Fünf Niederlagen in Folge, das gab es zuletzt unter Weinzierl. Danach ging es damals erstmal etwas aufwärts. Doch gegen Freiburg zeigte sich der FC Schalke 04 nicht klar genug verbessert, um eine solche Entwicklung anzudeuten. Schalke wollte es, es gab deutlich mehr gewonnene Luftzweikämpfe, ungefähr gleich viele erfolgreiche Tacklings, und viel Einsatz in der Offensive, doch es fehlt an Struktur. Die Umstellung auf die Viererkette gelang recht gut, der entscheidende Schritt war sie noch nicht.

Gar nicht so schlecht – Schalke gegen den Ball

In den vorangegangen Spielen in denen Tedesco eine Viererkette gewählt hatte, sah das immer nicht ganz so gut aus. Das Pressing vorne stimmte durchaus, doch Caliguri und Naldo hatten sehr große Probleme. Diesmal konnte man das recht gut in den Griff kriegen. Caliguri zeigte sich leicht verbessert und Sané konnte ihn mit seiner Wendigkeit viel besser absichern als der hüftsteife und langsame Naldo. Auch agierte man im Pressing relativ kompakt und mit viel Unterstützung auf außen.

Das Pressing war überhaupt gut, mit Sicherheit die beste Leistung in dieser Saison. Schalke agierte aus einem 4-4-2, das aber situativ zum 4-2-2-2, zum 4-2-3-1 und zum 4-3-3 wurde. Der Gegner wurde aus dem 4-4-2 von den vorderen Spitzen gepresst, die zugleich das Zentrum sicherten. Ging Freiburg dann nach außen, so presste teilweise einer der Stürmer bis ganz rüber, der eine Sechser rückte raus, der andere Stürmer nach und mit dem Flügelspieler entstand ein ziemlich kompaktes Viereck in Ballnähe. So übte man Druck aus und versperrte die Anspielstationen. Der andere Sechser und der andere Flügelspieler positionierten sich geschickt, um das Zentrum dichtzumachen aber auch gut auf den anderen Flügel herausrücken zu können.

Versuchte Freiburg sich vom Flügel über den Torwart oder allgemein zentral hinten zu befreien, so entstand häufig eine 4-2-3-1-Struktur. Spielte Freiburg von links ins Zentrum zurück, presste der linke Stürmer den tiefen ballführenden Gegenspieler nun von der Seite nach. Der andere Stürmer orientierte sich nun klar tiefer auf die Zehn und blockierte den nächsthöheren zentralen Akteur der Freiburger, beachtete aber auch den Raum um sich herum. So wurde der Gegner auf die andere Seite, hier also die rechte Schalker Abwehrseite, gezwungen.

Dort rückte der rechte Schalker Flügelstürmer zum Pressing raus, während die Sechser kompakt nachschieben konnten, da der linke Flügelspieler einrückte. Was wiederum durch das Leiten nach rechts ermöglicht wurde. So entstand dann eine kompakte 4-3-3 Formation die sofort Zugriff hatte, aus der aber auch die Verlagerung auf die andere Seite aufgefangen werden konnte. Dieses 4-3-3 war auch dann häufig zu sehen, wenn Schalke etwas tiefer presste.

Insgesamt hatte Schalke eigentlich immer guten Zugriff, Freiburg hatte gerade in der ersten Halbzeit auch fast keine gefährlichen Torchancen. Es gab allerdings individuelle Probleme auf den Außenverteidigerpositionen, sowohl beim vielgescholtenen Mendyl als auch bei Caliguri. Während ersterer zu weit einrückte und zu aggressiv rausrückte, war es bei Caliguri genau umgekehrt. Mendyl ermöglichte so den einzigen guten Angriff in der ersten Halbzeit. Caliguri verpasste allerdings ein paar gute Balleroberungen und hätte er beim Gegentor enger positioniert, so hätte Sané wohl aggressiver rausrücken können.

Auch bei einer Fünferkette wäre das Sané wohl dank der besseren zentralen Absicherung möglich gewesen. Man sollte den Fehler dennoch nicht zu eindeutig bei der Fünferkette. Di Matteos Umstellung auf die Viererkette in der Rückrunde 14/15 war meiner Einschätzung nach eine Katastrophe, Tedescos Umstellung ist zwar nicht der alleinige Heilsplan, aber durchaus sinnvoll.

