. Ohne es gezählt zu haben glaube ich, dass Ralf Fährmann mehr konstruktive Bälle gespielt hat als sein dafür weitaus berühmterer Kollege Baumann auf der anderen Seite. Was darauf hindeutet, dass auch das Pressing (was Baumann zu manchem langen Ball zwang) sehr ordentlich war. Die vertikalen Abstände waren viel besser als in den ersten Spielen, hinter der vorne pressenden Dreierreihe kamen gleich unsere beiden 6er, sehr hoch aufgerückt (Außen Kehrer und Caligiuri dafür tiefer, Schalke wollte primär die Mitte zu haben, auch deshalb sind die Kraichgauer vorrangig über Außen gekommen).

Erstmals Meyer als 6er, und der Ball läuft hervorragend durch die Reihen? Das war kein Zufall. Ich habe mir Meyer immer schon als 6er vorstellen können, seine große Laufbereitschaft, seine Laufwege, seine Passpräzision, seine Stärke, überall Verbindungen zu schaffen, machen ihn für diese Aufgabe prädestiniert (einzig seine immer noch mangelnde Robustheit sind ein Problem).

Was fehlt, das sehe ich genau so, ist die Durchschlagskraft im letzten Drittel. Di Santo hat zwar ordentlich mitgepresst, aber keine einzige vernünftige offensive Szrene gehabt. Burgstaller fehlt die Präzision und Konstanz, Harit kann Vieles, macht viel Freude, kann aber offenbar auch keine Tore schießen, und Kono macht den Robben für Arme von der linken Seite. Das ist zu wenig. Ich hoffe inständig auf die baldige Fitness von Embolo. warum nicht mal von Anfang an statt di Santo? Dann kann er in der Halbzeit raus.

    Karsten · 26. September 2017 um 17:23

    Bei den Stärken Meyers auf der 6 bin ich voll bei Dir. Gleichzeitig ist er ja aber auch nicht zwingend Zweikampfstark, das sehe ich so tief schon etwas kritisch.

    Bei Embolo ist uns zuletzt aufgefallen, dass er Defensiv doch arge Lücken hat. Wir behalten das aber mal weiter im Auge. Und offensiv ist er ja ganz klar eine Bereicherung.

      Chris · 27. September 2017 um 10:01

      Ja. Und leider hat er ein kleines Problem mit der eigenen …. Hitzigkeit. Ich glaube, zwei Kurzeinsätze, zwei gelbe Karten, richtig? Die Gegenspieler werden das merken und ihn provozieren.

Kreative Mangelerscheinungen. SC Freiburg – FC Schalke 04, 0:1 | Halbfeld­flanke · 5. November 2017 um 11:48

[…] eigentlich nicht zu einem 8er passt und McKennie & Meyer beim letzten gemeinsamen Einsatz in Hoffenheim so gar nicht […]

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