Ein Haufen Stückwerk – Schalke mit dem Ball

Schalke hatte offensiv durchaus einige Ideen. Doch diese fanden über das Spiel hinweg nur selten zusammen, bzw. passten gar nicht unbedingt so gut zueinander.

Bentaleb und Serdar kippten viel ab und rückten auch immer wieder nach. Harit schwirrte ein bisschen im Zentrum und in den Halbräumen umher und versuchte zu unterstützen. Konoplyanka wurde viel auf der Seite angespielt und zog nach innen. Embolo versuchte auf rechts die Bälle festzumachen und dann ins Zentrum zu ziehen. Doch wie passte das alles zusammen?

Ich bin ehrlich gesagt nicht ganz sicher. Das Abseitstor zeigte, wie man es machen müsste. Nach einem schnellen Angriff sichert Embolo den Ball, spielt auf Serdar, der nun den Raum für eine gute Verlagerung auf Konoplyanka hat, Mendyls inverser Laufweg (Vorderlaufen) öffnet Raum, Konoplyanka dringt schnell ins Zentrum ein, guter Pass auf Serdar, gutes Einrücken von Embolo, Teuchert staubt ab.

Aufbau auf rechts, Verlagerung nach links, dann ins Zentrum und dann durch. Alle Elemente gut eingebunden, doch das klappte zu selten. Häufig blieb der Angriff auf rechts stecken, da Serdar zu sehr versuchte die momentane Situation nach vorne hin aufzulösen, als zu verlagern. Durch seine abkippende Rolle im Aufbauspiel war Bentaleb häufig zu tief um Verlagerungen einzubauen.

Auf links hinterlief Mendyl sehr häufig, seine Flanken waren allerdings schlecht, man hatte davor die Freiburger nicht wirklich in Unordnung gebracht, und Schalke stand nicht passend für anschließendes Gegenpressing. So wurde Mendyls Offensivdrang zu selten genutzt.

Darum wählte Konoplyanka häufig das Dribbling ins Zentrum. Den Ball konnte man ihm dank seiner Technik dabei kaum abnehmen und er versuchte auch immer wieder den Ball entweder auf rechts durchzustecken oder einen nachrückenden Spieler einzusetzen. Es gab jedoch schlicht und einfach zu wenig Optionen. Harit rückte viel zu häufig einfach auf und da Bentaleb tief abkippte unterstützte als Sechser meist nur Serdar, der stand allerdings auf rechts.

Konoplyanka war somit mit guter individueller Leistung die ärmste Sau auf dem Platz. Wenn Mendyl vorderlief, so bespielte er das gut, zentral neben sich hatte er aufgrund des zu tiefen Bentalebs und des zu hohen Harits meist keinen anspielbaren Mitspieler. Teilweise wurde Konplyanka aus dem Spielaufbau zu hoch angespielt, schaffte es aber häufig durch geschickte Dribblings, doch noch den Ball zu behaupten. Stark kritisiert wurde eine Szene von ihm in der 60. als er von Mendyl mitgenommen wurde, dann aber den Ball auf außen verbdribbelte.  Doch diese Szene war eher symptomatisch für die kollektiven Probleme in der Schalker Offensive.

Harit, Embolo und Uth rückten in den gut sortierten Freiburger Abwehrblock auf. Allerdings ohne durch seitliche Laufwege Lücken zu reißen oder überhaupt viel Dynamik einzubringen. Auch Mendyl ordnete sich zunächst einfach nur in die Reihe der Unanspielbaren ein. Einzige Option Konoplyankas war ein langsam aufrückender Sechser, doch das hätte nur einen Neuanfang aus der Tiefe bedeutet. Das wäre vermutlich die beste Option gewesen, doch eine die der offensiv denkende Konoplyanka im Kontext des Rückstands nicht nutzen wollte. Bentaleb ist ein ähnlicher Fall, der dann aus unsinnigen Staffelungen Bälle hinter die Linie spielt oder aus viel zu großer Entfernung schießt.

Auch Harit zeigte in vielen Situationen eine sehr gute Partie, einige Dribblings und kurze Kombinationen am und im Zwischenlinienraum waren großartig. Doch Harit hat nicht die Konstanz im kreativen Passspiel um als kreativer Zehner das Durchbrechen der letzten Linie zu garantieren, noch die Torgefahr und das Geschick bei Laufwegen an und hinter die letzte Linie um als angreifender Zehner zu agieren. Somit war er in seitlichen Situationen und vor dem Sechzehner sehr gut, konnte diese Ansätze aber nicht durchbringen. Als Zehner in dieser Konstellation ist er vermutlich nicht der richtige (für eine Rolle wie von Dembélé unter Tuchel wäre er vielleicht besser geeignet).

Embolo hätte dem Spiel viel Wucht geben können, doch da auf rechts der kreative Akteur fehlte, da Harit sich meist nach links oder in die Tiefe oder wiederum zu hoch orientierte, und Caliguri im Spielaufbau durch die Rollenverteilung zwischen Serdar und Bentaleb im tiefen Spielaufbau eingebunden war, verpuffte er ziemlich. Meist machte er im zweiten Drittel ein paar gute Sachen und drang dann dynamisch an den Strafraum, an dem allerdings nichts passierte. Wenn dann Schalke auf der anderen Seite durchbrach stand er dann im Freiburger Abwehrblock herum.

Über viele verschiedene Probleme haben wir bereits gesprochen, sie bezogen sich allerdings vor allem auf das Spiel im und ins letzte Drittel und nur indirekt auf den Spielaufbau. Auch der war jedoch nicht perfekt. Durch abkippende Bewegung und die individuellen Stärken der einzelnen Akteure gelang es hier immer Angriffe zu erzeugen, doch auch da fehlte die das ganze Spiel umfassende Struktur.

Durch Abkippen auf beiden Seiten gleichzeitig oder unkoordiniertes Abkippen in Kombination mit dem Positionierungsverhalten der vorderen Spieler entstanden Situationen, in denen die Innenverteidiger keine ungefährdeten Passoptionen hatten. Solche Situationen wurden dann individuell gelöst oder führten zu langen Bällen.

Auch in der ersten Halbzeit gab es diese Probleme. Es gab durchaus einiges an Offensivpräsenz, die resultierte aber vor allem aus Willen und Einsatz der Mannschaft. Ein sehr guter Angriff führte zum Abseitstor, dazu kam ein guter Freistoß von Caliguri, Mendyls schoss aus schwieriger Position sehr gut ab (davor übrigens wieder der inverse Laufweg und die Verlagerung von rechts nach links, diesmal über zwei Stationen). Gute Chancen waren Mangelware, isolierte Offensivszenen wiederum nicht.

In der zweiten Halbzeit wurde das Schalker Spiel dann noch unruhiger. Die besprochene Konoplyanka-Szene war symptomatisch. Die Mannschaft forcierte zu stark den Abschluss, sie wollte es zu sehr. Es fehlt das Vertrauen auf den eigenen Spielaufbau, aber gleichzeitig fehlt eine stabile Konzeption im Spielaufbau. Dass die Angriffe dann aber immer hektischer ausgespielt wurden und die Spieler sich immer stärker auf ihre individuelle Klasse fokussierten (auf die Tedescos Plan sowieso stark angewiesen war) machte aber alles noch schlimmer und isolierter. Hier schaukelten sich vermutlich psychologische und taktische Effekte immer weiter gegenseitig hoch.

Freiburg – ein undankbarer Gegner

Ich habe den Fokus dieser Analyse sehr stark auf Schalke gelegt, doch es gibt natürlich auch immer noch einen Gegner. Freiburg zeigte mit Sicherheit die schwächste Leistung gegen die Schalke bis jetzt anzuspielen hatte, war aber in vielerlei Hinsicht ein undankbarer Gegner. Kaum eine andere Mannschaft der Liga presst so intensiv und aggressiv und damit nahmen sie Schalke natürlich viel Ruhe, auch weiter vorne wurden die Sechser gut attackiert.

Das simple und risikoarme Aufbauspiel konnte zwar vom Schalker Pressing kontrolliert werden, doch der vielfach gewählte lange Ball bot auch kaum Ansätze für gefährliche Konter. Ein besseres und komplexeres Aufbauspiel wäre von Schalkes Pressing wohl ähnlich gut kontrolliert worden und hätte dabei vermutlich zu mehr gefährlichen Schalker Balleroberungen geführt.

In der zweiten Halbzeit setzte Freiburg dann sehr konsequent auf simple Flügelangriffe, bei denen im Prinzip den einen Flügel runtergespielt wurde um Flanken auf die andere Seite zu spielen, die dann schnell überladen wurde. Dieser taktische Plan brachte einiges an Wucht, die eine Abwehrreihe nicht dauerhaft kontrollieren kann. Mit ihrer hohen Intensität in allen Bereichen waren die Freiburger prädestiniert für eine solche Spielweise.

Da Schalke keine offensive Kontrolle ins Spiel bringen konnte, und generell unter Tedesco nicht so gut kann, konnten sie diese Angriffe auch nicht verhindern. Selbst gutes Pressing kann diese Strategie, wenn sie mit gutem Gegenpressing kombiniert wird, nicht völlig unterbinden – die einzige Verteidigung dagegen besteht in Spielkontrolle.

Gegen Ende der Partie stellte Streich dann auf ein 5-3-2 um, versperrte das Zentrum, verstärkte die letzte Linie. Da kein schnelles Durchkommen möglich war wurden die Schalker ironischerweise noch hektischer.

Fazit

Einiges hier liest sich vermutlich wie ein Verriss, doch eigentlich ist diese Analyse insgesamt nicht so gedacht. Das Defensivspiel ist jetzt wieder ungefähr auf dem Niveau der Vorsaison. Offensiv gab es verschiedene Ansätze, die allerdings nicht perfekt miteinander verbunden war. Immerhin gab es mehr Risiko und Bewegung im Offensivspiel.

Vielleicht kann Rudy der Mannschaft mehr Kontrolle im Offensivspiel geben, seine tiefe Spielweise könnte Bentaleb ein etwas höheres Abkippen auf links ermöglichen, die in der Gladbach-Analyse angesprochene Stärke des Duos könnte vor einer Viererkette noch mehr zum Tragen kommen, das Risiko dass sie die Passwege der Dreierkette blockieren ist weg. Bentaleb könnte auch schneller und befreiter Aufrücken und im Achterraum mehr Übersicht einbringen, die dazu beitragen könnte, die verschiedenen Ansätze zu verbinden. Vielleicht das fehlende Puzzleteil?


Jakob

Anders als die meisten kam Jakob über die Liebe zur Taktik zum Fußball und nicht umgekehrt. Schalke-Fan wurde er dann erst mit 18. Wieso genau Jakob als Taktik-Begeisterter ausgerechnet Fan des FC Schalke 04 wurde, das kann er auch nicht erklären. Vermutlich waren es die Leidenschaft der Schalker-Fankurve und das 5:2 gegen Inter Mailand. Inzwischen schreibt er manchmal auch für die WAZ über Fußball.

3 Kommentare

Andreas · 26. September 2018 um 21:27

Schalke. Hoffentlich gelingt ein Sieg am Samstag. In der letzten Saison spielten wir etwas über unseren Möglichkeiten und hatten mehrfach Glückauf. Nun spielen wir unter unseren Möglichkeiten und haben Pech. Das reicht für den Tabellenplatz. Ich werde nervös! Glückauf

Ingo · 27. September 2018 um 13:23

Danke für deine ausführliche Analyse. Verbessert, aber noch kein Durchbruch in Sicht. Mir geht’s nach dem Lesen nicht unbedingt besser. Hoffe sehr, Tedesco bekommt das in den Griff. Mir graut es vor Samstag

Sarah · 2. Oktober 2018 um 14:08

Sehr interessanter Artikel über unsere Knappen…!
Passend zu meiner derzeitigen Stimmung hab‘ ich mir gerade einen neuen Herbsthoodie für die Kurve bestellt, haha! 🙂
Gibt’s hier: https://www.teezily.com/fck-bevaube

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